Klare Fakten - aber wie denkt das Hirn darüber?

Der Aufsatz ist ein Klassiker der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel: Im Jahr 2010 fasste die New Yorker Psychologin Elke U. Weber in einem vielzitierten Aufsatz zusammen, was die menschliche Wahrnehmung des Klimawandels beeinflusst. Nun, fünf Jahre später, hat sie im renommierten Fachmagaziin WIREs Climate Change eine Fortschreibung vorgelegt.

"Klimawandel ist ein abstraktes statistisches Phänomen und deshalb nur schwer auf der Basis persönlicher Erfahrung zu bemerken und akkurat einzuschätzen" - dies ist Webers Ausgangsdiagnose. Weil der Klimawandel nicht im Vordergrund des allgemeinen Interesses stehe und es an Vertrauen in die Wissenschaft fehle, werde die Wahrnehmung des Phänomens stark von politischen Werten und ideologischen Überzeugungen geprägt. Wie und wodurch genau? Auf sieben Seiten gibt Weber einen konzisen Überblick zum aktuellen Forschungsstand hierzu.

Abgehandelt sind zum einen die Einflussfaktoren, die schon in der 2010er Studie identifiziert wurden (zu ihnen trägt Weber neuere Forschungsergebnisse nach). Beispielsweise sei nicht nur die Abstraktheit des Klimawandels ein Problem, sondern auch, dass er sich im Allgemeinen als weit entfernt anfühlt – er wird wahrgenommen als etwas, das Menschen auf anderen Kontinenten, in der Zukunft oder in anderen sozialen Schichten betreffe. Persönliche Erfahrungen haben der Forschung zufolge einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung des Klimawandels: Wenn Personen beispielsweise mit Extremwetterereignissen konfrontiert sind, sinkt die Zahl derer, die an der Realität des Klimawandels zweifeln. Dass es für die Wissenschaft oft schwierig ist, einzelne Ereignisse sicher auf den Klimawandel zurückzuführen, spielt dabei ironischerweise keine Rolle.

Differenzen innerhalb der Staaten sind größer als zwischen den Staaten

Wichtige Einflussgrößen für das Bild vom Klimawandel sind zudem Alter und Geschlecht: Männer zweifeln häufiger als Frauen an der Realität des Klimawandels, Ältere häufiger als Jüngere. Die ideologische Polarisierung (zwischen Konservativen und Linken) in dieser Frage, hat seit Erscheinen des ersten Aufsatzes zugenommen, so Weber. Und auch zwischen verschiedenen Staaten bzw. Gesellschaften gibt es größere Unterschiede bei den Auffassungen vom Klimawandel – doch diese sind geringer als die Unterschiede innerhalb der einzelnen Staten bzw. Gesellschaften.

Neben diesen bereits im ersten Aufsatz von 2010 beschriebenen Faktoren nennt Weber nun noch weitere. Schon kleine Dinge können der neueren Forschung zufolge die Ansichten zum Klimawandel deutlich beeinflussen. Eine gewissen Wirkung hat demnach bereits die Wortwahl: Der Begriff „Erderwärmung“ führt bei Teilen der Öffentlichkeit dazu, dass sie das Problem weniger ernst nehmen. Auch momentane und lokale Temperaturen verändern die Wahrnehmung. Als beispielsweise für ein sozialwissenschaftliches Experiment die Temperatur im Befragungsraum erhöht wurde, hielten mehr Teilnehmer den Klimawandel für real. Eine andere Untersuchung ergab: Studienteilnehmer, die den Tag der Befragung als ungewöhnlich warm einschätzten, akzeptierten eher die Realität des Klimawandels, hielten ihn für ein größeres Problem und waren zu größeren Geldspenden an Umweltverbände bereit.

Begriffe wie "sehr wahrscheinlich" werden falsch verstanden

Besondere Probleme macht der breiten Öffentlichkeit offenbar die Einschätzung von und der Umgang mit Unsicherheiten, wie sie in der Klimaforschung alltäglich sind. Die Entscheidung des IPCC, in seinen Reports die Verlässlichkeit wissenschaftlicher Befunde üblicherweise verbal auszudrücken ("wahrscheinlich", "sehr wahrscheinlich" usw.), war Studien zufolge keine gute Wahl. Testpersonen verstanden sie nämlich falsch – sie hielten Befunde für unsicherer, als sie eigentlich waren. Am besten verstanden wird, so zeigte sich, eine Kombination aus verbalen und nummerischen Angaben, nach dem Muster: "... wahrscheinlich (d.h. zu 66-100 % sicher) ...". Dasselbe gilt für den Konsens in der Klimaforschung: Wenn lediglich verbal von "überwältigendem" Konsens die Rede war, dann beeindruckte das die Testpersonen weniger stark, als wenn die Einigkeit in Zahlen ausgedrückt wurde ("97 Prozent" oder "97 von hundert").

Webers Fazit lautet: "Neue Forschungsergebnisse seit 2010 bestätigen und verstärken frühere Befunde, dass das Bild vom Klimawandel durch ein breites Spektrum struktureller, psychologischer, sozialer und kultureller Faktoren und Prozesse, die verschiedenen Zielen folgen, beeinflusst und geprägt werden." Dass die eigenen Ansichten die Erkenntnisse der Forschung korrekt widerspiegeln, sei "nur eines von vielen Zielen", das die menschliche Psyche dabei verfolgt - noch dazu eines, "das häufig überschattet wird von Weltanschauung oder Wunschdenken im Angesicht eines gewaltigen Problems ohne offensichtliche Lösung."

tst