Nicht ich. Nicht jetzt. Nicht so. Zu spät: Mit welchen Argumentationsmustern Klimaschutz gebremst wird

Die bisher weltweit angekündigten Klimaschutzmaßnahmen reichen bei weitem nicht aus, die Temperaturziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen – allenfalls auf rund drei Grad Celsius (statt der beschlossenen zwei oder gar 1,5 Grad) lässt sich die Erderhitzung damit begrenzen. Doch ehrgeizigere Klimaschutz-Maßnahmen werden in öffentlichen Diskussionen häufig abqualifiziert. Mit welchen rhetorischen Figuren dies geschieht, hat ein Team um den Umweltökonomen William Lamb vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) untersucht. Ihre Studie ist im Juli in der Zeitschrift Global Sustainability erschienen.

"Traditionelle Formen der Klimaverweigerung werden zunehmend durch weichere Formen der ‚Klimaverzögerung‘ ergänzt", sagt Hauptautor Lamb. Die jetzt veröffentlichte Diskursanalyse solle "es Wissenschaftlern, Klimaanwälten und politischen Entscheidungsträgern ermöglichen, typische Argumentationsmuster für Klimaverzögerungen zu erkennen, wenn sie in Diskussionen verwendet werden - und ihnen entgegenzuwirken".

Vier Gruppen von Argumentationsmustern

Die Untersuchung analysiert und typologisiert insgesamt zwölf Diskurse, mit denen in Debatten zur Klimakrise die Position vertreten werden kann, unmittelbares Handeln sei unnötig oder unmöglich. Das Forschungsteam identifiziert dabei vier Grundrichtungen von Diskursen:

  • Umlenkung von Verantwortung - hier wird argumentiert, jemand anders solle doch zuerst Klimaschutzmaßnahmen ergreifen;
  • Propagieren nicht-transformativer Maßnahmen - man behauptet, der Klimawandel sei auch ohne grundlegende, tiefgreifende Veränderungen abwendbar;
  • Betonung negativer Nebenfolgen von Klimapolitik - Klimaschutz sei sozial ungerecht oder bedrohe den Wohlstand, wird hier beispielsweise argumentiert;
  • Kapitulation - man behauptet, für Klimaschutz sei es bereits zu spät oder dieser gar nicht möglich.

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In diesem Schaubild haben die Forscher:innen die analysierten "Verzögerungsdiskurse" gesammelt und in Großgruppen strukturiert (für größere Ansicht bitte anklicken); Grafik: Lamb et al. 2020

In vielen Varianten, so das Autorenteam, fänden sich derartige Argumentationslinien in den öffentlichen Debatten – und das Ziel sei jeweils dasselbe: Verzögerung. Zwar werde der Klimawandel als grundsätzliches Problem anerkannt, doch würden Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten heruntergespielt. Gleichzeitig würden unzureichende Klimaschutzmaßnahmen gerechtfertigt, indem auf (angeblich oder tatsächlich) negative soziale oder wirtschaftliche Folgen einer ambitionierteren Klimapolitik verwiesen wird. Im Ergebnis entsteht in der Öffentlichkeit der Eindruck, unlösbare Hindernisse würden ein unverzügliches, klimapolitisches Eingreifen verhindern. Dieses Vorgehen beobachteten die Wissenschaftler oftmals in Verbindung mit Angriffen auf Wissenschaftler oder die Wissenschaft an sich.

Appelle ans individuelle Handeln können von Stukturwandel ablenken

Eine Variante der Verzögerungsstrategie sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch in dem Versuch, individuelle Verantwortlichkeiten für den Klimawandel zu betonen – um dadurch von notwendigen strukturellen oder systemischen Veränderungen abzulenken. So werde beispielsweise häufig der individuelle Umstieg auf emissionsarme Fahrzeuge gefordert – statt darauf hinzuwirken, die Subventionen für fossile Treibstoffe zu streichen und so falsche Anreize zurückzunehmen, die gegenwärtig allzuoft das klimaschädliche Handeln für Einzelne attraktiv machen.

Allerdings gibt es kaum Forschung dazu, wie auf die verschiedenen "Discourses of climate delay" ("Diskurse der Klimaverzögerung") erfolgversprechend reagiert werden kann. "Das Schwierige ist, dass all diese Aussagen immer ein Körnchen Wahrheit enthalten", sagt Hauptautor William Lamb. Dagmar Petermann, Physikerin sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, ist für die Gruppe PsychologistsForFuture aktiv – und sie bestätigt die Analyse. Mit einem wahren Kern sei es möglich, so Petermann, kognitive Dissonanzen aufzulösen, ohne sich selbst als Bremser wahrzunehmen und sein Selbstbild zu gefährden. Stattdessen könne man sich sogar gegenüber Diskussionspartnern aufwerten - nach dem Motto: "Ich gehöre nicht zu den Klimaleugnern, ich sehe nur realistisch die Probleme des Wandels."

"Die schweren Folgen des Nicht-Handelns werden ausgeblendet"

Die vier Argumentationsgrundlinien des Verzögerns funktionieren unterschiedlich. "Aber fast alle haben eines gemeinsam", sagt Philipp Schrögel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Experte für Wissenschaftskommunikation: "Sie setzen an den zentralen Schwachpunkten aller Policy-Entscheidungen an: Unsicherheiten – sowohl über die Bewertung der Ausgangslage als auch über die Bewertung der zu erwartenden Folgen und möglichen Nebenfolgen von Entscheidungen." Zudem würden "die zu erwartenden Effektstärken" ausgeblendet – also dass die negativen Folgen einer ungebremsten Klimaerhitzung mit hoher Sicherheit viel schwerer wiegen würden als eventuelle Nebenfolgen einer ambitionierten Klimapolitik. "Ganz zentral" sei, so Schrögel, dass keines der Argumente auf die Konsequenzen des Nicht-Handelns eingeht.

Psychologin Petermann lenkt den Blick darauf, welche Funktion beziehungsweise welchen Nutzen Verzögerungsdiskurse für die jeweiligen Personen haben: Beispielsweise könnten sie psychische Entlastung bringen, wenn man sich in einem Konflikt erlebt zwischen notwendigen Änderungen und eigenen Möglichkeiten oder Interessen – Verzögerungsargumente könnten dann von Schuldgefühlen ablenken. Eine denkbare Motivation sei auch, dass jemand psychisch mit der Bedrohung des Klimawandels oder durch soziale Veränderungen überfordert ist. Will man eine solche Person durch Gegenargumente überzeugen, so Petermann, dann solle man nach welchen suchen, die "ebensogut, vielleicht sogar besser" diese Entlastungsfunktion erfüllen. "Dadurch werden sie anknüpfungsfähiger und lösen weniger Abwehr aus."

"Ein Boot leckt - und wir diskutiern über den optimalen Stopfen"

Ellen Matthies, Professorin für Umweltpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, setzt auf Transparenz: "Verzögerungen bei einer drängenden Transformation sollten vor allem als Verzögerungen kenntlich gemacht werden." Dabei könne etwa durch ein Entscheidungsgremium abgewogen werden, ob die Krisenbewältigung durch die Verzögerung wirklich besser werde oder ob sich nicht durch die Verzögerung zusätzlich Probleme ergeben.

Matthies hat dazu ein Bild zur Hand: "Ein Boot leckt, und wir diskutieren über den optimalen Stopfen - statt den Lappen zu nehmen, den wir zur Hand haben – weshalb wir hinterher das zwischenzeitlich weiter eingedrungene Wasser zusätzlich herausschöpfen müssen." Außerdem, so Matthies, "wäre es immer gut zu reflektieren, welche Interessen hinter Verzögerungen stehen", denn möglicherweise könnten diese bewusst herbeigeführt werden, wie sich bereits in Debatten um die Regulierung von Zigaretten oder Zucker gezeigt habe. Was aber lässt sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Verzögerungsdiskursen tun? Für Studienautor Lamb ist klar: "Wir müssen die heute überall in der Medienlandschaft zu findenden Klimaverzögerungsargumente identifizieren und in Frage stellen."

Bei Wertedebatten hilft es wenig, auf "die Wissenschaft" zu verweisen

Um die Öffentlichkeit unempfänglich zu machen für Verzögerungsdiskurse, solle man auf den bestehenden wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel hinweisen - und dies möglichst präventiv, sagt Julia Metag, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Noch wirksamer werde dies, wenn es Personen tun, die einem selbst nahestehen und ähnliche Überzeugungen haben. Letztlich gehe es aber In Debatten um Klimapolitik  auch immer um Abwägungen und Bewertungen, betont Kommunikationsexperte Philipp Schrögel. Und es sei völlig legitim, Bewertungen anders zu treffen als ein Gegenüber. Deshalb müsse auch immer betont werden, dass Maßnahmen keine wissenschaftlich unumstößlichen, alternativlosen Ergebnisse seien, sondern politische Entscheidungen. Diese seien das Ergebnis einer Abwägung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Werten und Interessen. Schrögel betont: "Entsprechend hilft es auch nicht, auf ‚die Wissenschaft‘ als Letztbegründung zu verweisen."

Entsprechend hält es Schrögel wichtig, in der Kommunikation von Maßnahmen auch die Alternativen und die möglichen Gegenargumente schon im Voraus einzuordnen – und zu begründen, warum im Gesamtbild die vorliegende Empfehlung getroffen wurde. Auch müsse kommuniziert werden, wie sich ein Nicht-Handeln auswirkt – "und zwar möglichst konkret und nicht zu übergreifend, alarmistisch und moralisierend".

Christiane Schulzki-Haddouti

Transparenzhinweis: Das Forschungsinstitut MCC wird von der Stiftung Mercator gefördert,
die auch Förderin von klimafakten.de ist

 

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