Klimawandel & YouTube: "Es gibt sehr viel mehr unseriöse Videos als seriöse"

Es ist wohl keine Übertreibung, wenn man den Mai 2019 als Einschnitt bezeichnet für die politische Kommunikation in Deutschland. Damals, ein paar Tage vor der Europawahl, veröffentlichte ein YouTuber mit dem Künstlernamen "Rezo" ein Video mit dem Titel "Die Zerstörung der CDU". Rezo, der ansonsten laut Eigenbeschreibung "Party mit euch auf YouTube" macht, zerpflückte darin knapp eine Stunde lang die Politik der Unionsparteien und der Großen Koalition – und beschäftigte sich dabei auch sehr ausführlich mit der Klimakrise (Minute 5:30 bis ca. 26:30). Beigefügt war dem Beitrag eine ausführliche Quellenliste.

Mit schnellen Schnitten und polemischen Worten setzte sich der YouTuber "Rezo" im Mai 2019 mit der Politik von Union und Großer Koalition auseinander - mit überraschend breitem Echo; Foto: Screenshot Rezo ya lol ey

Das Video verbreitete sich in rasender Geschwindigkeit, schnell erreichte es mehrere Millionen Klicks (bis heute sind es mehr als 15 Millionen). Durch die anschließende kontroverse Diskussion, nicht nur innerhalb des YouTube-Universums, sondern auch auf Twitter, diversen Online-Portalen sowie den traditionellen, journalistischen Massenmedien, sahen sich bald prominente Politiker und Regierungsvertreter zur Stellungnahme gezwungen. Was die Aufmerksamkeit nur noch verstärkte. Wohl nie zuvor beeinflusste ein YouTube-Video so stark die politische Debatte in Deutschland. Man kann davon ausgehen, dass sich ein Großteil der Zuschauerinnen und Zuschauer zuvor wenig mit Klimapolitik auseinandergesetzt hatte.

YouTube hat längst einen festen Platz im Alltag (nicht nur) von Jugendlichen

Im Laufe der vergangenen Jahre ist die YouTube zu einem der populärsten Orte des Internets geworden. Im weltweiten Ranking der größten Web-Netzwerke belegte die US-amerikanische Videoplattform laut Statista nach Facebook im Januar 2019 mit 1,9 Milliarden monatlich aktiven Nutzern den zweiten Platz. Insbesondere bei jungem Publikum ist YouTube aus dem täglichen Gebrauch nicht mehr wegzudenken. Eine repräsentative Umfrage unter 818 deutschsprachigen Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren im Auftrag des Rats für Kulturelle Bildung ergab, dass die  Plattform inzwischen ein fester, ganz selbstverständlicher Bestandteil des Alltags fast aller Jugendlichen ist – die kommerzielle Plattform hat sich sozusagen als Leitmedium etabliert.

Die meisten Inhalte auf YouTube – da unterscheidet es sich nicht von konventionellen Fernsehsendern – dienen vorwiegend der Unterhaltung. Bei vielen Menschen jedoch tragen sie auch stark zur Meinungsbildung bei. Denn die Art und Weise, wie und woher Menschen ihre Informationen beziehen, hat sich durch die sozialen Medien massiv verändert. Personen wie Rezo, dessen YouTube-Kanal mehr als eine Million Nutzer abonniert haben, wird erheblicher Einfluss zugeschrieben. Aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in den sogenannten Sozialen Netzwerken kommen sie als Werbeträger und zur Vermarktung von Produkten in Frage und werden gemeinhin als "Influencer" bezeichnet (von englisch "to influence" – "beeinflussen").

Anfang dieser Woche hat auch die populäre Wissenschafts-YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim, deren Kanal vom öffentlich-rechtlichen Angebot "funk" produziert wird, ein Video zum Klimawandel veröffentlicht; Foto: Screenshot maiLab

Nun ist YouTube zwar nicht als Bildungsmedium konzipiert – aber natürlich grundsätzlich offen für Informations- und Lernangebote offen. Es ermöglicht auch Wissenschaftlern und Aktivisten den Aufbau von Communities und den Dialog mit ganz neuen und diversen Zielgruppen. Wieviel stärker verbreitet könnte also das Wissen über die Klimakrise sein, wenn Influencer hin und wieder das Problem auf ihren Kanälen thematisieren würden?

Humoristisch greift Mai Thi Nguyen-Kim, die als YouTuberin zu diversen Wissenschaftsthemen populär geworden ist, diese Fragestellung in ihrem aktuellen Video "Klimawandel: Das ist jetzt zu tun!" auf. Sie habe die Lösung für die Klimakrise – aber leider interessiere sich kein Politiker für YouTube, es sei denn Rezo sei involviert, spricht sie mit traurigem Gesicht in die Kamera. Es folgt ein Anruf bei Rezo, der kurz um Aufmerksamkeit bittet für die folgenden 20 Minuten, in denen Nguyen-Kim im Austausch mit Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, eloquent das Konzept der CO2-Bepreisung erläutert.

Spezielle Klima-YouTuber gibt es bisher kaum im deutschsprachigen Raum

Wie man auf Youtube Aufklärung betreiben kann, zeigt auch Harald Lesch. Für den Kanal "Terra X Lesch & Co", der vom ZDF in Zusammenarbeit mit der Webvideo-Agentur objektiv media produziert wird, arbeitete der Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator Lesch mit dem Potsdamer Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf zusammen. Dabei unterzogen Lesch und Rahmstorf (der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von klimafakten.de ist) ein sogenanntes "Klimaquiz" einem Faktencheck, das die AfD bei einer #FridaysForFuture-Demo an Schüler verteilt hatte. Mehr als eine Millionen Zuschauer erzielte Leschs Video bereits.

Der Faktencheck eines "Klimaquiz'" der AfD erreichte auf YouTube bereits mehr als eine Million Klicks; Foto: Screenshot Terra X Lesch & Co.

Doch abgesehen von diesen prominenten Beispielen gibt es im deutschsprachigen Raum bislang nur relativ wenige YouTube-Videos, die sich explizit mit dem Klimawandel beschäftigen - und auch nur sehr wenige Influencer, die den weiteren Themenkreis regelmäßig bearbeiten. Einer von ihnen ist der YouTuber Joul. "Ich hatte den Eindruck, dass es zu dem Thema nicht viel gibt - war aber überzeugt, dass sowas viele interessieren kann, wenn man es gut macht", sagt der 30-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Klaus Russell-Wells heißt und kürzlich für klimafakten.de ein Video-Faktencheck zum Geoengineering produziert hat. Von Klickzahlen wie etwa Rezo ist Russell-Wells (28.000 Abonnenten) zwar weit entfernt, aber mit seinem Video "Fünf Energiespeicher für die Zukunft der Energiewende" zum Beispiel erreichte er bislang fast eine halbe Million Zuschauer, einen Erklärclip zur CO2-Steuer sahen immerhin bereits mehr als 22.000 Nutzerinnen und Nutzer.

"Es gibt ein großes Ungleichgewicht - zugunsten unseriöser Videos"

Joul ist Ingenieur für Energie- und Umwelttechnik, also vom Fach, und hat gelernt, wissenschaftlich sauber zu arbeiten. Das kann man längst nicht von allen YouTubern behaupten. "Ich würde sagen, dass es viel mehr unseriöse Videos gibt, die nicht auf wissenschaftlichen Fakten basieren als seriöse. Da gibt es ein unheimlich großes Ungleichgewicht", sagt Russell-Wells.

"Globale Content-Demokratie“ nennt YouTube das Prinzip, bei dem jeder publizieren kann, was er möchte. Also auch Klimawandelleugner, Menschen, die versuchen, mit kruden Verschwörungstheorien Klicks und damit Werbeeinnahmen zu erzielen oder solche, die eine extremistische politische Agenda verfolgen. Ein Beispiel ist der Kanal des 19‐jährigen Vloggers (ein Kunstwort, das Video und Bloggen verbindet) Niklas Lotz alias "Neverforgetniki", dessen Kanal mehr als 72.000 Abonnenten aufweist. In seinen Videos behauptet er zum Beispiel, dass mit einer CO2-Steuer "die Kosten der Masseneinwanderung gestemmt" werden sollten oder die #FridaysForFuture-Gründerin Greta Thunberg mit "Linksextremisten" paktiere. Zeitweise war der Kanal von YouTube gelöscht, ist aber inzwischen wieder online. Auch das Klimawandelleugner-Netzwerk EIKE betreibt einen eigenen Kanal, der allerdings nicht regelmäßig bespielt wird und vergleichsweise wenig Zugriffe hat.

Doch auch die CSU versuchte sich kürzlich darin, das Thema Klimawandel auf YouTube zu bearbeiten. In der ersten Episode ihres neuen Formats "CSYOU", das offenbar als Gegenstück zu Rezos "Zerstörung der CDU" gedacht war, thematisierte sie zum Beispiel Thunbergs Segelreise in die USA. Bereits nach wenigen Sekunden nennt Moderator Armin Petschner, der die digitale Kommunikation der CSU-Landesgruppe verantwortet, die Klimaaktivistin "Greta Abramowitsch" - was wohl als scherzhafter Verweis gemeint ist auf den israelisch-russischen Milliardär Roman Abramowitsch, der eine Reihe von Yachten besitzt. Doch bedient die CSU mit dieser Bemerkung ausgerechnet die antisemitische Verschwörungstheorie einer jüdischen Weltverschwörung. Auch weitere Aussagen in dem gut fünfminütigen Clip sind zweifelhaft, wie der ZEIT-Online-Ableger ze.tt in einem Faktencheck bemängelte.

Gleich in der ersten Folge ihres neuen YouTube-Formats "CSYOU" befasste sich die CSU-Landesgruppe im Bundestag mit dem Klimawandel; Foto: Screenshot CSYOU

Was Interessierte eigentlich finden, wenn sie auf YouTube nach Begriffen wie Klimawandel und Klimaschutz suchen, ist bislang nicht im Detail erforscht. Joachim Allgaier, der sich am Lehrstuhl für Gesellschaft und Technik der RWTH Aachen unter anderem mit digitalen Medien und Wissenschaftskommunikation beschäftigt, näherte sich der Fragestellung 2015 in einem explorativen Forschungsprojekt. Dazu analysierte er insgesamt 200 Videos dahingehend, ob sie dem wissenschaftlichen Konsens zum menschengemachten Klimawandel entsprechen, ob sie den Klimawandel leugnen, ob es sich um ein Debattenformat handelt, oder um eine Verschwörungstheorie. Dem Durchschnittuser wurden demnach in der Mehrheit Videos angezeigt, die den wissenschaftlichen Konsens widerspiegeln. 16 der untersuchten Videos leugneten den anthropogenen Klimawandel, und 91 Videos in der Stichprobe propagierten Verschwörungstheorien über Geoengineering und Klimawandel.

"Die Klimaleugner wissen, wie man die Menschen erreicht"

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Suchbegriffe "chemtrails", "climate modification" und "geoengineering", etwas weniger auch der Begriff "climate engineering" besonders oft zu Videos mit Verschwörungstheorien führen. Diese Videos hätten teilweise sehr hohe Abrufzahlen. Suche man nach Schlagworten wie "climate" oder "global warming", finde man hingegen in der Regel Informationen, die dem wissenschaftlichen Sachstand entsprechen - so jedenfalls der Stand 2015. "Die Klimaleugner sind auch durchaus gut organisiert", warnt Allgaier jedoch. "Da ist definitiv eine Expertise vorhanden, was Social-Media-Marketing angeht. Diese Leute wissen sehr wohl, wie und über welche Inhalte man die Menschen erreicht, vielleicht sogar besser, als die Scientific Community"

YouTube ist nach eigenen Angaben das Problem der Verbreitung von Desinformationen über den Klimawandel sowie gefährlicher Verschwörungstheorien angegangen. Im März 2018 erklärte das Unternehmen zum Beispiel, künftig Kurzbeschreibungen aus den Lexika Wikipedia und Encyclopedia Britannica neben Videos zu platzieren, die Verschwörungstheorien propagieren. Bisher ist die Umsetzung und der Erfolg dieser Maßnahmen jedoch unbekannt. Mehr Publikums- und Rezeptionsforschung wäre wünschenswert, um die Wirkweise von Plattformen wie YouTube zu verstehen, so Joachim Allgaier.

Er sehe jedoch ein riesiges Potenzial für die Wissenskommunikation auf YouTube, schreibt Allgaier in seiner Untersuchung. Das Videoformat als solches habe ein großes Potenzial für die Verbreitung von Wissen, weil es die Nutzung von Bild- und Tonkanälen sowohl isoliert als auch kombiniert erlaubt und die Übertragung von Texten, Bildern, Animationen, Filmen, Untertiteln in mehreren Sprachen und auf innovative und kreative Weise erlaube. Auch der Rat für Kulturelle Bildung, eine Initiative mehrerer großer deutschen Stiftungen, stellte in seiner Studie "Jugend/ Youtube/Kulturelle Bildung 2019" fest, dass "sowohl Mädchen als auch Jungen berichten, dass sie von den Webvideos in hohem Maße zu kulturellen Aktivitäten angeregt werden." Mit anderen Worten: Unter bestimmten Umständen wirkt YouTube also aufklärerisch.

Sein Publikum sei "durchaus durchmischt", sagt der YouTuber Klaus Russell-Wells alias Joul. "Die Zuschauergruppe, von denen ich am meisten erreiche, liegt zwischen 25 bis 35 Jahre - der Rest stammt eher aus den Altersgruppen darüber und weniger darunter." YouTube sei jedenfalls kein Ort, "wo sich nur junge Leute tummeln".

Neue Zielgruppen für die Wissenschaftskommunikation erschließen

Den Chancen, auf YouTube viele Menschen mit gut recherchierten, informativen Inhalten zu erreichen, stehen auch viele Schwierigkeiten entgegen. Denn mit der Nutzung des Portals begeben sich Wissenschaftlerinnen, Lehrer oder auch Aktivisten in die Hände eines gewinnorientierten Unternehmens. Die Video-Plattform gehört dem Google-Mutterkonzern und folgt einem klaren Geschäftsmodell: Um möglichst hohe Werbeeinnahmen zu generieren, sollen Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf der Plattform bleiben und zu möglichst vielen Aktivitäten angeregt werden. Zur Optimierung wird dabei das Verhalten präzise erfasst und auswertet.

Von intransparenten Algorithmen ist abhängig, ob ein Video bei einem bestimmten User auf der Startseite erscheint, in welcher Reihenfolge Videos Nutzern in der Suche vorschlagen werden, und ob sie überhaupt vorgeschlagen werden. Diese Plattform-Regeln kann das Unternehmen jederzeit ändern, wodurch die Besucherzahlen bestimmter Kanäle plötzlich einbrechen können. Auch kann YouTube eigenmächtig und ohne Begründung Inhalte oder ganze Kanäle löschen. Und mit dem Unternehmen zu kommunizieren, sich etwa dort zu beschweren, ist ähnlich schwierig wie bei Facebook oder Twitter.

Ein Erfolgsrezept: "Persönlichkeit, Spannungsbogen, Alltagsthemen"

Wie aber müssten erfolgreiche und zugleich seriöse YouTube-Videos aussehen? "Das hinzukriegen ist vor allem dann möglich, wenn man in seine Videos viel Persönlichkeit steckt, einen Spannungsbogen entwickelt und eine Fragestellung bearbeitet, die viel Alltagesbezug hat", sagt YouTuber Klaus Russell-Wells. Auch Community-Building durch Interaktion mit den Usern und Beantwortung von Kommentaren spiele eine große Rolle.

Trotz der Einbindung in eine kommerzielle Plattform liegen die Chancen für eine seriöse Klimakommunikation auf der Hand. Da es bei Bildungsinhalten und Wissensvermittlung nicht darum geht, Videos zu Geld zu machen, müssen sie sich nicht allen Zwängen von YouTube unterwerfen. Der Rat für Kulturelle Bildung empfiehlt Bildungs- und Kulturinstitutionen jedenfalls, diese neuen Wissens- und Vermittlungsformen aufzugreifen und stärker in die eigene Regie zu nehmen.

Daniela Becker

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