"Es geht darum, evidenzbasierte Politik auszuhebeln"

Süddeutsche Zeitung

Wenn von Leugnern des Klimawandels die Rede ist, dann kommt wohl den meisten Menschen als erstes der derzeit amtierende Präsident der USA in den Sinn. Doch dass auch in Europa und Deutschland systematisch Zweifel gesät werden an grundlegenden Erkenntnissen der Klimaforschung, rückte am Wochenende die Süddeutsche Zeitung ins Blickfeld. Auf einer Doppelseite im Wissens-Ressort schilderten die Journalistinnen Susanne Götze (die auch für klimafakten.de schreibt) und Annika Joeres (die beim gemeinnützigen Journalistenbüro Correctiv arbeitet) die Ergebnisse einer monatelangen Recherche. Dabei habe man Leugner an Orten gefunden, "wo niemand sie vermutet hätte", so ihr Fazit: Sie "beraten als Wissenschaftler den Bundestag, sie sitzen als konservative und liberale Abgeordnete im EU-Parlament, sie führen neoliberale Wirtschaftsverbände und beeinflussen die Klimapolitik aller rechtsextremen Parteien in Europa."

Die Recherche war unter anderem von der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung und dem Fonds "Investigative Journalism for Europe" gefördert worden. Kürzere Beiträge wurden Ende vergangener Woche bereits im ARD-Magazin Monitor sowie im Deutschlandfunk gesendet. Als Ergebnis ihrer ausführlichen Recherchen und der Teilnahme an mehreren Szene-Veranstaltungen in Europa und den USA schreiben Götze und Joeres über die Klimawandel-Leugner: "Ihre Gemeinsamkeit: Sie sind meist Männer über 60 Jahre. Sie sehnen sich nach einer Welt, in der niemand mit Klimagesetzen belästigt wird, sie widersprechen dem wissenschaftlichen Konsens und plädieren für eine ungezügelte Wirtschaft."

"Das Infragestellen von wissenschaftlichen Erkenntnissen
ist ein Muster rechter Parteien"

Deutscher Mittelpunkt des Leugner-Netzwerkes sei ein kleiner Verein aus Jena, das "Europäische Institut für Klima und Energie e.V." (Eike). Seine Mitglieder und Mitarbeiter seien in marktliberalen Denkfabriken aktiv oder als Redner auf scheinwissenschaftlichen Konferenzen, und die AfD fungiere als Türöffner in die Parlamente. Dabei böten rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien nicht nur hierzulande den wissenschaftlich substanzlosen Behauptungen der Leugnisten einen Resonanzboden, betonen die Autorinnen.

Als Beleg verweisen sie auf eine noch unveröffentlichte Studie des Berliner Thinktanks Adelphi. Demnach würden von 21 untersuchten Rechtsaußen-Parteien in Europa lediglich zwei den Konsens der Klimaforschung ausdrücklich akzeptieren. "Das Infragestellen von wissenschaftlichen Erkenntnissen ist ein Muster rechter Parteien", zitieren sie Alexander Carius von Adelphi. "Es geht darum, evidenzbasierte Politik völlig auszuhebeln." Fast geschlossen stimmten die Abgeordneten dieser Parteien im EU-Parlament gegen alle Gesetze, die zur Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes beitragen sollen. Das Klimathema eigne sich generell, "um Stimmung gegen 'die Lügenpresse' oder 'die Elite' zu machen", so Götze und Joeres.

Doch nicht nur am Rande des politischen Geschehen fanden die Autorinnen Leugner des Klimawandels, sondern auch in Teilen von FDP und Unionsparteien, in Wirtschaftsverbänden oder dem wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums. Diese Leute, zitieren Götze und Joeres einen Grünen EU-Parlamentarier, "schicken Rechtsextreme vor, weil sie sich selbst nicht mit ihrer Meinung in die Öffentlichkeit trauen".

Der Artikel ist bisher nicht in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung verfügbar.

tst

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