Gute Grafiken zum Klimawandel: Die Anleitung

"Als ich diesen Artikel gelesen habe, wusste ich, was zu tun ist", sagt Esper Larsen. Er meint einen 2016 erschienenen Aufsatz im Wissenschaftsjournal Nature Climate Change, in dem vier Psychologen um Jordan Harold und Irene Lorenzoni zusammenfassten, welche Erkenntnisse ihre Fachdisziplin bereithält, um Klimadaten besser zu visualisieren.

Larsen ist Kommunikationschef der norwegischen Umweltagentur Miljodirektoratet, der Kontaktstelle des Landes zum Weltklimarat IPCC. Dessen Berichte sind in der Vergangenheit häufig dafür kritisiert worden, dass sie sehr kompliziert und seine Grafiken schwer verständlich seien. Umgehend kontaktierte Larsen den Co-Autoren Jordan Harold. Er und ein kleines Team erstellten daraufhin eine Empfehlung an den IPCC für die Verständlichkeit von Daten zum Klimawandel, die Esper Larsen Anfang Februar beim 2nd World Symposium on Climate Change Communication in Graz präsentierte.

Vor der Arbeit an einer Grafik sollte man sich einige Fragen stellen

Die Empfehlungen mit dem Titel Enhancing the accessibility of climate change data visuals verbinden zwei Wissenschaftsdisziplinen: jene der Forschung zu Kognition und Wahrnehmung einerseits sowie der Klimawissenschaften andererseits. Und weil den Autoren die Verständlichkeit ein großes Anliegen ist, haben sie ihr Arbeitspapier – mit 28 Seiten ohnehin bereits ziemlich kompakt – in einem lediglich zweiseitigen Executive Summary nochmals auf den Punkt gebracht. Außerdem gibt es eine übersichtliche Website mit den einzelnen Tipps zum Anklicken.

Die in Kooperation mit dem britischen Tyndall Centre for Climate Change Research und der University of East Anglia (UEA) entwickelten Empfehlungen umfassen zwölf Leitlinien, die wiederum auf vier Leitprinzipien beruhen – von den Autoren griffig MADE-Prinzipien getauft. Wer eine Infografik zum Klimawandel erstellen will, solle sich diese Vorfragen stellen und so seinen Arbeitsprozess strukturieren. Die vier MADE-Prinzipien beziehen sich auf:

  • Message (zu deutsch: Botschaft) - Vermittelt die Grafik eine klare Botschaft?
  • Audience (Publikum) - Passt die Grafik zu der angestrebten Zielgruppe?
  • Design (Gestaltung) - Beruht die Grafik auf evidenz-basierten Prinzipien guter Gestaltung?
  • Evaluation (Überprüfung) - Wurde die Wirksamkeit der Grafik bei den angestrebten Zielgruppen getestet?

Dies seien die vier wesentlichen Säulen für die Gestaltung wirksamer und verständlicher Infografiken, erklären die Autoren. Jede Säule enthalte Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie darüber, wie Bilder sowie die Verbindung von Bildern und Texten aufgenommen und verstanden werden.

Eine IPCC-Grafik im Vorher-Nachher-Vergleich

An realen Grafiken aus dem letzten IPCC-Sachstandsbericht (AR5) führen die Autoren des Ratgebers vor, was sich ihren Leitlinien folgend besser machen ließe: oben die Originalgrafik, unten die modifizierte Version. Dort wird beispielsweise oberhalb der Grafik ausdrücklich erklärt, was auf ihr zu sehen ist; die Kurven sind direkt beschriftet statt sie mit einer daneben stehenden Legende zu versehen; Abbildung: UEA/Tyndall Centre

Basierend auf der MADE-Gliederung wurden dann zwölf einzelne Leitlinien für die Konzeption, Gestaltung und Überprüfung von Grafiken formuliert. In dem Ratgeber ist jede davon auf einer Seite ausführlich beschrieben und mit praktischen Anwendungsbeispielen illustriert.

1. Botschaft (Message)

  • klare Identifikation bzw. Definition der wesentliche Aussage, etwa: Sollen verschiedene Werte innerhalb eines Jahres oder sollen mehrere Jahre anhand verschiedener Werte verglichen werden?

2. Publikum (Audience)

  • Bilder sollten das Vorwissen des Publikums berücksichtigen
  • Die Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten des Publikums sind zu beachten, es ist an dessen Vorstellungen anknüpfen: Aufwärts zum Beispiel steht erfahrungsgemäß für gut, abwärts für schlecht

3. Gestaltung (Design)

  • Visuelle Formate verwenden, mit denen das Publikum bereits vertraut ist; Balken und Linien sind die verbreitetsten und am besten verstandenen Grafikelemente
  • Komplexität ist zu vermindern
  • aufbauende Darstellung: Eine Grafik mit vielen Aussagen sollte in mehrere Stücke geteilt werden; Entwicklungslinien nicht in eine sondern in mehrere, aneinander gereihte Grafiken eintragen, sodass sich für Betrachter über mehrere Schritte ein Bild aufbaut
  • Erläuternde Texte integrieren und strukturieren! Die Texte gliedern: über der Grafik eine  Titelzeile und einen Untertitel, dann unterhalb der Grafik einige Zeilen für Erläuterungen; die Linien in Diagrammen direkt an deren Ende beschriften; jegliche vertikale Beschriftung unterlassen, in horizontale umwandeln. Für Gase nicht nur die jeweilige chemische Formel in die Grafik eintragen, sondern dieser stets die allgemein bekannten Bezeichnung des Gases anfügen.
  • Die Prinzipien für kognitive Wahrnehmung anwenden: In Farben dargestellte Kontraste lösen Interesse aus; Text und Daten zu verbinden unterstützt das Assoziationsvermögen
  • Bei Animationen und interaktiven Präsentation ist zu berücksichtigen, dass eine Ab­folge statischer Bilder eher aufgenommen und verstanden werden kann als sich schnell bewegende, abwechselnde Bilder; bei Animationen ist sicherzustellen, dass die Nutzer darüber eine Kontrolle ausüben können, etwa die Geschwindigkeit der Wiedergabe
  • Es gibt keine absolut richtige Form, Unsicherheit in Daten darzustellen. Unsicherheit sollte direkt angesprochen und nicht den Schlussfolgerungen der Betrachter überlassen werden.

4. Überprüfung (Evaluation)

  • Leitlinie 12 beschreibt einen wiederkehrenden Kreislauf für das Design von Grafiken (iterative design cycle): Die Grafik anhand der Leitlinien planen, gestalten und testen, anschließend entsprechend der Testergebnisse anpassen und weiterentwickeln.

Die Arbeit an den Leitlinien wurde von der norwegischen Regierung, der EU und dem Forschungsverbund Helix finanziert. Das Ergebnis sei "exzellent", sagt Roz Pidcock, die beim Büro der IPCC-Arbeitsgruppe 1 (WG1, behandelt die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels) für Kommunikation verantwortlich ist.

Roz Pidcock zufolge arbeitet der IPCC derzeit an einem Stilbuch, in das auch die Ratschläge für verständlichere Grafiken einflössen und das allen Autoren und Mitarbeitern des IPCC zur Verfügung stehen werde – etwa für den sechsten Sachstandsbericht zur weltweiten Klimaforschung (AR6), der 2021 erscheinen soll. Doch auch vorher schon werde der Ratgeber Wirkung entfalten, betont Pidcock: Gegenwärtig würden gemeinsam mit Jordan und Informations-Designern Empfehlungen für die Grafiken im IPCC-Sonderbericht zur 1,5-Grad-Erwärmung erstellt, der im Oktober veröffentlicht wird – denn dieser, so Pidcock, "wird höchste Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit erhalten".

 Claus Reitan

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