Kristallkugel mit Waldspiegelung

Gegenwind im Klimadiskurs und in der Politik: Wie konstruktiv damit umgehen?; Foto: MolnarSzabolcsErdely, Pixabay.

Laufend erarbeitet die Sozialforschung wertvolle Erkenntnisse, die bei einer wirksameren Klimakommunikation helfen können. In dieser Rubrik von #DebattenKLIMA stellen wir jeden Monat eine besonders herausragende Publikation vor. Dafür bringen Mitglieder des Climate Communication Lab (Leitung: Prof. Dr. Brüggemann, Universität Hamburg) ihre Expertise ein. Auf dem Blog ClimateMatters.de des Lehrstuhls erscheint auch eine englischsprachige Version dieses Artikels.

Welcher Frage gehen die Studien nach? 

Um zu verstehen, was helfen könnte, beim Klimaschutz wieder voranzukommen, diskutieren wir zwei aktuelle Forschungsarbeiten, die den diskursiven Gegenwind untersuchen und fragen: Unter welchen Bedingungen geraten Maßnahmen politisch nachträglich ins Wanken? Wann werden sie erst gar nicht beschlossen?

Anisimova und Patterson (2025) gehen der Frage nach, unter welchen konkreten Umständen Klimaschutzmaßnahmen in verschiedenen OECD-Ländern nach ihrer Verabschiedung kontrovers diskutiert und politisch wieder infrage gestellt werden.

Grünwald und Patterson (2025) widmen sich einem sehr konkreten Beispiel: der Debatte um das Tempolimit in Deutschland. Sie stellen fest, dass der Diskurs um Klimaschutzmaßnahmen allgemein stark polarisiert ist und untersuchen genauer, wie diese Polarisierung in eine parteipolitisch organisierte Opposition gegenüber dem Tempolimit umschlug.

Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?

Beide Studien nutzen qualitative sozialwissenschaftliche Methoden, um einen tiefen und präzisen Einblick in die zugrundeliegenden Dynamiken zu gewinnen.

Anisimova und Patterson (2025) arbeiten mit einer sogenannten „fuzzy-set Qualitative Comparative Analysis“ (fsQCA). Dabei kodieren sie unterschiedliche Quellen wie Gesetzestexte, politische Reden und Medienberichte systematisch, um sie anschließend einem mathematisch-statistischen Verfahren zu unterziehen. Auf diese Weise lässt sich präzise analysieren, welche Kombinationen von Faktoren dazu führen, dass Klimaschutzmaßnahmen nachträglich wieder ins Wanken geraten.

Die Studie analysiert insgesamt 27 Fallbeispiele an Maßnahmen aus unterschiedlichen OECD-Ländern. Damit lassen sich die Ergebnisse zu einem gewissen Grad generalisieren, auch wenn sie nicht so belastbar sind, wie es eine wirklich groß angelegte quantitative Studie erlauben würde.

Grünwald und Patterson (2025) nutzen wiederum das Verfahren der Prozessanalyse (engl. „Process Tracing“). Diese Methode dient dazu, Kausalzusammenhänge innerhalb eines Einzelfalls zu erklären, indem der genaue Ablauf von Ereignissen und relevante Ursachenketten rekonstruiert werden.

In diesem konkreten Fall rekonstruieren die Autoren Schritt für Schritt, wie eine hohe soziopolitische Polarisierung schrittweise in eine organisierte Opposition gegen das vorgeschlagene Tempolimit mündete.

Auch für diese Analyse wurden diverse Datenquellen herangezogen: Neben Nachrichtenartikeln und Einträgen aus Online-Debatten flossen auch politische Reden in die Auswertung ein.

Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?

Anisimova und Patterson (2025) halten fest: „Vor allem die Kombination daraus, wie herausfordernd und unfair eine politische Maßnahme wahrgenommen wird, erklärt, wie kontrovers diese diskutiert wird” (S. 4).

Es gibt jedoch noch weitere Faktoren, die maßgeblich dazu beitragen, dass Klimaschutzmaßnahmen selbst nach ihrer rechtskräftigen Verabschiedung nachträglich wieder infrage gestellt werden.

Laut den beiden Autorinnen sind dies vor allem eine ausgeprägte soziopolitische Polarisierung in einem Land sowie ein grundlegendes Fehlen von Besorgnis über den Klimawandel in Teilen der Bevölkerung.

Diese beiden Bedingungen verstärken gesellschaftliche Debatten darüber, ob eine bereits beschlossene politische Weichenstellung – wie etwa die Einführung einer CO₂-Steuer oder der Ausstieg aus der Kohleverstromung – überhaupt angemessen und legitim ist.

Grünwald und Patterson (2025) tauchen in ihrer Prozessanalyse noch etwas tiefer in die Materie ein und kommen zu dem Ergebnis, dass es vor allem eine tief sitzende Skepsis gegenüber den Intentionen der Befürworter:innen des Tempolimits war, die der eigentlichen Opposition Rückenwind verlieh.

Im Zentrum dieser Skepsis standen im Wesentlichen zwei Argumentationsmuster: Einerseits wurde ein nationales Tempolimit als relativ unbedeutend im Kontext der globalen Treibhausgasemissionen dargestellt, wodurch die Maßnahme rasch als Symbolpolitik abgestempelt werden konnte.

Louisa Pröschel, Kommunikationsforscherin an der Universität Hamburg, stellt fest: „Es ist schon etwas schockierend, wie hier von Seiten mancher Medien und politischer Akteuere gezielte Desinformation betrieben wurde, um die Bedeutung des Tempolimits herunterzuspielen”.

Andererseits wurden die Argumente für das Tempolimit als ideologisch motivierter Opportunismus gebrandmarkt. Demnach nutzten die Befürworter:innen die allgemeine Krisenstimmung (konkret die Energieknappheit infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine) gezielt aus.

"Die Befürworter:innen des Tempolimits nutzten jede Gelegenheit aus, um ihr Thema auf die Agenda zu setzen.“  – Grünwald und Patterson

Grünwald und Patterson stellen dazu fest: „Allgemein herrschte die Wahrnehmung vor, dass die Befürworter:innen des Tempolimits jede Gelegenheit ausnutzen, um ihr Thema auf die Agenda zu setzen“ (2025, S. 6).

Ergänzend spielte die rhetorische Konstruktion, dass die Maßnahme die individuelle Freiheit massiv einschränke, eine ernstzunehmende Rolle. Auf dieser emotionalen Grundlage gelang es der Opposition, das Tempolimit im öffentlichen Diskurs als illegitim und im Kern antidemokratisch darzustellen.

Ein besonders spannendes Detail der Arbeit von Grünwald und Patterson (2025) ist folgendes: Strategische politische Akteure und die klassischen Nachrichtenmedien nutzten diese ideologischen und abstrakten Argumente weitaus häufiger als die Bürger:innen selbst, die sich an Online-Diskussionen beteiligten.

Kommunikationswissenschaftler Hendrik Meyer von der Universität Hamburg sagt dazu: „Die sozialen Medien haben hier einen negativen Ruf bekommen, aber meiner Erfahrung nach sind es ebenso oft politische Akteure und ‘traditionelle’ Medien, die die Polarisierung befeuern.”

Im digitalen zivilgesellschaftlichen Diskurs spielte stattdessen eine ganz pragmatische Komponente eine zumindest ebenso wichtige Rolle: die wahrgenommene oder reale Abhängigkeit vom eigenen Auto, um den täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Es gibt hier auch positive „Interaktionseffekte” für manche der untersuchten Wetterphänomene: Stürme, Niederschlag und Hitzewellen. Wer also sowohl die Verbindung zwischen diesen Wetterextremen und dem Klimawandel subjektiv herstellt, als auch in einem stärker betroffenen Land lebt, zeigt noch stärkere Unterstützung, als jene Menschen, die zwar das entsprechende Bewusstsein haben, aber nicht in einem besonders betroffenen Land leben.

Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?

Obwohl ambitionierter Klimaschutz naturgemäß eine gesellschaftliche Herausforderung darstellt, kann die Politik durch ausgleichende Maßnahmen gegensteuern – und vor allem die Verteilung der Lasten tatsächlich sozial fair regeln.

Wenn solche abfedernden Maßnahmen existieren, ist es die zentrale Aufgabe der Klimakommunikation, diese auch verständlich zu vermitteln. Das gelingt meist besser durch konkrete, lebensnahe Beispiele – etwa indem man aufzeigt, welche Haushaltstypen wie stark entlastet werden –, anstatt sich darauf zu beschränken, auf die abstrakte Fairness theoretischer ökonomischer Modelle zu verweisen.

„Desinformation themenspezifisch, strategisch und schnell zu bekämpfen, bleibt eine der wichtigsten Säulen der Kommunikationsarbeit.” – Michael Brüggemann

Bei hitzigen Debatten um konkrete Gesetze – wie dem Tempolimit oder dem Gebäudeenergiegesetz – zeigt sich zudem immer wieder, wie stark gezielte Desinformation auf die gesellschaftliche Debatte wirkt. Michael Brüggemann, Professor für Klimakommunikation an der Universität Hamburg stellt dazu fest: „Desinformation themenspezifisch, strategisch und schnell zu bekämpfen, bleibt eine der wichtigsten Säulen der Kommunikationsarbeit.” Dabei kann es hilfreich sein, genauer zu verstehen, wie Desinformation Teil einer politischen Kampagne wird, wie Journalistin Lena Bäunker es am Beispiel der Kommunikation gegen das Heizgesetz analysiert.

Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf der konsequenten Versachlichung der Debatte liegen. Viele Maßnahmen berühren letztlich nur formale Verhaltensvorschriften; so ist ein Tempolimit kaum besonders „freiheitsberaubend“, sondern eine gesetzliche Regelung wie jede andere auch im Straßenverkehr. Es lohnt sich daher, rational zu betonen, dass sich die tatsächlichen „Kosten“ für die meisten Menschen lediglich auf wenige Minuten Zeitverlust bei längeren Reisen belaufen.

Nicht zuletzt sollte kontinuierlich vermittelt werden, warum diese Maßnahmen notwendig und zielführend sind, sprich: Warum kann ein scheinbar kleiner prozentualer Beitrag in absoluten Zahlen eine enorme Hebelwirkung für den betroffenen Sektor haben? Im Fall des Tempolimits hätte der diskutierte Vorschlag immerhin zu einer CO₂-Reduktion von rund 4,6 Prozent im gesamten Transportbereich führen. Somit wird auch indirekt das Argument, dass die Maßnahme nur ideologisch motiviert sei, entkräftet.

 

Zum Weiterlesen

Die Studien

  • Anisimova, K. V., & Patterson, J. J. (2025). Unraveling the conditions for post-adoption contestation over hard climate policy in OECD countries. Npj Climate Action, 4(1), 61. https://doi.org/10.1038/s44168-025-00270-1
  • Grünwald, L., & Patterson, J. (2025). Roadblocks of polarization: Interpretive mechanisms of opposition to a speed limit policy on German highways. Energy Research & Social Science, 122, 104009. https://doi.org/10.1016/j.erss.2025.104009