Wer die eigene Freiheit bedroht sieht, reagiert oft mit Ablehnung – ein Phänomen, das in der Psychologie als „Reaktanz“ bezeichnet wird. Eine Herausforderung für die Klimakommunikation, die von der Notwendigkeit massiver Veränderungen überzeugen muss. Doch wie entsteht dieser psychologische Widerstand genau, und was können wir tun, um diese Abwehrreaktionen zu mildern oder gar ganz zu vermeiden?
Reaktanz ist ein psychologischer Prozess, der inneren Widerstand auslöst, wenn man das Gefühl hat, in der eigenen Freiheit eingeschränkt zu werden. Foto: PXhere
Welcher Frage gehen die Studien nach?
Um das Phänomen der Reaktanz in der Klimakrise besser zu verstehen, betrachten wir zwei unterschiedliche Veröffentlichungen:
Laura Bilfinger et al. (2026) untersuchen experimentell, wie der Inhalt einer Botschaft und deren Quelle zusammenspielen: Macht es einen Unterschied, ob wir zu individuellem Verhalten (mehr Bus und Bahn statt Autofahren) aufrufen oder zur Unterstützung politischer Maßnahmen (Tempolimits, Förderungen für nachhaltige Mobilität)? Und welche Unterschiede gibt es, wenn die Botschaft von Wissenschaftler:innen statt von Aktivist:innen kommt?
Chelsea Ratcliff (2021) liefert dazu den notwendigen theoretischen Rahmen. In einem systematischen Überblick über die kommunikationswissenschaftliche Forschung klärt sie, wie Reaktanz konzeptionell definiert und gemessen wird.
Zusätzlich ziehen wir Erkenntnisse von Léo Toussard und Thierry Meyer (2024) heran, die untersuchen, wie „autonomie-unterstützende“ Kommunikation dabei helfen kann, Reaktanz zu umschiffen.
Dieser Text ist Teil unseres Projekts #DebattenKLIMA. Es will – möglichst praxisnah – der Frage nachgehen, wie gesellschaftliche und politische Debatten über Klimaschutz und Klimaanpassung so geführt werden können, dass sie möglichst viel dazu beitragen, die Emissionen auf Null herunterzubringen. Eine der besonders spannenden Fragen hierbei ist, wie dies auch dann gelingen kann, wenn sich wichtige gesellschaftliche Akteure (seien es politische Parteien, seien es reichweitenstarke Medien, seien es einzelne Interessengruppen) einem solchen Diskurs entziehen oder verweigern oder ihn gar aktiv torpedieren – aus welchen Motiven auch immer.
Im Rahmen des Projekts erscheint unter anderem die Rubrik „Studie des Monats“, in der wir monatlich besonders wegweisende Ergebnisse der Sozialforschung zur Klimakommunikation vor – und beschreiben, was sich daraus ganz praktisch ableiten lässt für die tagtägliche Kommunikationsarbeit rund ums Klima. Hierbei arbeiten wir zusammen mit einem Forschungsteam um Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Klimafakten. Eine weitere Rubrik ist das ebenfalls monatliche Manometer! – dort beobachten und analysieren wir die klimapolitischen Debatten im deutschsprachigen Raum und gehen der Frage nach, wie man Druck aus der klimapolitischen Debatte nehmen kann, um Lösungen zu erleichtern.
Gefördert wird das Projekt #DebattenKLIMA von der Marga und Kurt-Möllgaard-Stiftung sowie der Naturstromstiftung.
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Eine englische Version dieses Artikels ist auf der Website der Universität Hamburg zu finden, mit der wir für diese Serie kooperieren.
Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?
Die Studie von Bilfinger et al. (2026) basiert auf einem kontrollierten Experiment mit zufälliger Zuweisung der Teilnehmenden zu verschiedenen Botschaften (Stimuli). Diese Methode ist besonders stark darin, kausale Zusammenhänge zu isolieren und Effekte statistisch zu beziffern. Dass die Teilnehmenden in diesem Fall aus Deutschland (und die Studie auf Deutsch durchgeführt wurde) trägt dazu bei, dass die Ergebnisse für die deutsche Bevölkerung besonders aussagekräftig sind.
Ratcliff (2021) bietet eine fundierte theoretische Synthese, die für konzeptuelle Klarheit sorgt und auf einer umfassenden Literaturrecherche basiert. Beide Arbeiten wurden in renommierten Fachzeitschriften publiziert und durchliefen ein strenges Peer-Review-Verfahren, was die Qualität der Argumentation und Methodik sichert.
Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?
Zunächst hilft eine klare Definition des Phänomens und dessen psychologischer Wirkweise. Laut Ratcliff (2021) ist Reaktanz ein „psychologischer Zustand, der durch eine wahrgenommene Bedrohung der eigenen Denk- oder Handlungsfreiheit ausgelöst wird [...] Die Person ist dann motiviert, ihre eigene Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, indem sie der Botschaft widersteht“ (S. 1033).
Reaktanz ist ein psychologischer Prozess, der sich in drei Schritten abspielt. Der erste Schritt ist dabei die Wahrnehmung einer Bedrohung: Die Botschaft wird als Eingriff in die Autonomie erlebt. Bilfinger et al. (2026) zeigen, dass dies besonders bei Appellen passiert, die auf das individuelle Verhalten abzielen. Diese werden stärker als solche, die politische Maßnahmen betonen, „als Bedrohung der persönlichen Autonomie wahrgenommen und führen zu emotionalen und kognitiven Reaktionen in Form von Ärger und Gegenargumenten.“ (S. 6)
Im zweiten Schritt folgen Wut, Irritation oder Frustration. In dieser Phase findet oft das sogenannte „Counterarguing“ statt – die Adressat:innen suchen aktiv nach Gründen, warum die Botschaft falsch oder irrelevant ist. Dies kann auch heißen, die Glaubhaftigkeit der Botschafter:innen in Frage zu stellen.
Im dritten Schritt geht es um den Schutz der eigenen Freiheit – oder darum, sie wieder herzustellen: der Widerstand ist breit gefächert und umfasst laut der Literatur „ein Spektrum von Ergebnissen, einschließlich der Ablehnung und der Vermeidung von Botschaften“ (S. 1044). Um das Gefühl von Selbstbestimmung zurückzuerlangen, wird die Botschaft ignoriert oder es tritt ein „Boomerang-Effekt“ ein: es wird aus Trotz das Gegenteil getan oder die eigenen Haltungen verstärkt. Manchmal kommt es auch zu kompensierenden Handlungen—so ist es vorstellbar, dass aus Trotz eine andere Partei gewählt wird, als diejenige, die klimafreundliche Botschaften kommuniziert.
Reaktanz ist ein psychologischer Zustand, der durch eine wahrgenommene Bedrohung der eigenen Denk- oder Handlungsfreiheit ausgelöst wird.
Besonders kritisch für die Praxis: Dieser Widerstand kann auf die Absender:innen zurückschlagen. Die Studie von Bilfinger belegt, dass „die Bewertungen von Expertise, Integrität und Wohlwollen beider Quellen [Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen] durch individuelle Appelle negativ beeinflusst wurden“ (S. 6). Es findet also eine Art „Backlash“ statt, der das Vertrauen in die Botschafter:innen untergräbt.
Was lässt sich aus den Studien konkret ableiten für die Praxis?
Die Klimakommunikation steht vor einem Dilemma, da auch politische Maßnahmen als Einschränkung interpretiert werden können. Wie Dr. Anne Reif, Forscherin im Bereich Klimakommunikation an der Universität Hamburg, betont: „Die individuelle Ebene lässt sich beim Klimaschutz nicht ganz vermeiden, irgendwann sind wir halt persönlich betroffen.“ Umso wichtiger ist es, die Kommunikation so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Reaktanz auslöst.
1. Den Fokus auf das System statt auf das Individuum legen
Individuelle Appelle sollten sparsam eingesetzt werden. Betont werden sollten stattdessen gesellschaftliche und politische Veränderungen.
Ein wirksames Mittel kann laut Dr. Mike Farjam (Universität Hamburg) zudem sein, das Narrativ umzukehren und „den Klimawandel als die Bedrohung der Freiheit zu porträtieren die er tatsächlich darstellt – dann wahren Klimaschutzmaßnahmen unsere Freiheit.“ Ziel sei es, den Klimawandel als den eigentlichen „Freiheitsdieb“ zu markieren – zum Beispiel indem die zukünftig notwendigen Ausgaben für Klimaanpassungsmaßnahmen hervorgehoben werden.
2. Gewinne betonen und Werte hinterfragen
Beim sogenannten „Gain-Framing“, geht es darum, Positives statt Verluste zu betonen, wie Louisa Pröschel von der Universität Hamburg erklärt: „Die Bedrohung des Klimawandels ist für viele noch nicht greifbar, aber die positiven Nebeneffekte klimafreundlichen Verhaltens können trotzdem jetzt betont werden”.Wer positive Auswirkungen wie Lebensqualität oder Gesundheit statt Einschränkungen hervorhebt, senkt die Reaktanz.
Ergänzend schlägt Anne Reif (Universität Hamburg) vor: „Alternativ lässt sich auch der Wert der bedrohten Freiheit in Frage stellen“ – beispielsweise, indem man diskutiert, wie viel „Freiheit“ uns fossile Abhängigkeiten oder auf der Autobahn zu rasen tatsächlich bieten.
3. „Autonomy Support“: Autonomie unterstützen
Anstatt kontrollierend aufzutreten, sollte die Autonomie der Adressat:innen gestärkt werden. Basierend auf den Empfehlungen von Toussard & Meyer (2024) bedeutet dieser sogenannte „Autonomy Support“ konkret:
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Eine sinnvolle pro-soziale Begründung für das gewünschte Verhalten zu liefern
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Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung offen anzuerkennen.
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Wahlmöglichkeiten anzubieten, anstatt nur einen Weg vorzuschreiben.
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Einladende, nicht-kontrollierende Sprache zu nutzen (z.B. „könnten“ statt „müssen“).
Wie einfach sich diese Strategien einsetzen lassen, hängt natürlich von den Botschafter:innen ab. Auch wenn Aktivist:innen und Forschende gleichermaßen mit Reaktanz umgehen müssen, können letztere eventuell besser auf die positiven Nebeneffekte der Klimaschutzmaßnahmen verweisen. Aktivst:innen haben es hingegen leichter, ihr Hauptaugenmerk auf die politischen Veränderungen zu legen, um nicht als „Moralapostel” abgestempelt zu werden.
Die besprochenen Studien
Laura Bilfinger, Brummernhenrich, B., & Jucks, R. (2026). On the defensive: Reactance and trustworthiness in processing written information about climate change. Current Research in Ecological and Social Psychology, 10, 100262. https://doi.org/10.1016/j.cresp.2026.100262
Chelsea Ratcliff (2021). Characterizing Reactance in Communication Research: A Review of Conceptual and Operational Approaches. Communication Research, 48(7), 1033–1058. https://doi.org/10.1177/0093650219872126
Léo Toussard & Meyer, T. (2024). Autonomous vs. controlling communications about the reduction of heating consumption at home: Spillover to energy-saving intentions and beyond from a self-determination perspective. Journal of Environmental Psychology, 97, 102349. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2024.102349
Eine englische Version dieses Artikels findet sich auf der Website der Universität Hamburg, mit der wir für diese Serie kooperieren.