Beim Klimawandel stehen scheinbar die Interessen der Jungen denen der Älteren diametral gegenüber. Doch gibt es diesen oft beschworenen Generationenkonflikt wirklich? Oder lässt sich die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft nutzen, um neue Brücken zu schlagen? In dieser Ausgabe unserer Serie "Studie des Monats" diskutieren wir diese Fragen anhand dreier Untersuchungen.
Welcher Frage gehen die Studien nach?
April 2024 in Straßburg: positives Gerichtsurteil für die Gruppe der Schweizer „Klimaseniorinnen"; Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone/picturedesk.com
Um zu verstehen, welche möglichen Konflikte zwischen Jung und Alt beim Klimawandel auftreten und welche Chancen in der Zusammenarbeit der Generationen liegen, betrachten wir heute zwei wissenschaftliche Übersichtsarbeiten und eine aktuelle Umfrage aus Deutschland:
Ayalon et al. (2025) fassen in ihrem Paper den aktuellen Stand der Forschung zu Generationenkonflikten mit besonderem Fokus auf ältere Menschen zusammen.
Law et al. (2025) untersuchen, wie sich generationenübergreifende Ansätze gezielt nutzen lassen, um das Engagement für den Klimaschutz zu stärken.
Zusätzlich ziehen wir Daten des Deutschen Zentrums für Altersfragen (Bünning et al. 2024) heran, die ein Schlaglicht auf die Wahrnehmungen und Haltungen älterer Menschen in Deutschland werfen.
Dieser Text ist Teil unseres Projekts #DebattenKLIMA. Es will – möglichst praxisnah – der Frage nachgehen, wie gesellschaftliche und politische Debatten über Klimaschutz und Klimaanpassung so geführt werden können, dass sie möglichst viel dazu beitragen, die Emissionen auf Null herunterzubringen. Eine der besonders spannenden Fragen hierbei ist, wie dies auch dann gelingen kann, wenn sich wichtige gesellschaftliche Akteure (seien es politische Parteien, seien es reichweitenstarke Medien, seien es einzelne Interessengruppen) einem solchen Diskurs entziehen oder verweigern oder ihn gar aktiv torpedieren – aus welchen Motiven auch immer.
Im Rahmen des Projekts erscheint unter anderem die Rubrik „Studie des Monats“, in der wir monatlich besonders wegweisende Ergebnisse der Sozialforschung zur Klimakommunikation vor – und beschreiben, was sich daraus ganz praktisch ableiten lässt für die tagtägliche Kommunikationsarbeit rund ums Klima. Hierbei arbeiten wir zusammen mit einem Forschungsteam um Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Klimafakten. Eine weitere Rubrik ist das ebenfalls monatliche Manometer! – dort beobachten und analysieren wir die klimapolitischen Debatten im deutschsprachigen Raum und gehen der Frage nach, wie man Druck aus der klimapolitischen Debatte nehmen kann, um Lösungen zu erleichtern.
Gefördert wird das Projekt #DebattenKLIMA von der Marga und Kurt-Möllgaard-Stiftung sowie der Naturstromstiftung.
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Eine englische Version dieses Artikels ist auf der Website der Universität Hamburg zu finden, mit der wir für diese Serie kooperieren.
Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?
Die beiden internationalen Untersuchungen sind sogenannte Übersichtsstudien (Reviews). Während Ayalon et al. (2025) einen systematischen Ansatz zur Literatursuche dokumentieren – was die Ergebnisse besonders transparent und reproduzierbar macht –, identifizieren Law et al. (2025) relevante Publikationen basierend auf ihrer ausgewiesenen Fachexpertise.
Da beide Arbeiten das in Fachzeitschriften übliche Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben, ist die Qualität der Argumentation und Methodik gesichert. Die ergänzende Befragung von Bünning et al. (2024) liefert zudem eine solide empirische Datenbasis für die Situation in Deutschland.
Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?
Die Auswertung von 20 Studien durch Ayalon et al. (2025) zeigt, dass es durchaus intergenerationale Konfliktpotentiale und Vorurteile gibt. Ausgewertet wurden etwa repräsentative Umfragen zu den Wertvorstellungen älterer und jüngerer Europäer:innen. Während Jüngere teils glauben, die “ältere Generation verstehe die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel oder die Ernsthaftigkeit des Problems nicht” (S. 948), reagieren Ältere teils mit Abwehr. Sie de-legitimieren Klimaproteste und fordern die Jungen auf “zurück zur Schule zu gehen”. De facto sind junge Menschen bei vielen politischen Entscheidungen unterrepräsentiert — so sind zum Beispiel nur derzeit knapp fünf Prozent der Bundestagsabgeordneten unter 30 Jahre alt.
Doch trotz teils deutlich unterschiedlicher Lebensstile – bei Älteren tendenziell ressourcenintensiver –, sind die Unterschiede zwischen Jung und Alt im Umweltbewusstsein und bei umweltbezogenen Werten laut Forschung marginal (Ayalon et al. 2025). Entscheidender ist, wie sich die öffentliche Meinung zum Thema mit der Zeit über die Genrationen hinweg verändert.
Die Unterschiede im Umweltbewusstsein zwischen Jung und Alt
sind laut Forschung marginal.
In Deutschland wird der Klimawandel von Menschen mittleren und höheren Alters sogar als bedrohlicher eingestuft als die Corona-Pandemie (Bünning et al. 2024). Ob jemand eigene Kinder hat, spielt übrigens kaum eine Rolle für die Risikowahrnehmung.
Diese Wahrnehmungen und Konflikte spiegeln sich auch in der medialen Berichterstattung. Laut Dr. Mike Farjam (Universität Hamburg) ist der Generationenkonflikt „ein zugängliches Narrativ, das Medien und die Öffentlichkeit nutzen können, um die gesellschaftliche Dimension des Klimawandels begreiflich zu machen” — auch wenn es keine aussagekräftigen Daten dazu gibt, wie stark Medien dieses Narrativ bedienen.
Klimawandel als generationenübergreifende Herausforderung
Ein zentraler Befund von Law et al. (2025) ist, dass die Fähigkeit des Menschen zur „mentalen Zeitreise“ genutzt werden könne: Fordert uns jemand auf, aktiv an die Zukunft zu denken, stärkt das unser Verantwortungsgefühl gegenüber künftigen Generationen und damit unser Umweltbewusstsein.
Besonders bemerkenswert ist: den Klimawandel als generationenübergreifende Herausforderung zu „framen”, also diesen Aspekt des Themas zu betonen, funktioniert über politische Lager hinweg. Auf der einen Seite spricht es das Gerechtigkeitsempfinden an (ein progressiver Wert). Andererseits berührt es Themen wie Familie, Vermächtnis und Bewahrung der Schöpfung (konservative Werte).
Mehrere Studien betonen auch, was generationenübergreifende Solidarität bewirken kann, so Law et al. (2025): Wenn sich Ältere an einer Klimabewegung beteiligen, kann dies „positive Beziehungen zwischen den Generationen stärken, den Status älterer Menschen verbessern und ist gut für das Klima”. Als Beispiel wird hier die Gruppe der „Raging Grannies” gennant, die sich aktiv an den Protesten Jüngerer Aktivist:innen beteiligten. Eine im deutschsprachigen Raum aktive Gruppe sind zum Beispiel die "Omas for Future".
Was lässt sich aus den Studien konkret ableiten für die Praxis?
Für die Älteren
Die Forschung zeigt, dass Engagement älterer Menschen nicht nur das Klima schützt, sondern auch das Ansehen der eigenen Generation bei den Jungen stärkt. Statt sich von Protesten der Jugend provoziert zu fühlen, können Ältere in der Klimabewegung als eine Art Anker der Legitimität fungieren und radikalere Forderungen in den gesellschaftlichen Mainstream übersetzen.
Auch wenn die eigene Lebensweise oft ressourcenintensiver war und ist, weisen Studien wie die von Bünning et al. (2024) nach, dass das Bewusstsein für die Bedrohung durch Klimafolgen auch unter den Älteren hoch ist. Sie können dieses Bewusstsein nutzen, um innerhalb ihrer eigenen (eher älteren) Netzwerke für Klimaschutz als Akt der generationenübergreifenden Solidarität zu werben – unabhängig davon, ob sie selbst Enkelkinder haben oder nicht.
Für die Jüngeren
Hendrik Meyer, dessen Forschungsschwerpunkt an der Universität Hamburg Klimaproteste und deren Wahrnehmung sind, gibt zu bedenken: „Anscheinend haben die Proteste der letzten Jahre es nicht geschafft, die genarationenübergreifenden Aspekte des Problems im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu stärken. Sie wurden eher als egoistische Aktionen der jetzt-Jungen interpretiert. So scheint das sehr komplexe, langfristig gedachte Konzept der Generationengerechtigkeit in öffentlichen Debatten oftmals auf ein 'Alt gegen Jung' reduziert zu werden”.
Jüngere sollten vorsichtig damit sein, den Generationenkonflikt zu betonen. Effektiver ist es, verstärkt Narrative zu nutzen, die auch konservative Werte (und damit viele ältere Menschen) ansprechen, wie etwa die Möglichkeit ein positives Vermächtnis zu hinterlassen, etwas für die Zukunft der eigenen Nachkommen zu tun oder auch ein christliches Framing wie: die Schöpfung zu bewahren. Damit ließen sich Menschen erreichen, die den Anliegen der Jungen sonst eher skeptisch gegenüber stehen.
Jüngere sollten vorsichtig damit sein, den Generationenkonflikt zu betonen — sondern eher Narrative nutzen, die auch konservative Werte (und damit viele ältere Menschen) ansprechen
Ein Austausch auf Augenhöhe bedeutet auch, Ältere als Wissensquelle ernst zu nehmen, zum Beispiel durch Gespräche über das Umweltbewusstsein in der Vergangenheit, etwa zur Zeit des Waldsterbens oder der Anti-Atom-Bewegung. Dies baut Vorurteile ab und verhindert, dass Ältere sich delegitimiert fühlen und in eine Abwehrhaltung verfallen.
Für die Medien
Der Generationenkonflikt ist ein zugängliches Narrativ, das aber oft die tatsächliche Datenlage verzerrt. Da die Unterschiede in den Werten zwischen Jung und Alt marginal sind, sollten Medien öfter über die Gemeinsamkeiten und erfolgreiche generationenübergreifende Allianzen berichten, statt Fronten künstlich zu verschärfen.
Medien können „mentale Zeitreisen“ ermöglichen, indem sie die langfristigen Konsequenzen heutigen Handelns greifbar machen. Eine Möglichkeit ist, durch Storytelling oder eine direkte Ansprache Leser:innen in die Zukunft zu versetzen. Beispiele lieferten etwa das Schweizer Republik Magazin oder der Bayerische Rundfunk mit dem interaktiven Stück „Unser Bayern 2050". Future Thinking ist auch an Universitäten und Hochschulen ein Forschungsgzweig, über den anschaulich berichtet werden könnte.
Gleichzeitig sollte die Rolle von Institutionen betont werden, wie Louisa Pröschel von der Universität Hamburg hervorhebt: „Während individuelle Handlungen, beispielsweise das eigene Konsumverhalten, eine Rolle in sozial-ökologischen Transformationen spielt, gilt es auch zu diskutieren, welche politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen dafür notwendig sind.”
Zum Weiterlesen
Mareike Bünning, Hagen, C., & Simonson, J. (2024). Wahrgenommene Bedrohung durch den Klimawandel in der zweiten Lebenshälfte (DZA Aktuell 01/2024). Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen.
Die besprochenen Studien
Kyle F. Law, Colaizzi, G., & Syropoulos, S. (2025). Climate change is an intergenerational challenge that requires intergenerationally focused behavioral solutions. Current Opinion in Behavioral Sciences, 61, 101467. https://doi.org/10.1016/j.cobeha.2024.101467
Liat Ayalon, Roy, S., Aloni, O., & Keating, N. (2023). A Scoping Review of Research on Older People and Intergenerational Relations in the Context of Climate Change. The Gerontologist, 63(5), 945–958. https://doi.org/10.1093/geront/gnac028
Eine englische Version dieses Artikels finden Sie auf der Website der Universität Hamburg, mit der wir für diese Serie kooperieren.