Klimaproteste haben in den vergangenen Jahren regelmäßig zu breiten Debatten geführt. Mitunter wurden Aktivist:innen mit terroristischen Organisationen verglichen – und der öffentliche Diskurs driftete ab von dem eigentlichen Thema, wie wirksamer Klimaschutz gelingt. Anhand zweier Studien fragen wir: Muss das so sein?

Die Forschung zeigt, dass die Form des Protests und die Qualität der Berichterstattung wesentliche Faktoren sind, die die öffentliche Meinung über eine Bewegung prägen. Die Studienergebnisse sind also für sowohl für Aktivist:innen als auch für Journalist:innen relevant. Gleichzeitig begegnen auch vielen Menschen in der Klimakommunikation kritische Reaktionen auf Protestaktionen. Dieser Artikel richtet sich daher auch an alle, die fundiert(er) über Protest und dessen unterschiedlich radikalen Ausprägungen sprechen wollen.

Welcher Frage gehen die Studien nach? 

Zwei aktuelle Studien untersuchen, wie Medien Protestbewegungen darstellen – und wie dies wiederum gesamtgesellschaftliche Einstellungen und Verhalten beeinflussen kann:

Hendrik Meyer und seine Co-Autor:innen (2025) an der Universität Hamburg analysieren, wie deutsche Nachrichtenmedien über Proteste von Fridays for Future und der Letzten Generation berichten, welche Perspektiven die verschiedenen Medien bieten — und inwiefern hierbei emotionale Sprache zum Einsatz kommt. [Transparenzhinweis: Mit derselben Forschungsgruppe arbeitet Klimafakten für die Rubrik "Studie des Monats" zusammen.]

In einer zweiten Studie geben Chamberlain und Madsen (2025) einen systematischen Überblick über die Forschung zum sogenannten „radical flank effect” (Effekt der radikalen Flanke). Sie fragen, wie in einer breiten Protestbewegung radikalere Gruppen die Unterstützung für moderatere Aktivist:innen beeinflussen.

Eine englische Version dieses Artikels ist auf der Website der Universität Hamburg zu finden, mit der wir für diese Serie kooperieren.

Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?

Meyer et al. (2025) arbeiten mit einem Mixed-Methods-Ansatz. Automatisierte Verfahren identifizieren „Frames“ (unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema oder Ereignis) und Emotionen in großen Mengen von Text; anschließend werden sie qualitativ überprüft und vertieft. Die gewählten Methoden sind transparent, etabliert und prinzipiell gut replizierbar. 

Chamberlain/Madsen (2025) führen eine systematische Literatursuche durch und werten die gefundenen Studien sowohl qualitativ als auch quantitativ aus. Diese Vorgehensweise stellt sicher, dass nahezu alle relevante Forschung berücksichtigt wird und spätere Analysen den gleichen Ansatz verfolgen können.

Beide Studien durchliefen ein wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren, das methodische Sorgfalt, inhaltliche Vollständigkeit und die logische Konsistenz der Argumentation prüft. 

Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?

Meyer et al. (2025) zeigen deutliche Unterschiede darin auf, wie deutsche Medien über Fridays for Future (FFF) und die Letzte Generation (LG) berichten. Während FFF meist in Zusammenhang mit ihren Forderungen und politischen Zielen dargestellt wird, „konzentrieren sich bei der Berichterstattung über die Letzte Generation jedoch alle Medien hauptsächlich auf die Frames ‚Extremismus‘ und ‚Kriminalität’”, so die Autor:innen der Studie. Dadurch verschiebt sich der Blick weg von den Anliegen der Protestierenden hin zu der Frage, ob die Proteste legitim sind, und oft werden diese direkt als illegitim dargestellt.

Zugleich verdeutlicht die Studie, wie stark sich die Berichterstattung zwischen verschiedenen Medien unterscheidet. Besonders politisch rechts orientierte, populistische und Boulevard-Medien stellen die Proteste als kriminell und extremistisch dar. Laut der Auswertung greifen die konservativen oder rechts orientierten Medien FAZ, Bild, Junge Freiheit und Tichys Einblick am stärksten auf Wut als Emotion zurück, auch sprachlich — auch wenn sie über Fridays for Future berichten.

Bei der Berichterstattung über FFF hingegen wird das Anliegen der Protestierenden zumindest in den Qualitätsmedien thematisiert („Klimagerechtigkeits-Frame“), während rechts-populistische Medien jegliche Klimaproteste kriminalisieren.

Protest der Letzten Generation am Potsdamer Platz

Aktivistin der Letzten Generation bei einem Protest am Potsdamer Platz in Berlin im Oktober 2023; Foto: Stefan Müller.
 

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine andere Untersuchung der sozialen Medien von Hendrik Meyer et.al. (2025b): Protestformen, die den Alltag bewusst stören, wie etwa Klebe-Aktionen der Letzten Generation, rufen deutlich stärkere Reaktionen hervor und führen auf der Plattform X zu einer großen Polarisierung. Diese verläuft asymmetrisch: Vor allem rechte Online-User verbreiten abwertende Frames und toxische Sprache. 

Für die Klimakommunikation ist wichtig: Diese mediale „Rahmung“ beeinflusst, worüber die Öffentlichkeit spricht. Wenn die Protestform zum Hauptthema wird, geraten die Inhalte aus dem Blick.

Radikale Proteste: nicht immer schlecht fürs Thema

Laut der Übersichtsstudie von Chamberlain und Madsen (2025) zum sogenannten radikalen Flankeneffekt kann das Auftreten radikaler Gruppen moderate Aktivist:innen sowohl stärken als auch schwächen — selten bleibt es beim Status Quo.

Viele Studien finden positive Effekte: Moderate Forderungen wirken im Vergleich vernünftiger, realistischer und anschlussfähiger, wenn gleichzeitig radikalere Stimmen präsent sind. Allerdings hängt der Flankeneffekt stark von den Taktiken der radikalen Gruppe ab. Besonders beim Einsatz von Gewalt „scheint ein negativer radikaler Flankeneffekt wahrscheinlicher zu sein” (Chamberlain/Madsen 2025, S.16). Die so entstehende Ablehnung trifft oft nicht nur die radikale Gruppe selbst, sondern schwappt auch auf moderate Akteur:innen über.

 

Entscheidend ist, wie in der Gesellschaft die Protestform wahrgenommen wird.

 

Entscheidend ist, wie in der Gesellschaft die Protestform wahrgenommen wird. Radikale Gruppen müssen nicht gemocht oder unterstützt werden, um einen positiven Effekt auf die Wahrnehmung moderater Strömungen zu haben. Es reicht, wenn ihre Anliegen als nachvollziehbar gelten und ihre Aktionen nicht als Überschreitung moralischer Grenzen – zum Beispiel Gewalt gegen Personen – wahrgenommen werden.

Der Erstautor der Studie, Hendrik Meyer, sagt dazu im Interview: „In Deutschland scheinen die Aktionen der Letzten Generation eher zu negativen Ergebnissen geführt zu haben. Möglicherweise stellen Straßenblockaden, die sich gegen die heilige Kuh Auto richten, hierzulande eine ähnliche Grenzüberschreitung dar wie sie sonst nur Gewalt zugeschrieben wird. Auch haben viele Medien, vor allem rechts der Mitte, negative Frames und polarisierende Sprache bei der Berichterstattung über Protest verwendet. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass das direkten Einfluss auf die Wahrnehmung der Bewegungen hatte.” 

Wie über die verschiedenen Gruppierungen berichtet und diskutiert wird, spielt also eine zentrale Rolle: Legitimität wird im öffentlichen Diskurs verhandelt — und Nachrichtenmedien sind dabei ein zentraler Akteur. 

Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?

Für die Klimabewegung

Protestierende sollten nicht nur auf maximale Aufmerksamkeit setzen, sondern die Frage mitdenken, wie ihre Aktionen im öffentlichen Diskurs bewertet werden. Eine Protestform, die als legitim wahrgenommen wird, erhöht die Chance, dass Inhalte statt Konflikte im Mittelpunkt stehen.

Es kann zudem hilfreich sein, regelmäßig zu prüfen, ob eine Taktik weiterhin gesellschaftlichen Rückhalt erfährt, oder ob sie negative Reaktionen auslöst. Ein bewusster Taktikwechsel – wie der Neustart der Letzten Generation als „Neue Generation“ – kann ermöglichen, alte Deutungsmuster zu durchbrechen und den Fokus wieder auf die Anliegen zu lenken.

Über verschiedene Gruppen hinweg kann es sinnvoll sein, gemeinsame Botschaften zu betonen. Wenn radikale und moderate Gruppen ähnliche Missstände hervorheben, profitieren alle davon: Radikale erzeugen Aufmerksamkeit, und moderatere Akteur:innen können diese leichter in konstruktive Gespräche übersetzen.

Für den Journalismus

Journalist:innen sollten durch ihre Berichterstattung ermöglichen, dass die Öffentlichkeit über die Legitimität verschiedener Protestformen kritisch diskutieren kann. Diesen Aspekt zum hauptsächlichen Fokus der Berichterstattung zu machen, kann aber dazu führen, dass polarisierte Debatten mit wenig Bezug zum Thema Klimawandel in den Vordergrund treten.

Auch die Wortwahl spielt eine Rolle. Emotionalisierende oder eskalierende Formulierungen bewusst zu reduzieren, kann Polarisierung mindern. Hilfreich ist eine stärkere inhaltliche Einordnung: Welche Ziele verfolgen die Gruppen, und wie begründen sie ihr Handeln? Durch die Rückkehr zur Sachebene können Medien verhindern, dass Emotionen die Berichterstattung und den öffentlichen Diskurs dominieren.

 

„Journalist:innen sollten sich der Begriffe und Deutungsrahmen bewusst sein, die sie in ihrer Berichterstattung verwenden.“
Prof. Michael Brüggemann

 

„Journalist:innen sollten sich der Begriffe und Deutungsrahmen bewusst sein, die sie in ihrer Berichterstattung verwenden“, sagt Professor Michael Brüggemann vom Lehrstuhl Klimakommunikation der Universität Hamburg. „Wer von seinen demokratischen Rechten Gebrauch macht und sich für Klimaschutz engagiert, ist weder kriminell und sollte auch nicht als ‚Klimakleber‘ diffamiert werden. Protestierende müssen bei der Wahl ihrer Mittel aber durchaus überlegen: Womit können wir Menschen überzeugen, ohne vor allem Backlash zu provozieren?“ 

Für die Gesellschaft

Menschen, die Klimathemen vermitteln oder diskutieren, können helfen, die gesellschaftliche Debatte zu versachlichen, indem sie den Blick wieder auf die Themen statt auf die Taktiken lenken. Oft reicht schon die Frage: „Worum ging es den Protestierenden eigentlich?“

Es kann außerdem nützlich sein, auf moderatere Gruppen oder lokale Initiativen zum Klimaschutz hinzuweisen. Über Aktionen wie einen autofreien Tag in der Gemeinde fällt ein Einstieg ins Engagement leichter. Viele Menschen reagieren offener, wenn sie solche niedrigschwelligen Alternativen sehen – und sich nicht mit den Aktivist:innen, deren Vorgehen sie möglicherweise ablehnen, identifizieren müssen.

Zum Weiterlesen

In unserem Handbuch Klimakommunikation gibt es ein ganzes Kapitel zur Relevanz von "Framing": Beim Kommunizieren sollten Klimaschutzakteure ihre Worte sorgfältig wählen und an ihren Aussagen feilen. Dabei kommt es oft auch darauf an, was nicht gesagt wird – aber dennoch mitschwingt. Die Assoziationen zu bestimmten Begriffen können das Ziel von Kommunikation untergraben oder – gekonnt eingesetzt – dabei helfen, es zu erreichen. Direkt zum Download von Kapitel 6 des Handbuch Klimakommunikation.

Meyer, H., Pröschel, L. & Brüggemann, M. (2025b): From Disruptive Protests to Disrupted Networks? Analyzing Levels of Polarization in the German Twitter/X Debates on “Fridays for Future” and “Letzte Generation”. Social Media + Society, 11(2). https://doi.org/10.1177/20563051251337400 

Die besprochenen Studien

Chamberlain, M. C. R., & Madsen, O. J. (2025). Rebels With a Cause: Public Attitudes on Radical Protest Actions A Review of Empirical Evidence of Radical Flank Effects. Human Arenas. https://doi.org/10.1007/s42087-025-00485-y

Meyer, H., Farjam, M., Rauxloh, H., & Brüggemann, M. (2025). From disruptive protests to disrupted news frames: Comparing German news on climate protests. Journalism, 14648849251372805. https://doi.org/10.1177/14648849251372805