Überall Krise? Junge Menschen setzen sich im Werra-Meißner-Kreis für eine lebendige, regenerative und sozial gerechte Region ein, statt den Kopf in den Sand zu stecken. Foto: Robin Dircks/ Fuchsmuehle.org
Laufend erarbeitet die Sozialforschung wertvolle Erkenntnisse, die bei einer wirksameren Klimakommunikation helfen können. In dieser Rubrik von #DebattenKLIMA stellen wir jeden Monat eine besonders herausragende Publikation vor. Dafür bringen Mitglieder des Climate Communication Lab (Leitung: Prof. Dr. Brüggemann, Universität Hamburg) ihre Expertise ein. Auf dem Blog ClimateMatters.de des Lehrstuhls erscheint auch eine englischsprachige Version dieses Artikels.
Welcher Frage gehen die Studien nach?
Dass sich mit einem belastenden Thema wie dem Klimawandel zu beschäftigen negative Auswirkungen haben kann, ist klar. Aber gilt zwangsläufig, dass mehr Nachrichten über die Krise zu Stress und Burnout führen? In der heutigen Ausgabe der „Studie des Monats“ besprechen wir zwei Studien zu diesem Thema:
Joshua Carlson (2025) untersucht, ob Nachrichten zum Thema Klimaschutz dazu beitragen können, die negativen Seiten der Klimaangst („climate anxiety“) zu bekämpfen.
Lucy Bird et al. (2024) beschäftigen sich mit dem Thema „Klima-Burnout”. Diesen definieren die Forscher:innen als ein Gefühl der Erschöpfung bezüglich des Themas, sowie ein Ausklinken aus den Bestrebungen Klimaschutz voranzutreiben (Englisch : disengagement). Bird et al. gehen der Frage nach, ob utopisches Denken oder Pragmatismus helfen können, Klima-Burnout zu bekämpfen.
Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?
Beide Studien sind experimenteller Natur. Teilnehmende wurden rekrutiert und zufällig unterschiedlichen Stimuli ausgesetzt, z. B. indem sie gewisse Informationen erhielten oder Aufgaben erfüllen mussten.
Durch die zufällige Zuweisung und die Verwendung von Kontrollgruppen (die keine oder „neutrale“ Aufgaben erfüllen mussten oder Informationen erhielten) erlangen die experimentellen Studien eine hohe kausale Aussagekraft. Es lässt sich also mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass die unterschiedlichen Stimuli für Unterschiede zwischen den Gruppen verantwortlich sind.
Der Nachteil experimenteller Studien liegt meist darin, dass es schwierig sein kann, die Stimuli aus dem Versuchssetting in die „echte Welt“ zu übersetzen. Auch ist die Frage, ob die Effekte bestehen bleiben, wenn Menschen ähnliche Stimuli in einem weniger kontrollierten Umfeld erhalten, wenn sie zum Beispiel am Handy Nachrichten lesen. Nichtsdestotrotz sind die Ergebnisse oft gute Anhaltspunkte für reale Zusammenhänge.
Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?
In der Studie von Carlson (2025) wird der positive Effekt eines Aufmerksamkeitstrainings festgestellt. Hierbei werden die Teilnehmenden mit Hilfe eines Computerprogramms darauf trainiert, Fotografien von Klimaschutzmaßnahmen (wie Windräder oder elektrische Fahrzeuge), schnell zu identifizieren.
Die Teilnehmenden mit Training zeigen im Anschluss geringere Werte an Klimaangst im Vergleich zu denen, die kein solches Training durchgemacht haben.
Ein besonders bemerkenswerter Aspekt hierbei ist, dass „das Aufmerksamkeitstraining nicht dazu führte, dass die Besorgnis zurückging oder die Teilnehmenden anders darüber dachten, was sie selber zum Klimaschutz beitragen können“ (S. 4). Es entsteht also nicht der Eindruck, dass das Thema bereits gelöst wäre oder keine Anstrengungen mehr notwendig wären – die „adaptive“, also dem Thema angemessene Komponente der Angst bzw. Besorgnis, bleibt also bestehen.
Bird et al. (2024) beschreiben die Ergebnisse mehrerer Experimente mit dem gemeinsamen Ziel, verschiedene Interventionen zu testen, um gegen „Klima-Burnout” resilienter zu werden.
Dabei konzentrieren sich die Experimente auf die Aspekte „utopisches Denken“ und „Pragmatismus“. Die Teilnehmenden wurden entweder dazu aufgefordert, eine gewisse Zeit damit zu verbringen, eine positive Klimautopie zu entwerfen, oder die pragmatischen Schritte zu beschreiben, die zu einer positiven Klimazukunft führen könnten.
Bird et al. (2024) berichten sehr unterschiedliche Ergebnisse ihrer Interventionen. Ein Fokus auf utopisches Denken allein scheint keine konsistenten Effekte zu erzielen, was daran liegen könnte, dass die „Diskrepanz zwischen Realität und Utopie die eigentlich positiven Auswirkungen utopischen Denkens aufheben kann“ (S. 10).
Im Gegensatz dazu scheint ein Training in Pragmatismus vor allem die Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Thema zu reduzieren (auch wenn der Effekt auf die Themenmüdigkeit vernachlässigbarer zu sein scheint). Dies mag laut Bird et al. (2024) daran liegen, dass „der Fokus auf spezifische Ziele und Schritte und die Planung einzelner Handlungen besonders motivierend und ansprechend ist“ (ebd.).
Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?
Das wichtigste Take-away ist: Die Beschäftigung mit Klimaschutz und das Aktiv-Werden in Sachen Klimakrise sind eindeutig positiv. Sie kann dazu führen, dass die Belastung durch das Thema zurückgeht, ohne dabei dessen Relevanz zu untergraben.
Louisa Pröschel, Forschende im Bereich Klimakommunikation an der Universität Hamburg, sagt dazu: „In der Klimakommunikation gibt es immer wieder eine Diskussion darüber, dass eventuell nicht zu konstruktiv berichtet werden sollte, um den Eindruck zu vermeiden, es müsste nichts mehr getan werden. Diese Studien zeigen, dass diese Besorgnis wahrscheinlich unbegründet ist.“
Wenn es darum geht, Menschen dazu zu motivieren, weiter persönlich beim Klimaschutz engagiert zu bleiben (sei es politisch oder durch individuelle Handlungen), scheint pragmatisches Denken gut zu funktionieren – jedenfalls besser als die Beschäftigung mit utopischen Vorstellungen positiver Klimazukünfte.
Was tun bei Klimamüdigkeit? Neue Studien zeigen: Aktiv-Werden in Sachen Klimaschutz hilft eindeutig gegen Erschöpfung.
Laut Dr. Mike Farjam lässt sich dieser Effekt wahrscheinlich durch ein erhöhtes Gefühl der Selbstwirksamkeit erklären: „Wer daran glaubt, selbst etwas erreichen zu können, ist eher gewillt, Informationen aufzunehmen und auch etwas zu tun. In den Medien nehmen diese Botschaften erfreulicherweise etwas zu, vor allem in Deutschland.“
Prof. Michael Brüggemann (Universität Hamburg) warnt aber davor, die Auseinandersetzung mit positiven Zukunftsvisionen komplett zu verwerfen: „Ich bin der Meinung, dass weitere Studien sinnvoll wären, die sich vor allem mit der Kombination beider Ansätze – Pragmatismus und utopisches Denken – beschäftigen.“
Auch Bird et al. (2024) halten fest: „Eine überwältigende To-Do-Liste anzulegen kann genauso demotivierend sein wie eine nie erreichbare Zukunft zu entwerfen.“ Möglicherweise lassen sich die besten Ergebnisse erzielen, wenn beide Aspekte zu einem gewissen Grad zum Einsatz kommen – zum Beispiel, indem die nächsten drei selbst umsetzbaren Schritte beschrieben werden und im Anschluss das Bild einer Gesellschaft entworfen wird, in der alle diese Schritte durchgeführt haben.
Die Studien
- Bird, L. H., Thomas, E. F., Wenzel, M., & Lizzio-Wilson, M. (2024). Thinking about the future: Examining the exacerbating and attenuating factors of despair-induced climate burnout. Journal of Environmental Psychology, 98, 102382. https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2024.102382
- Carlson, J. M. (2025). Increased attention to climate change mitigation approaches leads to lower levels of climate anxiety. Discover Psychology, 5(1), 179. https://doi.org/10.1007/s44202-025-00490-w