Menschen auf Asphalt

Während nur etwa vier Prozent der Menschen für Klimaschutzzwecke spenden, glaubten die Teilnehmenden einer neuen Studie, es seien 23 Prozent. Wer die echte Zahl erfährt, spendet deshalb aber nicht weniger. Foto: Ryutaro Tsukata / Pexels.com

Welcher Frage gehen die Studien nach? 

Beide hier diskutierten Arbeiten beschäftigen sich mit dem sozialpsychologischen Phänomen der „pluralistischen Ignoranz“ (Englisch: "pluralistic ignorance"; manchmal wird auch der Begriff "perception gap" verwendet, also "Wahrnehmungslücke"). Viele Menschen unterschätzen, wie verbreitet Meinungen innerhalb einer Gruppe wirklich sind – zum Beispiel, wie viele andere sich ebenfalls Sorgen um den Klimawandel machen. Es entsteht der Eindruck, mit den Sorgen allein zu sein – und deshalb sagen wir häufig lieber nichts. Das Schweigen der anderen bestätigt wiederum genau diesen Eindruck.

Eine solche Verzerrung kann in manchen Zusammenhängen dazu führen, dass sich Entscheidungen und Handlungen Einzelner von einem falschen Bild der Mehrheit leiten lassen.

Sandra Geiger et al. (2025) untersuchen anhand eines großen internationalen Datensatzes, wie weit verbreitet pluralistische Ignoranz in Bezug auf den Klimawandel und klimapolitische Einstellungen weltweit ist. Zudem prüfen die Autor:innen, ob aufklärende Informationen über den tatsächlichen Konsens innerhalb eines Landes die Unterstützung für Klimapolitik oder das eigene klimafreundliche Verhalten stärken.

Kevin Tiede et al. (2026) drehen den Spieß um und analysieren Fehleinschätzungen bei eher selten vorkommenden klimafreundlichen Handlungen. Sie untersuchen beispielsweise, wie viele Menschen tatsächlich eine Verfassungsbeschwerde zum Klimaschutz unterstützen oder für Klimaschutzorganisationen spenden – und wie hoch die Bevölkerung diese Beteiligung schätzt.

Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist die belastbar?

In beiden Publikationen werden methodisch sauber durchgeführte psychologische Befragungen und Experimente diskutiert. Ein wesentlicher Qualitätsfaktor beider Studien liegt darin, dass die Erhebungen und Auswertungsverfahren vorab „präregistriert” wurden. Durch diese verbindliche Hinterlegung des Forschungsplans wird garantiert, dass auch statistisch nicht-signifikante oder „negative“ Ergebnisse transparent publiziert werden und nicht in privaten Archiven verschwinden. Diese Vorab-Registrierung von Studien erhöht insgesamt die wissenschaftliche Belastbarkeit gezogener Schlüsse erheblich.

Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Fehleinschätzungen über die Einstellungen und Handlungen anderer weit verbreitet sind, die bloße Aufklärung darüber aber an Grenzen stößt:

Geiger et al. (2025) belegen, dass die Haltung der klimaskeptischen Minderheit international systematisch überschätzt wird: „Menschen in allen elf [untersuchten] Ländern haben die Verbreitung dieser aktuellen Minderheitenmeinung erheblich überschätzt“ (S. 436). Die Präsentation der tatsächlichen Mehrheitszahlen hat laut Geiger et al. aber kaum Auswirkungen auf die eigene Einstellung oder die persönliche Handlungsbereitschaft. Es zeigt sich lediglich ein kleiner positiver Effekt auf die Bereitschaft, die eigene klimafreundliche Haltung öffentlich zu teilen.

Dr. Anne Reif (Universität Hamburg) ordnet diesen Befund ein: „Dies deckt sich mit der kommunikationswissenschaftlichen Theorie zur ‚Schweigespirale‘: Menschen, die ihre Meinung nicht öffentlich vertreten sehen, tragen diese auch weniger wahrscheinlich nach außen“ — was wiederum dazu führt, dass diese weniger sichtbar ist.

Tiede et al. (2026) zeigen im Gegenzug, dass auch selten vorkommende Handlungen – wie etwa Geldspenden für den Klimaschutz – stark überschätzt werden. Zwar spenden in der Realität nur wenige Menschen tatsächlich für Klimaschutzzwecke (in der Studie waren dies ca. vier Prozent), aber viele Befragte glauben fälschlich, dass andere dies relativ oft tun (die Teilnehmenden schätzen diese Zahl auf 23 Prozent).

Tiede et al. erklären diese Fehlwahrnehmung mit der psychologischen „Regression zur Mitte“ (Englisch: regression to the mean): Bei der Schätzung von Prozentsätzen neigen Menschen dazu, kleine Anteile zu überschätzen und große Anteile zu unterschätzen. Aber auch hier gilt: Das Kommunizieren der tatsächlichen Prozentsätze (also auch der tatsächlich Kleineren) verändert das eigene Handeln nicht. Wer also erfährt, dass lediglich vier Prozent der Bevölkerung spenden, spendet deshalb selbst nicht weniger häufig.

Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?

Eine rein korrigierende Kommunikation über tatsächliche Mehrheitsverhältnisse entfaltet also kaum Wirkung auf das eigene Handeln – selbst wenn Menschen ihre mathematische Vorstellung korrigieren. Und obwohl sich Handlungsabsichten verändern können, bleibt das Problem der sogenannten „Intention-Behavior-Gap” bestehen: Die Lücke zwischen Absicht und Handeln verkleinert sich nicht.

Dr. Mike Farjam (Universität Hamburg) betont: „Menschen sind durch ganz vielseitige Faktoren zu Verhalten motiviert. Das Wissen über soziale Normen ist da nur einer unter vielen, und daher ist nicht zu erwarten, dass es viel ändern würde, nur diese Stellschraube zu bearbeiten.“

Alternative Kommunikationsstrategien

Hat es also gar keinen Sinn, weiter über die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse beim Glauben an den Klimawandel zu kommunizieren? Die hier diskutierten Studien scheinen ja klar zu zeigen, dass sich damit Menschen schwer motivieren lassen, selbst mehr zu tun.

Prof. Michael Brüggemann von der Universität Hamburg warnt aber davor, Botschaften über die öffentliche Meinung voreilig für bedeutungslos zu erklären: „Viele Medieneffekte sind erstmal sehr klein, und scheinen bei einzelnen Experimenten nahe Null. Erreichen Menschen aber über längere Zeiträume wiederholt die gleichen oder ähnliche Botschaften, kann das schon zu Veränderungen führen. Hier fehlen uns zum Teil einfach die notwendigen Daten, um diese möglichen Veränderungen wirklich zu überprüfen.“

 

„Viele Medieneffekte sind erstmal sehr klein. Erreichen Menschen aber über längere Zeiträume wiederholt die gleichen oder ähnliche Botschaften, kann das schon zu Veränderungen führen.“ – Prof. Michael Brüggemann

 

Es kann also langfristig durchaus sinnvoll sein, über die Mehrheitsverhältnisse aufzuklären. Und auch wenn diese Botschaften nicht direkt Handlungen beeinflussen, bilden sie möglicherweise die Grundlage für weitere Nachrichten oder andere Anreize, die direkt zu mehr Handlungen führen können.

Die Autor:innen beider Studien bieten auch Alternativen an, die genutzt werden können, um die Lücke zwischen Wissen, Einstellung und Handeln wirksam zu schließen. Tiede et al. schlagen eine Reihe konkreter, evidenzbasierter Strategien vor:

Klimafreundliches Verhalten erleichtern: Barrieren abbauen, indem klimafreundliche Optionen so einfach und bequem wie möglich gestaltet sowie finanziell gefördert werden (zum Beispiel: gute Radinfrastruktur und Öffentlicher Verkehr).

Politische Unterstützung stärken: Akzeptanz für politische Maßnahmen durch gerechte Ausgestaltung, transparente Erklärungen sowie das Aufzeigen von Wirksamkeit und konkretem Zusatznutzen (co-benefits) erhöhen (mehr zum Thema in diesem Klimafakten-Text).

Spendenbereitschaft fördern: Bei der Einwerbung von Mitteln oder Spenden gezielt herausstellen, welche konkrete Wirkung und welchen Einfluss der finanzielle Beitrag entfaltet.

Bei all diesen Strategien hat (Klima-)Kommunikation auch wieder eine Rolle zu spielen: zum Beispiel, indem die Einfachheit der klimafreundlichen Optionen vermittelt wird oder erklärt wird, wieso eine politische Maßnahme fair ist.

Die Studien

Sandra Geiger, Köhler, J. K., Delabrida, Z. N. C., Garduño-Realivazquez, K. A., Haugestad, C. A. P., Imada, H., Iyer, A., Maharja, C., Mann, D. C., Marczak, M., Melville, O., Nijssen, S. R. R., Powdthavee, N., Praptiwi, R. A., Ranade, G., Rosa, C. D., Vitale, V., Winkowska, M., Zhang, L., & White, M. P. (2025). What We Think Others Think and Do About Climate Change: A Multicountry Test of Pluralistic Ignorance and Public-Consensus Messaging. Psychological Science, 36(6), 421–442. https://doi.org/10.1177/09567976251335585

Tiede, K. E., Maur, K., & Betsch, C. (2026). People systematically under- and overestimate public engagement in climate action. Nature Climate Change, 16(7), 774–780. https://doi.org/10.1038/s41558-026-02668-z