„Es ist Freitag, die ganze Woche habe ich schlecht geschlafen. Ich weiß nicht, ob es an dem ausgeprägten Interesse meines Mittleren an allem liegt, was mit Feuerwehr zu tun hat. Rollenspiele drehen sich um brennende Häuser, und auch die Recherchen für mein Buch sind manchmal kein Ponyhof. In meinen Träumen warten Brände, Mangelernährung und Krankheiten auf meine Kinder und ich brauche keine Traumdeutung, um herauszufinden, dass es Ängste sind, die meine Kinder im Traum sterben lassen.”
So beginnt das Kapitel „Die Klimakrise und ihre Gefahr für Kinder" in meinem Buch Kindheit am Kipppunkt. Ängste, die meine eigenen ebenso wie die vieler anderer Eltern abbilden, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe. Sie sind nicht irrational, sondern begründet. Denn die Klimakrise ist längst eine akute Gesundheitskrise – und Kinder gehören zu ihren verletzlichsten Opfern.
Für vieles fehlt in der Debatte das Bewusstsein – für die Gefahren hitzebedingter Krankheiten und Todesfälle, das Fehlen sauberer Luft, sicheren Trinkwassers und einer ausreichend gesunden Ernährung, für die Gefahren von heftigeren Extremwetterereignissen und allergischen Erkrankungen genauso wie für die zunehmende Verbreitung von Krankheiten, die durch Mücken oder Zecken übertragenen werden oder für psychischen Belastungen durch die Klimakrise. Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres Problem: Unser über Jahrzehnte entstandenes Kinderschutzsystem ist auf diese Form der Gefährdung nicht vorbereitet.
Ökologische Gewalt: Die Gefährdung, die niemand sieht
Wenn wir von Kindeswohlgefährdung sprechen, denken wir an Vernachlässigung, an häusliche Gewalt, an Missbrauch. Die Zahlen sind alarmierend: 2025 erreichten die Meldungen von Kindeswohlgefährdung in Deutschland Rekordwerte. Doch eine Form der Gefährdung taucht in diesen Statistiken nicht auf: die ökologische Gewalt. Ein solcher erweiterter Gewaltbegriff ist keineswegs neu. Bereits um 1900 machten Künstler und Publizisten auf die zerstörerischen Lebensbedingungen von Kindern in den Berliner Mietskasernen aufmerksam. Der Zeichner Heinrich Zille dokumentierte in seinen sozialkritischen Milieustudien Enge, Schmutz und Verwahrlosung der Arbeiterquartiere, während Harry Graf Kessler 1920 mit seiner Schrift „Die Kinderhölle in Berlin“ die öffentliche Debatte über die Lebensbedingungen armer Kinder anfachte. Diese Auseinandersetzungen prägten die sozialreformerischen Debatten der Weimarer Republik wesentlich mit. Der heutige Begriff struktureller oder ökologischer Gewalt existierte damals zwar noch nicht, die dahinterstehende Problembeschreibung jedoch sehr wohl.
Die Sozialwissenschaftlerin Barbara Schramkowski brachte 2021 in einem Aufsatz den Begriff in die Debatte ein: „Ökologische Gewalt als Kindeswohlgefährdung?“. Der Begriff knüpft an ältere Konzepte wie Johan Galtungs „strukturelle Gewalt“ sowie neuere Ansätze wie Rob Nixons „slow violence“ an, die Umweltzerstörung als gesellschaftlich verursachte Form von Schädigung und Gewalt begreifen. Schramkowski beschreibt eine Gewaltdimension, die nicht von Menschen aus dem sozialen Umfeld der Kinder ausgeht, sondern daraus resultiert, „dass Ökosysteme von Menschen so stark ausgebeutet und zerstört werden, dass sie (in absehbaren Zeiträumen) nur noch eingeschränkt (oder auch gar nicht mehr) überlebenswichtige Ressourcen wie saubere Luft oder gesunde Nahrung spenden können."
Diese Definition erleben wir bereits: So sind beispielsweise 97 Prozent der städtischen Bevölkerung in Europa einer Feinstaubbelastung ausgesetzt, die weit über den WHO-Richtwerten liegt. Neun Prozent der Minderjährigen in Europa leiden bereits an chronischem Asthma. Die Soziologieprofessorin Gesa Lindemann fordert 2022 in der ZEIT mit Blick auf staatliche Zwangsmaßnahmen gegen zivilen Ungehorsam bei Klimaprotesten: „Wenn wir von ökologischer Gewalt sprächen, wäre die Staatsgewalt in gleicher Weise gefordert. Sie müsste gegen die Protagonist:innen der ökologischen Gewalt genauso vorgehen, wie es jetzt gegenüber den Klimaschützer:innen gefordert wird.“
Veronika Rivera: „Eltern können ihre Kinder vor ökologischer Gewalt nicht schützen. Es ist die Politik, die die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Klimakrise endlich als Frage des Kindeswohls begreifen muss." Foto: privat.
Eine Milliarde gefährdete Kinderleben
2021 veröffentlichte das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF den ersten Klima-Risiko-Index für Kinder, mit Ergebnissen, die UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore als „fast unvorstellbar düster" einschätzte; sie sprach von einer „Krise der Kinderrechte". Dem Bericht zufolge leben fast eine Milliarde Kinder, also fast die Hälfte aller Mädchen und Jungen weltweit, in einem der 33 Länder, die als „extrem stark gefährdet" durch die Auswirkungen der Klimakrise gelten.
Auch in Deutschland nehmen die Belastungen zu. Kinderärzt:innen aus Deutschland und Österreich berichteten 2023 über eine Zunahme infektiöser Erkrankungen sowie eine erhöhte Exposition gegenüber Karzinogenen als Folgen der Klimaveränderungen. Studien zeigen: Die Klimakrise belastet neben der körperlichen auch die mentale Gesundheit von Heranwachsenden stark. Ängste, Depressionen und Zukunftssorgen nehmen zu.
Die Klimakrise belastet bereits im Mutterleib. Doch in der Schwangerenvorsorge wird darüber kaum gesprochen.
Im Sommer 2023 war ich mit meinem dritten Kind schwanger. Wir leben im Osten Spaniens, 120 km nördlich von Valencia. An heißen Tagen blieb ich im kühlen Haus, mied die Mittagshitze. Und fragte mich: Reicht das? Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hatte gerade gezeigt, dass mehrere Tage mit Temperaturen über 30 Grad das Risiko für späte Frühgeburten um 20 Prozent steigen lassen – bei über 35 Grad sogar um 45 Prozent. Die Klimakrise belastet bereits im Mutterleib. Doch in der Schwangerenvorsorge wird darüber kaum gesprochen.
Wie präsent ist diese Krise in unserer öffentlichen Wahrnehmung? Wie oft hören wir in den Nachrichten von den gesundheitlichen Folgen der Klimakrise für Kinder? Wie oft wird über Frühgeburten durch Hitzewellen berichtet, über Asthma durch Luftverschmutzung, über Traumata nach Flutkatastrophen?
Viel zu selten. Und kaum jemand spricht in diesem Zusammenhang über Kindeswohlgefährdung.
Warum das Kinderschutzsystem versagt
Unser etabliertes System zum Schutz von Kindern funktioniert bei ökologischer Gewalt nicht. Wenn gewichtige Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen, sind die Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter verpflichtet, gemäß dem Achten Sozialgesetzbuch (Paragraf 8a) eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Dabei werden Schutz- und Risikofaktoren im familiären und sozialräumlichen Umfeld betrachtet. Zentral ist die Betrachtung von „personalen Ressourcen des Kindes“ sowie vorhandenen „Ressourcen und Gefährdungen im Umfeld“. Hierauf basierend wird abgewogen, inwiefern eine Kindeswohlgefährdung besteht und was dies für die weitere Unterstützung der Eltern und des Kindes bedeutet.
„Die Klimakrise ist eine Form der Kindeswohlgefährdung, für die niemand im bestehenden System zuständig ist."
– Veronika Rivera
Doch bei ökologischer Gewalt greifen diese Verfahren nicht – nämlich wenn keine unmittelbar Verantwortlichen für einzelne Gefährdungen benannt werden können. Die Eltern sind in diesem Fall nämlich nicht verantwortlich: Sie können ihre Kinder vor Luftverschmutzung, Hitzewellen oder den psychischen Folgen der Klimakrise nicht schützen. Auch etablierte Unterstützungsangebote wie „Hilfen zur Erziehung“ können keine Abhilfe leisten: Keine Familientherapie der Welt kann Hitzewellen verhindern oder die Feinstaubbelastung senken. Alle Kinder könnten betroffen sein, auch wenn die etablierten Gefährdungsarten wie Vernachlässigung, Misshandlung oder sexuelle Gewalt keine Rolle spielen. Zwar können sozial privilegiertere Kinder besser geschützt werden – aber die Gefährdung besteht grundsätzlich für alle. Barbara Schramkowski fasst zusammen: „Somit sind diese neuen Herausforderungen nicht durch bestehende Institutionen abgedeckt und gängige institutionalisierte Vorgehen der Jugendhilfe, die zur Gefahreneinschätzung und -abwehr das soziale Umfeld fokussieren, passen nicht zu dieser Gefährdungsart."
Diese Erkenntnis ist fundamental. Sie zeigt: Wir haben eine Form der Kindeswohlgefährdung, für die niemand im bestehenden System zuständig ist. Die Jugendämter können nicht helfen. Die Familiengerichte können nicht helfen. Die Hilfen zur Erziehung können nicht helfen. Das gesamte Kinderschutzsystem läuft ins Leere.
Der Staat muss seiner Wächteramt-Pflicht nachkommen
Wenn Eltern ihre Kinder nicht schützen können und die Jugendhilfe nicht helfen kann: wer ist dann zuständig? Schramkowski macht klar: Der Staat muss Verantwortung übernehmen für das sogenannte Wächteramt gegenüber dem Kindeswohl, ein zentraler Begriff der Kinder- und Jugendhilfe. Die politischen Akteure, die den Staat vertreten, sind in der Pflicht, die mögliche Gefährdung des Wohls aller Kinder durch ökologische Gewalt abzuwenden. Konkret bedeutet das: Das Ausmaß an Emissionen muss sehr schnell und deutlich sinken. Ökosysteme müssen vor weiteren Zerstörungen geschützt werden. Wirtschaftsunternehmen müssen klare Grenzen gesetzt werden, wenn sie Umweltschäden externalisieren und die ökologische Ressourcen dadurch kapitalisieren, dass sie sie zerstören.
Denn – und hier wird es rechtlich relevant – mit Blick auf die Bewertungskriterien von Kindeswohlgefährdung kann „mit hinreichender Wahrscheinlichkeit von erheblichen Schädigungen von jungen Menschen und stark eingeschränkten Entwicklungschancen im Vergleich zu vorangehenden Generationen ausgegangen werden." Der unbestimmte Rechtsbegriff des Kindeswohls steht für ein Rechtsgut, „welches das gesamte Wohlergehen eines Kindes oder Jugendlichen und auch seine gesunde Entwicklung umfasst", wie der Kinderschutzexperte Reinhold Schone schreibt. Von einer Kindeswohlgefährdung kann ausgegangen werden, wenn „eine gegenwärtige, in einem solchen Maß vorhandene Gefahr festgestellt wird, dass bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist.", definierte der Bundesgerichtshof (BGH) 2016 zur Kindeswohlgefährdung.
Genau das ist bei der Klimakrise der Fall. Die Gefährdungen, die mit weiterem Nicht-Handeln und einem Temperaturanstieg von über 1,5 Grad einhergehen, lassen sich klar benennen. Der Weltklimarat IPCC hat sie in seinen Berichten ausführlich dokumentiert. Auch das Bundesverfassungsgericht hat 2021 bestätigt: Die bisherige Klimapolitik der Bundesregierung missachtet Generationengerechtigkeit und verletzt Grund- und Freiheitsrechte der jungen Generation. Das Gericht führt an, dass – wenn jetzt zu wenig getan wird – die junge Generation ab 2030 unverhältnismäßig belastet wird. Der Kinderschutzbund DKSB stellte 2025 hierzu fest, dass „nicht nur die Zukunft der Kinder, sondern schon ihre Gegenwart” stark gefährdet seien.
Was braucht es, um die Debatte anzustoßen?
Wer aber sollte die Debatte über Kindeswohlgefährdung durch die Klimakrise führen? Sicherlich nicht die Kinder und Jugendlichen selbst, das wäre eine Form der Parentifizierung. Der Begriff beschreibt eine Rollenumkehr, bei der Kinder Verantwortung für Erwachsene oder für Probleme übernehmen, die außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liegen. Das geschieht, wenn wir von Kindern und Jugendlichen erwarten, dass sie durch ihr Engagement die Klimakrise lösen oder zumindest die öffentliche Aufmerksamkeit dafür schaffen. Fridays For Future hat Enormes geleistet, doch es ist absurd und ungerecht, dass junge Menschen auf die Straße gehen müssen, um ihre grundlegenden Rechte auf eine lebenswerte Zukunft einzufordern.
Es sind auch nicht die Eltern, die diese Gefährdung adressieren müssen. Sie sind ohnehin bereits oft mit der alltäglichen Sorgearbeit, mit strukturellen Hürden und Ungerechtigkeit und der Bewältigung des Alltags überlastet. Sie können ihre Kinder vor ökologischer Gewalt nicht schützen. Keine noch so fürsorgliche Mutter kann die Feinstaubbelastung auf dem Weg in den Kindergarten senken. Kein noch so engagierter Vater kann verhindern, dass Starkregen die Gesundheit seines Kindes gefährdet. Eltern können versuchen, ihre Kinder bestmöglich zu schützen: kühlere Räume aufsuchen, Luftfilter kaufen, psychologische Unterstützung organisieren. Doch all das sind individuelle, symptombezogene Lösungsversuche für ein strukturelles Problem. Und diese Lösungen sind zudem stark vom sozioökonomischen Status abhängig.
„Eltern können ihre Kinder vor ökologischer Gewalt nicht schützen. Es ist die Politik, die die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Klimakrise endlich als Frage des Kindeswohls begreifen muss.“ – Veronika Rivera
Es ist die Politik, die die gesundheitlichen und sozialen Folgen der Klimakrise endlich als Frage des Kindeswohls begreifen muss. Insbesondere Gesundheits-, Familien- und Sozialpolitik stehen in der Pflicht, die Gefährdung von Kindern durch Hitze, Luftverschmutzung, Extremwetter und soziale Ungleichheit öffentlich zu benennen und wirksame Schutzmaßnahmen am Kabinettstisch voranzutreiben.
Wer über die Folgen aufklären muss, sind Kinderärzt:innen und Gesundheitspersonal, die die gesundheitlichen Folgen, wie die Zunahme von Atemwegserkrankungen, Allergien, hitzebedingte Gesundheitsprobleme täglich in ihren Praxen sehen. Sie sind es, die wissenschaftlich fundiert über die medizinischen Zusammenhänge sprechen können. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, wie zum Beispiel Sozialarbeiter:innen oder Mitarbeiterende in Jugendämtern, die mit gefährdeten Familien arbeiten und wissen, wie soziale und ökologische Ungleichheiten zusammenwirken. Fachleute aus Psychotherapie und Traumatherapie, die Kinder nach Katastrophen begleiten und die psychischen Langzeitfolgen von Extremwetterereignissen dokumentieren können. Lehrkräfte und Erzieher:innen, die miterleben, wie Hitze, Luftverschmutzung und Klimaangst den Alltag prägen. Sie sehen, dass Kinder an heißen Tagen nicht mehr konzentriert lernen können, wenn Schulhöfe zu Hitzeinseln werden, wenn Ängste vor der Zukunft den Unterricht überlagern. Forschende aus Sozialarbeit, Pädiatrie, Psychologie, die die Zusammenhänge erforschen und evidenzbasierte Handlungsempfehlungen entwickeln.
Einige dieser Stimmen gibt es bereits. 2023 übergab die AG Pädiatrie der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) ihr Positionspapier „Kinder vor den Folgen der Klimakrise schützen“ an den damaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Das Papier lag 2025 in aktualisierter Fassung vor und fordert weiterhin entschlossenes politisches Handeln zum Schutz der Kindergesundheit. Kinderärzt:innen aus ganz Deutschland warnen in dem Papier: Die Gesundheit von Kindern ist durch die Klimakrise massiv gefährdet. Das Robert Koch-Institut hat im November 2023 seinen umfassenden Sachstandsbericht „Klimawandel und Gesundheit" veröffentlicht. Ein eigener Fachartikel widmet sich der „Kommunikation zu Klimawandel und Gesundheit für spezifische Zielgruppen". Das RKI betont: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung für die Menschheit und fordert, dass Kommunikation zielgruppenspezifisch erfolgen muss. Besonders vulnerable Gruppen wie Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen brauchen angepasste Informationen und Schutzmaßnahmen.
Das Umweltbundesamt hat mit „KlimaBild" Bildungsmodule für die Jugendarbeit entwickelt, die explizit darauf hinweisen: „Kinder und Jugendliche sind besonders vulnerabel gegenüber Umwelteinflüssen und somit auch gegenüber Klimaveränderungen." Die Materialien sollen Fachkräfte dabei unterstützen, mit jungen Menschen über die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels zu sprechen. Eine Studie im Fachjournal „Prävention und Gesundheitsförderung" untersuchte 2024, welchen Schulungsbedarf Fachkräfte in acht verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe haben, um psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu erkennen und präventiv zu arbeiten Die Erkenntnis: Es braucht zielgruppenspezifische Schulungskonzepte – auch zu den psychischen Folgen der Klimakrise.
Doch diese Stimmen dringen selten über die Fachöffentlichkeit hinaus. Sie erreichen bislang nicht die breite Öffentlichkeit, nicht die politischen Entscheidungsträger:innen, nicht die Medien. Positionspapiere werden veröffentlicht, Sachstandsberichte präsentiert, Bildungsmaterialien entwickelt, doch die gesellschaftliche Resonanz bleibt gering. Wenn über Kindeswohlgefährdung berichtet wird, geht es um häusliche Gewalt und Vernachlässigung. Wenn über die Klimakrise berichtet wird, geht es um Emissionsziele und Wirtschaftspolitik.
Die Verbindung – Klimakrise als Kindeswohlgefährdung – wird kaum hergestellt.
Das Schweigen brechen
Ich sitze an meinem Schreibtisch und denke an meine nächtlichen Träume, an die brennenden Häuser, an meine Kinder in Gefahr. Und ich frage mich: Wie viel Wirkung habe ich, wenn ich in einem Sachbuch für Eltern und Bezugspersonen darüber schreibe? Wer hat Macht und Einfluss und könnte für die nächsten Generationen das Wort ergreifen? Müssten nicht über die Fachkräfte und Ärzteschaft hinaus auch die Krankenkassen und Versicherer diese Debatte führen – wenn schon nicht aus moralischen, dann zumindest aus wirtschaftlichen Interessen?
„Die Klimakrise als Kindeswohlgefährdung zu benennen, ist mehr als eine begriffliche Schärfung. Wir brauchen eine Gesellschaft, die anerkennt: Wenn wir Kinder schützen wollen, müssen wir die ökologischen Grundlagen ihres Lebens schützen."
Wir haben ein System, das bei häuslicher Gewalt eingreift – zu Recht. Das bei Vernachlässigung Kinder aus Familien nimmt – zu Recht. Aber bei einer Form der Gewalt, die potenziell alle Kinder betrifft, die ihre Gesundheit, ihre Entwicklungschancen, ihre Zukunft gefährdet, versagt dieses System bisher oder greift ins Leere.
Ich denke an meine drei Kinder. An das Jüngste, das ich im Sommer 2023 unter mir wachsen spürte, während draußen Rekordtemperaturen herrschten. An den Mittleren, der Feuerwehrmann spielen will und nicht ahnt, dass Waldbrände überall in Deutschland zunehmen werden. An meine Große, die jetzt schon unseren Lebensstil hinterfragt, wenn sie den vielen Müll am Strand sieht.
Die Klimakrise als Kindeswohlgefährdung zu benennen, ist mehr als eine begriffliche Schärfung. Wir brauchen eine Gesellschaft, die anerkennt: Wenn wir Kinder schützen wollen, müssen wir die ökologischen Grundlagen ihres Lebens schützen.
Veronika Rivera: Kindheit am Kipppunkt – Wie wir unsere Kinder stärken, die Zukunft gestalten und im Alltag Halt finden. edition Claus Verlag, 2026.