In meinem Lieblingsbuch Die Blechtrommel von Günter Grass entscheidet sich der Protagonist Oskar Matzerath mit drei Jahren gegen etwas, das die meisten von uns nie infrage stellen: das Wachsen. Er beschließt, nicht weiter zu wachsen und damit gegen die Welt der Erwachsenen zu protestieren. Was mir anfänglich nur wie eine skurrile Metapher erscheint, wirkt für mich heute immer weniger absurd.
Ich bin Ingenieur, mein Bruder ist Künstler. Durch seinen Einfluss interessiert es mich, Themen nicht nur aus einem technischen Blickwinkel zu betrachten, sondern auch aus einer künstlerischen Perspektive. Für eine klimagerechte Zukunft reicht es nicht aus, nur bessere Technologien zu entwickeln. Die Kunst hilft uns, zusätzlich zu hinterfragen, welche Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum und Wohlstand unser Handeln prägen.
Was, wenn wir einfach schrumpften, um die planetaren Grenzen zu wahren?; Foto: Steven R. Shook.
Als Teil einer Generation, die mit der Klimakrise als dramatische Realität aufwächst, finde ich mich oft ohnmächtig wieder in festgefahrenen Strukturen. Obwohl die Folgen der Klimakrise immer deutlicher werden, überschreiten wir mit unserem Durst nach Energie und Ressourcen längst viele der planetaren Grenzen – und eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Lieber bohren wir kilometertief in die Erde, um Wärme aus ihrem Innersten anzuzapfen. Wir forschen an Kernfusion, um die Energie einer künstlichen Sonne nutzbar zu machen. Manche erwägen sogar, Millionen Tonnen von Aerosolen in die Atmosphäre einzubringen. Dort sollen sie wie ein gigantischer Sonnenschirm einen Teil der Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren und so den Klimawandel abschwächen.
"Warum vergrößern wir unablässig die Welt, um hineinzupassen, statt selbst einfach kleiner zu werden?"
Immer wieder lautet die Antwort auf Ressourcenknappheit und ökologische Grenzen: mehr Technologie, mehr Energie, mehr Kontrolle über die Natur. Der Erfindungsreichtum scheint keine Grenzen zu kennen, solange er das Wachstum unserer Gesellschaft aufrechterhalten kann. Mehr Wohnraum, größere Autos und immer neue Ansprüche an Komfort gelten vielerorts als Zeichen eines gelungenen Lebens, und wirtschaftliches Wachstum wird grundsätzlich als Prämisse für Wohlstand gesehen. Ganz nach dem Motto: Solange wir wachsen, geht es uns gut.
Doch warum versuchen wir immerfort, die Welt nach unseren Bedürfnissen zu gestalten, anstatt unsere Bedürfnisse an die Welt anzugleichen? Warum sehen wir Wachstum als „Naturgesetz“ und entscheiden uns nicht wie Oskar gegen das Wachsen?
Der geschrumpfte Mensch
Der niederländische Künstler und Kunsthistoriker Arne Hendriks zieht jedoch eine andere Schlussfolgerung. Nicht das Verlangen nach Überfluss stellt er einfrage – im Gegenteil: In seinem Blog „The incredible shrinking man“ fragt er, wie sich Überfluss für alle ermöglichen ließe, ohne die Grenzen des Planeten immer weiter auszudehnen. Warum vergrößern wir unablässig die Welt, um hineinzupassen, statt selbst einfach kleiner zu werden?
Denn ein Teil unseres Ressourcenverbrauchs hängt schlicht mit unserer Körpergröße zusammen, so seine These. Größere Menschen benötigten nicht nur mehr Nahrung, sondern mehr Materialien und mehr Energie insgesamt. Alles andere müsse mitwachsen: Betten, Stühle, Autos, Häuser und Infrastruktur. Und der jetzige Trend ist: Menschen werden immer größer. Würde sich dieser Trend umkehren und die Menschheit schrumpfen, könnte auch ihr Ressourcenbedarf drastisch sinken. Selbst wenn Ressourcen ungerecht verteilt blieben, könnte durch Schrumpfen der Bedarf jedes Einzelnen so stark sinken, dass die vorhandenen Ressourcen auch bei einer kommenden Weltbevölkerung von zehn Milliarden Menschen reichen. Hendriks beteiligt sich somit nicht an der Verzichtsdebatte, sondern legt das Augenmerk auf eine andere Ebene: auf den Körper selbst und die materiellen Voraussetzungen unseres Ressourcenverbrauchs.
Ein durchschnittliches Mittagessen könnte 50 Menschen ernähren, eine einzelne Kaffeebohne würde für eine ganze Tasse Kaffee reichen – wenn wir nur noch 50 Zentimeter groß wären.
Hendriks’ Idee beruht auf einem einfachen physikalischen Prinzip: Wenn ein Körper kleiner wird und seine Form behält, nimmt sein Volumen deutlich schneller ab als seine Länge. Ausgehend davon kommt Hendriks zu dem Schluss, dass – wenn wir nur noch 50 Zentimeter groß wären – lediglich etwa zwei Prozent der heutigen Ressourcen benötigt würden. Ein durchschnittliches Mittagessen könnte 50 Menschen ernähren, eine einzelne Kaffeebohne würde für eine ganze Tasse Kaffee reichen. Wohnraum wäre plötzlich im Überfluss vorhanden. Was heute eine Einzimmerwohnung ist, könnte für eine ganze Familie reichen.
Dieser Überfluss ist für Hendriks nicht nur eine Konsequenz des Schrumpfens, sondern zugleich auch ein möglicher Beweggrund. Vielleicht ist es weniger das Streben nach Wachstum, das uns antreibt, sondern das Sehnen nach einem Gefühl von Fülle, Raum und Komfort. Aus dieser Perspektive ist ein SUV weniger ein Sport Utility Vehicle, sondern eher ein Shrinking Utility Vehicle, das gekauft wurde, um uns klein darin zu fühlen.
Kunst hilft uns, zu hinterfragen, welche Vorstellungen von Fortschritt, Wachstum und Wohlstand unser Handeln prägen.
Obwohl die Technik rasant fortschreitet, sind wir von einer „Schrumpftechnologie“ noch weit entfernt. Also spielt Hendriks durch, mit welchen Mitteln wir uns einer geschrumpften Welt schon heute annähern könnten – und genau hier wird sein Projekt bewusst unbequem. Denn die Werkzeuge, die er auflistet, sind keine Science-Fiction. Es sind Verfahren, die wir längst kennen. Nur nutzen wir sie, um Menschen größer zu machen, nicht kleiner.
Zu 80 Prozent bestimmen Gene die Körpergröße. Somit könnten bewusste Partnerschaften mit kleineren Menschen langfristig zu kleineren Nachkommen führen. Aber auch auf die restlichen 20 Prozent lässt sich durch äußere Umstände Einfluss nehmen, so Hendriks. Die Niederländer waren bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine der körperlich kleinsten europäischen Nationen und sind mittlerweile die „größte“ Nation der Welt. Hendriks, der in Amsterdam lebt, bringt die starke Größenzunahme mit dem gleichzeitig gestiegenen Konsum von Milchprodukten in Verbindung. Milchprodukte enthalten Casein, welches die Produktion von Wachstumshormonen stimuliert. Möchte man diesen Effekt abschwächen, könnte ein Verzicht auf Milchprodukte ein sinnvoller Schritt sein.
Auch die Medizin kann auf die Körpergröße einwirken. Hormontherapien könnten bewusst genutzt werden, um einen Wachstumsstopp hervorzurufen. Präimplantationsdiagnostik könnte eingesetzt werden, um Embryonen auszuwählen, deren genetische Veranlagung eine geringere Körpergröße erwarten lässt. Und spätestens hier hat das Gedankenspiel einen Namen: Eugenik, die Förderung „erwünschter" und Verhinderung „unerwünschter" Erbanlagen.
Wer ein Kind größer machen will, begründet das mit dem Vorteil für dieses Kind. Wer die Menschheit kleiner machen will, begründet es mit dem Nutzen fürs Kollektiv – mit gesparten Ressourcen. Genau diese Unterordnung des einzelnen Körpers unter ein Gesellschaftsziel ist der Kern dessen, was Eugenik historisch so gefährlich gemacht hat. Hendriks' Spiegel zeigt damit die Gefahren seiner Idee, aber auch unsere eigenen Widersprüche auf.
Hendriks' Provokation besteht darin aufzuzeigen, dass die Idee einer Schrumpftechnologie absurder erscheint, als der Versuch, eine zweite Sonne zu bauen.
Denn viele dieser Maßnahmen sind in unserer Gesellschaft schon verbreitet oder noch im Diskurs, nur eben mit der Idee des Wachsens und nicht der des Schrumpfens. Wir akzeptieren bereits Hormonbehandlungen, um Kinder größer zu machen. Auch operative Beinverlängerungen aus rein ästhetischen Gründen sind längst gängige Praxis. Gesellschaftliche Schönheitsideale, die große Menschen bevorzugen, hinterfragen wir kaum.
Genau darin liegt vielleicht das eigentlich Irritierende an Hendriks' Projekt. Weniger absurd als die vorgeschlagenen Maßnahmen ist nämlich deren Umkehrung. Hendriks' Provokation besteht darin aufzuzeigen, dass die Idee des Schrumpfens oder eine zu entwickelnde Schrumpftechnologie absurder erscheinen, als der Versuch eine zweite Sonne zu bauen oder die Atmosphäre in einen planetaren Sonnenschirm zu verwandeln.
Wie geht Schrumpfen im Alltag?
Das Konzept der Suffizienz hinterfragt diesen Wachstumswahn und richtet den Fokus auf eine Wirtschaft des „Genug“. Ein Suffizienz-Ansatz besagt: Anstatt ständig neue Energiequellen zu erschließen, mehr Rohstoffe zu fördern und mehr zu konsumieren, sollten wir unsere Ansprüche an die Grenzen des Planeten anpassen, statt diese zu übernutzen. In der deutschen Politik ist davon bislang wenig angekommen: Erst 2024 forderten Sachverständige im Nachhaltigkeitsbeirat des Bundestages, Suffizienz gleichrangig neben Effizienz und Konsistenz als drittes zentrales Nachhaltigkeitsprinzip anzuerkennen und einen eigenen Transformationsbereich dafür zu schaffen.
Wer sich der Provokation des Künstlers Arne Hendriks aussetzen möchte und das Gefühl eines geschrumpften Lebens im Alltag ausprobieren will, kann mit kleinen Experimenten beginnen. Ein Teelöffel statt eines Esslöffels lässt eine Mahlzeit größer erscheinen. Ein langsamer „Schildkrötenspaziergang“, bei dem ein Fuß direkt vor den anderen gesetzt wird, gibt einen Eindruck für die neuen Distanzen im geschrumpften Körper.