Verschiedene Studien zeigen: Extremwetterereignisse wie lang anhaltende Dürre- und Hitzeperioden können zum „window of opportunity“ für zukunftsweisende Entscheidungen werden. In Phasen hoher Aufmerksamkeit wird es möglich, relevante Veränderungen für mehr Klimaschutz und -anpassung in die Wege zu leiten. Allerdings nur, wenn die Situation kommunikativ genutzt wird.

Hitzewelle über Deutschland

Die Hitzewelle erreichte Mitte August 2026 ihren Höhepunkt, mit mindestens 16.000 Todesopfern. Quelle: ECMWF / meteociel.fr

Laufend erarbeitet die Sozialforschung wertvolle Erkenntnisse, die bei einer wirksameren Klimakommunikation helfen können. In dieser Rubrik von #DebattenKLIMA stellen wir jeden Monat eine besonders herausragende Publikation vor. Dafür bringen Mitglieder des Climate Communication Lab (Leitung: Prof. Dr. Brüggemann, Universität Hamburg) ihre Expertise ein. Auf dem Blog ClimateMatters.de des Lehrstuhls erscheint auch eine englischsprachige Version dieses Artikels.

Welcher Frage gehen die Studien nach? 

Niall McLoughlin et al. (2023) untersuchen, wie Klimakommunikation gezielt auf Hitzewellen reagieren kann, damit Menschen Risiken besser verstehen, und damit sie vorbeugende und schützende Verhaltensweisen annehmen.

Marthe Linda Kirs Wens et al. (2026) bündeln Erkenntnisse der internationalen Dürreforschung, um aufzuzeigen, was Kommunen und Regierungen tun müssten, um Dürrerisiken langfristig zu vermeiden und besser zu managen.

Valeria Di Fant et al. (2026) gehen der Frage nach, wie sich Gelegenheitsfenster für mehr Klimaanpassung systematisch identifizieren und nutzen lassen – von der Zivilgesellschaft, aber auch von Akteuren in der Politik.

Welche Methodik wurde verwendet, und wieso ist diese belastbar?

McLoughlin et al. (2023) stützen sich auf eine Befragung von Fachleuten aus dem Forschungsbereich der Hydrologie (Wasserwissenschaft). Deren Fachwissen ist Grundlage für Empfehlungen zur Verbesserung des politischen Dürremanagements.

Die Arbeit von Wens et al. (2026) ist eine fundierte Übersichtsstudie. Das Autorenteam  nutzt seine jahrelange Expertise im Feld, um zentrale Erkenntnisse zur Hitzekommunikation zusammenzufassen.

Di Fant et al. (2026) kombinieren theoretische Ansätze aus dem Risikomanagement mit systematischer Kausalanalyse, die sich auf eine Vielzahl an Daten (Gesetzestexte, Medienberichte, wissenschaftliche Studien, etc.) stützt. Hierbei bauen sie auf ihr Fachwissen auf, um 34 vergangene, gegenwärtige und zukünftige Gelegenheitsfenster für eine verbesserte Risikoprävention zu identifizieren und analysieren.

Alle Arbeiten wurden wie üblich in renommierten Fachjournalen nach dem Peer-Review-Verfahren geprüft. 

Was sind die Kernbefunde, und warum sind sie relevant für Klimakommunikation?

Hitzewellen richtig einordnen und Vertrauenspersonen schulen

Hitze darf in den Medien nicht länger als Grund zur Freude über „Freibadwetter“ dargestellt werden. Medien müssen Hitze als Gesundheitsrisiko kommunizieren, damit alle es als solches im Bewusstsein verankern (McLoughlin et. al., 2023). Die Kommunikationsforschung zeigt außerdem: Kommunikation wirkt dann am besten, wenn sie Risikobetonung mit konkreter Selbstwirksamkeit verknüpft.

Um die Dringlichkeit der Botschaft zu übermitteln, sind einige Menschen besonders gut geeignet, etwa Menschen aus Pflege- und Gesundheitsberufen oder von Wetterdiensten (engl.: intermediaries). Wie McLoughlin et. al. (2023) betonen: „Es braucht in diesem Bereich auch mehr Training für vielseitige Kommunikatoren, die unterschiedliche Zielgruppen erreichen können“ (S. 4).

Fakten als Kommunikationsgrundlage: Dürreschutz als komplexes, soziales System begreifen

Dürreschutz ist hochkomplex, da Klima, Umweltfaktoren und menschliches Verhalten eng interagieren. Flüsse werden zum Beispiel für die Landwirtschaft, für die Schifffahrt und zur Kühlung von Kraftwerken genutzt — diese Nutzungen stehen insbesondere bei Wassermangel in Konflikt mit den vorhandenen Ökosystemen.

Effektiver Dürreschutz gelingt zudem nur durch ebenenübergreifende politische Zusammenarbeit (EU, Bund, Länder und Kommunen) und den Schutz natürlicher Ressourcen. Wens et al. (2026) halten fest: „Gesunde Ökosysteme sind unerlässlich für den Umgang mit Dürren“ (S. 714).

Nicht zuletzt betreffen Dürren verschiedene Bevölkerungsgruppen ungleich stark, weshalb Anpassungsmaßnahmen soziale Ungleichheiten berücksichtigen müssen.

"Windows of opportunity" nutzen

So sieht ein Gelegenheitsfenster in der Praxis aus: Eine Kommune muss ihre Kanalisation erneuern – ohnehin, turnusmäßig. Jetzt entscheidet sich, ob das alte Rohr eins zu eins ersetzt wird, oder ob Versickerungsflächen und Rückhaltebecken für die Schwammstadt mitgedacht werden. Wer den Moment verpasst, wartet auf den nächsten Erneuerungszyklus: 40 Jahre.

Di Fant et al. (2026) haben 34 solcher Momente in Europa analysiert und fünf Türöffner identifiziert: eine anstehende Sanierung, ein Gesetz im Verfahren, ein offener Fördertopf, eine Technologie, die günstig genug wird – und eine Gesellschaft, die ihre Prioritäten verschiebt (S. 2). Treffen mehrere zusammen, öffnet sich das Fenster weiter.

"Extremereignisse wie der Sommer 2026 wirken als Beschleuniger: Sie können den Druck erhöhen. Ohne öffentliche Aufmerksamkeit schließt sich das Fenster aber wieder." 

Extremereignisse wie der Sommer 2026 wirken dabei als Beschleuniger: Sie können den Druck erhöhen. Ohne Fördermittel, ohne Gesetzesinitiative und ohne anhaltende öffentliche Aufmerksamkeit schließt sich das Fenster aber auch rasch wieder – oft, bevor etwas beschlossen ist.

So betonen Di Fant et al. (2026) mit Hinblick auf die Fridays for Future-Bewegung: „Die sinkende Zustimmung für grüne Parteien bei der Wahl des Europäischen Parlaments 2024 könnte darauf hindeuten, dass sich das wertegetriebene Gelegenheitsfenster gerade schließt.”

Dazu sagt Hendrik Meyer, Forschender im Bereich Klimakommunikation an der Universität Hamburg: „Noch im Mai diesen Jahres wurden Teile der wissenschaftlichen Einschätzungen zur Klimakrise von Mitgliedern der CDU als hysterisch und industrieschädigend abgetan.”

Dies steht im klaren Gegensatz zur offiziellen Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und Klimazielen, die die CDU 2019 einnahm. Es zeigt sich also: politische Parteien folgen öffentlichem Druck in ihren politischen Positionen.

Was lässt sich aus der Studie konkret ableiten für die Praxis?

Zunächst sollte klar gemacht werden, dass es ein Umdenken braucht: Hitze und Dürre sind ernstzunehmende Probleme, die über die im öffentlichen Interesse berichtet werden muss. Im besonders stark von diesen Phänomenen betroffenen Kontinent Europa braucht es neben mehr Klimaschutz auch Fortschritte bei Klimaanpassungsmaßnahmen.

Aus den Befunden lassen sich konkrete Empfehlungen für verschiedene Akteursgruppen ableiten, um Gelegenheitsfenster nach Extremwetterlagen aktiv zu nutzen:

Für die Medien

Sprache und Einordnung schärfen: Medien sollten die ernsten Risiken aus Hitzeperioden in der Berichterstattung nicht unterschlagen. Zu oft werden noch sommerliche Extremtemperaturen durch positive Symbolbilder (z. B. feiernde Menschen am Badesee) verharmlost. In stärker betroffenen Ländern wie Indien sind Medien hier teils schon stärker sensibilisiert, wie beispielsweise die Humangeographin Saffron O’Neill in der Al-Jazeera-Reportage „Too hot too handle? How European news coverage is getting heatwaves wrong” aufzeigt.

Lösungen und Warnungen verbinden: Risikowarnungen sollten immer mit konkreten Handlungsoptionen verknüpft werden. Die Berichterstattung sollte sowohl individuellen Schutz (Sonne meiden, Ältere unterstützen) als auch die Diskussion über politisch notwendige Maßnahmen wie Dürreschutzpläne thematisieren.

Prof. Michael Brüggemann (Universität Hamburg) teilt diese Einschätzung: „Kommunikativ kann die Hitze und die Gefahr für Leib und Leben, die diese mit sich führt, den Klimawandel näherbringen. Im Klartext: Wer aus meiner Familie könnte früher sterben, weil wir keinen hinreichenden Klimaschutz betreiben und uns nicht angemessen auf die Hitze vorbereiten? Journalismus und NGOs könnten auf diese Missstände hinweisen und gleichzeitig Beispiele thematisieren, wie Politik in anderen Ländern, in einzelnen Kommunen oder bei einzelnen Arbeitgebern bereits auf Hitze vorbereitet."

Für die Praxis & Politik

Institutionelle Ebenen vernetzen: Um Dürre- und Wassermangel effektiv vorzubeugen und Hitzeschutzmaßnahmen umzusetzen, müssen politische Entscheidungsebenen von der EU bis zur Kommune eng zusammenarbeiten, und die öffentliche Kommunikation koordiniert werden.

Infrastruktur und Ökosysteme stärken: Investitionen in intakte Ökosysteme sind am wirksamsten gegen Dürrefolgen. Erneuerungszyklen der Infrastruktur sollten vorausschauend für Klimaanpassungen genutzt werden. Dabei sollte sowohl an Hitze-, Dürre-, als auch an Wassermanagement gedacht werden.

Unterschiedliche Kommunikationsakteure einbinden: Um Maßnahmen effektiv umzusetzen, braucht es eine breite Beteiligung der Bürgerschaft. Die Studien zeigen: Verschiedene Zielgruppen lassen sich mit Hilfe unterschiedlicher Vermittler besser ansprechen. Zum Beispiel erreichen Menschen, die beruflich in Streetworking und Sozialarbeit unterwegs sind  Wohnungslose, während Pflegefachkräfte ältere Menschen ansprechen können. Auch Menschen, die nicht Deutsch sprechen, sollten nicht vergessen werden.

Für Klimaschutz-Aktive & Zivilgesellschaft

Öffentlichen Druck aufbauen: Technologische Innovationen allein reichen nicht aus. Extremereignissen bieten für Zivilgesellschaft und Klimaschutz-Aktive einen Anlass, um aus der öffentlichen Bestürzung politischen Druck für reformorientierte Gesetze zu erzeugen. Hierbei reicht es nicht, zu betonen, wie schlimm die Lage ist, um Menschen in der Politik zu bewegen. Vielmehr sollte gezielt dargestellt werden, welche konkreten Maßnahmen gefordert sind: Dürreschutzpläne, die Förderung einer bodenerhaltenden Landwirtschaft, Renaturierung von Flussauen...

Allianzen mit Intermediären suchen: Klimaschutz-Aktive sollten eng mit Praxisakteuren und Betroffenen wie Gesundheitsfachkräften oder Berufstätigen in der Land- und Forstwirtschaft  zusammenarbeiten, da diese als vertrauenswürdige Stimmen in der Breite der Bevölkerung wirken. Auch Forschende aus den verschiedenen Fachbereichen (Hydrologie, Gesundheit, Forst- und Agrarwissenschaften) genießen oft hohes Vertrauen.

Zum Weiterlesen

Die Studien

  • Di Fant, V., Middelkoop, H., De Bruin, K., Petersen, A.-K., Van Den Hurk, B., & Haasnoot, M. (2026). Opportunity windows accelerate action and expand options for climate adaptation in Europe. Communications Earth & Environment, 7(1), 321. https://doi.org/10.1038/s43247-026-03332-2

  • McLoughlin, N., Howarth, C., & Shreedhar, G. (2023). Changing behavioral responses to heat risk in a warming world: How can communication approaches be improved? WIREs Climate Change, 14(2), e819. https://doi.org/10.1002/wcc.819

  • Wens, M. L. K., et al. (2026). Ten key insights and gaps to inform drought risk research, policy and practice. Nature Water, 4(6), 711–721. https://doi.org/10.1038/s44221-026-00651-8