"Zwei Mathematikerinnen am Südpol" - FAZ und PIK starten Forschungsblog

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wissenschaft ist ja eigentlich ein Abenteuer: die Jagd nach Erkenntnis, die manchmal detektivische Suche nach Belegen für eine These, die Freude an Entdeckungen, natürlich die Expeditionen, die in manchen Disziplinen üblich sind... Doch wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse veröffentlichen, geschieht dies in der Regel höchst nüchtern. Fachaufsätze in Wissenschaftszeitschriften, Doktorarbeiten oder auch Pressemitteilungen von Forschungsinstituten sind oft komplett (und absichtsvoll) befreit von aller Faszination und Begeisterung, von jedem Funken menschlichen Gefühls, von allem, was das Objektivitätsgebot der Wissenschaft stören könnte.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) versuchen nun ein Kontrastprogramm: In einem Blog auf der FAZ-Website berichten zwei Mathematikerinnen des PIK, Ronja Reese und Ricarda Winkelmann, live von einer Forschungsreise in die Antarktis. Der erste Teil über die - wie sie selbst es nennen - "Expedition an die Grenzen unserer Zivilisation und an die Grenzen unseres Wissens" ist bereits online.

Reese und Winkelmann sind mit dem Forschungseisbrecher "Polarstern", das vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven betrieben wird, in Kapstadt aufgebrochen. Neben ihnen sind rund 50 weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt an Bord. Normalerweise sitzen die beiden Mathematikerinnen in Potsdam in ihren Büros vor Computern und versuchen in komplizierten Modellen, das Schwinden des antarktischen Eises zu simulieren. "Jetzt aber wollen wir selbst beitragen zum Sammeln eines kleinen Teils der Riesenmenge von Daten, mit denen wir und Fachkollegen weltweit arbeiten", schreiben die beiden.

Blogs wie dieser liefern, was Forschung meist fehlt: Authentizität

"Was wir untersuchen wollen, ist das Leben und Sterben der Eisschollen: Über mehrere Monate hinweg wollen wir ihr Wachsen und Schmelzen aufzeichnen", erklären Reese und Winkelmann. Mit sogenannten "Salz- und Lichtharfen" wollen sie Daten wie Temperatur, Salzgehalt und Eisdicke ermitteln. "Dazu lassen wir die Geräte in Bohrlöchern einfrieren – sie messen dann automatisch alle paar Stunden, was von der Oberfläche bis zur Unterseite einer Scholle passiert. Wenn zum Beispiel neues Eis an der Unterseite entsteht, zeichnen die Drahtpaare der Harfen das auf. Per Satellit erhalten wir diese Daten auf unsere Rechner, selbst wenn wir mit der 'Polarstern' das Südpolarmeer schon längst wieder verlassen haben."

Blogs wie dieser füllen eine Lücke, die in der Klimakommunikation oft schmerzlich klafft: den Mangel an Authentizität. In einer modernen Medienlandschaft, in der Stories häufig personalisiert erzählt werden, hat die nüchterne Wissenschaft einen Konkurrenznachteil: Ihre Akteure werden selten lebendig. Doch das Publikum hält Personen eher für glaubwürdig, wenn es das Gefühl hat, sie zumindest ein wenig zu kennen. Die Menschen hinter der Wissenschaft sichtbar zu machen, kann daher Vertrauen schaffen - und vielleicht dabei helfen, dass Vorwürfe von Betrug und Verschwörung bei der Öffentlichkeit weniger verfangen.

"Eines der möglicherweise größten Dramen der Menschheitsgeschichte"

Die Nasa betreibt deshalb seit bald zehn Jahren den Blog "Earth Right Now", in dem Forscher ganz subjektiv schreiben dürfen und sollen. Die New York Times veröffentlichte drei Jahre lang "Notizen aus dem Feld" auf ihrem Blog "Scientists at Work". Auch verschiedene Kunstprojekte versuchten und versuchen, (Klima-)Forschern ein Gesicht zu geben.

Was zwei Potsdamer Mathematikerinnen auf dem Weg zum Südpol erleben und fühlen, ist also in den nächsten Wochen auf dem FAZ-Blog nachzulesen. Es verspricht spannend zu werden: "Wir sind einem der möglicherweise größten Dramen der Menschheitsgeschichte auf der Spur", so Reese und Winkelmann in ihrem ersten Text: "Das ewige Eis ist in Bewegung, es verliert an Masse, und das lässt in der Zukunft den Meeresspiegel steigen. Im Extremfall um viele Meter weltweit. Das dauert lange, viele hundert Jahre – aber es sind nur wenige Jahrzehnte, in denen die Menschheit derzeit dabei ist, diesen ungeheuren Prozess anzuschieben."

Die jeweils stundenaktuelle Position der "Polarstern" kann man übrigens mit einem Klick hier oder hier herausfinden.

ts

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