March for Science: "Wir sollten uns auch in Deutschland nicht zu sicher fühlen"

Der Klimawandel war das am häufigsten genannte Beispiel für das Leugnen von Fakten beim Berliner "March for Science". Doch die eingängigsten Geschichten vom Wert der Wissenschaft lieferte die Medizin: Sowohl die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger als auch der Naturwissenschaftler Vladislav Nachev berichteten vom Segen der Forschung: Allein der evidenzbasierten Medizin sei es zu verdanken, dass Allmendiger eine Tuberkulose-Infektion überlebte und Nachev eine Blinddarmentzündung – und deshalb überhaupt bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor sprechen konnten.

Um dem Risiko einer allzu großen Schwere der Veranstaltung zu begegnen, hatten die Organisatoren des Berliner Science March den Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar ("Quarks & Co.") als Moderator der Kundgebung gewonnen. Er nutzte die Gelegenheit, den Demonstranten vorzuführen, worauf es beim wissenschaftlichen Arbeiten ankommt: Als er die Schätzung der Veranstalter bekanntgab, bis zu 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien gekommen, schob er hinterher, dass es sich dabei um einen ungesicherten Fakt handele.

Otmar Wiestler, Michael Müller (2. u. 3. von links), Matthias Kleiner und Ranga Yogeshwar (4. u. 5. von rechts) beim Science March

Prominente am Fronttransparent des Berliner "Marsches für die Wissenschaft": Otmar Wiestler, Michael Müller (2. u. 3. von links) sowie Matthias Kleiner und Ranga Yogeshwar (4. u. 5. von links rechts); Foto: Carel Mohn

Die Demonstration war an der Humboldt-Universität gestartet und zog dann zum Brandenburger Tor. Neben Berlin fanden Deutschland noch in rund einem Dutzend weiterer Städte ähnliche Demonstrationen statt: Aus München zum Beispiel wurden 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeldet, aus Göttingen 2.500. Weltweit gab es rund 500 Veranstaltungen.

"Wir sind solidarisch mit den Wissenschaftlern in Ungarn und der Türkei"

Zu den prominenten Rednern in der Hauptstadt gehörten neben den Präsidenten der Helmholtz- und der Leibniz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler und Matthias Kleiner, auch Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller (SPD). Müller sprach von der besonderen Bedeutung der Wissenschaftsfreiheit für Berlin: "Wie keine andere Stadt weiß Berlin darum, wie Wissenschaft politisch mißbraucht werden kann." Unter heftigem Applaus versicherte er verfolgten Wissenschaftlern in der Türkei wie auch der Central European University in Budapest die Solidarität Berlins.

Im Gespräch mit klimafakten.de ging Müller auch auf die gesellschaftliche Bedeutung der Klimaforschung ein: "Als Politiker brauchen wir konkrete und belastbare Hinweise von der unabhängigen Klimaforschung, wie sich der Klimawandel hier bei uns auswirken wird – das ist eine wichtige Grundlage für die Stadtentwicklung in einer wachsenden Stadt wie Berlin."

Nach Angaben der Polizei kamen 5000 Teilnehmer zur Abschlusskundgebung am Pariser Platz

Nach Angaben der Polizei kamen 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Abschlusskundgebung am Pariser Platz; Foto: Carel Mohn

In der Tat erwähnte denn auch jeder zweite Redner bei den beiden Kundgebungen zu Beginn und zum Abschluss des Science March den Klimawandel. "Er ist das Paradebeispiel für das Leugnen wissenschaftlich gesicherter Fakten", bestätigt Anders Levermann, Physiker am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Für mich als Klimaforscher ist es deshalb toll und ermutigend, dass so viele Menschen hier sind. Eine Gesellschaft, die sich nicht mehr darauf verständigen kann, welche Fakten gelten sollen, kann nicht funktionieren und zerbricht."

Moderator Yogeshwar mahnte die Klimaforscher, an ihrer Kommunikation zu arbeiten: "Ich wünsche mir, dass manche Vertreter dieses Fach weniger hochnäsig wirken", so der TV-Moderator im Gespräch mit klimafakten.de. "Was wir brauchen, sind Wissenschaftler, die offensiv erklären, was wir wissen, was wir nicht wissen und wo Unsicherheiten bestehen – und die aufstehen, wenn die Fakten in Zweifel gezogen werden."

"Freiheit der Wissenschaft bedeutet auch Freiheit von Standesgrenzen"

Bei den Aufrufen zur Teilnahme an den verschiedenen Science Marches in Deutschland hatten sich Klimawissenschaftler und Einrichtungen der Klimaforschung eher zurückgehalten – unter anderem auch, weil man den Eindruck vermeiden wollte, es gehe vorrangig um die Selbstverteidigung einer politisch besonders umkämpften Einzeldisziplin. Für Marie-Luise Beck, Geschäftsführerin des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK), des Dachverbands der deutschen Klimaforschungseinrichtungen, ist es denn auch besonders erfreulich, dass die Wissenschaft aus der Gesellschaft heraus in Schutz genommen wird: "Auch in unfreien Ländern wird geforscht. Aber es wird dort versucht, zwischen guter und nützlicher Forschung – tendenziell eher Naturwissenschaften – und kritischer, unbequemer, überflüssiger Forschung zu trennen. Letzteres sind tendenziell die Sozialwissenschaften."

Die Klimaforschung mit ihrem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt habe indes schon früh die Erfahrung gemacht, dass auch Naturwissenschaften angegriffen werden, wenn die Forschungsergebnisse unbequem und lästig werden. "Deshalb ist diese Demonstration ein so wichtiges Zeichen, dass wir gemeinsam allen Angriffen auf die Wissenschaft entgegentreten", so Beck.

„In unserem Fach erleben wir immer wieder, wie die Evolution angegriffen wird – deshalb sind wir heute hier." Die Biologie-Studenten Alex und Jimena von der FU Berlin

Die Biologie-Studenten Alex und Jimena von der FU Berlin: "In unserem Fach erleben wir immer wieder, wie die Evolution angegriffen wird – deshalb sind wir heute hier"; Foto: Carel Mohn

Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), verwies in ihrer Rede auf die sozialpolitische Dimension von Wissenschaftsfreiheit: "Wissenschaft muss auch offen sein für die Kinder von Eltern, die keine Universität besucht haben, denn: Freiheit der Wissenschaft bedeutet eben auch Freiheit von Standesgrenzen."

"Die Gedanken sind frei" - von Berlin bis Helgoland

Andrea Bossmann von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sagte, die Wissenschaft in Deutschland sei im Vergleich mit vielen anderen Ländern der Welt sehr frei. "Aber auch hier werden einzelne Wissenschaften wie die Geschlechterforschung diffamiert und verächtlich gemacht – wir sollten uns also auch in Deutschland nicht zu sicher fühlen."

Zum Abschluss der Kundgebung am Brandenburger sang der Chor des Studentenwerks Berlin gemeinsam mit den Teilnehmern das Lied "Die Gedanken sind frei" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben – jenem Dichter übrigens, der 1841 auch das Deutschlandlied getextet hat, und zwar auf der Insel Helgoland. Just auf Helgoland fand parallel zur Berliner Veranstaltung der vermutlich kleinste Science March statt.

Carel Mohn

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