Christian Mihatsch (48) ist ein in der Schweiz geborener Deutscher. Er studierte Ökonomie in Lausanne und St. Gallen, war danach Unternehmensberater in Zürich, Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Konflikten in Afghanistan, Liberia und Angola und Wirtschaftsredakteur der Basler Zeitung. Heute arbeitet er von Thailand aus als - wie er selbst es nennt - "Korrespondent für globale Fragen" für verschiedene Zeitungen in Deutschland und der Schweiz.

 

Seit Ende September ist Ihre Website ShowYourBudgets.org online – sie zeigt, wie schnell jedes Land seine Emissionen reduzieren muss, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Was ist die genaue Idee hinter dem Projekt?

Christian Mihatsch: Alle Länder haben sich 2015 mit dem Paris-Abkommen verpflichtet, die Erwärmung "deutlich unter zwei Grad" zu stoppen und "Anstrengungen zu unternehmen", dass das bei 1,5 Grad passiert. Das erste Ziel interpretieren wir in unseren Berechnungen als 1,8 Grad. In seinem Sonderbericht zu 1,5 Grad Erwärmung hat der Weltklimarat IPCC gezeigt, wie viele Treibhausgase die Menschheit insgesamt noch in der Atmosphäre entsorgen darf, um die beschlossenen Limits nicht zu reißen. Das ist das sogenannte globale "CO2-Budget". Unser Ansatz war, diese noch zulässige Gesamtmenge auf die Länder gemäß ihres Anteils an der Weltbevölkerung zu verteilen.

Sie gehen also von dem impliziten Grundsatz aus, jeder Mensch weltweit habe dasselbe "Anrecht" auf CO2-Ausstoß?

Ja, genau – dies erscheint uns der fairste Ansatz. Sobald man davon abweicht, kommt man in Teufels Küche.

Warum zeigt Ihre Website für jedes Land vier Emissionspfade?

Weil auch der IPCC differenziert. Sein Sonderbericht kalkuliert für die Marken 1,5 und 1,8 Grad, wie groß die Budgets jeweils noch sind, wenn man die Temperaturlimits mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 respektive 50 Prozent einhalten will. Ein Staat kann zum Beispiel sagen: Uns genügt es, wenn mit Münzwurf-Wahrscheinlichkeit die Erhitzung 1,8 Grad nicht übersteigt. Dann ist das Budget natürlich größer als bei 1,5 Grad – erst recht, wenn man diese Grenze mit einer Wahrscheinlichkeit von zumindest zwei Dritteln unterschreiten will.

Der IPCC hat zwar geschätzt, wie groß das globale Treibhausgas-Restbudget noch ist. Aber um dieses auf die einzelnen Länder zu verteilen, mussten Sie erst mit Ihrer Website kommen?

Natürlich müsste die Verteilung des Budgets eigentlich zwischen den Unterzeichnerstaaten im Rahmen der UN-Klimakonferenzen ausgehandelt werden. Aber das wurde nie ernsthaft versucht. Knackpunkt ist die schon erwähnte Frage: Was ist fair? Naheliegend ist, dass jeder Mensch gleich viel vom Restbudget bekommt. Aber schon der Zeitpunkt der Verteilung ist knifflig: Würde man das Jahr 1990 als Ausgangspunkt nehmen – das Jahr, in dem der erste IPCC-Sachstandsbericht erschien - dann hätten viele Industriestaaten ihre Budgets heute bereits aufgebraucht.

So sieht die Analyse des Webportals beispielsweise für Deutschland aus: Um die Erderhitzung zumindest mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssten die CO2-Emissionen hierzulande bereits in sechs Jahren bei Null liegen. Österreich hätte drei Jahre länger Zeit, die Schweiz noch bis 2039; Screenshot: ShowYourBudgets.org 

Ein anderer Ausgangspunkt für die Verteilung der Verantwortung könnte lauten, den Anteil eines Staates an den derzeitigen Emissionen zu nehmen. Damit würden aber Länder mit hohem Ausstoß an Treibhausgasen quasi belohnt. Manche wollen bei der Verteilung des globalen Budgets auch die Leistungsfähigkeit eines Landes berücksichtigen. Deutschland müsste dann seine Emissionen schneller senken, weil es wohlhabend ist und die technische Expertise dazu hat.

An diesen verschiedenen Ansätzen sieht man, wie komplex diese Verhandlungen würden. Wir mussten für den Bau der Internetseite nicht verhandeln.

Ihre Rest-Budget-Rechnung beginnt mit dem Jahr 2016. Warum?

Das Paris-Abkommen wurde im Dezember 2015 ausgehandelt - und seither gibt es zumindest eine moralische Verpflichtung, sich daran zu halten. Außerdem haben so alle Länder zumindest noch ein kleines Budget übrig.

Warum zeigen Sie auf ShowYourBudgets.org nicht auch den Verlauf der Emissionskurve in den vergangenen Jahrzehnten? Das wäre doch eine wichtige Information für Laien, um einschätzen zu können, was der künftig notwendige Minderungspfad in der Praxis bedeutet.

Das ist richtig, und vielleicht machen wir das auch noch. Wir waren bei der Entwicklung einfach so sehr auf die Budgets konzentriert, dass es logisch erschien, die Grafik am 1. Januar 2016 beginnen zu lassen.

 

"Der IPCC zeigt, dass eine Begrenzung auf 1,5 Grad technisch und wirtschaftlich noch machbar ist. Doch die Emissionen müssen sehr schnell sinken. Und das anschaulich vor Augen zu führen, ist der Zweck unserer Website."

 

Viele Jahre orientierte sich die Klimapolitik am sogenannten Zwei-Grad-Ziel. Hat der Weltklimarat dafür auch ein Restbudget ermittelt?

Ja, das hat er. Für unsere Arbeit war das aber unerheblich, denn zwei Grad Erwärmung ist unseres Erachtens nicht Paris-konform. Im Übereinkommen steht eben "deutlich unter zwei Grad".

Nehmen wir ein Beispiel: Um die Erderhitzung mit 66-prozentiger Sicherheit auf 1,5 Grad beschränken zu können, muss die USA in diesem Jahr die Emissionen auf null senken – schlechterdings unmöglich. Ist also alles schon zu spät?

Nein! Der IPCC zeigt, dass eine Begrenzung auf 1,5 Grad technisch und wirtschaftlich noch machbar ist. Am US-Beispiel sieht man aber, wie dramatisch die Lage nun ist. Die Emissionen müssen sehr schnell sinken. Und das anschaulich vor Augen zu führen, ist letztlich der Zweck unserer Website.

Gibt es Länder, die noch schlechter dastehen als die USA?

Ja, einige. Am krassesten ist Katar. Der Golfstaat hat bereits drei Budgets überzogen und ist Ende dieses Jahres klimabankrott. Australien hat mit seinen Emissionen seit 2016 schon zwei CO2-Budgets gesprengt. Oder Kanada und Saudi Arabien - diese Länder haben in den vergangenen vier Jahren so viel CO2 emittiert, dass die Erhitzung nicht mehr mit Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit bei 1,5 Grad gestoppt werden kann, wenn alle Länder das Gleiche täten. Das gilt übrigens auch für Island. Das Land hat wenige Einwohner, aber eine große Aluminiumproduktion.

Nach Ihrer Berechnung müsste Deutschland für die 1,5 Grad bei 66-prozentiger Sicherheit beriets 2026 klimaneutral werden. Die Bundesregierung will aber noch bis zu zwölf Jahre länger Kohle verbrennen. Kennt sie ihr Restbudget nicht?

Doch, das tut sie. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat mit dem gleichen Ansatz wie wir für die Bundesregierung das deutsche Restbudget ausgerechnet. Die Regierung ignoriert es also bewusst und mit Absicht. Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einmal die Frage nach dem Restbudget abgebügelt mit dem Satz: "Unter diesen ganzen Tonnen kann sich doch keiner etwas vorstellen."

Im Interview mit Reportern des ARD-Magazins Kontraste wies Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im September 2019 das Ansinnen zurück, das deutsche Restbudget an Treibhausgasen exakt zu beziffern; Screenshot: ARD/Kontraste

Die Regierung tut, was sie für politisch durchsetzbar hält – und nicht das, was tatsächlich erforderlich wäre. Bei einer existenziellen Gefahr für den Fortbestand unserer Zivilisation ist das allerdings ein fataler Ansatz.

Juristisch verbindlich ist das Restbudget allerdings nicht, oder?

Das versuchen derzeit Gerichte in verschiedenen Ländern zu klären. In den Niederlanden zum Beispiel wurde die Regierung vom Obersten Gericht dazu verpflichtet, sich zumindest an die Minimalvorgaben des IPCC zu halten. In Deutschland hingegen hat sich das Verwaltungsgericht Berlin etwas derartiges nicht getraut. In der Begründung für die Ablehnung einer Klage der Umweltorganisation Greenpeace hieß es: Es spräche zwar "viel dafür, das weltweit verbleibende CO2-Restbudget zumindest gleichmäßig pro Kopf der Weltbevölkerung aufzuteilen". Nur Konsequenzen hat das aus Sicht des Gerichts keine, denn: "Es steht dem Verwaltungsgericht unter Beachtung des Gestaltungs- und Einschätzungsspielraums der Exekutive nicht zu, diesen Maßstab der Bundesregierung als zwingendes und verpflichtendes Mindestmaß an Klimaschutz vorzuschreiben."

 

"Vielleicht hat die Menschheit es überhaupt nur so weit kommen lassen, weil eine einfach verständlich Visualisierung gefehlt hat, wie schnell die Emissionen zum Beispiel in Deutschland sinken müssen"

 

Vielleicht sieht der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das aber anders. Dort läuft seit September 2020 ein Klimaprozess unter anderem gegen Deutschland, den Antrag dazu haben sechs Kinder und junge Erwachsene aus Portugal eingereicht. Vielleicht befasst sich demnächst auch das Bundesverfassungsgericht mit CO2-Budgets. Dort ist derzeit eine entsprechende Klage der FridaysForFuture-Aktivistin Luisa Neubauer und acht weiteren Jugendlichen anhängig.

Wenn man auf ShowYourBudgets.org sieht, wie steil die Minderungskurven etwa von Deutschland, Österreich oder der Schweiz sein müssen, dann liegt beim Betrachter als Reaktion nahe: Das ist niemals mehr zu schaffen. Fördert Ihre Website nicht Resignation?

Die Lage ist dramatisch, und das wollen wir zeigen. Es bringt nichts, die Lage besser darzustellen, als sie ist, oder sie einfach zu ignorieren. Manche Menschen stachelt das dazu an, etwas zu tun, andere resignieren. Auch das gehört zum Bild, klar.

Aber vielleicht hat die Menschheit es überhaupt nur so weit kommen lassen, weil eine einfach verständlich Visualisierung gefehlt hat, wie schnell die Emissionen zum Beispiel in Deutschland sinken müssen, um die schlimmsten Folgen der Erderhitzung noch vermeiden zu können. Auch braucht uns das Resignieren anderer nicht wirklich zu kümmern. Ich will meinem Sohn in die Augen schauen und sagen können: Ich tue, was ich kann.

Andererseits das Beispiel Afghanistan: Um das 1,5 Grad-Limit zu unterschreiten, dürfte das Land bis ins Jahr 2711 fossile Rohstoffe verfeuern – also noch 713 Jahre lang. Auch nicht gerade realistisch!

Unsere Website errechnet einen Entwicklungspfad, bei dem die Emissionen ab 2020 kontinuierlich sinken. Afghanistan ist hingegen eher zu wünschen, dass die Emissionen erstmal steigen und die Armut zurückgeht.

Aber Ihre Frage ist natürlich berechtigt. Nehmen wir Indien. Das bevölkerungsreiche Land hätte bei linearer Reduktion noch bis 2072 Zeit, bevor sein Budget aufgebraucht ist. Auf Twitter hat eine indische Aktivistin von FridaysforFuture gefragt: "Ich dachte der Höhepunkt der Emissionen müsse so schnell wie möglich erreicht werden!?" Aber das ist ja genau der Punkt: Selbst Indien mit seinen momentan rasant steigenden Emissionen hat nicht mehr viel Zeit, den Trend umzudrehen.

Wer sorgte bei Ihrer Arbeit für den wissenschaftlichen Sachverstand? Wer unterstützte, wer finanzierte Sie?

Stefan Rahmstorf ist unser wissenschaftlicher Berater. Er hat den von uns gewählten Ansatz zur Verteilung des Weltbudgets im vergangenen Jahr in einem Beitrag auf seinem Blog vorgeschlagen; wir sind schon ein bisschen stolz, dass er jetzt in unserem Team ist. Was hingegen bislang fehlt, ist ein Geldgeber. Daher haben die dänisch-thailändische Softwarefirma Blu-Visuals, die Berliner Webdesigner von karo3 und ich die Website ehrenamtlich entwickelt.

An wen richtet sich ihre Seite, welche Argumentationsstrategie wollen Sie stärken?

Wir wollen der Öffentlichkeit und den Medien ein eingängiges Werkzeug an die Hand geben, um die Klimapläne ihrer Regierung für alle sichtbar und transparent auf Paris-Konformität prüfen zu können. China hat zum Beispiel kürzlich angekündigt, "vor 2060" CO2-neutral wirtschaften zu wollen. Auf unserer Website sieht man allerdings, dass dieses Ziel nicht ausreicht, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,8 geschweige denn auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dazu müsste China ab sofort seine Emissionen linear absenken und im Jahr 2030 null erreichen. China bricht also auch mit dieser vielbeachteten Ankündigung das Paris-Abkommen.

Interview: Nick Reimer

Transparenzhinweis: Der im Interview erwähnte Stefan Rahmstorf
ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von klimafakten.de