Wir importieren Inflation. Dann erhöhen wir die Zinsen, um sie im Inland wieder loszuwerden. Und wundern uns über den Wohlstandsverlust. So zugespitzt klingt das beinahe absurd, aber im Kern funktioniert der Mechanismus genau so: Wenn Öl oder Gas auf den Weltmärkten plötzlich erheblich teurer werden, können weder Bundesregierung noch Europäische Zentralbank den Preis wieder heruntersetzen. Deutschland bestimmt weder den Ölpreis noch den Gaspreis. Kriege, Förderkürzungen, geopolitische Konflikte oder aus anderen Gründen unterbrochene Lieferwege können innerhalb kurzer Zeit verteuern, was unsere moderne Volkswirtschaft an einer ihrer empfindlichsten Stellen trifft: der Energieversorgung.

Energie ist kein gewöhnliches Gut. Werden Kaffeebohnen teurer, wird Kaffee teurer. Wird Energie teurer, wird beinahe alles teurer. Sie wird unmittelbar konsumiert, steckt zugleich aber auch als Produktions- und Transportfaktor in zahllosen anderen Gütern. Das macht sie zu einem inflationären Klumpenrisiko. Solange wir uns bei der Energieversorgung stark auf fossile Energieträger verlassen, akzeptieren wir damit automatisch, dass ein zentraler Produktionsfaktor fortlaufend aus dem Ausland bezogen werden muss, sein Preis erheblich schwanken kann und wir auf die Ursachen dieser Schwankungen kaum Einfluss haben. 

 

"Energie ist kein gewöhnliches Gut. Werden Kaffeebohnen teurer, wird Kaffee teurer. Wird Energie teurer, wird beinahe alles teurer."

 

Wenn Preisniveaustabilität eine Voraussetzung für dauerhaften Wohlstand ist – kann es dann wirtschaftspolitisch vernünftig sein, einem einzigen, von außen bestimmten Preisfaktor eine derart große Macht über dieses Preisniveau einzuräumen?

Gerät dadurch das allgemeine Preisniveau unter Druck, beginnt die Reparatur. Die Zentralbank kann das teure Gas nicht billiger machen. Sie kann aber mit höheren Zinsen Nachfrage und Investitionen dämpfen, damit sich der äußere Preisschock nicht zu einer dauerhaften Inflation verfestigt. Ein von außen kommendes Problem wird also im Inneren mit wirtschaftlicher Dämpfung beantwortet. Der ursprüngliche Wohlstandsverlust ist zu diesem Zeitpunkt bereits entstanden. Und er bleibt nicht ökonomisch. Menschen erleben Inflation nicht als Verbraucherpreisindex, sondern als Heizkostenabrechnung, Tankrechnung, Wocheneinkauf oder Sorge um den Arbeitsplatz. Wirtschaftliche Verunsicherung verändert irgendwann auch gesellschaftliche und politische Verhältnisse.

Was Erhard noch wusste, wir aber anscheinend vergessen haben

Es lohnt sich ein Blick zurück auf Ludwig Erhard, den „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“. Sein berühmtes Versprechen vom „Wohlstand für alle“ beruhte nicht auf der Vorstellung, Wohlstand nach dem Erarbeiten möglichst geschickt zu verteilen. Er sollte (in einer für alle ausreichenden Menge) in einer funktionierenden Wettbewerbsordnung entstehen. Dazu gehörten bewegliche Preise, denn Preise müssen Knappheiten anzeigen können. Ebenso unverzichtbar war für Erhard ein stabiler Geldwert: Wer arbeitet, spart und investiert, müsse darauf vertrauen können, dass das erworbene Geld seine Kaufkraft nicht fortlaufend verliert. 

Das führt zu einer Frage, die erstaunlich aktuell ist: Wenn Preisniveaustabilität eine Voraussetzung für dauerhaften Wohlstand ist – kann es dann wirtschaftspolitisch vernünftig sein, einem einzigen, von außen bestimmten Preisfaktor eine derart große Macht über dieses Preisniveau einzuräumen? Deshalb beginnt die Preisstabilität sehr viel früher, als wir gewöhnlich denken. Nicht erst bei der Zentralbank. Sondern bei der Struktur einer Volkswirtschaft.

1973 – Als ein einzelner Preis eine Volkswirtschaft erschütterte

Dass diese Gefahr kein theoretisches Konstrukt ist, hat Deutschland bereits vor mehr als fünfzig Jahren erlebt. Im Herbst 1973 zeigte sich innerhalb weniger Wochen, welche Macht der Preis eines einzigen Rohstoffs über eine hochentwickelte Volkswirtschaft gewinnen kann. Nach Beginn des Jom-Kippur-Krieges drosselten arabische Erdölstaaten ihre Förderung und setzten Öl als politisches Druckmittel ein. Der Preis stieg drastisch. Kostete eine Tonne importiertes Erdöl 1973 in der Bundesrepublik durchschnittlich noch 82,20 DM, waren es 1974 bereits 223,87 DM. Die deutschen Ausgaben für Erdölimporte erhöhten sich innerhalb eines Jahres um mehr als 150 Prozent. Plötzlich wurde sichtbar, was zuvor im langen Aufschwung der Nachkriegszeit kaum eine Rolle gespielt hatte: Ein erheblicher Teil des deutschen Wohlstands beruhte auf einer Energieversorgung, deren Preis und Verfügbarkeit Deutschland selbst nur begrenzt beeinflussen konnte.

Die damalige Reaktion des Staates ist bis heute im kollektiven Gedächtnis geblieben. Autofreie Sonntage, Tempolimits und Energiesparmaßnahmen machten aus einem abstrakten Rohstoffproblem eine Erfahrung des Alltags. Doch die eigentliche Wirkung spielte sich tiefer in der Volkswirtschaft ab. Das reale Wachstum, das 1973 noch kräftig gewesen war, kam 1974 nahezu zum Stillstand; 1975 schrumpfte die Wirtschaftsleistung. Die Industrieproduktion brach ein, und die Zahl der Arbeitslosen stieg von rund 273.000 im Jahr 1973 auf mehr als eine Million zwei Jahre später. Gleichzeitig blieb die Inflation hoch. Für diese ungewohnte Kombination aus stagnierender Wirtschaft und steigenden Preisen etablierte sich ein Begriff: Stagflation.

Sonntagsfahrverbot 1973: Nur Autos mit Sondergenehmigung dürfen in der Ölkrise sonntags fahren; Foto: Kiel municipal archive, CC BY-SA 3.0 DE / Wikimedia Commons.

Es wäre historisch falsch, die damalige Inflation allein dem Ölpreis zuzuschreiben. Der Preisauftrieb hatte bereits vorher eingesetzt, Löhne und Preise waren schon früher kräftig gestiegen. Der Ölschock traf also nicht auf eine vollkommen stabile Volkswirtschaft. Aber er verschärfte die Lage auf eine Weise, die das bisherige wirtschaftspolitische Instrumentarium vor ein Problem stellte: Sinkende Nachfrage und steigende Preise traten gleichzeitig auf. Was gegen Inflation half (Zinserhöhungen), drohte die Konjunktur zusätzlich zu schwächen. Was hingegen die Konjunktur stützte (staatliche Ausgaben als Wachstumsspritze), konnte den Preisauftrieb weiter verstärken. 

Die Ursache des Schocks befand sich außerhalb Deutschlands. Wollte man verhindern, dass der einmalige Preissprung in dauerhaft steigende Preise und Löhne überging, musste im Inland stabilisiert werden. Die Bundesbank entschied sich für eine restriktive Geldpolitik. Sie bekämpfte damit nicht den Ölpreis-Anstieg selbst, sondern dessen mögliche Fortpflanzung quer durch die deutsche Volkswirtschaft. Damit traten genau die eingangs beschriebenen Folgen ein (mit denen wir so ähnlich auch heute konfrontiert sind).

Die Lehren aus der Ölkrise wurden nur unvollständig gezogen

Man hat aus dieser Erfahrung durchaus gelernt. Die Geldpolitik zum Beispiel wurde sensibler gegenüber der Gefahr, dass sich Preisschocks über Erwartungen und Löhne verfestigen. Der Energieverbrauch wurde gesenkt, Bezugsquellen wurden diversifiziert, strategische Reserven aufgebaut. Es wäre deshalb falsch zu behaupten, aus der Ölkrise seien keine Konsequenzen gezogen worden – doch das Lernen war unvollständig: Man sicherte die Versorgung ab und lernte, die Folgen des Ölpreisschocks geldpolitisch einzufangen. Aber man beseitigte das zugrunde liegende Klumpenrisiko nicht. 

Auch Jahrzehnte später noch ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt weiterhin darauf angewiesen, einen zentralen Produktionsfaktor fortlaufend auf internationalen Märkten einzukaufen – zu Preisen, die sie selbst kaum bestimmen kann. Lieferanten konnten gewechselt oder Pipelines durch Tanker ersetzt werden. Doch auch wenn sich die Bezugswege änderten, ist das Grundproblem bestehen geblieben: Die Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten. Bei Versorgungssicherheit geht es um die Frage, ob wir den Rohstoff bekommen. Bei Preisstabilität darum, zu welchem Preis wir ihn bekommen – und welche Macht dieser Preis über unsere Volkswirtschaft besitzt. Auf die erste Frage wurden zahlreiche Antworten gefunden. Die zweite spielt dagegen in der öffentlichen Debatte über Energiepolitik erstaunlich selten die Rolle, die ihrer wirtschaftlichen Bedeutung angemessen wäre. 

 

„Europas Abhängigkeit von fossiler Energie erschwert es der EZB, für stabile Preise zu sorgen.“ Frank Elderson, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), 2026.

 

1973 gab es zu fossilen Energieträgern keine praktikable Alternative. Sich aus ihrer Abhängigkeit zu befreien, lag damals außerhalb dessen, was möglich gewesen wäre. Heute ist die Welt und sind die Volkswirtschaften in einer ungleich besseren Lage. Wer heute nicht erkennt, dass man sich nicht nur aus der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern befreien muss, sondern es technologisch auch kann, der versagt an den zu bewältigenden Herausforderungen der Gegenwart. Wer Preisstabilität dauerhaft sichern will, sollte nicht nur lernen, externe Energiepreisschocks besser zu beherrschen und deren Folgen einzudämmen. Er sollte seine Volkswirtschaft so verändern, dass solche Schocks immer weniger Macht über sie besitzen. 

Das ist keineswegs nur eine rückblickende Interpretation der Ölkrisen. Inzwischen formuliert selbst die Europäische Zentralbank den Zusammenhang ausdrücklich. „Europas Abhängigkeit von fossiler Energie erschwert es der EZB, für stabile Preise zu sorgen“, schrieb EZB-Direktoriumsmitglied Frank Elderson 2026. Wiederholte Energiepreisschocks machten es zunehmend schwieriger, das Ziel der Preisstabilität zu erreichen. Bemerkenswert an der Aussage ist nicht, dass Energiepreise Inflation auslösen können (denn das wissen wir seit den 1970er Jahren); bemerkenswert ist, dass die für Preisstabilität zuständige Institution selbst die fossile Importabhängigkeit inzwischen als Teil des Problems benennt.

Vom Wohlstandsmotor zum Wohlstandsrisiko

Wer über fossile Energieträger spricht, sollte zunächst anerkennen, was sie geleistet haben.
Kohle war eine der zentralen Energiequellen der Industrialisierung. Später kamen Öl und Gas hinzu. Sie machten Energie in zuvor unbekanntem Umfang verfügbar, ermöglichten Massenproduktion, Mobilität, mechanisierte und intensivierte Landwirtschaft, moderne Chemie, globale Transportketten und damit Produktivitätssteigerungen, auf denen ein erheblicher Teil unseres heutigen materiellen Wohlstands beruht. Der weltweite Einsatz fossiler Energien seit Beginn der Industrialisierung war eng mit dem Wachstum der Wirtschaftsleistung verbunden. Es wäre deshalb historisch falsch, Kohle, Öl und Gas rückblickend nur als Fehlentwicklung zu betrachten. 

Nur folgt aus einer historischen Leistung keine Verpflichtung zur dauerhaften Fortsetzung derselben Struktur. Wirtschaftliche Vernunft besteht gerade darin, Verhältnisse neu zu bewerten, wenn sie sich verändert haben. Was unter bestimmten Voraussetzungen überlegen war, muss es unter anderen nicht bleiben. Und genau diese Veränderung ist bei fossilen Energieträgern eingetreten. Für Deutschland liegt das Problem heute nicht darin, dass Öl oder Gas grundsätzlich ungeeignete Energieträger wären. Ihr ökonomischer Nachteil liegt zunehmend darin, dass sie nach ihrer Nutzung verschwunden sind. Was heute verbrannt wird, muss morgen erneut beschafft werden. Und übermorgen schon wieder. Und im nächsten Jahr von Neuem. 

Deutschland deckte 2024 rund zwei Drittel seines Gesamtenergieverbrauchs durch Nettoimporte. Allein für Rohöl zahlte die deutsche Volkswirtschaft 2025 rund 35,8 Milliarden Euro; im besonders belasteten Jahr 2022 waren es knapp 60 Milliarden Euro. Dabei zeigt schon die Entwicklung des Importpreises, wie wenig kalkulierbar diese Belastung sein kann: Der durchschnittliche Preis je Tonne Rohöl lag 2020 bei rund 284 Euro, 2022 bei rund 686 Euro und 2025 wieder bei etwa 477 Euro. Das sind keine abstrakten Börsenbewegungen. Es sind Zahlungen, die eine Volkswirtschaft leisten muss, bevor mit der eingekauften Energie überhaupt ein Produkt hergestellt, eine Wohnung beheizt oder ein Fahrzeug bewegt wurde.

 

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr allein: Welche Energiequelle ist heute die billigste? Sie lautet: Welche Energieversorgung macht unseren Wohlstand morgen am wenigsten abhängig von Preisen, die andere bestimmen?

 

Was früher half, Wohlstand aufzubauen, kann unter heutigen Bedingungen beginnen, ihn zu belasten. Zusammen mit den fossilen Energieträgern verbrennen wir buchstäblich unseren Wohlstand. Besonders deutlich wird das, wenn man nicht nur auf die Menge der Importe, sondern auf ihre Kosten schaut. Die deutsche Rohölimportmenge veränderte sich zwischen 2021 und 2022 kaum, aber die Ausgaben stiegen von rund 34 auf knapp 60 Milliarden Euro. Mehr Wohlstand entstand dadurch nicht. 

Im Gegenteil, ein größerer Teil des vorhandenen Wohlstands musste dafür eingesetzt werden, denselben grundlegenden Produktionsfaktor zu beschaffen. Eine wohlstandsorientierte Wirtschaftspolitik sollte sich deshalb nicht nur fragen, wie sie möglichst sicher an Energie gelangt. Sie sollte auch danach fragen, welche Art von Energieversorgung ihre Volkswirtschaft am wenigsten anfällig dafür macht, immer wieder aufs Neue Wohlstand an externe Preisschwankungen abzugeben. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr allein: Welche Energiequelle ist heute die billigste? Sie lautet: Welche Energieversorgung macht unseren Wohlstand morgen am wenigsten abhängig von Preisen, die andere bestimmen?

Wohlstand beginnt vor der Geldpolitik

Ein halbes Jahrhundert nach den Ölkrisen der 1970er Jahre haben wir gelernt, Erdgas-Lieferanten zu wechseln, LNG-Terminals zu bauen, Speicher zu füllen. Wir haben gelernt, wie Zentralbanken verhindern können, dass sich ein äußerer Preisschock dauerhaft im Preisniveau festsetzt. Was wir weit weniger konsequent getan haben, ist, die Verwundbarkeit selbst zu verringern. Dabei reicht ihre Wirkung – wie eingangs schon erwähnt – weit über Konjunkturstatistiken hinaus. Wo Kaufkraft schwindet, Arbeitsplätze unsicher werden und Menschen den Eindruck gewinnen, dass Wohlstand und Sicherheit nicht mehr selbstverständlich sind, verändern sich auch gesellschaftliche Stimmungen. Ökonomische Instabilität bleibt selten auf die Ökonomie beschränkt. Wer gesellschaftliche Stabilität erhalten will, sollte deshalb auch ihre wirtschaftlichen Voraussetzungen ernst nehmen. Preisstabilität beginnt nicht erst dort, wo eine Zentralbank den Leitzins festlegt. Sie beginnt bei der Frage, wie viele externe Preisschocks eine Volkswirtschaft überhaupt bis in ihr Zentrum vordringen lässt.

 

Eine Ordnungspolitik, die Wohlstand sichern will, müsste verhindern, dass einzelne Weltmarktpreise eine unverhältnismäßig große Macht über den eigenen Wohlstand erhalten

 

Eine Ordnungspolitik, die Wohlstand sichern will, müsste genau dort ansetzen. Nicht indem sie Marktpreise verhindert (etwa durch „Tankrabatte“ oder „Spritpreisdeckel“). Sondern indem sie verhindert, dass einzelne Weltmarktpreise eine unverhältnismäßig große Macht über den eigenen Wohlstand erhalten. Technisch ist das heute längst möglich, wenn man es will. Wirtschaftliche Vernunft besteht darin zu erkennen, wann das, was Wohlstand geschaffen hat, beginnt, ihn zu gefährden und damit die Demokratie selbst, weil gesellschaftliche und politische Stabilität schwinden. Das ist die zeitgemäße Ergänzung zu Erhards Formel: Wohlstand für alle verlangt nicht nur Wettbewerb und einen stabilen Geldwert. Er verlangt eine Wirtschaftsordnung, die ihren Wohlstand nicht von Preisen abhängig macht, auf deren Entstehung sie kaum Einfluss besitzt.

Und damit sind wir beim Klimawandel aus dem Titel. Er kam im gesamten vorhergehenden Text kein einziges Mal vor – mit Absicht. Denn dass wir die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern überwinden müssen, lässt sich mit Preisstabilität, Wohlstandssicherung und wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit bestens begründen. Aus diesen Gründen Öl und Gas zunehmend durch andere Energiequellen zu ersetzen, schützt zugleich Klimaschutz – ohne den Klimawandel als Argument überhaupt bemühen zu müssen.