Wer sich mit sozial-ökologischer Transformation beschäftigt, stößt früher oder später auf ein Muster: Frauen sind stärker von den Folgen der Klimakrise betroffen, erkennen sie eher als Bedrohung an als Männer und verhalten sich entsprechend klimafreundlicher. Diese Beobachtung ist alles andere als neu – erste Studien dazu finden sich bereits in den 1990er-Jahren.

Hauswand mit Graffiti: Schmied, der den Hammer schwingt

Was ist ein „echter Kerl"? Klimakommunikation, die Männer erreichen will, muss immer auch Identitätskommunikation sein; Foto: Benedikt Siebauer.

Um es vorwegzunehmen: Es geht hier nicht um eine simple Gegenüberstellung der Geschlechter à la „Frauen sind umweltfreundlich und Männer nicht“, sondern um wissenschaftlich belegte Tendenzen. Bei der Wahrnehmung zeigt sich: Frauen stufen die Klimakrise häufiger als ernsthafte Bedrohung ein, setzen sich intensiver mit dem Thema auseinander und empfinden eine stärkere persönliche Verantwortung dafür.

Im Verhalten schlägt sich das direkt nieder: Frauen verursachen im Schnitt rund 26 Prozent weniger CO₂-Emissionen als Männer – ein Unterschied, der in etwa der Größenordnung der Emissionslücke zwischen der ärmeren und der reicheren Bevölkerungshälfte entspricht. Er geht vor allem auf geringeren Fleischkonsum und weniger Autonutzung zurück und bleibt auch bestehen, wenn man andere Einflussfaktoren wie Einkommen oder Bildung statistisch herausrechnet. Frauen zeigen zudem eine höhere Bereitschaft, ihren Lebensstil in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern und sich gegen die Klimakrise zu engagieren.

Bei der Betroffenheit setzt sich das Muster fort: Frauen – vor allem im globalen Süden – trifft die Klimakrise besonders hart. Sie tragen häufiger die Hauptverantwortung für Kinder sowie für die Versorgung mit Wasser, Nahrung und Energie – was in Zeiten von Naturkatastrophen besonders herausfordernd ist. Auch haben sie oft schlechteren Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen und politischer Teilhabe, ihnen fehlen häufiger überlebenswichtige Fähigkeiten wie Schwimmen oder Klettern und zusätzlich behindert sie unpraktische Kleidung. In der Summe führt das dazu, dass Frauen bei Naturkatastrophen eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate aufweisen als Männer – verstärkt durch biologische Faktoren wie Menstruation, Schwangerschaft oder Menopause, die in Krisensituationen zusätzlich belasten.

Grund genug also, sich die Verbindung von Geschlecht und Klima genauer anzuschauen.

Woher kommt der Unterschied?

Die Psychologie betreibt seit Langem Geschlechterforschung. Inzwischen ist die Befundlage gefestigt, dass der allergrößte Teil der Variablen, die Psycholog:innen interessieren, keine nennenswerten Geschlechterunterschiede aufweist. Rund 80 Prozent der untersuchten Eigenschaften – kognitive Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale, nonverbales Verhalten, moralisches Denken und mehr – zeigen nur kleine oder vernachlässigbare Unterschiede. Nennenswert groß fällt der Unterschied lediglich bei der Physis aus: bei Muskelmasse, Körpergröße und Kraft.

Zudem werden die Befunde mehr, dass keine einfachen biologistischen Ursachen hinter all den beobachtbaren Geschlechterunterschieden – etwa bei Führungspositionen, Diskussionsverhalten oder Fächerbeliebtheit – stehen: Frühere Erklärungsversuche, wie das populäre „Jäger-und-Sammlerinnen“-Narrativ oder der Verweis auf Hormone wie Testosteron gelten in der Forschung inzwischen als überholt und liefern keine belastbare Evidenz für die beobachteten Verhaltensunterschiede.

„Was die Unterschiede tatsächlich erklärt, ist etwas, das sich leichter verändern lässt als Biologie: soziale Prägung.“

Was die Unterschiede tatsächlich erklärt, ist etwas, das sich leichter verändern lässt als Biologie: soziale Prägung. Erziehung, Vorbilder, Werbung, Spielzeugindustrie und alltägliche soziale Rückmeldungen formen von klein auf, was als „männlich" oder „weiblich" gilt. So entstehen Geschlechternormen, die vorgeben, wie Jungen und Männer zu sein haben. Mann lernt früh, wie er sich zu verhalten hat: Stärke, Durchsetzungsvermögen und Risikofreude gelten als männlich – wer davon abweicht, riskiert soziale Sanktionen. Man kann sich vorstellen, mit welchen Worten Jungen bedacht werden, die in der Schule Angst zeigen oder zu weinen beginnen. Nur kurz soll gesagt sein: Der Zugang zu den eigenen Emotionen und die Fähigkeit, Verletzlichkeit zu zeigen, sind wichtige Voraussetzungen für psychische Gesundheit und ein erfülltes Leben, gerade in Zeiten der Klimakrise. Ausgrenzung, Spott oder Statusverlust können Männer dazu bringen, ihr Verhalten stärker an vorherrschenden Männlichkeitsnormen auszurichten – zumal Abweichungen von Geschlechternormen bei Männern gesellschaftlich stärker sanktioniert werden als bei Frauen, wie die Forschung zeigt.

Diese Angst vor Geschlechtsabweichung verschwindet nach der Schulzeit nicht. Soziale Erwartungen wirken dabei oft, ohne dass sie uns bewusst sind. Durch unser Umfeld – Familie, Freundschaften, Medien, Werbung, Schule, Arbeitswelt – werden Geschlechterstereotype zu selbsterfüllenden Prophezeiungen: Stärke, Tatkraft, Risikofreude, Wettbewerb, Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit erscheinen als „typisch männlich", Empathie, Fürsorge, Rücksicht und Verletzlichkeit dagegen als „typisch weiblich".

Das ist im Grunde auch eine ermutigende Erkenntnis: Wenn die Lücke sozial entstanden ist, lässt sie sich durch soziale Prozesse – etwa gezielte Kommunikation – wieder verkleinern. Darum geht es in unserem neuen Buch Männer.Macht.Klimaschutz!

Klimaschutz hat ein Imageproblem

Geschlechternormen sind also prägend. Warum ist das für den Klimaschutz wichtig? Weil auch ökologisches Verhalten nicht geschlechtsneutral wahrgenommen wird. Klimaschutz ist kulturell vielfach weiblich konnotiert: Verantwortung, Fürsorge, Rücksicht und der Schutz anderer gehören zu den Eigenschaften, die eher mit Weiblichkeit verbunden werden. „Going green" wird von der Mehrheit als feminin wahrgenommen – und damit wird umweltfreundliches Verhalten für Männer zu einer Frage der eigenen Identität.

„Klimakommunikation, die Männer erreichen will, muss immer auch Identitätskommunikation sein und kann helfen, Klimaschutz von seiner weiblichen Codierung zu entkoppeln.“

Studien zeigen etwa, dass Männer mit Jutetasche oder sichtbarem Klimaengagement mehrheitlich als weniger männlich – oder als schwul – wahrgenommen werden. Selbst ein pinkfarbener Einkaufsgutschein kann für Männer identitätsbedrohlich wirken und dazu führen, dass sie anschließend eher auf ein ökologisches Produkt verzichten. Wenn ökologische Themen kulturell mit Weiblichkeit verbunden sind, kann es für Männer attraktiv werden, sich davon bewusst abzugrenzen. Ein Mann, der sich sichtbar für Klimaschutz engagiert, riskiert damit, als „geschlechtsabweichend" wahrgenommen zu werden – mit entsprechenden sozialen Konsequenzen.

Eine andere Erzählung ist möglich

Dass Klimaschutz als unmännlich gilt, ist kein Naturgesetz. Die kulturelle Erzählung ließe sich gut anders gestalten: Man denke nur daran, dass Superhelden – mehrheitlich männlich besetzt – doch eigentlich diejenigen sind, die für die Rettung der Welt zuständig sind. Warum sollte das Retten des Planeten also plötzlich als Frauensache gelten? Tatkraft, Stärke und der Anspruch, ein großes Problem zu lösen, sind durchaus mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit vereinbar – nur wird diese Assoziation im Fall des Klimaschutzes bislang kaum bedient.

Genau darin liegt ein Ansatzpunkt: Klimakommunikation, die Männer erreichen will, muss immer auch Identitätskommunikation sein und kann helfen, Klimaschutz von seiner weiblichen Codierung zu entkoppeln. Zudem braucht es Raum, das bestehende, enge Männlichkeitsbild upzudaten und zu erweitern. Mehr zu diesen Thesen und wie damit umzugehen ist, findet sich in den folgenden Artikeln und im Buch „Männer.Macht.Klimaschutz!“.
 

Männer Macht Klimaschutz Buchcover

Benedikt Siebauer, Constanze Nennewitz (2026): Männer. Macht. Klimaschutz! Klimakommunikation mit Männern als lösungs- und handlungsorientierter Ansatz. Heidelberg-Berlin, Springer essentials.
 

 

Zum Weiterlesen:

Mehr zum Thema auf Klimafakten.de:

Van Tricht, J. (2019). Warum Feminismus gut für Männer ist. Ch. Links Verlag.

Brough, A. R., Wilkie, J. E. B., Ma, J., Isaac, M. S., & Gal, D. (2016). Is eco-friendly unmanly? The green-feminine stereotype and its effect on sustainable consumption. Journal of Consumer Research, 43(4), 567–582.

Swim, J. K., Vescio, T. K., Dahl, J. L., & Zawadzki, S. J. (2018). Gendered discourse about climate change policies. Global Environmental Change, 48, 216–225.

Berland, O., & Leroutier, M. (2025). The gender gap in carbon footprints: Determinants and implications. London School of Economics and Political Science.

Bosson, J. K., & Michniewicz, K. S. (2013). Gender dichotomization at the level of ingroup identity: What it is, and why men use it more than women. Journal of personality and social psychology, 105(3), 425.