Frauen verhalten sich nachhaltiger, engagieren sich öfter für den Klimaschutz und sind zugleich stärker von der Klimakrise betroffen. Männer haben im Schnitt nicht nur einen größeren CO₂-Fußabdruck, sie dominieren auch die fossile Industrie und politische Entscheidungsgremien – und sind überproportional unter den Klimawandelleugnern vertreten (mehr dazu hier). Es geht dabei nicht um eine simple Gegenüberstellung der Geschlechter im Sinne von „Frauen sind umweltfreundlich und Männer nicht“, sondern um wissenschaftlich belegte Tendenzen.

Diese Tendenzen sind über Länder und Studien hinweg so konsistent, dass es kaum Zufall sein kann: Geschlecht ist eine zentrale Variable für den Klimaschutz.

 

„Wer Männer für den Klimaschutz gewinnen will, muss nicht andere Fakten vermitteln, sondern andere Zugänge wählen."

 

Mit diesen Geschlechterunterschieden, ihrer Genese und der Frage, warum sie für den Klimaschutz relevant sind, beschäftigt sich diese Handreichung. Die zentralen einleitenden Punkte werden hier nur skizziert; im Fokus steht, was daraus für die Klimakommunikation folgt. Ausführlich setzt sich unser Gastautor Benedikt Siebauer damit im Buch „Männer. Macht. Klimaschutz!“ auseinander.

Woher kommt dieser Gender-Unterschied?

Geschlechterunterschiede sind sozial geprägt, und zwar früh und nachhaltig. Von Kindesbeinen an lernen Jungen, was als „männlich“ gilt, und was nicht. Spielzeugregale sind nach Geschlecht sortiert, Werbung inszeniert Autos und Technik männlich und Pflege und Haushalt weiblich. In der Schule werden Jungen häufiger für Durchsetzungsfähigkeit gelobt, Mädchen für Rücksichtnahme. Das Ergebnis ist ein bemerkenswert stabiles kulturelles Skript: Ein „echter“ Mann ist stark, tatkräftig, leistungsorientiert, unabhängig – und vor allem: nicht das, was als weiblich gilt. Empathie, Fürsorge und Verletzlichkeit gehören für viele Jungen und Männer schlicht nicht zum erlaubten Repertoire.

 

Die gute Nachricht: Was sozial entstanden ist, lässt sich auch durch soziale Prozesse wieder verändern – und Kommunikation ist ein solcher Prozess.

 

Und diese Normen wirken mit Nachdruck. Wer als Junge oder Mann von ihnen abweicht, riskiert soziale Sanktionen – Spott, Ausschluss, den Verlust von Status in der Gruppe. Dieser Druck, sich „männlich genug“ zu verhalten, ist empirisch gut belegt.

Hier liegt aber auch eine gute Nachricht: Was sozial entstanden ist, lässt sich auch durch soziale Prozesse wieder verändern – und Kommunikation ist ein solcher Prozess.

Für den Klimaschutz ist das direkt relevant, denn „Going Green“ ist kulturell stark weiblich konnotiert: Wer vegan kocht oder sich öffentlich fürs Klima engagiert, bewegt sich – ob bewusst oder nicht – in einem Feld, das mit als weiblich geltenden Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Rücksichtnahme assoziiert wird. Für Männer bedeutet Klimaengagement damit potenziell ein Risiko: Es kann als Geschlechtsrollenabweichung gelesen werden und entsprechende Konsequenzen tragen.

Deshalb reicht es nicht, Klimakommunikation nur inhaltlich richtig zu machen. Sie muss auch Identitätskommunikation sein: Sie kann Klimaschutz und Weiblichkeit entkoppeln oder sogar traditionelle Männlichkeitsnormen gezielt ansprechen und für den Klimaschutz nutzbar machen.

Was wirkt: Klimakommunikation allgemein

Bevor wir uns männerspezifischer Klimakommunikation widmen, lohnt sich ein Blick auf die Grundlagen. Diese wirken natürlich auch in Gesprächen mit Männern, und sind gleichzeitig die Basis für eine männerspezifische Erweiterung.

Persönlicher Bezug und der richtige Moment. Abstrakte Statistiken bewegen selten. Wirksam ist es, Klimaschutz an das anzuknüpfen, was jemandem konkret wichtig ist – die eigenen Kinder, die Heimatregion, das Hobby in der Natur. Storytelling leistet hier mehr als Zahlenkolonnen, weil Geschichten Emotionen dosiert aktivieren, ohne zu überwältigen. Auch der Zeitpunkt zählt: Nach Extremwetterereignissen oder in ruhigen, unaufgeregten Momenten abseits hitziger Debatten sind Menschen offener für das Thema als mitten im Streit. Und: Selbstverständlich werden entsprechende Botschaften leichter angenommen, wenn sie von Personen kommen, denen das Gegenüber ohnehin vertraut und zuhört.

„Klassische Klimakommunikation appelliert fast ausschließlich an Fürsorge und Fairness. Das erreicht vor allem Menschen, denen diese Werte ohnehin wichtig sind."

Die Botschaft selbst. Damit Botschaften ankommen, müssen sie verständlich sein – angepasst an Sprache, Vorwissen und Interessen des Gegenübers. Sie sollte Möglichkeiten zur Selbstwirksamkeitserfahrung eröffnen, statt nur Problembewusstsein zu erzeugen: Menschen engagieren sich eher, wenn sie glauben, etwas bewirken zu können, statt sich hilflos einer Übermacht ausgeliefert zu fühlen. Es gilt, die Balance zu halten: Die Dringlichkeit der Lage darf nicht verschwiegen werden, aber sie darf auch nicht so präsentiert werden, dass sie überfordert und in Abwehr oder Erstarrung umschlägt.

Zentral ist außerdem: Zielgruppenorientierung. Mein Gegenüber dort abzuholen, wo es steht, und in seiner Sprache zu sprechen. Ein hilfreiches Werkzeug dafür ist die Moral Foundations Theory von Jonathan Haidt. Sie beschreibt fünf moralische Grundwerte, die Menschen unterschiedlich stark gewichten: Fürsorge, Fairness, Loyalität (zur eigenen Gruppe), Autorität (Respekt vor Ordnung und Tradition) und Reinheit (Ideale von Reinheit, Unbescholtenheit, Heiligkeit – englisch „Purity“). Klassische Klimakommunikation appelliert fast ausschließlich an Fürsorge und Fairness: „Wir müssen für kommende Generationen sorgen“, „Klimaschutz ist eine Frage der Gerechtigkeit“. Das erreicht vor allem Menschen, denen diese Werte ohnehin wichtig sind, häufig eher progressiv-liberal geprägte Zielgruppen. Wer aber Menschen ansprechen will, die stärker über Loyalität, Autorität oder Reinheit denken – darunter überdurchschnittlich viele traditionell-konservativ sozialisierte Männer –, kommt weiter, wenn etwa herausgestellt wird, dass Klimaschutz auch eine Frage der nationalen Stärke und Unabhängigkeit, des Schutzes der Heimat und eine Aufgabe verantwortungsvoller Führung ist. Es geht dabei nicht darum, die Wahrheit zu verbiegen oder zu verdrehen. Denn die Erfordernisse des Klimaschutzes sind ja tatsächlich so breit zu begründen. Zu achten ist aber auf den moralischen Resonanzraum, in dem die Notwendigkeit des Klimaengagements präsentiert wird.

Männerspezifische Klimakommunikation

Aus diesen Befunden folgt eine praktische Konsequenz: Wer Männer für den Klimaschutz gewinnen will, muss nicht andere Fakten vermitteln, sondern andere Zugänge wählen. Hier sind vier der wichtigsten:

1. Botschafter

Wer kommuniziert? Feuerwehrmänner, Militärs, Handwerker landen mit ihrer Botschaft bei Männern besser; Foto: Marco Verch, ccnull.de.

So traurig das scheinen mag: Männer hören anderen Männern besser zu und attribuieren auf sie mehr Autorität. Besonders wirksam sind Botschafter aus Feldern, die ohnehin als „männlich“ gelten – Sport, Handwerk, Technik, Feuerwehr, Militär. Wenn etwa das Militär die Klimakrise explizit als Frage nationaler Sicherheit framt, wird Klimaschutz dadurch nicht länger ein Care-Thema, sondern eine strategische Aufgabe. Natur kann zu einem Ort der Selbstwirksamkeit und Verantwortung werden, wenn Outdoor-YouTuber einen dorthin mitnehmen. Ebenso wichtig: die verbreitete Fehleinschätzung zu korrigieren, dass Klimaschutz unter Männern kaum Rückhalt hätte. Tatsächlich ist die Zustimmung meist größer, als viele annehmen – dieses Wissen sichtbar zu machen senkt die Hemmschwelle, sich selbst zu positionieren.

2. Hinweisreize: Design, Auftreten, Sprache

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Welches Engagement sehen wir als „männlich“ an?; Foto von Freiwilligen im Bergwaldprojekt: M. Weisgerber / Nationalpark Eifel.

Wirkung entsteht auch über Signale, die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen. So zeigte sich in einem vielzitierten Experiment beispielsweise, dass Männer für dieselbe Sache deutlich häufiger spendeten, wenn eine Organisation mit einem dunklen Wolf-Logo und kantiger Typografie statt mit hellgrünem Baum und verspielter Schrift auftrat. Nachhaltigkeit lässt sich bewusst „maskulin“ gestalten, ohne die Inhalte zu verändern. Ähnliches gilt für persönliches Auftreten – ein seriöses, situationsangemessenes Erscheinungsbild erhöht die Glaubwürdigkeit. Und auch sprachlich lohnt sich Umsicht: In Kontexten, in denen die Skepsis gegenüber diesem Thema ohnehin groß ist, verstärken Wörter wie „Patriarchat“ oder „Feminismus“ tendenziell Abwehr – auch „Klimakrise“ ist zu einem solchen Reizwort geworden.

3. Haltung

Rosenheim: Ingenieure für den Klimaschutz

Fähigkeiten, die wir für die sozial-ökologische Transformation brauchen: Bauen, Reparieren, technisches Tüfteln. Foto: N.Engelhard / Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.

Defizitorientierte Kommunikation holt Menschen weniger ab. Entsprechend ist auch die innere Haltung bei der Klimakommunikation wichtig. Dazu gehört, Verständnis für männliche Sozialisation zu entwickeln, ohne dabei problematisches Verhalten zu rechtfertigen: Viele abwehrende Reaktionen sind, wie eingangs beschrieben, weniger Ausdruck von Desinteresse als von Identitätsschutz: Wer von klein auf gelernt hat, dass Fürsorge, Verzicht und Empathie „unmännlich“ sind und Rollenabweichung bestraft wird, entwickelt ein anderes Verhaltensrepertoire.

Dabei hilft auch der Blick auf die Stärken, die Gestaltungskraft statt auf die Defizite, die traditionell mit Männlichkeit assoziiert werden: Viele Fähigkeiten, die wir für die sozial-ökologische Transformation brauchen, gehen zudem gut mit traditionellen Männlichkeitsstereotypen zusammen: das Bauen, Reparieren und technische Problemlösen von Handwerkern, Ingenieuren und Unternehmern; Männer als Tüftler, Erbauer und aktive Gestalter der Energiewende.

4. Frames

Klimaschutz braucht Kompetenz – damit auch kommende Generationen auf dieser Erde in Sicherheit leben; Foto: Digitaltmuseum.org

Die Wirkung von Framing in der Kommunikation ist lange bekannt. Sprache und die Art und Weise, Dinge darzustellen, prägen das Denken ganz unausweichlich. Der Begriff „Klimakrise“ hat sich gegenüber „Klimawandel“ in Teilen schon durchgesetzt und vermittelt – auch unbewusst – eine stärkere Dringlichkeit. Solche Bedeutungsrahmungen lassen sich auch für Klimakommunikation mit Männern nutzen, ohne dabei die Realität zu verbiegen. Und es ist recht einfach, an traditionellen Männlichkeitsidealen anzuknüpfen: Sicherheit und Schutz der Familie sind ein solches Ideal – Klimaschutz als Aufgabe, die eigenen Liebsten zu bewahren. Freiheit und Unabhängigkeit sind ein zweites – etwa die Befreiung von fossiler Abhängigkeit statt Verzicht. Der Bezug zu Technik und Kompetenz rahmt Klimaschutz als Ingenieursaufgabe, nicht als moralische Verpflichtung. Handlungsstärke statt Verzicht und Schuldgefühl setzt auf Machen statt auf schlechtes Gewissen. Und Wettbewerb und Fortschritt sprechen die zukunftsweisende Entwicklung an – mit dabei sein statt hinterherzuhinken. Keiner dieser Frames verfälscht die Sache – sie heben unterschiedliche, gleichermaßen wahre Aspekte hervor.

Grenzen, Härtefälle und eine Zweischneidigkeit

Natürlich hat das Grenzen. Bei Akteuren, die die Klimakrise leugnen oder deren wirtschaftliche oder machtpolitische Interessen fest mit fossilen Strukturen verbunden sind, braucht es vermutlich strukturelle und juristische statt kommunikativer Hebel. Auch bei dominant auftretenden Gesprächspartnern, die Diskussionen durch Statusverhalten dominieren, hilft eher souveränes Grenzen-Ziehen als weiteres Anpassen.

 

„Wer traditionelle Männlichkeitsnormen nutzt, um Klimaschutz anschlussfähiger zu machen, riskiert, genau diese Normen zu bestätigen."

 

Und dieser Ansatz birgt ein Risiko: Wer traditionelle Männlichkeitsnormen kommunikativ nutzt, um Klimaschutz anschlussfähiger zu machen, geht damit auch das Risiko ein, genau diese Normen zu bestätigen und zu verstärken. Wettbewerb, Unabhängigkeit, Stärke als erstrebenswerte Ideale werden reproduziert, statt sie infrage zu stellen. Das ist die Zweischneidigkeit dieser Strategie. Aber die kommenden Jahre sind entscheidend. Jetzt werden die Weichen dafür gestellt, wie stark unsere Zukunft von der Klimakrise und anderen ökologischen Katastrophen geprägt sein wird. Angesichts dessen ist es überlegenswert, mit aktuellen Zuständen zu handeln, anstatt tatenlos zu bleiben und an Idealen und Utopien festzuhalten. Das Spannungsfeld jedoch ist klar.

Ein langfristiger Horizont

In der Sozialpsychologie hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir andere Menschen im Kern entlang zweier Dimensionen beurteilen: Agency und Communion. Agency (auch Kompetenz genannt) umfasst Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Ehrgeiz, und Unabhängigkeit. Communion (auch Wärme genannt) umfasst Fürsorglichkeit, Empathie und Kooperationsbereitschaft. Historisch wurde Männern vor allem die Agency-, Frauen vor allem die Communion-Dimension zugeschrieben – ein Muster, das sich in Rollenbildern, Erziehung und Berufswahl bis heute niederschlägt und mit den eingangs beschriebenen Sozialisationsmechanismen deckungsgleich ist.

 

„Wenn es gesellschaftlich möglich war, Frauen zu mehr Durchsetzungsfähigkeit zu ermutigen, wäre es ebenso folgerichtig, Männer zu mehr Fürsorge zu ermutigen – als Erweiterung des männlichen Selbstverständnisses.“

 

Gleichzeitig haben Gleichstellungs- und Diversitätsbemühungen der vergangenen Jahrzehnte spürbar dazu beigetragen, dass Frauen in Führungspositionen, Wissenschaft und Politik sichtbarer wurden und ihre Agency-Eigenschaften stärker ausbilden und zeigen konnten, als es frühere Rollenbilder erlaubten. Die logische Umkehrung dieser Entwicklung wurde bislang seltener verfolgt: Wenn es gesellschaftlich gewollt und möglich war, Frauen zu mehr Durchsetzungsfähigkeit und Unabhängigkeit zu ermutigen, wäre es ebenso folgerichtig, Männer zu mehr Wärme, Empathie und Fürsorge zu ermutigen – nicht als Schwäche, sondern als gleichwertige menschliche Kompetenz, als Erweiterung des männlichen Selbstverständnisses.

Das Ziel dahinter lässt sich als Culture of Care fassen: eine gesellschaftliche Kultur, in der Fürsorge, Empathie und Sorgearbeit nicht länger als „weiblich" abgewertet, sondern von allen Geschlechtern getragen und wertgeschätzt werden. Eine solche Kultur würde nicht nur Frauen entlasten, sondern auch Männern einen Zugang zu Eigenschaften eröffnen, die ihnen kulturell bislang noch immer tendenziell eher verwehrt bleiben.

Vielleicht sind die kurzfristigen Werkzeuge aus diesem Artikel auch kein Widerspruch dazu, sondern ein erster Schritt: Wer Männer heute dort abholt, wo sie stehen, schafft die Vertrauensbasis, von der aus langfristig auch die Normen selbst verhandelbar werden.
 

Männer Macht Klimaschutz Buchcover

Dieser Text basiert auf dem Buch von Benedikt Siebauer und Constanze Nennewitz – „Männer. Macht. Klimaschutz! Klimakommunikation mit Männern als lösungs- und handlungsorientierter Ansatz." (2026)

 

Zum Weiterlesen:

Benedikt Siebauer (2026): „Warum Klimaschutz auch eine Frage des Geschlechts ist" https://www.klimafakten.de/kommunikation/warum-klimaschutz-auch-eine-frage-des-geschlechts-ist

Gutsche, C. (2024). Klimakommunikation mit Wirkung – Gespräche und Maßnahmen motivierend gestalten; mit praktischen Übungsaufgaben. oekom verlag.

Van Tricht, J. (2019). Warum Feminismus gut für Männer ist. Ch. Links Verlag.

Brough, A. R., Wilkie, J. E. B., Ma, J., Isaac, M. S., & Gal, D. (2016). Is eco-friendly unmanly? The green-feminine stereotype and its effect on sustainable consumption. Journal of Consumer Research, 43(4), 567–582.

Bosson, J. K., & Michniewicz, K. S. (2013). Gender dichotomization at the level of ingroup identity: What it is, and why men use it more than women. Journal of personality and social psychology, 105(3), 425.