Bart Brandsma ist Berater, Trainer und Philosoph. Er arbeitete rund 15 Jahre im Journalismus, für verschiedene Zeitungen und das Fernsehen. Seit 2005 beschäftigt er sich mit Konflikten und Polarisierung. Außerdem ist er Gründer und Direktor von Inside Polarisation VOF sowie Autor des Buches „Polarisation. Understanding the dynamics of us versus them“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde
Klimafakten: Herr Brandsma, Sie beschäftigen sich seit 20 Jahren mit den Dynamiken der Polarisierung. Wie hat es bei Ihnen angefangen?
Bart Brandsma: Ich habe zunächst als Printjournalist gearbeitet und später Dokumentarfilme gedreht. In den 2000er-Jahren war ich in Marokko, in der Türkei, in Indonesien, Suriname und im Senegal, um Filme über den Islam zu produzieren. Dann passierte der 11. September, und ich spürte: Etwas verändert sich. Schließlich wurde im Jahr 2004 in Amsterdam der berühmte Filmemacher Theo van Gogh ermordet. Und plötzlich hatte man das Gefühl, es gäbe nur noch zwei Arten von Menschen: Muslime und Nichtmuslime, in den Niederlanden wie weltweit. Ich war „Nichtmuslim“, ohne etwas dafür getan zu haben.
Was ist dann passiert?
Ich wollte verstehen, welche Dynamiken zu einer 'Wir gegen die Anderen'-Spaltung führen. Was geschieht hier mit uns? Wie kommt es zu dieser Identitätsspaltung? So habe ich mich auf die Suche nach Antworten gemacht und bin in Länder gereist, die einen solchen Prozess durchlaufen hatten. Ich war in Irland und im Kongo, später in Kambodscha und im Libanon und erkannte: Das 'Wir gegen die Anderen'-Denken ist exakt das, was Polarisierung ausmacht. Identität wird einem auferlegt. Es ist ein Gedankenkonstrukt. Man muss nichts dafür tun, es kann einem einfach passieren.
Sie unterscheiden zwischen fünf Rollen, die Menschen in einer Polarisierungsdynamik spielen: Pusher, Joiner, Brückenbauer, Sündenböcke und die schweigende Mitte. Wie definieren Sie diese Rollen?
Die Pusher sind die Pole. Wir erkennen sie daran, dass sie ständig Aussagen über die Identität der anderen Seite, des Gegenpols, treffen. Sie tun oft so, als würden sie versuchen, mit anderen Polen in den Dialog zu treten, als ob sie die Gegenseite überzeugen wollten. Doch in Wahrheit halten sie Monologe gegenüber ihrer eigenen Gruppe, um das Wir zu stärken und die Menschen in der schweigenden Mitte zu erreichen. Die wollen sie zu einer Entscheidung zwingen: Bist du dafür oder dagegen? Um dies zu erreichen, bauen sie so viel Polarisierungsdruck wie möglich auf.
„'Pusher' wollen die schweigende Mitte zu einer Entscheidung zwingen: Bist du dafür oder dagegen?“
Klimaaktivisten sagen zum Beispiel: „Wenn du dich nicht zu Wort meldest, bist du mitschuldig. Du musst dich äußern. Wenn du das nicht tust, bist du gleichgültig.“ Das ist nicht wahr. Menschen in der Mitte sind nicht unbedingt gleichgültig. Einige sind sehr engagiert, auch wenn sie übersehen werden. Indem man Druck auf sie ausübt, zwingt man sie, sich zwischen zwei Seiten zu entscheiden. Die Botschaft lautet dann: In der Mitte zu bleiben bedeutet, Zuschauer zu bleiben statt ein Akteur zu sein. Und Schweigen bedeutet in den Augen der Pole Komplizenschaft. Und das führt zu einem Gefühl von Schuld.
Wie definieren sie Joiner, Sündenböcke und Brückenbauer?
Die Joiner sind jene, die sagen: „Ich stimme dem Pusher nicht vollständig zu, aber er hat einen Punkt!“ Sie geben sich rationaler, aber sie mögen und brauchen die Pusher. Die Sündenböcke sind jene, auf die Pusher zeigen und sagen können: „Sie tragen die Schuld daran, dass die Gesellschaft gerade in Aufruhr ist. Das sind die Verräter.“ Über sie wird die Spannung gewaltsam abgeleitet. Und Brückenbauer schließlich versuchen, in einer aufgeladenen Situation zu vermitteln nach dem Muster: A sagt, B sagt. Das passiert zum Beispiel in Talkshows oft. Doch damit verstärken sie die Dynamiken zusätzlich. Sie werten die Pole auf und übersehen die am meisten übersehene Gruppe: die schweigende Mitte.
Sie geben Ihre Analyse und Ihr Wissen in zweitägigen Masterclasses weiter. Was lernen Menschen während der Zeit?
Am Morgen des ersten Tages werden sie sich mit der Dynamik der Polarisierung vertraut machen. Sie werden den Unterschied zwischen Konflikt und Polarisierung kennenlernen. Wir werden über das Timing sprechen. In welcher Phase hängen Polarisierung und Konflikt wie zusammen? Ich werde Beispiele mitbringen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden dies anhand ihrer eigenen Fälle veranschaulichen. Dann werden wir einen konkreten Fall auf Papier durchgehen, den ich mitbringen werde. Nur um das Gelernte zu üben und anzuwenden.
Eine Masterclass hat zwischen zwölf und 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Vier Gruppen zu je vier Personen beschäftigen sich mit einer bestimmten 'Wir gegen die Anderen'-Dynamik und entwickeln eine Strategie. Das ist eine sehr praktische Übung mit realen Fällen, die die Teilnehmenden selbst mitbringen und die sie sich am zweiten Tag gegenseitig vorstellen. Indem wir den Inhalt anhand verschiedener Fälle diskutieren, üben und vertiefen wir unser Wissen über Polarisierung und die geeigneten Strategien.
Gibt es neben der Masterclass kleinere Formate?
In meinen Masterclasses nehmen oft Direktoren, Menschen aus den Belegschaften und Fachleute teil. Manchmal haben Menschen, die Führungspositionen in Organisationen innehaben, das Gefühl, dass sie wenig Zeit haben. Deshalb biete ich regelmäßig sogenannte strategische Sessions an. Diese dauern zwei bis drei Stunden. In der ersten Stunde stelle ich Polarisierungsdynamiken vor. In der zweiten Stunde erstellen wir eine Polarisierungslandkarte für eine bestimmte Situation. Und dann sprechen wir darüber: Welche Strategie ist in diesem Fall sinnvoll?
Der erste Schritt sei, sagt Bart Brandsma, zwischen Polarisierung und Konflikt zu unterschieden: „Viele Menschen begehen den Fehler, Konfliktlösungs-Strategien auf Polarisierung anzuwenden. Das verschlimmert jedoch oft die Situation.“; Foto: Rawpixel
Ich habe diese Sessions beispielsweise für Universitätsgremien abgehalten, die bei den Debatten um Gaza und Israel Beratung benötigten. Sie waren sich bewusst, dass sie keine Strategie hatten, und die Sessions gaben ihnen die notwendige Unterstützung, indem sie ihnen mit Hilfe einer Polarisierungskarte verständlich machten: 'Ich habe den Fehler gemacht, zu glauben, ich sei ein Brückenbauer. Aber ich habe mich wie ein Pusher verhalten.' Für Menschen in einflussreichen Positionen kann eine solche Sitzung von großem Nutzen sein, weil sie erkennen, dass sie eine neue Rolle finden müssen.
Die Zielgruppe ihres Programms nennen Sie „professionelle Neutrale“. Was verstehen Sie darunter und was empfehlen Sie ihnen?
Professionelle Neutrale sind Minister, Polizistinnen, Bürgermeister, Lehrerinnen, Journalistinnen oder Aktivisten und viele mehr. Sie sind oft in die Dynamiken einer Polarisierung verwickelt, ohne eine bewusste Entscheidung darüber treffen zu können, wie sie sich positionieren sollen. Sie fühlen sich machtlos.
Was ist der erste Schritt aus dieser Machtlosigkeit?
Polarisierung geht immer mit einem „Wir gegen die Anderen“-Schema einher. Jede und jeder muss für sich die Frage beantworten: „Welche Rolle ist für das, was ich erreichen möchte, am effektivsten?“ Das ist nur teilweise eine Frage der Moral. Wir müssen auch die Frage beantworten: Wie können wir am besten vorankommen, um so effektiv wie möglich zu sein? Was dabei hilft, ist eine klare Anti-Polarisierungs-Strategie. Denn dann muss man sich nicht mehr auf Strategien zur Lösung von Konflikten verlassen.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Konfliktmanagement und einer Anti-Polarisierungs-Strategie?
Beim 'Wir gegen die Anderen'-Denken orientieren wir uns an den Polen und versuchen, zwischen ihnen zu vermitteln. Das Ziel ist es, die Situation zu entschärfen. Manchmal versuchen wir auch, einen Dialog zwischen den Extremen zu organisieren – also denen, die in Wirklichkeit einen Monolog wollen. Auf diese Weise verbinden wir Menschen, die nur nach Opposition suchen. Damit bieten wir ihnen eine Bühne und vernachlässigen alle anderen.
„Wir versuchen oft, Brücken zwischen Menschen zu bauen und ihnen zu helfen, einander zu verstehen. Aber Polarisierung ist keine Frage von Rationalität und Verständnis. Die Pole wollen einander nicht verstehen. Sie brauchen einander“
Eine meiner Kernbotschaften ist deshalb: Strategien zur Bekämpfung von Polarisierung und Konfliktmanagement sind nicht dasselbe. Diese Verwechslung kommt immer wieder vor. Viele Menschen begehen den Fehler, Konfliktlösungs-Strategien auf Polarisierung anzuwenden. Das verschlimmert jedoch oft die Situation. Denn es schürt die 'Wir gegen die Anderen'-Mentalität. Oft sehen die Menschen die zugrunde liegenden Gründe für die Polarisierung nicht. Sie arbeiten an Lösungen und spalten dabei Gruppen, Organisationen oder Gemeinschaften, anstatt die Dilemmata zu finden, die verbinden können – trotz aller guten Absichten.
Was ist die Folge dieses Missverständnisses?
Wir versuchen, Brücken zwischen Menschen zu bauen und ihnen zu helfen, einander zu verstehen. Aber Polarisierung ist keine Frage von Rationalität und Verständnis. Die Pole wollen einander nicht verstehen. Sie brauchen einander. Sehr oft machen wir den Fehler zu glauben, dass die Pole einander als ihre Zielgruppe sehen, die sie verändern wollen.
Was können Menschen stattdessen konkret tun?
Es ist entscheidend, zu wissen, mit welcher Zielgruppe Sie arbeiten möchten. Dann müssen Sie die wichtigsten Akteure und das zu lösende Problem identifizieren. Dies ist immer ein Dilemma, bei dem zwei Werte auf dem Spiel stehen. Und dann finden Sie heraus: Wer sind die Menschen, die in diesem Dilemma die Führung übernehmen können?
Führung bedeutet, Menschen zuzuhören, einfühlsam zu sein und die Geschichten zu finden, die sie verbinden. Diese Anführerinnen und Anführer bezeichne ich als 'die sechste Position'. Die müssen die Überzeugung ausstrahlen, dass es in Ordnung ist, zunächst nicht zu wissen, wie dieser gemeinsame Prozess ausgehen wird. Das ist eher eine Frage der inneren Einstellung als der eigenen Fähigkeiten. Presence ist wichtiger als Presentation.
Was empfehlen Sie?
Um die Polarisierung zu stoppen, müssen wir die Mitte anders behandeln. Wir müssen sie ermutigen, auf Kurs zu bleiben. In den USA beispielsweise besteht derzeit die große Gefahr, dass die Mitte aufgrund der schrecklichen Ereignisse in Minneapolis ihre Energie verliert und sich für einen der Pole entscheidet. Donald Trumps Strategie besteht eindeutig darin, den Druck auf die Mitte zu erhöhen. Wie macht man das? Indem man dafür sorgt, dass sich die Mitte unwohl fühlt und in einer späteren Phase Angst oder tiefe Besorgnis empfindet.
Trump will niemanden davon überzeugen, sich seiner Politik anzuschließen. Vielmehr will er Druck auf die Mitte ausüben, und wenn sie zu Feinden oder Freunden werden, funktioniert nur noch die Dynamik von Macht. Demokratie kann in dieser Phase übersprungen werden. Eine solche Dynamik ist nicht nur in den USA zu beobachten, sondern auch in Europa. Aber auch in kleinen Gruppen. Zum Beispiel in Schulen.
Die Pusher brauchen einander und haben die Mitte im Blick. Und die Medien, Moderatoren und Dialogplattformen tappen in die Falle, Brücken zwischen den Polen bauen zu wollen, weil sie glauben, dass dies das Thema ist, das die Menschen sehen und lesen wollen.
Wie sieht Ihre Strategie konkret aus?
Meine Strategie umfasst sieben Schritte. Der erste Schritt: Unterscheiden Sie zwischen Polarisierung und Konflikt. Erstellen Sie eine Liste aller Konflikte. Und eine Liste von 'Wir gegen die Anderen'-Denkkonstrukten. Dies wird Ihnen helfen, den 'Wir gegen die Anderen'-Mechanismus zu identifizieren, der Menschen trennt. Sobald Sie diese Dynamik identifiziert haben – das in einem konkreten Fall dominierende 'Wir gegen die Anderen'-Denken, das das Bewusstsein der Menschen beherrscht –, können Sie eine Landkarte der Polarisierung erstellen und Namen darauf platzieren.
„Die Pusher brauchen einander und haben die Mitte im Blick. Und die Medien, Moderatoren und Dialogplattformen tappen in die Falle, Brücken zwischen den Polen bauen zu wollen, weil sie glauben, dass dies das Thema ist, das die Menschen sehen und lesen wollen“
Es ist wichtig, sich selbst ebenfalls auf dieser Karte zu verorten. Welche Rolle habe ich bisher gespielt – Pusher, Brückenbauer, Sündenbock, Joiner oder die sechste Position? Dies hilft, sich ein klares Bild von der Situation zu machen. Der nächste Schritt: Kann ich meine Rolle weiter ausüben, weil es eine sinnvolle Strategie ist, oder muss ich meine Rolle ändern?
Wie finde ich die richtige Zielgruppe für diese Landkarte?
Das hängt von der Aufgabe ab. Wenn Sie Lehrer sind, erstellen Sie eine Karte der Schüler Ihrer Klasse. Wenn Sie Schulleiter sind, erstellen Sie eine Karte der Lehrkräfte. Wenn Sie für einen Fernsehsender arbeiten, benötigen Sie möglicherweise eine Karte des gesamten Unternehmens, um herauszufinden, wer die Pusher sind, wer die Joiner sind und wer sich in der Mitte befindet. Die Antwort ist jedes Mal anders.
Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?
Ich habe einmal mit einem Staatsanwalt zusammengearbeitet, der in einem Fall, in dem ein palästinensischer Flüchtling die Scheibe eines israelischen Restaurants in Amsterdam eingeschlagen und die israelische Flagge gestohlen und verbrannt hatte, die richtigen Worte finden musste. Der Staatsanwalt musste entscheiden, wie diese Person und das Opfer angesprochen werden sollten. Auf dem Papier war es ein relativ kleiner Fall. Aber es gab Videoaufnahmen davon, die landesweit ausgestrahlt worden waren. Dies führte zu einer starken Polarisierungsdynamik.
Der Auslöser lag auf dem Tisch; es war die Tat selbst. Der erste Schritt war: Welche 'Wir gegen die Anderen'-Dynamik dominiert hier? Ist es 'der Westen' gegen 'die Terroristen'? Sind es Muslime gegen Nicht-Muslime? Ist es die jüdische Community gegen die niederländische Community, die die jüdische Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs im Stich gelassen hat? All diese verschiedenen Formen der Dynamik spielten hier eine Rolle. Der Richter und der Staatsanwalt mussten wissen: Welche 'Wir gegen die Anderen'-Dynamik dominiert in der öffentlichen und medialen Diskussion? Auf der Grundlage dieser Analyse entwickelte der Staatsanwalt seine Strategie, um zu einer Verringerung der Polarisierung beizutragen, weniger mit der technischen Seite des Prozesses als vielmehr mit den Worten, die er verwendete, um sie zu vermitteln.
Dieser Text ist Teil unseres Projekts #DebattenKLIMA. Es will – möglichst praxisnah – der Frage nachgehen, wie gesellschaftliche und politische Debatten über Klimaschutz und Klimaanpassung so geführt werden können, dass sie möglichst viel dazu beitragen, die Emissionen auf Null herunterzubringen. Eine der besonders spannenden Fragen hierbei ist, wie dies auch dann gelingen kann, wenn sich wichtige gesellschaftliche Akteure (seien es politische Parteien, seien es reichweitenstarke Medien, seien es einzelne Interessengruppen) einem solchen Diskurs entziehen oder verweigern oder ihn gar aktiv torpedieren – aus welchen Motiven auch immer.
Im Rahmen des Projekts erscheint unter anderem die Rubrik „Studie des Monats“, in der wir monatlich besonders wegweisende Ergebnisse der Sozialforschung zur Klimakommunikation vor – und beschreiben, was sich daraus ganz praktisch ableiten lässt für die tagtägliche Kommunikationsarbeit rund ums Klima. Hierbei arbeiten wir zusammen mit einem Forschungsteam um Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Klimafakten. Eine weitere Rubrik ist das ebenfalls monatliche Manometer! – dort beobachten und analysieren wir die klimapolitischen Debatten im deutschsprachigen Raum und gehen der Frage nach, wie man Druck aus der klimapolitischen Debatte nehmen kann, um Lösungen zu erleichtern.
Gefördert wird das Projekt #DebattenKLIMA von der Marga und Kurt-Möllgaard-Stiftung sowie der Naturstromstiftung.
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Natürlich lässt ein solcher Ansatz die Konflikte nicht verschwinden. Aber wenn man einmal die richtigen Worte gefunden hat, um das Dilemma zu beschreiben, um das es tatsächlich geht, haben diese Worte die Kraft, Menschen miteinander zu verbinden.
Wie kann man eine Lösung finden, wenn es unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, wie das Dilemma zu lösen ist?
In einer polarisierten Atmosphäre möchten viele Menschen natürlich über Lösungen sprechen. Aber es sind ihre Lösungen, über die die Menschen sprechen wollen. Deshalb brauchen wir Wegbereiter, die mit der stillen Mitte zusammenarbeiten und für sie die Führung übernehmen. Der Schlüssel liegt darin, sich von allzu simplen Lösungen fernzuhalten. In erster Linie brauchen wir eine Atmosphäre des Dialogs. Das Gute am Dialog ist, dass es dabei nicht um Antworten geht.
„In erster Linie brauchen wir eine Atmosphäre des Dialogs. Das Gute am Dialog ist, dass es dabei nicht um Antworten geht“
Konkret bedeutet es, den Menschen in der Mitte zu vermitteln, dass es in Ordnung ist, nicht zu wissen, wohin der Weg führt. Das ist eine wichtige Botschaft: Nicht zu wissen, ist eine gute Position. Man mag sich dort allein fühlen, weil der Rest der Welt genau zu wissen scheint, wohin er gehen will. Aber es gibt viele Menschen in der stillen Mitte, die dieses Dilemma erkennen. Und seien wir realistisch: Wir werden solche Dilemmata nicht endgültig lösen können. Aber wir können uns weiterbilden, uns gegenseitig ermutigen und lernen, besser mit dieser Situation umzugehen.
Haben Sie auch hier ein konkretes Beispiel?
Was den Klimawandel angeht, wird das Dilemma zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftswachstum bestehen bleiben – wir werden es nicht lösen können. Nicht in naher Zukunft und auch nicht später. Aber wir können besser handeln als derzeit. Ein entscheidender Faktor dabei ist, dass wir einander brauchen.
Sobald wir unsere Kräfte bündeln, werden wir besser handeln. Manche Menschen verlieren dabei die Geduld. Deshalb brauchen wir eine starke Führung, um geduldig zu bleiben und an unseren Überzeugungen festzuhalten: Man kann moralisch absolut auf der richtigen Seite stehen, was man fühlt und wohin man will. Aber wenn man sich an einem der Pole befindet, verliert man die anderen.
„Nicht zu wissen, ist eine gute Position. Man mag sich dort allein fühlen, weil der Rest der Welt genau zu wissen scheint, wohin er gehen will. Aber es gibt viele Menschen in der stillen Mitte“
Vielleicht liegt nicht die Wahrheit in der Mitte. Aber die Verbindung. Wir brauchen Verbindung, um irgendwohin zu gelangen. Wahre Führung bedeutet, mit Dilemmata umzugehen, ohne zu behaupten, dass es eine einfache Lösung gibt. Was wir tun müssen, ist, kleinere Lösungen für kleinere Dilemmata zu finden, bevor wir zu den großen kommen. Das schafft Vertrauen bei den Zielgruppen.
Warum ist dieses Vertrauen wichtig?
Derzeit wird in unseren Gesellschaften viel über Vertrauen gesprochen: Vertrauen in die Gesellschaft, Vertrauen in andere, Vertrauen in die Regierung und so weiter. Vertrauen ist wichtig, damit Menschen einen Anhaltspunkt haben dafür, was sie angesichts eines konkreten Dilemmas tun können. Führung bedeutet, Worte für das zu finden, was die Menschen jeden Tag empfinden.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Er sagte, dass die alte Weltordnung nicht zurückkehren werde. Weltmächte wie die USA seien Draufgänger, die nur an sich selbst interessiert seien. Deshalb müssten sich die Länder in der Mitte zusammenschließen, um gemeinsam stärker zu sein. Er nahm die sechste Position ein: Führung für die Mitte. Und sein Dilemma lautet: Wie können wir zwischen unseren Prinzipien auf der einen Seite und Pragmatismus auf der anderen Seite navigieren? Wir brauchen beides und können keine Seite auslassen.
„Wahre Führung bedeutet, mit Dilemmata umzugehen, ohne zu behaupten, dass es eine einfache Lösung gibt“
Auch der Gouverneur von Minnesota, Tim Walz, übernahm diese Rolle nach den schrecklichen Ereignissen in Minneapolis. Er präsentierte sich weder als machtlos noch als gewalttätig. Er ließ sich nicht in das 'Wir gegen die Anderen'-Muster hineinziehen. Stattdessen sprach er sehr deutlich darüber, was es heute bedeutet, friedlich Widerstand zu leisten. Das ist gerade in der jetzigen Zeit notwendig.
Gleichzeitig handelt es sich hierbei um ein klassisches Dilemma: Wie kann man Widerstand leisten und gleichzeitig sicher sein? Dieses Dilemma kann von niemandem in der Mitte gelöst werden. Aber Worte für dieses Dilemma zu finden, es anzusprechen, das ist Führung. Und dazu gehören auch konkrete Ratschläge. Er sagte: „Wenn Sie Ungerechtigkeit sehen, nehmen Sie Ihr Handy heraus und filmen Sie sie.“ Auch das bedeutet Führung.
Das Interview führten Katja Weber und Kai Schächtele