Cover Betsch et al. 2026

Klimapolitische Maßnahmen, so scheint es, gleichen für viele Politikerinnen und Politiker einer heißen Kartoffel. Seit der Empörungswelle um das Gebäude-Energie-Gesetz während der Ampel-Koalition ("Habecks Heiz-Hammer", "Heizungs-Stasi") oder den Bauernprotesten gegen die Subventionskürzungen für fossilen Diesel, aber eigentlich schon seit der sogenannten Gelbwestenbewegung 2018/19 in Frankreich ist aus Parteien und Ministerien, aber auch aus Medien und der Politikberatung oft zu hören: Man müsse sehr, sehr vorsichtig sein in der Klimapolitik, wenn nicht gar ganz die Finger lassen von irgendwelchen einschneidenden Maßnahmen.

Auf der anderen Seite jedoch wird der Handlungsdruck von Jahr zu Jahr größer, denn die Emissionen an Treibhausgasen sinken viel zu langsam (oder steigen gar noch), die Folgen des ungebremsten Klimawandels werden immer heftiger. Auch Gerichtsurteile auf nationaler oder internationaler Ebene machen klar: Klimaschutz ist ein Menschenrecht, und Staaten sind zum Handeln verpflichtet. Wie nachhaltige und klimaschonende Politik in diesem Spannungsfeld agieren sollte, ist Thema eines neuen Policy Papers. Egal ob Förderprogramme oder Vorschriften, Steuern oder Standards – wenn man fünf Prinzipien beachte, hätten politische Maßnahmen "bessere Chancen auf demokratische Mehrheiten und erfolgreiche Umsetzung", so das Papier. "Wie Maßnahmen gestaltet und kommuniziert werden, beeinflusst deren Akzeptanz stärker als Klimawissen und allgemeine Einstellungen."

Schlecht konzipierte Klimapolitik lässt sich auch durch gute Kommunikation nicht "retten"

Wichtig dabei ist: Die Akzeptanz der Mapnahmen müsse bereits "im Design" etwa eines Klimaschutzgesetzes mitgedacht werden. Denn "Maßnahmen, die grundlegende Kriterien nicht erfüllen, lassen sich durch Kommunikation nicht 'retten'". Eigentlich aber stünden die Chancen für gesellschaftliche Zustimmung gar nicht schlecht; denn wie etliche Erhebungen zeigen, wünschen sich breite Mehrheiten in Deutschland eine ambitioniertere Klimapolitik – allerdings ist dies kaum bekannt und wird oft falsch eingeschätzt: In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als "pluralistische Ignoranz" oder auch als "perception gap" bezeichnet.

Das Papier fasst maßgebliche Erkenntnisse der verhaltens- und sozialwissenschaftlichen Forschung zusammen. Auf Dutzenden Studien, Experimenten und Meta-Analysen fußend, arbeitet es fünf Prinzipien heraus, die die Wahrscheinlichkeit gesellschaftlicher Unterstützung erhöhen:

  • Wirksamkeit: Eine politische Maßnahme müsse nachweisbar und für die Öffentlichkeit erkennbar zum Erreichen eines bestimmten Zieles beitragen. Bisher jedoch wissen Laien oft wenig über die Effektivität einzelner Vorhaben oder Verhaltensänderungen; in der Forschung ist von mangelnder "Carbon Competence" die Rede.
  • Fairness: Eine gerechte Verteilung von Kosten, Nutzen und Verantwortung sowie transparente, beteiligungsorientierte Verfahren könnten die Akzeptanz erhöhen. 
  • Prinzip des individuellen Nutzens: Gibt es "sichtbare, eigene Vorteile bei gleichzeitig geringen individuellen Kosten", könne dies ebenfalls die Akzeptanz erhöhen; dabei "zählen sowohl materielle als auch symbolische Nutzensversprechen".
  • Gemeinwohl: Individuelle Kosten würden eher akzeptiert und mitgetragen, wenn deutliche Vorteile für die Gesellschaft sichtbar sind (zum Beispiel lokale Arbeitsplätze, saubere Luft und Gesundheit, bessere Infrastruktur, etwa ein dichteres und preiswerteres Angebot im Öffentlichen Nahverkehr).
  • Einfachheit: Die praktischen Hürden einer Klimaschutzmaßnahme sollten niedrig sein, etwa durch Standardisierung und schlanke Abläufe.

Diese Faktoren – anhand ihrer Initialen W-F-N-G-E kann man sie sich leicht merken – im Blick zu haben, so das Policy Paper, sei in gleich zweierlei Hinsicht hilfreich: um "Maßnahmen von Beginn an akzeptanzförderlich zu gestalten" und später "deren Vorteiler effektiver zu kommunizieren". Allerdings betont das Dokument auch: "Die fünf Prinzipien sind dabei nicht das 'silver bullet', das garantiert zum Erfolg führt; aber jedes Prinzip für sich kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Menschen Maßnahmen eher akzeptieren."

Am 5. März wird das Policy Paper in einer Online-Veranstaltung vorgestellt und diskutiert

Das 20-seitige Papier entstand im Auftrag des Rats für Nachhaltige Entwicklung (RNE). Verfasst wurde es von Cornelia Betsch, Professorin am Institut für Planetary Health Behaviour an der Universität Erfurt und am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin unter Mitarbeit von Kevin Tiede und Jürgen Janssen. Es richtet sich an "alle, die Maßnahmen der Nachhaltigkeitspolitik gestalten und kommunizieren". In übersichtlicher Tabellenform sind darin auch Leitfragen und Anwendungsbeispiele für die Prinzipien für die Praxis aufbereitet.

Am 5. März 2026 von 11:30 bis 13 Uhr werden wir das Policy Paper in einer Online-Veranstaltung mit dem RNE präsentieren. Jürgen Janssen (RNE) wird den Kontext des Dokuments erläutern, Cornelia Betsch gemeinsam mit Kevin Tiede die Kerninhalte vortragen und der Berliner Politikberater Johannes Hillje das Paper und seine Empfehlungen kommentieren.

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