Sprache prägt unser Denken. Begriffe prägen, was wir wie wahrnehmen. Was Worte transportieren, geschieht oft unbewusst – und führt zuweilen dazu, dass wir etwas vermitteln, was wir eigentlich gar nicht sagen wollen. Unsere neue Serie namens InBEGRIFFEN soll einen Blick auf dieses Phänomen lenken. In loser Folge analysieren wir einzelne, im Kontext von Klimawandel und Klimaschutz häufig verwendete Begriffe darauf, was in ihnen steckt. Unsere Leitfrage lautet: Wie kann Kommunikation zu einer lösungsorientierten Klimadebatte beitragen? Deshalb konzentrieren wir uns auf Begriffe, die häufig von Menschen verwendet werden, die sich selbst für Klimaschutz einsetzen.
Dieser Text ist Teil unseres Projekts #DebattenKLIMA. Es will – möglichst praxisnah – der Frage nachgehen, wie gesellschaftliche und politische Debatten über Klimaschutz und Klimaanpassung so geführt werden können, dass sie möglichst viel dazu beitragen, die Emissionen auf Null herunterzubringen. Eine der besonders spannenden Fragen hierbei ist, wie dies auch dann gelingen kann, wenn sich wichtige gesellschaftliche Akteure (seien es politische Parteien, seien es reichweitenstarke Medien, seien es einzelne Interessengruppen) einem solchen Diskurs entziehen oder verweigern oder ihn gar aktiv torpedieren – aus welchen Motiven auch immer.
Im Rahmen des Projekts erscheint unter anderem die Rubrik „Studie des Monats“, in der wir monatlich besonders wegweisende Ergebnisse der Sozialforschung zur Klimakommunikation vor – und beschreiben, was sich daraus ganz praktisch ableiten lässt für die tagtägliche Kommunikationsarbeit rund ums Klima. Hierbei arbeiten wir zusammen mit einem Forschungsteam um Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Klimafakten. Eine weitere Rubrik ist das ebenfalls monatliche Manometer! – dort beobachten und analysieren wir die klimapolitischen Debatten im deutschsprachigen Raum und gehen der Frage nach, wie man Druck aus der klimapolitischen Debatte nehmen kann, um Lösungen zu erleichtern.
Gefördert wird das Projekt #DebattenKLIMA von der Marga und Kurt-Möllgaard-Stiftung sowie der Naturstromstiftung.
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Dabei belassen wir es nicht bei einer Analyse problematischer Framings und möglicherweise kontraproduktiver Begriffe – sondern schlagen auch Alternativen vor. Diese Alternativen sind allerdings nicht als Patentlösungen zu verstehen, sondern eher als Anregung, sprachliche Routinen aufzubrechen und sich vor dem Kommunizieren zu überlegen: ‚Was will ich wirklich sagen?‘
Dies ist der erste Teil unserer Serie. Schlagen Sie uns gern Begriffe vor, über die Sie gestolpert sind – und die wir uns in einem der nächsten Teile näher ansehen sollen.
Klimaziele
Der harmlos klingende Begriff „Klimaziele“ steht für Zielmarken, die sich Staaten, Unternehmen oder Organisationen setzen, um innerhalb eines bestimmten Zeitraums ihre Treibhausgas-Emissionen herunterzufahren bzw. auf Null zu bringen.
Das Problem daran
Der Begriff macht den Stop klimaschädlicher Praktiken zu einer abstrakten, technokratischen Angelegenheit. Die Ziele werden üblicherweise in abstrakte Zahlenwerte gefasst. Bei Formulierungen wie „minus 90 Prozent bis 2040“ bleibt aber diffus, worin die eigentliche Aufgabe besteht – nämlich in erster Linie im Ende der Nutzung fossiler Energieträger. Die zahlreichen verschiedenen Zielmarken lassen es oft sogar willkürlich oder beliebig erscheinen, ob es um minus 80, 90 oder 100 Prozent bis 2035, 2045 oder 2050 geht.
Die Alternativen
Im Kern geht es bei den „Klimazielen“ immer darum, das Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas schnellstmöglich zu beenden. Das gleiche gilt für klimaschädliche Praktiken in der Landwirtschaft oder der Industrie. Dies klar zu benennen, kann eine anschauliche Alternative darstellen.
Da der Begriff „Klimaziele“ offenlässt, was getan werden muss, um diese Ziele zu erreichen, ist es sinnvoll, diesen Weg zu beschreiben – und Klartext zu sprechen, welche Implikationen mit dem Erreichen von Klimazielen verbunden sind.
Dekarbonisierung
Der Begriff „Dekarbonisierung“ leitet sich aus dem englischen bzw. lateinischen Wort „carbon“ bzw. „carbonium“ für Kohlenstoff ab. Er bezeichnet einen Prozess, in dem die klimaschädliche Verwendung fossilen Kohlenstoffs in Form von Kohle, Öl und Gas zur Energieerzeugung oder in industriellen Prozessen durch den Einsatz treibhausgasneutraler Energieträger oder durch geschlossene Kohlenstoffkreisläufe zu ersetzen. Vereinfacht gesagt steht „Dekarbonisierung“ also für den klimaverträglichen Umbau des Wirtschafts- und Energiesystems.
Das Problem daran
Der Begriff bringt gleich mehrere Probleme mit sich. Da ist zunächst einmal die für viele Menschen mit dem Fachwort und Fremdwort „Dekarbonisierung“ verbundene Verständnishürde. Laien dürfte es schwerfallen, von dem sperrigen Begriff einen Bogen ins Konkrete zu schlagen, also was „Dekarbonisierung“ für Industrie und private Haushalte praktisch bedeutet.
Für diejenigen, die nicht täglich mit Klimaschutz-Jargon umgehen, bringt der Begriffe auch auf der Bedeutungsebene Probleme mit sich – denn die Vorsilbe „De-“ steht üblicherweise für Verluste, für Verfalls- oder Abbauprozesse. Sie ist also eher negativ konnotiert. Hingegen ist die angestrebte Dekarbonisierung ja etwas Positives: Sie soll nicht nur das Klimaproblem lösen, sondern bringt auch zahlreiche Co-Benefits mit sich.
Dekarbonisierung konkret kommuniziert; Foto: Rufus46/WikimediaCommons
Doch damit nicht genug – denn im Grunde ist „Dekarbonisierung“ sowieso das falsche Wort. Das Problem ist ja nicht (so sehr) Kohlenstoff, sondern dass es fossiler Kohlenstoff ist, der da in Unmengen verbrannt wird. Der Begriff müsste präzise also „De-fossilisierung“ heißen. Aber klar, das verstehen noch weniger Leute … aber es würde zumindest präzise auf das wirkliche Problem deuten.
Die Alternativen
Statt technokratischem Jargon sind Alternativen zu „Dekarbonisierung“ dort zu finden, wo anschaulich und ohne Verständnisbarriere beschrieben wird, was hier denn ersetzt werden soll. Geht es um den Ausstieg für die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas? Geht es um den Schutz und Erhalt von Wäldern, Mooren oder der Ozeane, die der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen und ihn speichern?
Klimaschützer/Klimaschützerinnen
Menschen, die sich für Klimaschutz einsetzen, werden häufig als „Klimaschützer:innen“ bezeichnet – auch als Selbstbezeichnung ist der Begriff verbreitet. In der Regel schwingt dabei eine Vorstellung mit, dass es sich hierbei vorrangig um Personen handelt, die Klimaschutz ehrenamtlich und aktivistisch betreiben und dabei idealistische Anliegen verfolgen.
Das Problem
Der Begriff verengt das Spektrum derjenigen, die praktisch zum Klimaschutz beitragen, auf aktivistisch engagierte Menschen – außen vor bleiben dabei tendenziell diejenigen, die beispielsweise in Unternehmen mit klimaverträglichen Geschäftsmodellen zum Klimaschutz beitragen, die in Behörden staatliche Klimaschutzprogramme entwickeln oder in der Forschung an klimaverträglichen Innovationen arbeiten.
Der Begriff suggeriert außerdem, bei „Klimaschützern“ handele es sich um eine spezielle Interessengruppe (neben vielen anderen), die ein individuelles Anliegen zum Maßstab der Politik machen wolle – so wie beispielsweise auch „Lebensschützer“, Immobilienlobbyisten oder Jagdverbände ihre partikularen Interessen durchsetzen wollen.
Die Alternativen
Das Spektrum derjenigen, die ehrenamtlich oder professionell zum Klimaschutz beitragen, ist überraschend groß. Allein im deutschsprachigen Raum geht es um Hunderttausende Menschen, die sozusagen als Klimaschutzbeauftragte unterwegs sind – manche auch unter dieser offiziellen Bezeichnung. Diese Klimaengagierten oder Klimaaktiven tragen auf höchst unterschiedliche Weise dazu bei, Lösungen für die Klimakrise zu finden – sei es in der Wissenschaft, bei Unternehmen, bei staatlichen Stellen, in der Zivilgesellschaft oder in den Medien. In den meisten Fällen ist Kommunikation dabei ein entscheidendes Instrument, so dass man diese klimaaktiven Menschen auch als Klimakommunikator:innen bezeichnen kann.