Es gibt Beispiele wie Sand am Meer, hier nur drei: Süddeutsche.de titelt im Juni „Rekordhitze in Deutschland und Europa“ – auf dem Foto zum Text sind zwei Frauen mit Sonnenbrille zu sehen, die entspannt im Rhein baden. Zeit Online berichtet über Temperaturen bis zu 40 Grad – und zeigt dazu einen Mops, hüpfend an einem Springbrunnen. Die Kieler Nachrichten schreiben im Juli „Hitzerekord in Schleswig-Holstein gebrochen“ – bebildert mit den Beinen eines Menschen, der nach einem Kopfsprung halb in azurblauem Wasser verschwunden ist.

Der Sommer 2022 war einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor fast 150 Jahren. Mehrfach ächzten weite Teile des Landes unter Hitzewellen. Doch viele Fotos, die Medien zum Thema veröffentlichten, zeigten Badespaß und Urlaubsfeeling. Warum das ein Problem ist, stand paradoxerweise sogar in etlichen der Texte unter oder neben den Bildern: Extreme Hitze ist lebensgefährlich, vor allem für kranke und ältere Menschen. Als es im Juli besonders heiß war, starben in Deutschland deutlich Menschen als sonst, so das Statistische Bundesamt in einer aktuellen Mitteilung.

Badespaß, Urlaubsfeeling, lustige Hunde - wie deutsche Medien den Hitzesommer 2022 illustrierten, hier eine Zufallsauswahl von (im Uhrzeigersinn) Süddeutscher Zeitung, Kieler Nachrichten, Zeit Online und ZDF

Birgit Schneider ist Professorin für Wissenskulturen und mediale Umgebungen an der Universität Potsdam, sie beschäftigt sich schon lange mit dem Thema, ist unter anderem Autorin des Buches Klimabilder. „Bilder, in denen Menschen zum Wasser strömen, sind in unseren Breiten positiv konnotiert“, sagt Schneider. „Die Fotos zeigen heißes Wetter als Bade- und Urlaubswetter. Das wird der Gefahr von Hitzewellen und der Verbindung zur Klimakrise nicht gerecht.“

Was also können Bildredaktionen besser machen, und worauf können die schreibenden Kolleg:innen achten?

Bade-Bilder zu Hitzewellen sind auch international in Medien üblich

Wie Berichte über die Hitzewellen 2019 in britischen, französischen, niederländischen und deutschen Medien bebildert wurden, hat ein Team um Saffron O’Neill, Geografin und Klimaforscherin an der Universität im britischen Exeter, analysiert. Der Artikel ist bisher in einer Preprint-Version verfügbar (hat also noch keine Begutachtung durch Fachkolleg:innen durchlaufen, das sogenannte Peer Review).

Die häufigste Untergruppe der Fotos in den untersuchten Artikeln waren demnach Freizeitbeschäftigungen im und am Wasser. Viele Bilder transportierten auch eine „Idee von Hitze“, zum Beispiel durch Sonnenstrahlen oder hohe Zahlen auf einem Thermometer. Während Fotos von Menschen am See für die meisten positiv konnotiert sind, zeigen hohe Temperaturen auf einem Thermometer zwar implizit eine Gefahr, schreiben die Forschenden. Allerdings zeigte diese Gruppe der Fotos meist keine Menschen – und machte so auch nicht ansatzweise die Auswirkungen von Hitze deutlich.

Außerdem stellten die Forschenden fest, dass häufig eine Dissonanz zwischen Foto und Text bestand: Artikel wiesen oft auf die Gefahren hin, die Fotos hingegen nicht. Bei diesem Befund ist jedoch zu beachten, dass die Studie Artikel betrachtet hat, in denen - mindestens beiläufig - ein Zusammenhang zum Klimawandel hergestellt wurde. Es fand also vermutlich Art eine Positivauswahl von Texten statt, was das Problematisieren von Hitzewellen angeht.

Im (einst) kühlen Nordeuropa ist Wärme traditionell etwas Nettes ...

klimafakten.de hat bei einigen Bildredaktionen in Deutschland nachgefragt, warum sie welche Fotos verwenden, um Hitzewellen zu bebildern. Nur einige haben geantwortet. Ein Artikel auf zdf.de über die Extremhitze in weiten Teilen Europas zeigte Menschen an einem Springbrunnen in Paris. Ein Sprecher des Senders schrieb uns dazu: „Das Foto von der Abkühlung am Trocadero im sonnig-heißen Paris war ein aktuelles Motiv, das am 16. Juni 2022 zur Hitzewelle in Frankreich erstellt wurde – insofern konnte es in der aktuellen Berichterstattung zur außergewöhnlichen Hitzewelle in Frankreich für die Bebilderung genutzt werden.“

Anders reagierte die Tagesschau auf Kritik zu einem Bericht über die Juni-Hitze in Deutschland: Der Bericht war zunächst mit einem Freibadfoto bebildert, das Fachportal uebermedien.de berichtete und fragte beim Sender an, woraufhin das Bild ausgetauscht wurde. Zu sehen sind nun Steine im ausgetrockneten Elbe-Flussbett. „Fotos zu Artikeln auf tagesschau.de sollen den Inhalt des Textes veranschaulichen. Das nun gewählte Foto transportiert den Inhalt passender, deswegen wurde es ausgetauscht“, erklärte eine Sprecherin dazu.

Fotos sollten zeigen, wie die Klimakrise den Alltag von Menschen verändert

Dafür, dass Badebilder so „beliebt“ sind, gibt es mehrere Gründe: Zum einen sind Fotos etwa aus einem Freibad für Redaktionen sehr leicht zu beschaffen. Zum anderen kommen sie uns schnell in den Sinn, wenn wir an Hitze denken. Wahrscheinlich, weil wir diese Bilder in diesem Zusammenhang schon so oft gesehen haben; aber auch, weil sie sich mit tiefsitzenden, individuellen Erinnerungen decken. Die Sommer in Deutschland waren im traditionellen Klima eher durchwachsen. Wenn es mal einen heißen Tag gab, war das ein Grund zur Freude, sofort die Badehose einzupacken und an den See zu fahren. Extreme Hitze hingegen ist eine neue Erfahrung für die deutsche Gesellschaft, man verbindet noch kaum Erinnerungen damit. Es stellen sich noch keine visuellen Assoziationen dazu ein. Darüber, wie man die Gefahren von Hitze in Bildern angemessen darstellen kann, müssen Fotoredakteur:innen folglich erst einmal nachdenken.  

Hintergründe, sozialwissenschaftliche Ergebnisse zum Thema sowie praktische Ratschläge zur Bebilderung der Klimakrise finden sich ausführlich in Kapitel 12 unseres Handbuchs „Über Klima sprechen“. Wirksame Fotos „sollten zeigen, wie die Klimakrise den Alltag von Menschen verändert“, sagt die Wissenschaftlerin Birgit Schneider. Gemeinsam mit ihr und Nutzer:innen auf Twitter haben wir Situationen gesammelt, in denen die Folgen von Hitzewellen deutlich werden – und die wirksame Bildmotive sein können:

Menschen, die in der Hitze arbeiten müssen
Viele Menschen können nicht einfach ins Freibad gehen, wenn es heiß ist. Zum Beispiel arbeiten Erntehelfer:innen oder viele Handwerker:innen auch bei heißen Temperaturen im Freien. Das kann gefährlich werden – sogar für Menschen, die körperlich fit sind. „Wir sehen die gesunden, jungen Straßenarbeiter und Dachdecker, die draußen in der Hitze arbeiten und zu uns in die Klinik mit 42 Grad Fieber kommen und innerhalb von Stunden an Multi-Organ-Versagen sterben können“, erklärt die Medizinerin Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin am Lehrstuhl für Umweltmedizin der Universität Augsburg, im Online-Magazin Krautreporter. Den Hitzetod eines Erntearbeiters in Hessen im Juli 2019 hat Zeit Online in einem ausführlichen Text geschildert. Ein eindrückliches Foto zu den Risiken von Hitze ist etwa das eines Wachsoldaten in London, der bei der Geburtstagsparade für die Queen während der Hitzewelle 2018 kollabiert.

Menschen, die der Hitze entfliehen
Im Juni 2021 gab es im Westen Kanadas und der USA Temperaturen von fast 50 Grad Celsius. Die Agentur AFP verbreitete dazu ein Foto (hier bei Spiegel Online), das Menschen auf Isomatten liegend in einer großen Halle – sie verschnaufen in dem heruntergekühlten Kongresszentrum von Portland (Oregon) von der Extremhitze. Mögliche Motive, um den quälenden Alltag während einer Hitzewelle zeigen können, erwähnt auch die obengenannte Studie – etwa einige Beispiele aus der niederländischen Tageszeitung Algemeen Dagblad (AD): Ältere Menschen in einem Seniorenheim, die Eis essen; eine Familie zuhause vor einem Ventilator; eine Stadthalle mit Klimaanlage, in der sich besonders gefährdete Menschen abkühlen können. Zeit Online illustrierte im Juli 2022 einen Text über die Gefahr von Hitzewellen für typische Risikogruppen mit dem Bild eines älteren Mannes, der offenbar erschöpft auf einem Bett sitzt.

Waldbrände und Trockenheit
Fotos von Waldbränden, verdorrten Feldern, oder ausgetrockneten Flüssen machen die Folgen der Klimakrise in Deutschland deutlich. Zeit Online etwa zeigt in einem Text über den Juli 2022 als einen der wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen das teilweise ausgetrocknete Flussbett des Rheins in Düsseldorf. Auf Spiegel Onlinewar zu einem ähnlichen Text 2019 ein vertrockneter Acker zu sehen. In diese Richtung kann man weiterdenken und überlegen: Wie lassen sich die konkreten Auswirkungen von Dürre auf die Landwirtschaft zeigen? Der Fotograf Paolo Patrizi, der am Instagram-Kanal „Everyday Climate Change“ mitwirkt, plant etwa ein Projekt über Landwirt:innen in der norditalienischen Po-Ebene.

Maßnahmen gegen die Hitze
Forschungen zeigen: Bilder, die Folgen der Klimakrise darstellen, erzeugen Aufmerksamkeit, regen aber nicht unbedingt zum Handeln an. Bilder von Lösungen hingegen stärken die Selbstwirksamkeit, können aber auch die Dringlichkeit verwässern. Wer gezielt zum Handeln anregen will, kann zum Beispiel Fotos von begrünten Dächern oder Fassaden zeigen oder von Menschen, die Bäume in ihre Vorgärten pflanzen. Fotograf Patrizi hat vor Jahren in Tokio ein Projekt fotografiert, bei dem Menschen Süßkartoffeln auf einem Dach pflanzen und so auch die Umgebung etwas kühlen. Die Potsdamer Professorin Birgit Schneider betont allerdings, dass wir uns nicht auf positiven Geschichten ausruhen dürfen: „Wir brauchen beides – Bilder, die Lösungen zeigen und solche, die die Drastik der Klimakrise vermitteln.“

Wissenschaftlerin Schneider ruft unterdessen zu mehr Wagnis und mehr Kreativität in den Bildredaktionen auf. Fotograf:innen und Bildredakteur:innen sollten über neue Wege nachdenken, die Folgen der Hitzewelle zu zeigen. Fotograf Patrizi empfiehlt, Zeit in die Recherche zu den Folgen der Hitze zu investieren und mit diesem Hintergrundwissen rauszugehen, um Motive zu finden.

Leere Flüsse, leidende Menschen und was man tun kann - auch so kann man Hitzewellen und Klimakrise illustrieren, hier (im Uhrzeigersinn) Zeit Online, die Bildagentur Alamy, Spiegel Online, tagesschau.de

Wer in einer Bildredaktion arbeitet, kann also versuchen, etwas mehr Zeit für die Suche nach einem passenden Bild zu investieren. Bilddatenbanken wie die von der Nachrichtenagentur dpa liefern natürlich bergeweise Fotos von Eis essenden oder planschenden Menschen – aber auch von austrocknenden Seen und verdorrten Äckern. Die britische Organisation Climate Outreach hat auf der Basis eigener Forschung die Datenbank Climate Visuals aufgebaut, die wirksame Fotos zur Klimakrise versammelt (am 7. September 2022 wird hierzu ein kostenloses Webinar mit Ergebnissen für Deutschland stattfinden).

"Rekordhitze" – ja oder nein?

Nicht nur Bilder, auch Worte vermitteln uns oft unbewusst Eindrücke. Häufig ist in Artikeln von Hitzerekorden oder Rekordhitze die Rede. Doch ist zum Beispiel im Sport der Begriff „Rekord“ positiv konnotiert. taz-Redakteur Bernhard Pötter hat deshalb in einer Kolumne gefordert, nicht mehr von Hitzerekorden zu sprechen. Hingegen sieht Nina Janich, Professorin für Germanistik an der Technischen Universität Darmstadt, den Begriff nicht als zu positiv. „Rekordhitze ist ein etablierter Ausdruck, der zeigt, dass wir in die Extreme gehen“, sagt sie. „Ich denke, dass die Assoziation zum Sport gar nicht mehr so präsent ist.“

Hugo Caviola leitet das Schweizer Projekt „Sprachkompass“, das für die prägende Kraft von Sprache sensibilisieren möchte. Er sieht sowohl „Hitze“ als auch „Rekord“ als Extremwörter: „Wenn man aufrütteln will, dann ist der Begriff durchaus passend.“ Caviola sieht allerdings auch die kritische Konnotation, dass Rekorde implizit danach rufen, überboten zu werden. Sprachwissenschaftlerin Janich weist darauf hin, dass der Begriff Rekordhitze eventuell eher an ein punktuelles Ereignis erinnert. Hitzewelle oder Hitzeperiode würden stärker deutlich machen, dass die hohen Temperaturen über einen längeren Zeitraum anhalten.

Klar dürfte sein: Wenn Medien von „Urlaubstemperaturen“ oder „Badewetter“ sprechen, wenn Extremhitze bevorsteht, dann ist das verharmlosend. In einem Text auf der Website des Pro7-Boulevardmagazins taff war diesen Sommer gar von „Hitzemuffeln“ die Rede – was klang, als wären Menschen, die 40 Grad im Schatten nicht so gut finden, nur leicht verschrobene Leute.

Katharina Mau