Ist es noch möglich, unter 1,5 Grad zu bleiben? Im Prinzip ja, aber der gesellschaftliche Druck reicht nicht

Ein gut 40-köpfiges interdisziplinäres Hamburger Forschungsteam hat kürzlich eine gute und eine schlechte Nachricht in Sachen Klima vorgelegt. Zuerst die gute: Szenarien für den Rest des 21. Jahrhunderts, die eine Erderhitzung von fünf oder gar mehr Grad Celsius vorsehen, sind inzwischen praktisch vom Tisch. „Unplausibel“ nennt das Team vom Hamburger Exzellenzcluster CLICCS („Climate, Climatic Change, and Society“) eine solche Entwicklung, bei der weltweit weiterhin ungebremst Treibhausgase ausgestoßen würden - mit entsprechend katastrophalen Folgen fürs Klima.

„Studien zeigen, dass ein sehr hoher CO2-Ausstoß enormen wirtschaftlichen Schaden verursacht“, sagt der Co-Sprecher der Gruppe, Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie. Es käme vermutlich zu einer Art globaler Klima-Rezession, und die Staaten könnten in ihrer lahmenden Wirtschaft gar nicht mehr so viele fossile Brennstoffe verfeuern wie das Szenario vorsieht. Die Klimakrise würde sich also - salopp gesagt - selbst begrenzen. Außerdem sind die Kohlereserven letztlich endlich, und saubere Energie wird immer günstiger. „Regierungen und Unternehmen sind daher gezwungen umzusteuern“, so Marotzke. Damit sind allerdings Entwicklungen mit ungenügendem Klimaschutz - und rund drei Grad Temperaturanstieg - dennoch nicht ausgeschlossen.

"Es fehlen vor allem die nötigen Entwicklungen in der Gesellschaft"

Jetzt die schlechte Nachricht: Ein Szenario, in dem die Menschheit die vom Pariser Abkommen vorgegebene 1,5-Grad-Grenze der Erwärmung einhält und sich bis 2050 aus der Abhängigkeit von Öl, Gas und Kohle befreit, ist unplausibel. „Das liegt weniger an den technisch-naturwissenschaftlichen Faktoren, die sind weitestgehend da. Es fehlen vor allem die Voraussetzungen und nötigen Entwicklungen in der Gesellschaft“, sagt Anita Engels, Soziologie-Professorin an der Hamburger Universität und ebenfalls Co-Sprecherin des Clusters. „Es ist nicht realistisch zu erwarten, dass die gesellschaftlichen Bedingungen die nötigen Veränderungen tragen.“

Dieser Fokus auf die Gesellschaft ist das zentrale Novum des Hamburger Ansatzes. Das Team will seinen Hamburg Climate Futures Outlook in Zukunft jährlich aktualisieren, um mögliche Veränderungen zu erfassen. Es lenkt damit den Blick weg von der bisherig häufigen Fixierung der Klimadebatte auf Technologie und Innovation wie Windturbine, Wärmedämmung, Elektroauto. Auch politische und wirtschaftliche Instrumente wie CO2-Preis und Emissionshandel - so wichtig sie sind - stehen nicht mehr im Mittelpunkt.

Zentral sind stattdessen die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine umfassende Transformation. Sie entwickeln sich im sozialen Miteinander; dort müssen radikal neue Regeln, Verfahren und Geräte akzeptiert, mitgetragen oder sogar begrüßt und gewollt werden. „Wir glauben, dass Faktoren in der Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten sowohl die wichtigsten Hindernisse wie die wichtigsten Treiber von Zukunft mit sehr geringen CO2-Emissionen sein werden“, lautet darum ein Kernsatz der 157 Seiten langen Studie.

„Plausibel“: Im Spannungsfeld zwischen möglich und erwünscht

Wenn die Hamburger Forscher:innen die Voraussetzungen für die notwendige Entwicklung der globalen Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung auf Klimaneutralität auf ihre „Plausibilität“ abklopfen, dann nehmen sie damit eine Mittelposition auf dem Spektrum vom möglich bis erwünscht ein. Sie begnügen sich also nicht damit, wie etwa der Weltklimarat IPCC, nur zu prüfen, ob und wie die 1,5-Grad-Grenze überhaupt einzuhalten ist. Auch die deutsche Klimapolitik, deren Ziele die Regierung vor kurzem verschärft hat, kümmert sich ja nach Meinung vieler Beobachter noch wenig darum, wie ihre Vorgaben überhaupt zu erreichen sind. Und das Klimaziel für 2020 hat die Bundesrepublik nur durch das Herunterfahren von Wirtschaft und Verkehr infolge der Covid-Pandemie erreicht.

Auch die jüngst veröffentlichten Positionspapiere zur Klimaneutralität in Deutschland enthalten im Wesentlichen Optionen, Vorschläge oder Forderungen, ob nun von der Wissenschafts-Akademie Leopoldina und dem Nachhaltigkeitsrat oder von der Stiftung Klimaneutralität und Agora Energiewende oder das schärfere Ideenbündel, das die Organisation German Zero als Gesetzespaket vorstellt. Keines dieser Papiere bewertet die eigenen Vorschläge mit Begriffen wie „plausibel“ oder „realistisch“. Und „sozial“ kommt dort im Wesentlichen im Zusammenhang mit der „sozialen Ausgewogenheit“ von Klimaschutzmaßnahmen vor.

Der Gegenpol zu solchen Vorgaben ohne Kontrolle sind normative Forderungen, welche Welt die Bürgerinnen und Bürger verschiedener Staaten in Zukunft bewohnen sollen. Konzepte von Genügsamkeit oder einer Post-Wachstumsökonomie zum Beispiel. Manche Fachleute rechnen auch von einem idealen Zustand 2050 aus zurück, was wann wie passieren müsste, damit es tatsächlich so kommt.

Mit einem Tacho haben die Hamburger Forscher:innen ihr Kernergebnis illustriert: Der Zeiger deutet auf die derzeit plausibelste Entwicklung - eine mittelstarke Erderhitzung. Weder die extremsten Szenarien noch ein Einhalten des 1,5-Grad-Limits seien derzeit "plausibel"; Grafik: CLICCS/Universität Hamburg

So wollte das CLICCS-Team aber nicht arbeiten, sagen sie. Zudem könnten die Sozialwissenschaften keine Angaben dazu machen, wie wahrscheinlich eine gesellschaftliche Entwicklung ist – auch wenn andere Wissengebiete (oder die Politik) das manchmal erwarten. „Zwischen evolutionär und disruptiv ist alles drin“, sagt Engels, „und Veränderungen wie den Mauerfall oder den gesellschaftlichen Umgang mit der Covid-Pandemie ließen sich auch nicht voraussehen.“

So kam es im Spannungsfeld zwischen möglich und erwünscht zum zentralen Kriterium der Plausibilität. „Nicht plausibel“ heißt für die Hamburger Arbeitsgruppe: Es ist möglich, das Ziel Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen, aber zurzeit nicht besonders realistisch – und was erwünscht ist, dazu äußern sich die Mitglieder nicht offiziell, sondern höchstens als besorgte Bürger.

„Nicht plausibel“ ist allerdings ein vorläufiges Urteil: Das Team versteht seine Aussage als „Weckruf“, dass die zehn untersuchten gesellschaftlichen Faktoren wachsen und sich vernetzen müssen. „Es wird zum Beispiel darauf ankommen, wie stark Klimaproteste nach COVID-19 den Druck auf die Regierungen aufrechterhalten können“, sagt Engels. Auch Klimaklagen, wie vor kurzem das Urteil in den Niederlanden gegen Shell oder der Beschluss des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts, dass eine ehrgeizige Klimapolitik die Freiheitsrechte künftiger Generationen schützen muss, spielen eine wichtige und zunehmende Rolle.

Das bedeutet übrigens auch: Da das Bundesverfassungsgericht Klimaschutz inzwischen zum Grundrecht erklärt hat, ist ein Eintreten für dieses Grundrecht keine politische Einmischung, sondern im allgemeinen Interesse.

Die zehn gesellschaftlichen Treiber

Sechs der zehn Faktoren, die das Team identifizierte, weisen immerhin in die richtige Richtung, sind aber noch nicht stark genug. Es sind:

  • der internationale Klimaschutzdurch Abkommen, Gipfeltreffen, grüne Hilfszahlungen, nationale Ziele und das Bonner Klimasekretariat unter Ägide der Vereinten Nationen;
  • die Klimaklagen: Hier steht weitreichenden Urteilen in Europa die Blockadehaltung gegenüber, die der US-amerikanische Supreme Court einnehmen dürfte. In dessen Richterschaft hat der frühere Präsident Trump für eine breite konservative Mehrheit gesorgt (und in den USA ist Konservatismus stark mit einer Ablehnung von Klimaschutz oder gar klimawissenschaftlicher Erkenntnisse verbunden);
  • die Gesetzgebung und Regelsetzung durch Staaten oder den Green Deal der EU: Hier ist positiv, dass die USA nach dem Regierungswechsel wieder ins Pariser Abkommen zurückgekehrt sind und konkrete Klimaschutzmaßnahmen eingeleitet haben. Ein Wermutstropfen ist die kürzlich abgehaltene Volksabstimmung in der Schweiz, wo die Wählerschaft mehrheitlich gegen ein Klimagesetz gestimmt hat. Die Selbstverpflichtung der Eidgenossenschaft nach dem Pariser Abkommen sei so kaum zu erfüllen, analysiert die Beratungsagentur Climate Analytics;
  • Initiativen über nationale Grenzen hinweg wie der Zusammenschluss C-40 globaler Metropolen, die Klimafonds der Weltbank, der europäische Emissionshandel, internationale Umweltgruppen und deren Koordinationsstellen oder die Organisation SBTI, die Firmen dazu bringt, sich Klimaziele im Einklang mit wissenschaftlich verankerten Daten zu geben;
  • das Schaffen von Wissen über Ursachen, Folgen und Lösungen der Klimakrise, zum Beispiel durch den IPCC und Institute wie in Wuppertal oder Potsdam oder durch Sammlungen von Ideen und Ansätzen wie bei den „Geschichten des Gelingens“ der Stiftung futurzwei.org;
  • die Divestment-Bewegung, die den Firmen im Fossile-Energien-Sektor die Finanzmittel entziehen will, was zum Beispiel Städte wie Köln oder London, der Versicherer Allianz oder der Großinvestor Blackrock angekündigt, aber nicht unbedingt auch schon konsequent umgesetzt haben.

Zwei Faktoren hingegen weisen in die falsche Richtung: die Reaktion der Wirtschaftsbetriebe sowie die Konsumgewohnheiten und -ansprüche der Bürgerschaft – auch wenn in beiden Fällen jeweils kleine Minderheiten begonnen haben, anders zu handeln.

Und bei zwei weiteren Faktoren schließlich lasse sich zurzeit, so das Forschungsteam, die Wirkung anhand des Analyseschemas nicht klären: beim Journalismus sowie der Proteste einer neuen sozialen Bewegung. Letzteres liegt auch daran, dass die Covid-Pandemie zum Beispiel weitere Klimastreiks mit Massendemonstrationen wie im Herbst 2019 verhindert hat. In vielen Ländern ist der Protest auch zu schwach oder wird von autoritären Regimen unterdrückt.

Das Ziel: Dekarbonisierung bis 2050

Das Zielszenario, an dem sich das CLICCS-Team orientiert hat, heißt im Fachjargon „tiefe Dekarbonisierung“ („deep decarbonisation“) bis 2050, weil die Energierohstoffe (chemisch: Kohlenwasserstoffe) ebenso wie ihr schädliches Verbrennungsprodukt Kohlendioxid aus dem Alltag verschwinden. Nur so könnte die 2015 im Pariser Abkommen verankerte 1,5-Grad-Grenze noch gehalten werden. Doch dazu müssten die Emissionen jedes Jahr um sieben Prozent sinken – das ist etwa so stark wie zuletzt während der Corona-Pandemie. (Und natürlich soll es ohne vergleichbares menschliches Leid und Beschränkungen passieren.) Schon anhand dieser Beschreibung können einem Zweifel kommen. Zudem sieht das Best-Case-Szenario vor, dass die Länder der Welt zusammenwachsen, Ungleichheit bekämpfen, Nachhaltigkeit fördern und den Konsum anpassen (Green Road oder SSP1); entsprechende Tendenzen in der realen Welt muss man mit der Lupe suchen.

Die zehn gesellschaftlichen Faktoren, die für mehr Klimaschutz sorgen können, sind in dieser Grafik (auf Englisch) zusammengestellt; Abbildung: CLICCS/Universität Hamburg

Ein weiterer wichtiger Punkt: Das Hamburger Team möchte sich nicht auf sogenannte negative Emissionen verlassen. Das sind die in vielen IPCC-Szenarien intensiv genutzten Verfahren, CO2 etwa mit Biomasse-Plantagen oder technischen Geräten aus der Atmosphäre zu filtern und unterirdisch zu lagern oder durch verstreutes Gesteinsmehl, Holzkohle oder anderen Methoden langfristig zu binden. Diese Option möchten die Forscher:innen höchstens als „Lückenfüller“ zulassen.

Vom Bauchgefühl zur wissenschaftlichen Analyse

Um zu messen, ob die zehn sozialen Faktoren diesen Weg unterstützen, ja genug Schwung geben, nutzt das CLICCS-Team strenge sozialwissenschaftliche Methodik. Schließlich ist „Plausibilität“ ein schillernder Begriff, der im Alltag unterschiedlich verstanden und gern auch politisch überhöht wird. Dann erklärt man Ideen anderer Parteien für „nicht plausibel“, als gebe man ein objektives Urteil ab, wenn einem die Ideen einfach ideologisch nicht passen. Um einem solchen Vorwurf der Subjektivität und Beliebigkeit zu entgehen, orientieren sich die Wissenschaftler:innen von Cliccs an bewährten Theorien des sozialen Wandels und an der veröffentlichten, begutachteten Fachliteratur über alle zehn gesellschaftlichen Faktoren. Allein das Quellenverzeichnis macht 37 der 157 Seiten der Studie aus.

„Die Entscheidungen, wie wir die einzelnen Treiber bewerten, sind nach langen Gesprächen und vielen Runden in den zuständigen interdisziplinären Teams gefallen“, sagt Anita Engels. Sie selbst hat sich zum Beispiel mit dem Divestment beschäftigt, wo demnächst noch ein spezieller Überblicksaufsatz folgen soll. Ursprünglich erschienen ihr die Initiativen, den Firmen aus dem Sektor der fossilen Energien die Finanzmittel zu entziehen, durchaus aussichtsreich. „Doch es gibt neben den staatlichen Ölkonzernen, die nicht an der Börse sind, noch viele Tausend Firmen, bei denen der Druck noch gar nicht angekommen ist.“

Immerhin: In Kombination mit den Treibern „Verhalten der Verbraucher:innen“ und „Reaktion der Firmen“ könnte Divestment einen sehr großen, vielleicht entscheidenden Beitrag zum Erreichen des Ziels Klimaneutralität leisten – im Prinzip zumindest, schätzt Engels. Doch der Einfluss von Kundschaft und Wirtschaft weist in die falsche Richtung, und die Divestment-Bewegung ist noch nicht stark genug. 

Das Konzept der sozialen Kipppunkte

Bei diesem Faktor gibt es einen direkten Berührungspunkt zu einer Arbeit, die Ende 2019 soziale Kipppunkte hin zu einer angemessenen Reaktion auf die Klimakrise beschrieben hatte. Ilona M. Otto (damals Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, heute Universität Graz) hatte mit einem großen Team, zu dem auch der PIK-Gründer Hans Joachim Schellnhuber gehörte, sechs Beispiele ausgemacht. „Das waren Faktoren, bei denen es Hinweise gibt, dass sie einen Bruch mit der bisherigen Entwicklung bewirken und ein Absinken der Emissionen um sieben Prozent pro Jahr antreiben können“, sagt Otto. Divestment gehörte dazu, zeigten Modell-Studien: Weniger als ein Zehntel der Investoren könnten hier den Finanzmarkt so über eine Schwelle treiben, dass die anderen Geldgeber folgen müssen, wenn sie nicht erleben wollen, dass ihre Anteile wertlos werden.

„Es gibt also solche Bereiche, wo disruptive Veränderungen möglich sind“, sagt Otto. „Um etwas zu erreichen, muss man aber gezielt eingreifen, darum steht unsere Studie nicht im Widerspruch zu der Hamburger Analyse. Ich würde sogar zustimmen: Im Augenblick und wenn nichts passiert, ist es nicht plausibel, dass wir ausreichende Raten beim Abbau der Emissionen erreichen.“

„Eine große Kluft zwischen Zielen und konkreten Maßnahmen“

„Der Bericht spricht eine unbequeme Wahrheit aus“, sagt auch Silke Beck von der Technischen Universität München: „Es gibt eine große Kluft zwischen den Ambitionen und Zielen einerseits und den konkreten Maßnahmen und dem Fortschritt andererseits. Und es ist fast so, als würde die Politik immer ehrgeizigere Ziele verkünden, um davon abzulenken, dass sie mit der Umsetzung kaum vorankommt.“

Verstärkter Druck der gesellschaftlichen Treiber könnte dabei helfen, sagt die Politikwissenschaftlerin – aber nur, wenn er nicht dazu beiträgt, die Polarisierung noch weiter zu steigern. Eigentlich sei es auch in Deutschland nötig, die Spaltung zu verringern und mit der Klimapolitik keiner Gruppe das Gefühl zu geben, die Verlierer der nötigen Transformation zu sein. Und dafür müsse man eben auch Mehrheiten organisieren.

Die Hamburger Analyse könnte darum Silke Beck zufolge von einer genaueren Fokussierung auf sogenannte mobilisierbare Gruppen profitieren. Das spielt etwa bei dem Treiber „sozialen Bewegungen“ eine Rolle. Es müsste dann nicht nur darum gehen, lautstarke Proteste auf der Straße zu organisieren, sondern zum Beispiel gezielt Gewerkschaften oder Kirchen einzubinden. Und etwa beim Faktor „Reaktion der Wirtschaft“ könnte man noch auf einzelne Verbände und Branchen blicken, die zum Beispiel in der Lage sind, in ihrem Beschaffungswesen oder der Produktionsweise wichtige Klimaschutz-Schritte zu machen und zum nachhaltigen Vorbild zu werden.

Wie soll man reden über ein mögliches Verfehlen des 1,5-Grad-Limits?

Die Aussage des CLICCS-Berichts ist also zwiespältig. Sie differenziert zwischen dem optimistischen Verweis auf Handlungsoptionen für die Zukunft und dem eher pessimistischen Blick auf die Gegenwart – und fragt dann, wie die Gesellschaft dabei helfen kann, vom einem zum anderen zu kommen.

Das erinnert auch an eine Forderung, die Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik vor einigen Jahren erhoben hat. Die Klimaforschung müsse aufhören, zu sagen: „Ja, die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, ist noch möglich, aber nur wenn A, B und C passieren.“ Politiker würden dann nämlich gern den Nebensatz weglassen und sich die verbleibende Aussage als Siegel der Wissenschaft für ihre Arbeit ans Revers heften. Darum, so Geden, müsse die Formulierung so lauten: „Nein, die 1,5-Grad-Grenze einzuhalten, ist nicht mehr plausibel, solange nicht A, B und C passieren.“

Geden ist daher sehr zufrieden mit der neuen Studie aus Hamburg. Die zehn gesellschaftlichen Faktoren seien ein wichtiger Beitrag zur Diskussion. „Das kann den Dialog über die Bewertung der Klimapolitik verändern.“ Zudem habe das Hamburger Team sozusagen eine Tür zu einem Raum aufgestoßen, in den sich andere kaum trauen, weil ihnen jedes Sprechen über ein mögliches Scheitern des 1,5-Grad-Ziels defätistisch erscheint. „Darum war der Raum schlecht ausgeleuchtet und unaufgeräumt“, sagt Geden, „und die Hamburger haben jetzt ein paar Lampen installiert und fangen an, mal Ordnung reinzubringen.“

„Der Druck muss noch enorm gesteigert werden“

In der Tat kann schnell auf Ablehnung stoßen, wer den Eindruck erweckt, die in Paris erkämpfte Grenze aufzugeben. Anfang April hatte zum Beispiel die australische Wissenschaftsakademie in einem Bericht erklärt, jede weitere Verzögerung sei inzwischen so gefährlich wie Leugnen. Das war eine wichtige Aussage, aber sie ging fast unter. Denn eher nebenbei, als stünde da etwas Selbstverständliches, erklärte das Papier auch, es sei mittlerweile praktisch unmöglich, die Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Unter anderem der Guardian fasste danach die Reaktionen zusammen, von denen „schwerer Fehler“ noch eine der harmloseren war.

Viele Akteure sorgen sich offenbar, dass jedes Reden über ein mögliches Scheitern missverstanden wird und wichtige Akteure entmutigt. Oder klimaschutz-kritische Lobbyverbände die Interpretation verbreiten: Wenn das mit 1,5 Grad jetzt nicht mehr klappt, dann haben wir ja noch Zeit, uns was zu überlegen. Auch Anita Engels und ihre Kolleg:innen haben überlegt, ob ihre Ergebnisse so ausgelegt werden können. Sie sieht kein sonderliches Risiko. „'Der Druck muss noch enorm gesteigert werden' - diese Nachricht lässt sich doch auch verbreiten. Niemand sollte sich von einzelnen guten Nachrichten blenden lassen.“

Christopher Schrader

Transparenzhinweise: Jochem Marotzke ist auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von klimafakten.de. Dieser Text ist - in etwas längerer Version - bereits auf dem Portal riffreporter.de im Magazin „Klima wandeln“ erschienen.

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