Ein Anfang in der Lausitz: Kohle-Befürworter und Klimaschützer reden öffentlich miteinander

"Wir beobachten, wie gerade bei den Themen Klimaschutz und Energiewende polarisiert wird und unterschiedliche Interessengruppen mit Vorurteilen übereinander reden, statt miteinander Verständnis zu entwickeln." Dieser Satz stammt vom Verein "Pro Lausitzer Braunkohle" aus Cottbus - und am Dienstagabend dieser Woche hatte der Verein zwei #FridaysForFuture-Aktivisten zu einer Diskussion eingeladen.

Vereinszweck des "Pro Lausitzer Braunkohle e.V." ist die "Stärkung des gesellschaftlichen Engagements für den weiteren Bestand der Braunkohleförderung", finanziert wird er auch von der Kohlewirtschaft. Auf seinen Internetseiten gibt es Rubriken wie die "Experten-Infos", wo es zum Beispiel heißt: "Lausitzer Braunkohle ein 'Klimakiller'? Das ist Quatsch!" Unter solchen Voraussetzungen eine Podiumsdiskussion mit Klima-Aktivisten "gegen eine weitere Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft" zu organisieren: Kann das gut gehen?

Moderiert von der Journalistin Simone Wendler diskutierten am Dienstagabend (v.l.) die #FridaysForFuture-Aktivisten Kevin Bauch und Florian Keller sowie Sebastian Lachmann und Lars Kaczmarek, die beide in der Braunkohle-Branche arbeiten; Foto: Nick Reimer

Vielleicht 300 Menschen sind in den Audimax der Technischen Universität in Cottbus gekommen. Auf dem Podium sitzen vier mehr oder weniger junge Männer: für die Klimabewegung die beiden Dresdner Florian Keller, 18, und Kevin Bauch, 23, Gymnasiast der eine, Fachschüler für Elektrotechnik der andere. Den Widerpart geben die Bergleute Sebastian Lachmann, 34, und Lars Kaczmarek (28); ersterer ist Industriekaufmann beim Kohlekonzern LEAG und voller Sorge, dass der Strukturwandel bis 2038 die Region irreparabel schade, zweiterer ist Elektrotechniker bei der LEAG und in seiner Freizeit ein Rapper, der vor ein paar Jahren für der Bergbaugewerkschaft IGBCE ein Image-Video produzierte. 

Die Moderatorin formuliert klare Regeln für den Abend: "Es gibt keine Anschuldigungen, es gibt keine Pöbeleien", sagt Simone Wendler, die viele Jahre lang Chefreporterin der Regionalzeitung Lausitzer Rundschau war. Und zum Debattenthema wird vorsorglich klargestellt: "Wer glaubt, dass es keinen menschgemachten Klimawandel gibt, der ist hier heute fehl am Platz." Wendler kann die Regeln fast den ganzen Abend lang durchhalten.

"Der Strukturwandel wird nur gelingen, wenn auch das Klima intakt bleibt"

Wo also liegen die Ängste? Die Klima-Aktivisten sollen anfangen. Kevin Bauch braucht einen Moment, bis seine Stimme Sicherheit gewinnt; er redet vom 1,5-Grad-Ziel, vom Paris-Abkommen und der Unterschrift der Bundesregierung. Ihr Kohleausstiegsplan werde dem proklamierten Ziel aber nicht gerecht. "Es muss schneller gehen als erst 2038", sagt der Fachschüler, denn derzeit steuere die Welt auf mehr als 3 °C Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhunderts zu, was unumkehrbare Kippelemente auslösen dürfte: "Wir jungen Menschen wissen dann nicht mehr, auf welcher Grundlage wir unser Leben aufbauen können."

Kohlekumpel Sebastian Lachmanns Angst ist es, im Stich gelassen zu werden. "Seit einem Jahr unternimmt die Politik nichts, um den Strukturwandel in Gang zu setzen", sagt er und will von den Klima-Aktivisten wissen: "Sind denn die technologischen Möglichkeiten überhaupt da, aus Atom und Kohle gleichzeitig ausszuteigen?" Würde man jetzt sofort die Kraftwerke in der Lausitz abschalten, „wir säßen hier im Dunkeln."

Dafür gibt es viel Beifall, vor allem aus dem unteren Teil des Hörsaals, wo überwiegend ältere Männer sitzen. Überhaupt ist der Altersdurchschnitt hoch - doch es gibt auch jüngeres Publikum, das zum Beispiel dann klatscht, wenn Diskutant Florian Keller sagt: "Uns ist es überhaupt nicht egal, wie es um die Lausitz steht. Denn der Strukturwandel wird nur gelingen, wenn auch das Klima intakt bleibt."

Rund 300 Zuhörer waren am Dienstagabend zum Dialog zwischen Klima-Aktivisten und Kohle-Arbeitern in den Audimax der TU Cottbus gekommen; Foto: Nick Reimer

Nach dem ersten Drittel des Abends wird ein Debattenmuster erkennbar. Kevin Bauch von #FridaysForFuture redet von Blockaden im Denken, der Gewerkschafter Sebastian Lachmann davon, "dass Deutschland den Klimawandel nicht allein aufhalten kann". Klima-Aktivist Florian Keller argumentiert, Klimaschutz scheitere nicht so sehr an der Technik, "sondern am fehlenden politischen Willen", Bergmann Lachmann verweist auf deutsche Emissionszertifikate, die nach dem Kohleausstieg frei und dann "in Polen oder anderswo" eingesetzt würden. Keller erwidert, dass "wir es nur gemeinsam schaffen können", weshalb #FridaysForFuture eben nicht nur in der Lausitz, sondern auch in Polen oder anderswo auf die Straße gehe. Lars Kaczmarek erinnert an die CO2-Abscheidetechnologie CCS, "die hier in der Lausitz entwickelt wurde", aber jetzt nicht zum Einsatz komme, weil es an Akzeptanz in der Bevölkerung fehle. Dem Drängen auf Veränderung seitens der Aktivisten stehen bei den Bergleuten Skepsis und Beharrungswille gegenüber.

"Ein Meinungsaustausch mit Respekt und gegenseitiger Akzeptanz"

Immerhin sind die vier Diskutanten sichtlich bemüht, wenigstes etwas zu finden, das als gemeinsamer Nenner funktioniert. Es gelingt ihnen zwar nicht, doch die Lausitzer Rundschau wird am nächsten Morgen urteilen: "Die vier Podiumsgäste haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, wie ein Meinungsaustausch in der Sache klar, mit gegenseitiger Akzeptanz und Respekt funktionieren kann."

Die Moderatorin formuliert ihr Zwischenfazit nach der Podiumsrunde in einem etwas deplatzierten Bild: "Wo geredet wird, wird nicht geschossen." Es geht im Audimax um Klimaschutz, nicht um Bürgerkrieg. Dann wird das Publikum einbezogen: "Fragen bitte, keine Statements!"

Doch es kommen vor allem: Statements. Ein IGBCE-Funktionär sagt, Wohlstand müsse ja irgendwo erarbeitet werden, Audi habe gerade die Streichung von 9.000 Stellen angekündigt. Ein LEAG-Manager erklärt, der Konzern betreibe die "effektivsten" und "umweltschonendsten" Braunkohlekraftwerke der Welt - man möge doch besser erstmal Altkraftwerke anderswo abschalten. Eine SPD-Funktionärin will von den #FridaysForFuture-Leuten wissen, was sie denn selbst zum Klimaschutz beitragen, bei all den "Klassenfahrten mit dem Flugzeug". Ein AfD-Mann fragt, wie er denn seinen Gewerberaum beheizen soll, wenn Holz und Kohle gar nicht mehr erlaubt seien.

Etwas grotesk: Ingenieure verlangen von Schülern technische Lösungen

Bei den Wortmeldungen ist häufig nicht klar, ob Fachschüler Kevin und Gymnasiast Florian hier wirklich Lösungen präsentieren oder einfach nur in die Enge getrieben werden sollen. Und bisweilen ist es geradezu grotesk: Ingenieure im Publikum verlangen von jungen Klimaaktivisten, technische Lösungen darzulegen. Doch die beiden #FridaysForFuture-Vertreter reagieren, als liege ein mindestens fünfjähriges Studium des Klimaschutzes und ein ebenso langer Rhetorik-Kurs hinter ihnen: überlegt in der Argumentation, souverän im Vortrag. Und in ihrer Schlussrunde nach rund zwei Stunden kommen alle vier auf dem Podium zu dem Urteil: Mehr solcher Debatten, unbedingt! 

Wenigstens dreieinhalb Schlüsse können aus diesem Abend gezogen werden. Erstens ist die Existenzangst der Menschen aus der Lausitz genauso real wie die der Klimaschützer, die am kommenden Wochenende in Cottbus und hunderten weiterer Städte unter anderem für einen schnelleren Kohleausstieg protestieren werden. Gut und richtig ist, zweitens, wenn der Lausitzer Pro-Braunkohle-Verein aufhört, reichlich platt gegen Klimaschutz und den Umbau der Energieversorgung zu polemisieren und sich stattdessen eine neue Rolle sucht: die des Vermittlers, so wie an diesem Abend. Drittens wurde ein weiteres Mal klar, dass das Fehlen politischer Lösungen dazu führen wird, dass sich alle ohnmächtig oder abgehängt fühlen – Klimaschützer wie Anwohner der Lausitz.

Und den ganzen Abend konnte man sich fragen, warum Veranstaltungen wie diese nicht schon seit Jahren von Parteien oder der politisch verantwortlichen Landesregierung organisiert werden - sondern es eine Initiative ausgerechnet der Kontrahenten der Debatte braucht.

Nick Reimer

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