Gibt es wirklich einen Klimawandel?

Behauptung: „Der IPCC hat die Mittelalterliche Warmzeit weggetrickst.“

Behauptung: „Im ersten IPCC-Report von 1990 war in der Darstellung der Erdtemperatur noch deutlich die Mittelalterliche Warmzeit erkennbar, im 2001-er Report jedoch war sie auf wundersame Weise verschwunden. Diese warme Klimaphase ist künstlich ausgemerzt worden.“ Christopher Monckton

Fakt ist: Der IPCC hat die Mittelalterliche Warmzeit nicht "weggetrickst" - seine Berichte gaben und geben jeweils den aktuellen Forschungsstand wieder

Antwort: 

Im Ersten Sachstandsbericht des IPCC fand sich 1990 eine Skizze des weltweiten Temperaturverlaufs der vergangenen rund tausend Jahre – und darin war eine besonders warme Phase im Mittelalter erkennbar. Allerdings basierte die Illustration lediglich auf Daten aus Zentralengland. Spätere IPCC-Reports zeigten genauere Diagramme globaler Temperaturrekonstruktionen. Und weil weltweit betrachtet das Mittelalter nicht außergewöhnlich warm war, gibt es diese „Warmzeit“ in den neueren IPCC-Grafiken nicht mehr. Der IPCC hat jedenfalls nichts künstlich verschwinden lassen, sondern er zeigt in seinen Reports jeweils die neuesten und besten verfügbaren Daten.

Als „Mittelalterliche Warmzeit“ wird eine Periode von ca. 950 bis ca. 1250 n.Chr. bezeichnet, in der es relativ warm war – allerdings nur in einigen Regionen der Erde, vor allem auf der Nordhalbkugel. Weil andere Weltgegenden zur gleichen Zeit deutlich kühler waren, gab es im globalen Maßstab keine ausgeprägte klimatische Warmphase während des Mittelalters.

Trotzdem kommt in Streitgesprächen zum Klimawandel häufig die „Mittelalterliche Warmzeit“ zur Sprache, meist als vermeintlicher Beleg dafür, dass die aktuelle Erderwärmung nichts Ungewöhnliches sei. Verbunden ist dies oft mit der Behauptung, der Weltklimarat habe diese Warmphase in seinen Berichten „weggetrickst“.

Diese Behauptung geht offensichtlich zurück auf eine kleine Abbildung mit der Nummer 7.1c im Ersten IPCC-Sachstandsbericht von 1990. Dort fand sich in Kapitel 7 des ersten Bandes, das von beobachteten Klimavariationen in der Erdgeschichte handelte, auf Seite 202 diese Grafik:

Medieval warm period

Abbildung 1: Grafik 7.1c aus Band 1 des ersten IPCC-Reports von 1990, sie wurde dort als “schematische Darstellung globaler Temperaturvariationen“ während „der letzten tausend Jahre“ bezeichnet – die gestrichelte Linie sollte das Temperaturniveau zu Beginn des 20. Jahrhunderts markieren, das während der „Mittelalterlichen Warmzeit“ (“Medieval warm period”) deutlich überschritten, später während der folgenden “Kleinen Eiszeit” (“Little ice age”) hingegen unterschritten worden sei; Quelle: IPCC 1990.

Die Grafik zeigt tatsächlich einen deutlichen Gipfel in der Temperaturkurve zwischen den Jahren 1000 und 1300, und dieser liegt ganz klar über dem Niveau nach dem Jahr 1900 am rechten Ende der Kurve. Doch bei genauer Betrachtung fallen verschiedene Dinge auf: An der Temperaturskala links fehlen die Ziffern, und die Zeitskala unten ist widersprüchlich beschriftet. Sie enthält einerseits aufsteigende Jahreszahlen (mit dem lateinischen Zusatz „AD“, also „nach Christus“), andererseits den Vermerk „Years before present“, also „Jahre vor der Gegenwart“ – das aber würde absteigende Jahreszahlen erfordern. Zudem fällt auf, dass die Kurve ziemlich handgemalt wirkt. Und dass ihr Ende deutlich nach unten zeigt – obwohl allgemein bekannt ist, dass die globalen Temperaturen seit etwa 1970 stark angestiegen sind.

Woher stammt die – merkwürdige – Kurve? Eine Antwort auf diese Frage findet sich im Anhang eines Fachartikels aus dem Jahr 2009 zum Stand der Paläoklimatologie (dem Forschungsgebiet, das das Klima vor Beginn der modernen Wetteraufzeichnungen untersucht). Jones et al. 2009 betonen, dass die Grafik lediglich eine Skizze war und keine wirkliche Temperaturrekonstruktion: „Für Paläoklimatologen war das Diagramm nie mehr als das, wovon auch die IPCC-Bildunterzeile sprach: eine schematische Darstellung“.

Laut diesem Aufsatz stammte die Abbildung ursprünglich aus einer Broschüre des britischen Umweltministeriums von 1989, wo allerdings keine Quelle der zugrundeliegenden Daten angegeben worden war. Beim Durchsuchen und Vergleichen verschiedener Fachveröffentlichungen habe man die Kurve aber schließlich zum britischen Klimatologen Hubert H. Lamb rückverfolgen können. Lamb hatte seit den 1960-er Jahren in mehreren Veröffentlichungen historische Wetterdaten für Zentral-England ausgewertet, zuletzt in seinem Buch Climate, History, and the Modern World aus dem Jahr 1982. Die dortige Abbildung 30a (in Kapitel 5) sei, so Jones et al. 2009, „ganz klar die gleiche Kurve“ wie jene in der 1989er Ministeriumsbroschüre bzw. im 1990er IPCC-Report.

Was aber war in dieser Vorlage für die IPCC-Grafik zu sehen? Laut Original-Bildunterzeile stellte Lamb den „geschätzten Verlauf“ (in Englisch: „estimated course“) der Jahresmitteltemperaturen von Zentral-England seit dem Jahr 800 dar, der Kurvenverlauf zeige die „wahrscheinlichen Fünfzig-Jahres-Mittelwerte“ („probable fifty-year averages“). Weil Lamb erst ab dem 18. Jahrhundert direkte Temperaturaufzeichnungen vorlagen, hatte er für die Jahrhunderte davor in seiner Grafik korrekterweise breite Unsicherheitsbereiche markiert. Und der Endpunkt seiner Datenkurve war etwa das Jahr 1950.

Halten wir also fest: Die Grafik im 1990er IPCC-Report war ausdrücklich als “Schema” betitelt. Grundlage der gezeigten Temperaturkurve waren nicht globale Daten, sondern lediglich Daten für Zentral-England, die zudem schon Mitte des 20. Jahrhunderts endeten. Mehr noch: Die Daten waren in der Originalquelle lediglich als „wahrscheinlich“ und „geschätzt“ bezeichnet worden. Man sollte diese Kurve also, um es zurückhaltend zu formulieren, in ihrer Verlässlichkeit nicht überbewerten.

Jones et al. 2009 haben versucht, diese veraltete und mit Unsicherheiten behaftete Kurve so gut wie möglich fortzuschreiben. Dazu ergänzten sie diese um aktuelle Temperaturdaten für Zentral-England bis zum Jahr 2007, und dies kam dabei heraus:

Fortschreibung_IPCC-Grafik_Mittelalterliche_Warmzeit

Abbildung 2: Fortschreibung der umstrittenen IPCC-Grafik zur “Mittelalterlichen Warmzeit” – die schwarze Kurve sowie die x- und y-Achse stammen aus Grafik 7.1c in Band 1 des ersten IPCC-Reports von 1990, die rote Kurve ist aus deren Vorlage übernommen (also aus Grafik 30a in Lamb 1982). Weil bei Lamb anders als beim IPCC die Temperaturskala links beschriftet war, konnten die Markierungen dort rekonstruiert werden: der Abstand zwischen den Markierungen steht für ein Grad Celsius. Dank dieser Information konnte an die skizzierten 50-Jahres-Durchschnittskurven eine exakte Temperaturkurve für Mittelengland angepasst werden (blau) – die nicht nur bis 1950 reicht, sondern bis 2007; Quelle: Jones et al. 2009.

Die Temperatur in Zentral-England ist im letzten halben Jahrhundert um rund ein Grad Celsius gestiegen und liegt längst über jener während der dortigen „Mittelalterlichen Warmzeit“. Die Ansicht, der aktuelle Klimawandel sei nichts Besonderes, lässt sich also nicht einmal für diesen einen lokalen Datensatz aufrechterhalten.

Zurück zur Behauptung, der IPCC habe die „Mittelalterliche Warmzeit“ aus seinen Berichten weggetrickst. Nach dem bisher Gesagten dürfte klar sein, dass der Weltklimarat gute Gründe hatte, die Arbeit von Lamb in späteren Reports durch Studien zu ersetzen, die aktueller waren und vor allem repräsentativer für mittlere Temperaturen auf der Nordhalbkugel oder gar auf der gesamten Erde. Dank großer Fortschritte der Paläoklimatologie wurden ab Anfang der 1990er Jahre mehr und verlässlichere Temperaturrekonstruktionen auf der Basis von Proxy-Daten verfügbar. Im Zweiten Sachstandsbericht des IPCC von 1995 sind (in Kapitel 3.6.2 von Band 1) eine ganze Reihe von Studien aufgezählt, denen zufolge es zwar an etlichen Orten auf der Nordhalbkugel eine „Mittelalterliche Warmzeit“ gegeben habe, die wärmer war als die Gegenwart. Doch, so das damalige IPCC-Fazit, dies seien Regionalphänomene, insgesamt sei es

„noch nicht möglich zu schlussfolgern, dass die globalen Temperaturen in der Mittelalterlichen Warmzeit vergleichbar waren mit jenen warmen Jahrzehnten zum Ende des 20. Jahrhunderts“. (Seite 174)

Die Forschung schritt voran, und bis zur Erarbeitung des Dritten Sachstandsbericht im Jahr 2001 waren in der Fachliteratur erste überregionale Temperaturrekonstruktionen erschienen. In Kapitel 2.3.3 von Band 1 wurde der damalige Stand der Wissenschaft dann mit diesen Worten zusammengefasst:

„Aktuelle Daten sprechen nicht für global synchrone Perioden ungewöhnlicher Kälte oder Wärme, und die üblichen Begriffe ‚Kleine Eiszeit’ und ‚Mittelalterliche Warmzeit’ scheinen wenig Nutzen zu haben, um Temperaturtrends auf einer Halbkugel oder auf globaler Ebene während der vergangenen Jahrhunderte zu beschreiben. Dank der zunehmenden Zahl von Proxy-Daten und von Temperaturrekonstruktionen, die auf einer Vielzahl von Proxy-Daten basieren, ist es besser möglich, den räumlichen und zeitlichen Charakter dieser vermeintlichen Klimaepochen neu zu bewerten.“ (Seite 135)

In genau diesem Kapitel des 2001er IPCC-Report war übrigens auch die sogenannte „Hockeyschläger-Grafik“ (Mann et al. 1999) erstmals abgedruckt. Diese basiert auf Temperaturrekonstruktionen des zurückliegenden Jahrtausends. In ihr tauchte keine „Mittelalterliche Warmzeit“ mehr auf – was kein Wunder ist, weil es sich bei der Mann-Kurve um eine Rekonstruktion der Temperaturen auf der gesamten Nordhalbkugel handelte.

Der "Hockeyschläger" war, anders als oft behauptet, im Wesentlichen korrekt und wurde in der Folgezeit durch eine Reihe ähnlicher Studien bestätigt (siehe Abbildung 3 aus dem 2007er IPCC-Bericht). Alle diese (überregionalen) Temperaturrekonstruktionen zeigen dasselbe: Dass die gegenwärtigen Temperaturen (dünne schwarze Kurve „HadCRUT2v“ am rechten Ende der Grafik) wahrscheinlich deutlich höher liegen als während des Höhepunkts der „Mittelalterlichen Warmzeit“ auf der Nordhalbkugel.

Temperaturrekonstruktionen Nordhalbkugel AR4

Abbildung 3: Etliche Temperaturrekonstruktionen auf der Basis zahlreicher Proxydaten für die vergangenen rund 1.300 Jahre und für die  Nordhalbkugel kamen übereinstimmend zum Ergebnis, dass die “Mittelalterliche Warmzeit” (ab etwa 1000 n.Chr) ein regionales Phänomen war. Auf der gesamten Nordhalbkugel ebenso wie im globalen Maßstab lagen die Temperaturen damals nicht über denen von heute (Manns „Hockeyschläger“ ist in der Abbildung als violette Kurve enthalten, in der Legende abgekürzt als „MBH1999, die Temperaturen sind dargestellt als Abweichung vom Durchschnitt der Jahre 1961-1990); Quelle: IPCC 2007, AR4, WG1, Kap.6, Abb.6.10 (Ausschnitt)

Im Vierten Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007 (in Kapitel 6.6.1 von Band 1) behandelt der IPCC die “Mittelalterliche Warmzeit” in wohlabgewogenen Worten:

„Die derzeit verfügbaren Indizien deuten darauf hin, dass die Durchschnittstemperaturen auf der Nordhalbkugel während des Mittelalters (950–1100) im Kontext der zurückliegenden zwei Jahrtausende tatsächlich relativ warm waren … Die Belege reichen aber nicht aus, um die Schlussfolgerung zu stützen, dass während irgendeiner Phase im Mittelalter die Durchschnittstemperaturen auf der gesamten Nordhalbkugel so warm oder warme Regionen so ausgedehnt waren wie im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.” (Seite 469)

Sechs Jahre später, im Fünften Sachstandsbericht von 2013, zeigte der IPCC schließlich eine aktualisierte Version der Abbildung 3 mit weiteren Temperaturrekonstruktionen für die Nordhalbkugel (siehe Grafik 5.7 in Kapitel 5.3.5 von Band 1). Und das nun nochmals vertiefte Wissen fasste der Weltklimarat (im Executive Summary von Kapitel 5 des Bandes 1) so zusammen:

„Großräumige Temperaturrekonstruktionen zeigen (mit hoher Sicherheit) jahrzehntelange Zeiträume während der 'Mittelalterlichen Warmzeit' (950-1250), die in manchen Regionen so warm waren wie zur Mitte des 20. Jahrhhunderts und in anderen so warm wie zum Ende des 20. Jahrhunderts. Doch mit hoher Sicherheit traten diese regionalen Wärmeperioden nicht so synchron in den verschiedenen Regionen auf wie die Erwärmung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts." (Seite 386)

Weil die Datenlage umso unsicherer wird, je weiter zurück man blickt, formuliert der IPCC den aktuellen Wissensstand differenziert: Für die vergangenen 1.400 Jahre lässt sich mit mindestens 66-prozentiger Sicherheit sagen, dass die Zeit von 1983 bis 2012 die wärmste 30-Jahres-Periode überhaupt war, für die vergangenen 800 Jahre sogar mit mindestens 90-prozentiger Sicherheit.

Fazit: Der IPCC hat die “Mittelalterliche Warmzeit” nicht künstlich verschwinden lassen. Stattdessen hat der Weltklimarat stets seine Aufgabe erfüllt, die momentane Erkenntnislage zum jeweiligen Zeitpunkt des Erscheinens seiner Sachstandsberichte zusammenzufassen. Als die Forschung im Laufe der Zeit immer mehr und immer aussagekräftigere Daten für die Klimageschichte zutage förderte, wurde eben immer deutlicher, dass die Temperaturen während der „Mittelalterlichen Warmzeit“ im globalen Maßstab nicht höher lagen als die heutigen.

Es ist alles andere als Zauberei, sondern schlicht zu erwarten, dass Detailrekonstruktionen von Temperaturen für die gesamte Nordhalbkugel bis über das Jahr 2000 hinaus ganz anders aussehen als eine schematische Skizze mittelenglischer Daten bis zum Jahr 1950.

Dana Nuccitelli/klimafakten.de, Februar 2011;
zuletzt aktualisiert: Oktober 2014