Gibt es wirklich einen Klimawandel?

Behauptung: „Im Mittelalter war es wärmer als heute“

Behauptung: „Während der Mittelalterlichen Warmzeit war es wärmer als heute. Die heutige Erwärmung ist also nicht außergewöhnlich und hat sicherlich natürliche Ursachen.“

Fakt ist: Die sogenannte "Mittelalterliche Warmzeit" konzentrierte sich auf einzelne Regionen, weltweit jedoch war es damals nicht wärmer als heute

Antwort: 

Es stimmt, dass während der sogenannten Mittelalterlichen Warmzeit in manchen Regionen der Erde ungewöhnlich hohe Temperaturen beobachtet wurden, diese lagen vor allem auf der Nordhalbkugel. Doch in vielen anderen Erdgegenden und auch insgesamt war die Welt damals kühler als heute.

Es ist häufig zu hören, die Mittelalterliche Warmzeit (ca. 950 bis 1250 n. Chr.) sei genauso warm wie das heutige Klima gewesen – oder gar noch wärmer. Implizit wird daraus geschlossen, die heutige Erwärmung sei natürlich und nicht durch menschliche Einflüsse verursacht. Oder die aktuell zu beobachtende Klimaerwärmung sei unproblematisch. Doch diese Argumente sind eher rhetorischer als wissenschaftlicher Art.

Erstens war die Mittelalterliche Warmzeit ein eher regionales Phänomen. Zwar gibt es in der Tat Belege dafür, dass damals Teile der Erde (etwa der Nordatlantik) wärmer waren als heute. Diese Erwärmung und der damit verbundene Rückgang des arktischen Eises ermöglichte es beispielsweise den Wikingern, weiter nach Norden zu fahren, als dies vorher denkbar gewesen wäre. Doch gleichzeitig war es an anderen Orten der Erde wesentlich kälter als heute, etwa im tropischen Pazifik (Mann 2009) – siehe dazu die ausführliche Antwort.

Bildet man jedenfalls den Durchschnitt aus wärmeren und kälteren Regionen, zeigt sich, dass die mittlere Temperatur auf der Erde während der Mittelalterlichen Warmzeit wahrscheinlich ähnlich war wie während der Erwärmungsphase Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Seit dieser Erwärmungs­phase sind jedoch die Temperaturen weiter gestiegen - und zwar deutlich über jene Werte, die während der Mittelalterlichen Warmzeit auf dem Großteil der Erde herrschten. Außerdem legen Messungen nahe, dass heute auch auf der Nordhalbkugel, wo die Mittelalterliche Warmzeit am deutlichsten spürbar war, die Temperaturen über den damaligen liegen (siehe Abbildung 1). Diese Erkenntnisse wurden in zahlreichen Untersuchungen bestätigt, zum Beispiel 2013 durch ein weltweites Konsortium Hunderter Forscher (PAGES 2k). Einige Jahre später kam eine weitere Studie zu dem Ergebnis, dass die Sommertemperaturen der letzten drei Dekaden (1985-2015) in Europa höher waren als in den vergangenen 2.000 Jahren, also jemals seit den Hochzeiten der Römer (Luterbacher et al. 2016). 

Abbildung 1: Rekonstruierte Temperaturen auf der nördlichen Erdhalbkugel (grau) und direkte Messungen der Nasa (rot); Quelle: Moberg 2005

Zweitens kennt man die Gründe für die Mittelalterliche Warmzeit und kann sowohl die Stärke der Erwärmung als auch deren Muster erklären. So weiß die Wissenschaft heute, dass die Mittelalterliche Warmzeit zu einem Zeitpunkt auftrat, als die Sonnenstrahlung überdurchschnitt­lich stark und die Vulkanaktivität niedrig war – beides sind bekannte Erwärmungsfaktoren. Offenbar spielten auch Veränderungen im Muster der Ozeanzirkulation eine wichtige Rolle für die Einspeisung wärmeren Meerwassers in den Nordatlantik. Dadurch kann ein Großteil der seinerzeitigen Wärme auf der Nordhalbkugel erklärt werden. Diese Faktoren aber scheiden als Erklärung für die heute auftretende Erwärmung aus.

Fazit:
a) Global gesehen sind heute die Temperaturen höher als während der letzten 2.000 Jahre.
b) Die mittelalterliche Erwärmung hatte andere Gründe als die heute zu beobachtende.

Robert Way/klimafakten.de, August 2010;
zuletzt aktualisiert: Januar 2016

Während der sogenannten Mittelalterlichen Warmzeit von ca. 950 bis 1250 n. Chr. herrschten in bestimmten Regionen der Erde relativ hohe Temperaturen. Beispielsweise ermöglichten damals eisfreie Ozeane den Wikingern die Besiedelung Grönlands. In Nordamerika kam es zu lang anhaltenden Dürren. Doch wie warm war die Mittelalterliche Warmzeit wirklich? War der Planet auch insgesamt wärmer als heute? Zur Beantwortung dieser Frage muss man die Temperaturen der Erde detailliert betrachten – also nicht nur die Erwärmung einzelner Regionen, sondern die Entwicklung im globalen Maßstab.

Viele Rekonstruktionen historischer Temperaturen beziehen sich lediglich auf einzelne Orte oder aber auf die Durchschnittstemperatur der gesamten Erde (bzw. der einzelnen Erdhälften). Für eine genauere Analyse der Mittelalterlichen Warmzeit – und vor allem die Frage ihrer geografischen Verbreitung – genügt dies nicht. Ein US-amerikanisches Forscherteam hat daher eine Weltkarte mit den Temperaturänderungen der letzten 1.500 Jahre erstellt (Mann 2009), mit der sowohl die Mittelalterliche Warmzeit betrachtet werden kann, als auch die sogenannte Kleine Eiszeit (von Anfang des 15. bis ins 19. Jahrhundert). Diese Arbeit basiert auf mehr als tausend Sätzen von Proxydaten, für die beispielsweise Baumringe, Eisbohrkerne, Korallen oder Sedimentkerne analysiert wurden.

Das Resultat: Während der Mittelalterlichen Warmzeit herrschten in großen Teilen des Nordatlantiks, in Südgrönland, in der Eurasischen Arktis und Teilen von Nordamerika warme Bedingungen. In diesen Regionen scheinen die Temperaturen höher gelegen zu haben als im gewählten Vergleichszeitraum (1961 bis 1990), in manchen Gebieten erreichten die Temperaturen sogar das noch höhere heutige Niveau. In vielen anderen Regionen aber lag die Temperatur deutlich unter dem Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990, etwa in Zentraleurasien, im Nordwesten Nordamerikas oder im tropischen Pazifik.

Abbildung 1: Rekonstruierte Abweichungen der Oberflächentemperatur während der Mittelalterlichen Warmzeit (950 bis 1250 n. Chr.) im Vergleich zum Temperaturdurchschnitt der Jahre 1961 bis 1990 – gelb, rot und braun verzeichnet sind höhere Temperaturen, hell- bis dunkelblau niedrigere, für die grauen Regionen mangelt es an Daten; Quelle: Mann 2009

Offensichtlich, war die Mittelalterliche Warmzeit kein weltweites Phänomen. Das wärmere Klima konzentrierte sich auf bestimmte Regionen, etwa den Nordatlantik; manche Regionen hingegen (etwa Teile des Indischen oder des Pazifischen Ozean) waren sogar kälter als während der kältesten Periode der Kleinen Eiszeit.

Wie fällt ein Vergleich mit den gegenwärtigen globalen Temperaturen aus? Abbildung 2 zeigt, wie viel wärmer die einzelnen Regionen der Erde heute (Dekade von 1999 bis 2008) im Vergleich zu dem Referenzzeitraum der oben zitierten Studie (Durchschnitt von 1961 bis 1990) sind. Auffällig ist die großflächige Erwärmung in nur wenigen Jahrzehnten (mit wenigen Ausnahmen, etwa der Abkühlung im Südpolarmeer).

Abbildung 2: Abweichungen der Oberflächentemperatur für den Zeitraum 1999 bis 2008 im Vergleich zum Referenzzeitraum 1961 bis 1990 – gelb, rot und braun verzeichnet sind höhere Temperaturen, hell- bis dunkelblau niedrigere, für die grauen Regionen mangelt es an Daten; Quellen: NOAA und Mann 2009.

Betrachtet man beide Grafiken nebeneinander, so springt ins Auge, dass weite Teile des Globus heute viel wärmer sind als während der Mittelalterlichen Warmzeit.

Eine grundlegende Studie zum Thema erschien 2013 in der Fachzeitschrift Nature Geoscience. Sie stammte vom Forschungskonsortium „PAGES 2k“, zu dem sich Hunderte  Forscher von Dutzenden Instituten weltweit zusammengeschlossen haben. Die Abkürzung PAGES steht übrigens für „Past Global Changes“, zu deutsch: Globale Veränderungen der Vergangenheit; und 2k steht für die vergangenen 2000 Jahre. Das Konsortium besteht aus neun regionalen Arbeitsgruppen, die jeweils die besten paläoklimatischen Daten aus den entsprechenden Regionen zusammenträgt; jene für Europa und den Mittelmeerraum heißt beispielsweise EuroMed2k.

Eines der Ergebnisse des PAGES 2k-Teams war, dass die Erderwärmung der vergangenen rund hundert Jahre einen vorherigen, langanhaltenden Abkühlungstrend beendet hat. Und dass die gegenwärtigen Temperaturen (weltweit betrachtet) höher liegen als in den 1400 Jahren zuvor – inklusive der Mittelalterlichen Warmzeit. Die Forschungen ergaben auch, dass es solche regionalen Warmperioden zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Weltregionen gab:

„Die Zeit zwischen etwa 830 bis 1100 war in allen vier Teilregionen der Nordhalbkugel eine anhaltende Warmperiode. In Südamerika und Australien/Asien trat eine durchgehend warme Periode von etwa 1160 bis 1370 auf. In der Arktis und in Europa waren die Temperaturen während der ersten Jahrhunderte nach Christus relativ hoch.“

Für frühere weltweit synchrone, über mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte anhaltende Warmperioden (wie die moderne globale Erwärmung) fanden die Forscher keine Belege. Ihre Befunde fassten sie unter anderem in einer Streifengrafik zusammen (siehe Abbildung 3): Für die sieben Weltregionen sind dort die Temperaturen in jeweils 30-Jahres-Abschnitten visualisiert. Die Mittelalterliche Warmzeit ist hier als Folge von rötlichen Streifen zwischen den Jahren 800 und 1000 in Europa und vor allem Nordamerika und der Antarktis erkennbar. Zur gleichen Zeit waren aber die Temperaturen in der Arktis kaum erhöht und in Südamerika teils deutlich kühler. Und niemals seit mindestens 1000 Jahren traten dunkelrote Streifen (hohe Temperaturen) in so vielen Regionen gleichzeitig auf wie ganz am Ende des 20. Jahrhunderts (in der Grafik am rechten Rand).

Abbildung 3: Durchschnittstemperaturen in sieben Weltregionen während der vergangenen zwei Jahrtausende – jedes Farbkästchen zeigt den Durchschnittswert für einen 30-Jahres-Zeitraum. Gelb- und Rottöne stehen für Temperaturen über dem Durchschnitt des Zeitraums 1190 bis 1970, Blautöne für Temperaturen unter dem Durchschnitt; Quelle: PAGES 2k 2013

Auf der Basis dieser und vieler anderer Studien formuliert der IPCC in seinem Fünften Sachstandsbericht (WG1, Kapitel 5, Executive Summary) denn auch eindeutig:

„Die Rekonstruktionen der Oberflächentemperatur im kontinentalen Maßstab zeigen, mit hoher Sicherheit, dass während der Mittelalterlichen Warmzeit in einigen Regionen Temperaturen herrschten wie zur Mitte des 20. Jahrhunderts und in anderen sogar wie zum Ende des 20. Jahrhunderts. Mit großer Sicherheit waren diese regionalen Wärmeperioden aber nicht so synchron wie die Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts.“

Fazit: Wer behauptet, während der Mittelalterlichen Warmzeit sei es wärmer gewesen als heutzutage, beschränkt sich unzulässigerweise auf wenige Regionen mit damals ungewöhnlich warmen Temperaturen.

John Cook/klimafakten.de, August 2010;
zuletzt aktualisiert: August 2014