Gibt es wirklich einen Klimawandel?

Behauptung: „Grönland war früher eine grüne Insel“

„Die gegenwärtige Erderwärmung ist nichts besonderes und könnte natürlichen Ursprungs sein – vor rund tausend Jahren zum Beispiel siedelten die Wikinger auf Grönland, das damals eine einladende, grüne Insel war.“

Fakt ist: Dass Grönland im Mittelalter grüner und wärmer war als heute, sagt wenig über den gegenwärtigen weltweiten Klimawandel

Antwort: 

Es stimmt, dass die Region um den Nordatlantik zu Beginn des zweiten Jahrtausends eine relativ warme Phase erlebte. In einigen Regionen der Welt war es damals tatsächlich ähnlich warm wie heute, in anderen Teilen der Welt war die Temperatur dagegen geringer; insgesamt war daher der Durchschnitt der Erdtemperatur zu jener Zeit niedriger als Ende des 20. Jahrhunderts. Doch „grün“ war Grönland selbst damals nur an den Küsten, der grönländische Eisschild auf dem Großteil der Insel existiert seit mindestens 400.000 Jahren.

Schwankungen und regionale Unterschiede sind völlig normal für das Klimasystem der Erde. Auch die sogenannte Mittelalterliche Warmzeit, während der auf Grönland relativ milde Temperaturen herrschten, war nichts ungewöhnliches. Doch anders als oft suggeriert wird, haben Wärmephasen wie diese nichts mit dem heutigen Klimawandel zu tun – damals wurden lediglich regional begrenzt höhere Temperaturen gemessen, während die globale Mitteltemperatur niedriger war als gegen Ende des 20. Jahrhunderts (vgl. Kapitel 5.5.1.1. von Band 1 des Fünften Sachstandsberichts des IPCC).

Bei genauer Betrachtung fällt zudem auf, dass „Warmphasen“ auf Grönland alles andere als warm sind. Der grönländische Eisschild, der bis zu 3.200 Meter dick auf dem größten Teil der Insel liegt, ist 400.000 bis 800.000 Jahre alt (Willerslev et al. 2007) – eine „grüne Insel“ war Grönland also auch vor rund tausend Jahren nicht.

Richtig ist lediglich, dass es während einer mehrhundertjährigen milderen Phase von 986 an bis ins 14./15. Jahrhundert einzelne Wikingersiedlungen an der Südspitze Grönlands gab. Gegründet wurden sie von „Erik dem Roten“, einem Flüchtling aus Island – der Name Grönland (altnordisch für „Grünland“) war vermutlich ein schönfärberischer Name, mit dem Neusiedler in die unwirtliche Gegend gelockt werden sollten. Landwirtschaft war selbst während der „Warmphase“ nur in bescheidenem Umfang und in geschützten Buchten an einem schmalen Küstenstreifen Grönlands möglich.

Das Schicksal dieser Siedlungen ist eines der Beispiele für untergegangene menschliche Zivilisationen, die der preisgekrönte US-Evolutionsbiologe Jared Diamonds in seinem Buch Kollaps untersuchte. Sehr detailreich beschreibt er, wie schwer es den Wikingern fiel, der für sie unwirtlichen Umgebung genügend zum Leben abzutrotzen (und wie sie dabei die fragile Umwelt und damit ihre Lebensgrundlagen langsam zerstörten). Nach einer erneuten Abkühlung des Regionalklimas ab dem 14./15. Jahrhunderts auf der Nordhalbkugel (umgangssprachlich „Kleine Eiszeit“ genannt) und einer damit einhergehenden weiteren Verschlechterung der landwirtschaftlichen Bedingungen starben die Siedlungen dann komplett aus.

Für die zurückliegenden rund 4.500 Jahre konnte gezeigt werden, dass die Geschichte menschlicher Siedlungen auf Grönland dem Takt der regionalen Klimaänderungen folgt (D’Andrea et al. 2011). Ursachen der historischen Klimaschwankungen waren wahrscheinlich Veränderungen der Sonnenaktivität und der Ozeanströmungen im Nordatlantik. Die regionalen Temperaturen konnten beträchtlich steigen bzw. sinken, Forscher fanden beispielsweise Veränderungen um 4 Grad Celsius innerhalb von nur 80 Jahren.

Für den derzeitigen globalen Klimawandel lässt sich aus der grönländischen Vergangenheit nichts ableiten – er kann durch natürliche Faktoren wie Schwankungen der Sonnenhelligkeit oder der Stärke von Ozeanströmungen allein nicht erklärt werden. Allenfalls die Folgen der Temperaturänderungen für die Wikinger könnte man als Lektion verstehen: Abrupte Temperaturänderungen, zeigte sich damals, können die Anpassungsfähigkeit menschlicher Zivilisationen schnell überfordern.

klimafakten.de, März 2015