Kann man sich auf die Klimaforschung verlassen?

Behauptung: „Der IPCC hat das Abschmelzen der Himalaya-Gletscher übertrieben"

„In seinem Report von 2007 behauptete der IPCC, die Gletscher des Himalaya würden bis zum Jahr 2035 verschwunden sein. Das war eine heillose Übertreibung. Damit wollten die Wissenschaftler politischen Druck für mehr Klimaschutz machen.“

Fakt ist: Ein kleiner Fehler im 2007er IPCC-Bericht zur Schmelze der Himalaja-Gletscher wirft nicht die gesamte Klimaforschung über den Haufen

Antwort: 

Der Fehler im IPCC-Report bezüglich einer Gletscherschmelze im Himalaja bis 2035 war fatal, und es ist wichtig, dass derartige Fehler in künftigen Berichten vermieden werden. Doch die zentrale Aussage des Vierten Sachstandsberichts wird von der begutachteten Fachliteratur bestätigt: Weltweit ziehen sich die Gletscher zurück, im Himalaja ist die Entwicklung uneinheitlich – während in großen Teilen des Gebirges die Gletscher stark schrumpfen, sind sie in anderen stabiler oder gar wachsend. Daten über einen nur geringen Eisverlust in den letzten zehn Jahren sind kein Grund zur generellen Entwarnung.

Ja, der IPCC hat einen Fehler gemacht. In Abschnitt 10.6.2 von Teil II des Vierten Sachstandsberichts aus dem Jahr 2007 hieß es über die Gletscher im Himalaja: „… die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis 2035 und vielleicht schon früher verschwinden, ist sehr hoch, wenn die Erde sich weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit erwärmt“. Diese Aussage war falsch. Sie stammte auch nicht aus begutachteter Fachliteratur und verletzte die Qualitätsstandards des IPCC

Der Fehler führte zu einer weltweiten Berichterstattung – und zu scharfer Kritik am IPCC wie auch an der Klimaforschung im Allgemeinen. Ein Teil davon war überzogen, aber ein Teil auch berechtigt. Beispielsweise versäumte es der IPCC, umgehend und angemessen auf den Himalaja-Fehler zu reagieren. Schon vor der Veröffentlichung des Berichts reagierte er nicht auf Hinweise. Als zur Jahreswende 2009/2010 Medien zu berichten begannen, brauchte die IPCC-Spitze lange, um öffentlich zu reagieren und den Fehler einzuräumen. Eine Überprüfung des Weltklimarates durch den Dachverband der weltweiten Wissenschaftsakademien kam folglich im Sommer 2010 zum Ergebnis, dass die Qualitätsvorgaben des IPCC zwar hoch sind, aber künftig stärker beachtet werden müssten – und dass das Management und die Kommunikation des Weltklimarates zu verbessern seien.

Aber bedeutet der Himalaja-Fehler, dass man sich nicht auf IPCC-Reports verlassen kann?

Mitnichten: Es muss betont werden, dass es sich bei dem Fehler um einen einzigen in einem insgesamt etwa 3000-seitigen Bericht handelt – was der Fehlerquote des renommierten Lexikons Encyclopedia Britannica gleichkommt. Zudem stand die fehlerhafte Aussage zur Gletscherschmelze lediglich in einem zweitrangigen Kapitel in der Langfassung des Reports – sie fand sich weder im Teil des Berichts zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Klimaforschung, noch in den Zusammenfassungen für Entscheidungsträger, und auch nicht im vielgelesenen Synthesebericht.

Beweist der Himalaja-Fehler, dass der IPCC „alarmistisch“ ist, also dazu neigt, die negativen Folgen des Klimawandels zu übertreiben?

Auch dieser Schluss wäre falsch: Selbst wenn man den Autoren politische Absichten unterstellte – wesentlich häufiger, das zeigt eine Analyse anderer Zukunftsprognosen des IPCC, war das Gremium in seinen Schätzungen zu konservativ, etwa bei seinen Szenarien für den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen, beim Meeresspiegelanstieg oder dem Abschmelzen des arktischen Meereises.

Stellt der Fehler die Klimawissenschaft insgesamt in Frage?

Eine solche Deutung wäre absurd. Die grundlegenden Erkenntnisse zur Erderwärmung nämlich wurden und werden durch unzählige Arbeiten, auf der Basis mehrerer isolierter empirischer Beweislinien und vor allem unabhängig voneinander bestätigt. Auch die wesentlichen Aussagen zum Klimawandel im 2007er IPCC-Report sind unberührt von dem Fehler – denn dieser unterlief der Arbeitsgruppe II („Auswirkungen, Anpassung, Gefährdungen“), nicht aber der Arbeitsgruppe I („Wissenschaftliche Grundlagen“).

Zum Schluss die Frage: Wie steht es denn nun wirklich um die Gletscher im Himalaja und anderswo?

Zu dieser Frage gibt es zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, und deren Grundaussage ist klar: Weltweit verlieren die Gletscher seit Jahren an Masse, die Entwicklung hat sich zuletzt beschleunigt. Im Himalaja selbst ist die Entwicklung uneinheitlich, in der riesigen Region gibt es sowohl schrumpfende als auch wachsende Gletscher; so vermerkt es auch der Fünfte IPCC-Sachstandsbericht von 2013 in Band I, Kapitel 4.3.3.3. Einen etwas detaillierteren Forschungsüberblick gab im September 2012 ein Report der US-Wissenschaftsakademien:

"Gletscher in den östlichen und zentralen Regionen des Himalaja scheinen sich in beschleunigter Geschwindigkeit zurückzuziehen (ähnlich wie in anderen Gegenden der Welt), während Gletscher im Westen des Himalaja stabiler sind und wachsen könnten. … Das gesamte Himalaja-Klima verändert sich, aber wie dieser Wandel einzelne Orte beeinflussen wird, bleibt unklar. … Es ist unwahrscheinlich, dass schwindende Gletscher in den kommenden Jahrzehnten einen signifikanten Einfluss auf die Wasserverfügbarkeit in niedrig gelegen Gegenden haben … , doch wenn sich die gegenwärtige Rückzugsrate fortsetzt, könnte sich in höher gelegenen Gebieten in einigen Flüssen die saisonalen und zeitlichen Wasserführung verändern. … Während der Rückgang von Gletschern kurzfristig mehr Schmelzwasser verursachen würde, könnte der Verlust der Gletscher langfristig problematisch werden."

Dem IPCC unterlief also 2007 in einem sehr umfangreichen Bericht ein für das Gremium ärgerlicher Fehler, zudem war seine Reaktion auf diesen Fehler alles andere als vorbildhaft. Doch es wäre verkehrt, aus diesem Grund die ganze Klimaforschung in Frage zu stellen oder generell Entwarnung zu geben für den Rückzug der Gletscher.

 Nicholas Berini/klimafakten.de, Januar 2013;
zuletzt aktualisiert: August 2014

Zum Jahreswechsel 2009/2010, also knapp drei Jahre nach seinem Erscheinen, verursachte der Vierte Sachstandsbericht des IPCC noch einmal weltweite Schlagzeilen. Auf Seite 493 des fast tausendseitigen Band II war ein Fehler aufgefallen: Bereits in zweieinhalb Jahrzehnten, hieß es da in einem Kapitel über die Folgen des Klimawandels in Asien, seien die Gletscher des Himalaja höchstwahrscheinlich verschwunden. Die Zahl war komplett falsch; in Wahrheit dürfte, selbst im schlimmsten Falle, ein Schwund des riesigen Eispanzers mehrere Jahrhunderte dauern.

Wörtlich hieß es in Kapitel 10.6.2 von Teil II des Vierten IPCC-Sachstandsberichts, in einem „Fallstudien“ überschriebenen Abschnitt:

„Die Himalaja-Gletscher schwinden schneller als Gletscher in jedem anderen Teil der Welt (siehe Tabelle 10.9), und – bei gleichbleibender Abschmelzrate – ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie bis 2035 und vielleicht schon früher verschwinden, wenn die Erde sich weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit erwärmt. Ihre Gesamtfläche wird sich bis 2035 wahrscheinlich von gegenwärtig 500.000 auf 100.000 km2 verringern. (WWF 2005)”

Verfolgen wir als erstes die Spur dieser Falschinformation.

Woher stammt die fehlerhafte Jahreszahl?

Die vom IPCC genannte Quelle war ein Bericht der Umweltschutzorganisation WWF aus dem Jahr 2005 mit dem Titel „An Overview of Glaciers, Glacier Retreat, and Subsequent Impacts in Nepal, India and China". Die Broschüre ist sogenannte „Grauliteratur", das heißt, sie hatte nicht den in der Wissenschaft üblichen Prozess der Begutachtung durch Fachkollegen durchlaufen („peer-review“). Auf Seite 29 dieses WWF-Reports hieß es:

„Ein Bericht der Working Group on Himalayan Glaciology (WGHG) der International Commission for Snow and Ice (ICSI) aus dem Jahr 1999 befand: ‚Die Himalaya-Gletscher schwinden schneller als Gletscher in jedem anderen Teil der Welt, und – bei gleichbleibender Abschmelzrate – ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie bis 2035 und vielleicht schon früher verschwinden, wenn die Erde sich weiterhin mit der aktuellen Geschwindigkeit erwärmt.’ Die direkte Beobachtung einiger Gletscherzungen, die unter den Tausenden von Himalaja-Gletschern ausgewählt wurden, deutet auf einen allgemeinen Rückgang seit mindestens 150 Jahren hin. Die Prognose, dass ‚die Gletscher in der Region aufgrund der globalen Erwärmung innerhalb der nächsten 40 Jahre verschwinden werden’ und dass die Himalaja-Flüsse ‚eines Tages versiegen werden, was einen weitreichenden Wassermangel zur Folge haben wird’ (New Scientist 1999; 1999, 2003), ist ebenso beunruhigend.“

Der WWF hatte also wiederum nur auf andere Quellen verwiesen. Doch in dem zitierten WGHG-Report (jedenfalls der heute noch online zugänglichen Fassung) findet sich die Jahreszahl 2035 überhaupt nicht. Hingegen steht sie in der zweiten Quelle des WWF, einem Artikel der Zeitschrift New Scientist von 1999 über genau jenen WGHG-Report. Dieser Text beruhte auf einem Interview mit dem indischen Wissenschaftler Syed Hasnain, dem Vorsitzenden jener Working Group on Himalayan Glaciology (WGHG). Allerdings bezieht sich die Jahreszahl dort nicht auf alle Gletscher im Himalaja, sondern nur auf jene „im zentralen und östlichen“ Teil, sie ist nicht als wörtliches Zitat des Wissenschaftlers gekennzeichnet. Als zehn Jahre später der Fehler im IPCC-Bericht bekannt wurde, erklärte er gegenüber dem New Scientist, die Zahl sei lediglich eine unverbindliche Schätzung gegenüber einem Journalisten gewesen, in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung habe er sie bewusst nie getroffen.

Die Zahl 2035, lässt sich festhalten, war also pure Spekulation und von keinerlei formalen Untersuchungsergebnissen gestützt. Möglicherweise handelte es sich um einen Zahlendreher, die Ziffern 2, 0, 3 und 5 in Zusammenhang mit schmelzenden Himalaja-Gletschern tauchen nämlich an anderer Stelle tatsächlich in der Fachliteratur auf: Jahre zuvor war im Aufsatz eines russischen Hydrologen (Kotlyakov 1996) davon die Rede gewesen, dass die Eismassen der Erde, die außerhalb der Polkappen liegen (wovon sich der größte Teil im Himalaja befindet), bis zum Jahr 2350 um 80 Prozent schrumpfen. In jener Veröffentlichung tauchten übrigens auch (anders als im WWF-Report) die vom IPCC verwendeten Zahlen von 500.000 bzw. 100.000 km2 auf.

Wie gelangte die falsche Jahreszahl in den IPCC-Bericht?

Ebenfalls nicht restlos geklärt ist bis heute, wie dieser wirklich grobe Fehler (um den Faktor 10 zu hoch war die Abschmelzrate angegeben worden) den eigentlich peniblen Redaktions- und Überprüfungsprozess überstand, den jeder IPCC-Report durchläuft. Ein Grund ist vermutlich, dass sich die Zahl im Abschnitt der Arbeitsgruppe II „Auswirkungen, Anpassung, Gefährdungen“ versteckt hatte, die besonders auf regionale Aspekte des Klimawandels schaut und nicht von Gletscherexperten redigiert wurde. (Im umfangreichen Kapitel 4 der Arbeitsgruppe I „Wissenschaftliche Grundlagen“ zu Schnee, Eis und Permafrost  hingegen war die falsche Gletscher-Prognose nicht enthalten, ebenso wenig in der Zusammenfassung des Gesamtreports für Entscheidungsträger oder im vielgelesenen Synthesebericht.)

Ein anderer Grund ist, dass frühe Hinweise auf den Fehler offensichtlich ignoriert wurden. Wie 2010 bei einer Evaluation des IPCC durch den Dachverband der weltweiten Wissenschaftsakademien (IAC) herauskam, hatten schon während des routinemäßigen Review-Prozesses zwei externe Gutachter den fehlerhaften Absatz kritisiert – die IPCC-Verantwortlichen versäumten aber, diesen dann noch einmal sorgfältig zu prüfen. Noch eine zweite Chance zur Fehlerkorrektur wurde vertan: Der Innsbrucker Gletscherexperte Georg Kaser, der auch Mitglied der IPCC-Arbeitsgruppe I war, hatte nach eigenen Angaben schon kurz vor Drucklegung 2006 seine Kollegen von Arbeitsgruppe II auf die absurde Jahreszahl hingewiesen – ebenfalls ohne Folgen.  Das IAC empfahl deshalb unter anderem, dass der IPCC seine (eigentlich hohen) Qualitätsvorgaben künftig stärker beachten müsse. Auch wenn dieser Himalaja-Fehler einmalig war und Korrektheit der restlichen fast 3.000 Seiten nicht berührt, hat der Weltklimarat Vorkehrungen getroffen, um ein solches Versagen künftig zu vermeiden.

Was sagt die Forschung wirklich über die Himalaja-Gletscher?

Dass weltweit die Gletscher seit Jahrzehnten auf dem Rückzug sind, weiß die Wissenschaft schon lange (siehe z.B. Kaser et al. 2006). Unbestritten ist die Eismasse auf dem Himalaja – nach Arktis/Grönland und der Antarktis – die drittgrößte der Welt (UNEP/WGMS 2008), gelegentlich wird er deshalb auch „der dritte Pol“ der Erde genannt. Im Himalaja gibt es etwa 15.000 Gletscher, und sie sind für den Wasserhaushalt des ganzen Kontinents extrem wichtig. Die sommerliche Wasserführung von Flüssen wie Indus, Ganges oder Brahmaputra hängt zu mehr als 50 Prozent vom Schmelzwasser ab, hunderte Millionen von Menschen leben im Einzugsgebiet dieser drei Flüsse (Barnett et al. 2005).

Vor-Ort-Messungen an Gletscherzungen und Daten aus Eiskernen haben ergeben, dass sich viele Himalaja-Gletscher seit Jahrzehnten zurückziehen, an den Südhängen des Zentral-Himalaja zum Beispiel mit zunehmender Geschwindigkeit (Ren et al. 2006). Selbst ein so hoch gelegener Gletscher wie der Naimona'nyi verliert Eis (Kehrwald et al. 2008). In der tibetischen Hochebene sind bereits deutliche Veränderungen der hydrologischen Verhältnisse infolge der beschleunigten Gletscherschmelze zu beobachten, beispielsweise sind die Wasserpegel in Flüssen und Binnenseen deutlich gestiegen (Yao et al. 2007).

Allerdings verläuft die Entwicklung in dem riesigen Gebirge nicht einheitlich (Bolch et al. 2012, Yao et al. 2012). „Gletscher in den östlichen und zentralen Regionen des Himalaja scheinen sich in beschleunigter Geschwindigkeit zurückzuziehen …, während Gletscher im Westen des Himalaja stabiler sind und wachsen könnten“, fasste im September 2012 ein Report der US-Wissenschaftsakademien den Kenntnisstand zusammen. Eine Erklärung für den Zuwachs an Gletschern im westlichen Himalaja (v.a. dem Karakorum-Gebirge) könnte sein, dass veränderte Wettermuster infolge der Erderwärmung dort stärkere Schneefälle bringen könnten (Archer/Caldeira 2008). Möglicherweise hängt die Schmelzgeschwindigkeit auch davon ab, ob Gletscher mit Geröll bedeckt und dadurch der Sonneneinstrahlung weniger stark ausgesetzt sind (Scherler et al. 2011).

Im grundlegenden Band I des 2007er IPCC-Reports wurde in Kapitel 4.5.3 der damalige Forschungsstand denn auch zutreffend zusammengefasst:

"Während Gletscher in den Hochgebirgen Asiens insgesamt mit verschiedenen Raten schwinden, wurde für einige hochgelegene Gletscher im zentralen Karakorum eine Zunahme von Ausdehnung und/oder Dicke der Gletscherzunge berichtet, wahrscheinlich wegen zunehmender Niederschläge."

Seit einigen Jahren ist es mit verschiedenen Satelliten möglich, Eismassen auf der Erdoberfläche zu vermessen. Dabei gibt es wichtige Unterschiede: Einige arbeiten mit optischen Verfahren oder Radar – solche Satelliten haben aber ihre Schwierigkeiten bei geröllbedeckten Gletschern, wie sie gerade im Himalaja häufig vorkommen. Andere Satelliten, etwa das deutsch-amerikanische Projekt GRACE, können zwar sehr genau das Schwerefeld der Erde und damit auch die Masse von Himalaja-Gletschern vermessen – dafür ist die notwendige Umrechnung dieser Daten in reale Eisverluste oder -zuwächse mit anderen Unsicherheiten behaftet. Grundsätzlich sind Satellitenverfahren genauer als lokale Messungen, aber weil die Daten nicht weit zurückreichen, sind auf ihrer Basis noch keine verlässlichen Langzeitaussagen zur Gletscherentwicklung möglich.

Erst nach Redaktionsschluss des Vierten Sachstandsberichts des IPCC im Jahr 2006 erschienen Studien auf Basis von GRACE-Daten. Eine erste kam zu dem Ergebnis, dass im Zeitraum von 2003 bis 2009 im Himalaja ein Eisverlust zu beobachten war, der mit rund 50 Gigatonnen pro Jahr dem beschleunigten Schwund in anderen Weltgegenden und früheren Schätzungen entsprach (Matsuo/Heki 2010). Eine zweite Studie ergab, dass (zwischen 2003 und 2010) der Eisverlust im gesamten Himalaja mit jährlich rund 4 Gigatonnen viel geringer war als zuvor auf der Basis lokaler Messungen angenommen und somit deutlich schwächer als in anderen Weltgegenden (Jacob et al. 2012). Eine dritte Studie stützte sich auf einen anderen Satelliten und bearbeitete dessen Daten detaillierter als die beiden anderen Untersuchungen; sie bezifferte den Eisverlust im Himalaja (für den Zeitraum 2003 bis 2008) auf 12 Gigatonnen pro Jahr – und kam damit zu einem Ergebnis, das zwischen den beiden erstgenannten lag  (Kääb et al. 2012).

In seinem Fünften Sachstandsbericht von 2013 schließlich resümierte der IPCC (in Band I, Kapitel 4.3.3.3) den Stand der Wissenschaft:

"In den Hochgebirgen Asiens ist das Bild [der Eisentwicklung] heterogen, wo Gletscher im Himalaja und dem Hindukusch an Masse verlieren, während im Karakorum die Entwicklung nahezu ausgeglichen ist."

Fazit

Wegen eines Fehlers wurde im 2007er Bericht der damalige Stand der Wissenschaft zum Schwund der Himalaja-Gletscher an einer Stelle falsch zusammengefasst, die Schmelzrate wurde etwa zehnfach überhöht angegeben. Mitglieder der Arbeitsgruppe II hatten die Qualitätsvorschriften des IPCC nicht beachtet und sich statt auf die Arbeit ihrer Fachkollegen aus Arbeitsgruppe I auf eine unwissenschaftliche und unkorrekte externe Veröffentlichung gestützt.

Die Entwicklung der Himalaja-Gletscher ist uneinheitlich, es gibt sowohl schrumpfende (vor allem im östlichen und zentralen Teil) als auch wachsende (im westlichen Teil). Insgesamt nimmt die Eismasse im Himalaja seit Jahrzehnten ab, an manchen Stellen in zunehmendem Tempo. In den vergangenen zehn Jahren aber – so das Ergebnis von Satellitenmessungen – erwies sich die Eismasse als stabiler als in anderen Teilen der Welt. Wer nur die optimistischste Studie betrachtet (Jacob et al. 2012), könnte die Aussage treffen, in der Summe seien die Himalaja-Gletscher seit 2003 nicht geschrumpft – aber dabei würde dreierlei ausgeblendet: dass in weiten Teilen des Himalaja ein Rückzug der Gletscher nicht geleugnet werden kann, dass andere Studien auch für den Gesamt-Himalaja eine seit 2003 deutlich negative Massebilanz ergaben, und dass selbst die „optimistische“ Studie trotz geringerem Schwund im Himalaja einen weltweiten Eisverlust infolge der Erderwärmung von rund 500 Milliarden Tonnen pro Jahr diagnostizierte.

John Cook/klimafakten.de, Januar 2013;
zuletzt aktualisiert: August 2014