Klimasünder oder Klimaretter – wie geht es weiter nach der ersten klimafreundlichen Handlung?

Dorothee Baur hat Psychologie (mit Schwerpunkt Umweltpsychologie) an der Universität Groningen in den Niederlanden studiert. Danach arbeitete sie unter anderem am IHE Delft Institute for Water Education und am Karlsruhe-Institut für Technologie (KIT). Auf behaviorally-green.com bloggt sie über Umwelt- und Verhaltenspsychologie.

 

Diesen Sommer war es endlich mal wieder so weit – Urlaub, und zwar so richtig. Trotz Corona! Mit viel Vorfreude und meinem Impfpass im Gepäck eilte ich in den frühen Dienstagmorgen mit einer Freundin zum Münchner Flughafen, um nach Portugal zu fliegen.

Klar, mir ist bewusst, wie sehr Fliegen dem Klima schadet, und ich habe immer ein mulmiges Gefühl beim Fliegen. Aber ich liebe es auch zu reisen, weswegen ich ab und zu dann doch ins Flugzeug steige. Und zu meiner Verteidigung möchte ich hinzufügen: Ich bin im Allgemeinen ein Mensch, der sich ziemlich umweltfreundlich verhält! Ich besitze kein Auto, lebe auf kleinstem Raum in einer WG, ernähre mich vegetarisch und kaufe viele saisonale und regionale Produkte, die ich am liebsten in meiner Baumwolltasche vom Wochenmarkt nach Hause trage. Meine Bio-Erdbeeren kommen mir nicht in die Plastik-Tüte ...

Sie können mir hier gerade dabei zusehen, wie ich mir einzureden versuche, dass es in Ordnung ist, ab und zu fliegen, weil ich ja sonst im Alltag viel Gutes für Klima und Umwelt mache. In Wirklichkeit weiß ich: Diese Argumentation geht nicht auf. Aber machen wir nicht alle mal Fehler?

Vielleicht haben Sie sich auch selbst schon einmal dabei ertappt, auf ähnliche Art und Weise eigenes Verhalten zu "entschuldigen". In der Psychologie wird dieser kognitive Prozess als moral licensing bezeichnet (zu Deutsch: "moralische Lizenzierung") bezeichnet und bezieht sich darauf, unmoralische Handlungen (z.B. Fliegen) mit vorherigem moralischem Verhalten (z. B. Bio-Obst im Stoffbeutel) zu rechtfertigen. In gewisser Hinsicht kann man sich moral licensing auch als eine Art "moralisches Bankkonto" vorstellen. Indem man eine gute Tat vornimmt oder sich vorbildlich verhält, zahlt man auf sein mentales Konto ein, wodurch man Abbuchungen durch nachfolgende unmoralische Handlungen vermeintlich ausgleichen kann.

Wenn (Umwelt-)Verhalten "überschwappt"

Es ist eine uralte Erkenntnis: Menschen denken und handeln nicht immer rational. Die Psychologie hat mittlerweile eine ganze Liste kognitiver Verzerrungen benannt, also systematische Denk- und Wahrnehmungsfehler, die zu fehlerhaften bzw. vom Ergebnis problematischen Entscheidungen führen.

Auch um zu erklären, wie sich ein umweltfreundliches Verhalten negativ auf nachfolgende Verhaltensweisen auswirken kann, werden neben moral licensing noch weitere Begriffe verwendet: Single Action Bias, Rebound-Effekte oder Gateway-Effekte – all diese Phänomene fallen unter den Oberbegriff der "Spillover-Effekte". Dem Wortsinn nach bedeutet Spillover "überschwappen", und die Psychologie definiert Spillover-Effekte als beobachtbare und kausale Auswirkungen des einen Verhaltens auf ein anderes Verhalten.

Ein typischer Fall von moral licensing: Wer beim Einkaufen Plastiktüten vermeidet ... ; Foto: Sarah Chai/Pexels

Mein eingangs beschriebenes Verhalten (Fliegen nach anderem, umweltfreundlichem Verhalten) habe ich mit Hilfe von moral licensing erklärt, was unter die Kategorie der negativen Spillover fällt. Tatsächlich sind Spillover-Effekte nicht per se negativ, sondern können auch positiv ausfallen. Achten wir beispielsweise nach dem Wechsel zu einem Ökostromanbieter darauf, im Haushalt Strom zu sparen, ist das ein Beispiel für positiven Spillover. Allgemein geht es also um die Frage: Macht eine umweltfreundliche Handlung die nächste wahrscheinlicher (positiver Spillover) oder unwahrscheinlicher (negativer Spillover)?

Negative Spillover-Effekte

Meine eigene Verkehrsmittelwahl im Sommerurlaub habe ich natürlich nicht wissenschaftlich untersucht. Dennoch gibt es vor allem im Mobilitätsbereich einige Studien die andeuten, dass moral licensing und negative Spillover-Effekte bestehen. Beispielsweise zeigt ein Team der University of Exeter um den Geografie-Professor Stewart Barr, dass es für den Einzelnen zwar generell einfach sein mag, sich im Alltag umweltfreundlich zu verhalten, die Übertragung dieser Verhaltensweisen auf den Urlaubskontext jedoch problematisch ist. Laut den Autoren gilt dies insbesondere für emissionsintensive Verkehrsmittel wie (Billig)Flugreisen. Darüber hinaus kommt eine Fokusgruppen-Studie, die von einem Team um Graham Miller an der University of Surrey durchgeführt wurde, zu ähnlichen Ergebnissen. Teilnehmer, die sich zu Hause umweltfreundlich verhielten, empfanden es nicht als notwendig, dies auch im Urlaub zu tun.

Auch in Hinsicht auf Verhalten in anderen Bereichen gibt es Anzeichen für negative Spillover-Effekte. Die Ökonomen Daire McCoy und Sean Lyons des Trinity College Dublin in Irland stellen beispielsweise in Bezug auf Energieverhalten fest: Teilnehmer, die über Smart Meter ein Feedback zu ihrem Energieverbrauch erhielten, senkten diesen zwar, investierten aber im Vergleich zu einer Kontrollgruppe auch weniger in Energieeffizienzmaßnahmen. Dies könnte durchaus ein Ergebnis von moral licensing sein. Die mentale Logik würde in diesem Fall in etwa lauten: "Ich habe meinen Energieverbrauch ja schon durch den Smart Meter gesenkt, warum sollte ich noch mehr tun?"

... meint oft, sich anderswo klimaschädliches Verhalten leisten zu können, etwa beim Reisen; Foto: Marina Hinic/Pexels

Negative Spillover-Effekte können auch auftreten können, wenn ein Verhalten als Kompensation für ein anderes empfunden wird. So berichtet der Wirtschaftspsychologe John Thøgersen der Aarhus University in Dänemark beispielsweise, dass die Wahrscheinlichkeit, beim Einkaufen Verpackungsmüll zu reduzieren, geringer ist, wenn man glaubt, dass das Problem durch Recycling gelöst wird. Dieses Phänomen wird manchmal auch als contribution ethic ("Beitragsethik") bezeichnet: Glaubt man nämlich, seine Pflichten bereits erfüllt und einen angemessenen Beitrag zu einem moralischen Ziel (wie dem Schutz der Umwelt) geleistet zu haben, denkt man, dass man sich auf seinen Lorbeeren ausruhen kann. Solche Wahrnehmungen können zum Teil auch mit dem Gedanken verbunden sein: "Warum sollte ich handeln, wenn andere es nicht tun?"

Positive Spillover-Effekte

Erfreulicherweise können Spillover-Effekte auch positiv ausfallen. Forschungsergebnisse deuten beispielsweise an, dass umweltfreundliche Handlungen oft auf benachbarte Verhaltensweisen „überschwappen“. Eine dänische Studie belegt diesen Zusammenhang in Bezug auf Bio-Lebensmittel. Das Forscherteam analysierte Daten von Kundenkarten und Einzelhandel-Scannern und fand einen handfesten Spillover-Effekt vom Kauf von Bio-Milchprodukten auf weitere Bio-Lebensmittel. Der Kauf der Biomilch beispielsweise wirkte gewissermaßen als "Einstiegsdroge" für den Kauf anderer Bio-Lebensmittel. Aus eigener Erfahrung kann ich dies gut nachvollziehen: Zunächst kaufte ich nur bestimmte Obst- und Gemüsesorten, die als stark mit schädlichen Pestiziden belastet galten, aus der Bio-Abteilung. Nach und nach wanderten jedoch immer mehr Lebensmittel in Bio-Qualität in meinen Einkaufskorb.

Positive Spillover-Effekte können auch bereichsübergreifend entstehen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Menschen Verhaltensweisen von einem bestimmten Kontext (zum Beispiel dem Arbeitsplatz) auf andere Umgebungen (zum Beispiel die eigene Wohnung) übertragen. Beispielsweise berichten die Forscher Nik Rashid und Naja Mohammad der MARA University of Technology in Malaysia: Personen, die am Arbeitsplatz darauf achteten Energie zu sparen, übertrugen dieses Verhalten auch auf das private Umfeld. Der Effekt war dann am stärksten, wenn eine Verhaltensweise ähnliche Geräte (beispielsweise einen Computer) oder ähnliche Auslöser (zum Beispiel beim Verlassen eines Raumes das Licht ausschalten) hatten.

Obwohl es noch weitere Hinweise für umgebungsbedingte Spillover-Effekte gibt (etwa in Bezug auf Recycling), gibt es natürlich keine Garantie, dass Menschen Verhaltensweisen automatisch von einem Kontext auf andere übertragen. Eine Erklärung könnte sein, dass Menschen ihre eigene Handlungsmacht an unterschiedlichen Orten unterschiedlich erleben. Verhalten wir uns zum Beispiel am Arbeitsplatz auf gewisse Weise umweltfreundlich (und schalten beispielsweise immer alle technischen Geräte nach Büroschluss komplett aus), kann es uns leichtfallen diese neu erworbenen Verhaltensweisen auf unser Zuhause zu übertragen. Denn: In dieser Umgebung agieren wir eigen- und selbstständig. Fahren wir in den Urlaub, könnte sich unsere Wahrnehmung von Verantwortung und Autonomie jedoch ändern, da wir uns aus unserer gewohnten Umgebung herausbewegen. Dies erschwert es uns, umweltfreundliche Verhaltensweisen auf den Urlaubskontext zu übertragen.

Wann kommt es zu positiven Spillover-Effekten?

Ich bin definitiv nicht die einzige Person, die nicht immer konsistent ihrem Umweltbewusstsein folgt und hier und da auch mal "sündigt". Viele Menschen sind ständig damit beschäftigt, Widersprüche zwischen ihrem Umweltbewusstsein und ihrer Sorge um die Umwelt sowie ihrem Konsumverhalten und ihrem nicht nachhaltigen Lebensstil auszuhandeln. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn ein erstes umweltfreundliches Verhalten zu positive Spillover-Effekten führt. Aber wie können diese ausgelöst werden?

Eine Erklärung knüpft am Selbstbild an, das Menschen von sich haben. Wer sich selbst als umweltbewusste Person wahrnimmt, wird mit größerer Wahrscheinlichkeit entsprechende Verhaltensweisen übernehmen. Weitere Studien verweisen auf die Theorie der kognitiven Dissonanz: So bevorzugen es Menschen generell, stimmig zu handeln – weil sie einen allzu sichtbaren Gegensatz zwischen Reden und Handeln, Ideal und Wirklichkeit, Sein und Sollen als unbehaglich empfinden.

Wie kann umwelt-und klimaschonendes Verhalten im einen Bereich positiv auf andere Bereiche ausstrahlen?; Foto: Anna Shvets/Pexels

Allerdings ist konsistentes Umweltverhalten natürlich nur für Personen von Belang, denen Umwelt- und Klimaschutz wichtig ist. Die Theorie der kognitiven Dissonanz (bzw. das Bestreben, selbige zu vermeiden) kann also nur für bestimmte Personengruppen als Erklärung für positive Spillover-Effekte dienen. Eine andere Erklärung ist, dass soziale Normen zu Spillover-Effekten beitragen: Sie signalisieren, dass bestimmte Verhaltensweisen von anderen Menshcen gebilligt, erwartet und praktiziert werden. Soziale Normen könnten somit dem Gedanken "Warum sollte ich das tun, wenn andere es nicht tun?" entgegenwirken, indem sie zeigen, dass umweltfreundliches Verhalten von anderen erwartet und auch praktiziert wird.

Misstrauen gegen das eigene Aufrechnen ...

Die meisten Studien kommen glücklicherweise zu dem Ergebnis, dass positive Spillover-Effekte häufiger vorkommen als negative. Trotzdem sollte man den "Heiligenschein", den man sich nach umweltfreundlichem Verhalten aufsetzt, mit Vorbehalt betrachten und sich bewusst machen, dass eine erste umweltfreundliche Handlung sowohl positive, aber auch negative Effekte auf unser weiteres Verhalten haben kann.

Zusätzlich darf man nicht vergessen: Bestimmte Handlungen mögen zwar in manchen Fällen einen positiven Kreislauf nachhaltigen Handelns in unserem Alltag auslösen, aber verschiedene Handlungen unterscheiden sich stark in ihrer Umweltrelevanz und ihrem CO2-Einsparpotenzial. Um moral licensing entgegenzuwirken, sollten wir uns klarmachen, dass Dinge, die auf den ersten Blick als umweltfreundliche Tat wirken, in Wahrheit einen relativ kleinen Einfluss auf unsere persönliche Ökobilanz haben.

... aber Klimaschutz ist mehr als Privatsache

Zudem gilt: Unsere persönlichen Lebensstile zu überdenken und das eigene Handeln anzupassen ist wichtig. Aber eben nicht alles. Klimaschutz ist mehr als Privatsache. Der Fokus der Klimadebatte darf nicht nur auf der Verantwortung des Einzelkonsumenten liegen. Denn: Bio-Erdbeeren und nachhaltige Lebensstile Einzelner werden das Klima und die Umwelt nicht retten.

Es liegt in der Verantwortung politischer Entscheidungsträger, in puncto Umwelt- und Klimaschutz, mit der Bevölkerung über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen. Nicht nur die Optimierung des individuellen Verhaltens muss thematisiert werden. Vielmehr müssen auch die "großen" Lösungsansätze für das große Problem der Klimakrise in den Mittelpunkt gerückt werden: Aus den fossilen Energien aussteigen, die Mobilitätswende endlich einleiten und ein CO2-Budget verabschieden – diese Aspekte sollten nicht mit den Handlungsmöglichkeiten Einzelner gleichgestellt werden. Denn: Dies könnte kognitiven Verzerrungen wie moral licensing Vorschub leisten und den Eindruck erwecken, dass politische Rahmenbedingungen und das Verhalten Einzelner "verrechenbar" sind.

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