"Ich glaube, vom IPCC kann ich nicht mehr verlangen – aber von der Politik und der Justiz"

Stephan Lewandowsky

ist Professor für Kognitionspsychologie an der Universität Bristol und forscht unter anderem zu Wissenschaftsleugnung und Desinformationsstrategien.

 

1. Wozu braucht es für die klimapolitische Debatte eigentlich noch einen weiteren IPCC-Report?

Gute Frage. Wir haben seit Jahrzehnten genug Wissen. Auch wenn jeder IPCC-Report eine beeindruckende Sammlung wissenschaftlicher Belege ist – um politisch ins Handeln zu kommen, brauchen wir sie eigentlich nicht. Die wesentlichen politischen Schlussfolgerungen aus IPCC-Berichten sind seit Jahrzehnten dieselben.

2. Wenn Sie sich die Medienberichte und politischen Debatten nach Erscheinen des AR6 vorstellen: Was erwarten Sie, über welche Frage wird dann ZU WENIG diskutiert werden?

Wahrscheinlich wird man viel zu wenig darauf schauen, warum die Menschheit schon so lange kollektiv daran scheitert zu Handeln. Das Klimaproblem wäre vor 20 Jahren viel leichter lösbar gewesen als heute – warum haben wir es nicht vor 20 Jahren gelöst? Klar, die Antwort ist eine Mischung aus menschlicher Psychologie und gezielter Leugnung und Desinformation.

3. Und worüber ist bereits VIEL ZU VIEL geredet worden?

Die Schwierigkeiten von Emissionsminderungen wurden viel zu sehr betont; sie sind ja auch real, aber sie sind nicht unüberwindbar. Doch es ist demotivierend, immer nur negative Nachrichten zu hören und Klagen darüber, wie schwierig das Problem doch zu lösen ist. Ich denke, es hätte stattdessen schon lange viel mehr über Lösungen gesprochen werden sollen – von denen ja einige viel schneller Wirklichkeit geworden sind als Kritiker meinten.

4. Welche verbreiteten Fehleinschätzungen zu Klimapolitik oder -forschung sehen Sie, die uns davon abhalten, das Richtige fürs Klima zu tun?

Der größte Faktor bei der Verzögerung der notwendigen Veränderungen waren gezielte, von fossilen Industrien finanzierte Problemleugnung. Die Kampagne gegen die Klimaforschung wurde und wird seit mehr als 30 Jahren geführt. Sie hat viele Aspekte und Akteure, und sie hat auf viele verschiedene Weisen Schaden angerichtet. Am schädlichsten war vermutlich die Betonung von Unsicherheit, zusammengefasst in dem Satz „Wenn wir nicht ganz sicher sind, dass es ein Problem gibt, sollten wir keine Zeit und kein Geld darauf verschwenden.“ Dabei sind Unsicherheiten bei der Größe eines Problems ja eigentlich ein Grund für schnelles Handeln – denn je größer die Unsicherheit, desto größer sind auch die möglichen Schäden.

5. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften vom IPCC, was wäre das?

Ich glaube, vom IPCC kann ich nicht mehr verlangen – aber von der Politik und der Justiz. Zum Beispiel Ehrlichkeit und (wo möglich) Anklagen gegen die Leute, die verantwortlich sind für Verzögerungen beim Klimaschutz und damit für die Gefährdung unzähliger Menschenleben in der Zukunft.

6. Wie bewerten Sie die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Limits?

Theoretisch erreichbar (mit Glück gerade noch so) – aber aus politischen Gründen höchstwahrscheinlich außer Reichweite.

 

Friederike Otto

forscht im Global Climate Science Programme der Universität Oxford über Extremwetter und ist Associate Director des dortigen Environmental Change Institutes.

 

1. Wozu braucht es für die klimapolitische Debatte eigentlich noch einen weiteren IPCC-Report?

Es braucht keinen neuen IPCC-Report, um zu wissen, dass wir aufhören müssen, fossile Energieträger zu verbrennen – und zwar so schnell wie möglich. Aber Klimawandel ist nicht nur globale Mitteltemperatur, sondern sich veränderndes Wetter überall, aber überall ein bisschen anders, und die Effekte sind extrem unterschiedlich. Da hat sich in der Forschung extrem viel getan seit dem letzten Bericht, und außerdem ist der Klimawandel seitdem natürlich weiter fortgeschritten. Dies einzubringen in die Diskussion um Klimagerechtigkeit, Kohlenstoffbudgets und Klimaanpassung, ist wichtig. Ein realistisches Bild dessen, was Klimawandel bedeutet, ist wichtig für eine ehrliche Debatte und echte Klimagerechtigkeit.

2. Wenn Sie sich die Medienberichte und politischen Debatten nach Erscheinen des AR6 vorstellen: Was erwarten Sie, über welche Frage wird dann ZU WENIG diskutiert werden?

Gerechtigkeit, Anpassung und vor allem die unbedingte Notwendigkeit für Länder wie Deutschland, in weniger entwickelten Ländern zu investieren – und zwar insbesondere in langfristige Maßnahmen zur Erhöhung der Resilienz.

3. Und worüber ist bereits VIEL ZU VIEL geredet worden?

Wasserstoff und Kippelemente.

4. Welche verbreiteten Fehleinschätzungen zu Klimapolitik oder -forschung sehen Sie, die uns davon abhalten, das Richtige fürs Klima zu tun?

Eine wesentliche ist die, dass private Konsumänderungen die Lösung seien. Debatten um Flugscham oder Verbote jedweder Art und so weiter führen nur dazu, dass die notwendigen, großen, strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft weiterhin vertrödelt werden. Eine andere ist die Fehleinschätzung, dass das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke dazu führe, dass Kipppunkte im Klimasystem getriggert werden. Viel Platz in den Medien wird dafür verschwendet, Katastrophenszenarien zu malen, während weiterhin CO2 emittiert wird und heute schon viele Menschen an extremer Hitze sterben. Doch weil die meist arm sind und ohne Lobby, wird darüber eher selten berichtet. Und bei Anpassungsmaßnahmen geht es auch meist um Assetmanager und um Überschwemmungen, obwohl der Klimawandel einen um Größenordnungen stärkeren Einfluss auf Hitze hat als auf Niederschlage.

5. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften vom IPCC, was wäre das?

Die drei Arbeitsgruppen („WG“) abzuschaffen und stattdessen Berichte mit Wissenschaftlern aus allen drei Working Groups gemeinsam zu speziellen Aspekten zu schreiben. Wir kriegen den Klimawandel nicht in den Griff, wenn wir in Fachsilos steckenbleiben. Das gilt für die Wissenschaft wie für den Rest der Gesellschaft.

6. Wie bewerten Sie die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Limits?

Ich bin Physikerin, es ist absolut erreichbar.

 

Herbert Formayer

ist Professor am Institut für Meteorologie und Klimatologie der Universität für Bodenkunde in Wien.

 

1. Wozu braucht es für die klimapolitische Debatte eigentlich noch einen weiteren IPCC-Report?

Die IPCC-Berichte werden eher wichtiger, da sich die Dinge ja beschleunigt haben. Der Klimawandel selbst und seine Folgen werden immer stärker spürbar – hier liefern die Reports den jeweils aktuellen Stand der Situation. Gleichzeitig müssten seit dem Pariser Abkommen schon alle möglichen Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt werden. Sie (beziehungsweise ihr Fehlen) zu monitoren, ist ebenfalls wichtig, um politischen Druck aufbauen zu können.

2. Wenn Sie sich die Medienberichte und politischen Debatten nach Erscheinen des AR6 vorstellen: Was erwarten Sie, über welche Frage wird dann ZU WENIG diskutiert werden?

Die globale Komponente des Klimawandels und unserer Verantwortung. Die Diskussion ist nach meinem Geschmack viel zu rasch bei regionalen Auswirkungen und der eigenen Betroffenheit.

3. Und worüber ist bereits VIEL ZU VIEL geredet worden?

Über die negativen Auswirkungen klimapolitischer Maßnahmen (angeblich schlecht für die Wirtschaft, vermeintlicher Verzicht und so weiter). Die vielen positiven Nebenwirkungen im Sinne einer breiteren Nachhaltigkeit gehen dabei unter.

4. Welche verbreiteten Fehleinschätzungen zu Klimapolitik oder -forschung sehen Sie, die uns davon abhalten, das Richtige fürs Klima zu tun?

Es wäre extrem wichtig, der breiten Bevölkerung und der Politik klarzumachen, dass es darum geht, ob wir das Klima überhaupt noch stabilisieren können oder nicht. Stattdessen wird diskutiert, was im Detail die regionalen Folgen einer regionalen Klimaänderung von 1, 2 oder 3 Grad sind. Dabei ist klar, dass wir uns bei einem globalen Temperaturanstieg über zwei Grad aus dem gegenwärtigen Eiszeitalter rauskicken und dann ein paar Tausend Jahre Erwärmung ablaufen. Das zu verhindern, ist die Herausforderung dieses Jahrzehnts.

5. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften vom IPCC, was wäre das?

Dass nicht nur die UN, sondern auch die nationale Politik und die Wirtschaft die Ergebnisse ernstnehmen.

6. Wie bewerten Sie die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Limits?

Alle freuen sich, dass durch die COVID-Hilfspakete die Wirtschaft wieder anspringt. Aber wenn wir unter diesen Bedingungen noch das 1,5-Grad-Limit bis Ende des Jahrhunderts einhalten wollen, dann geht das nur noch mit massivem Einsatz des teils hochriskanten Geoengineering. Da wären mir zwei Grad und weniger Geoengineering lieber...

 

Felix Creutzig

forscht am Mercator-Institut für Globale Gemeingüter und Klimawandel (MCC), unter anderem über Klima und Städte, und ist Professor an der Technischen Universität Berlin.

 

1. Wozu braucht es für die klimapolitische Debatte eigentlich noch einen weiteren IPCC-Report?

Technologien und nachfrage-seitige Optionen, sowohl durch Innovation als auch kulturellen Wandel, verändern den Optionsraum für Klimaschutz (und zwar zum Positiven). Solche Dynamiken gilt es auf Seiten des IPCC zu erfassen.

2. Wenn Sie sich die Medienberichte und politischen Debatten nach Erscheinen des AR6 vorstellen: Was erwarten Sie, über welche Frage wird dann ZU WENIG diskutiert werden?

Über die Koordination von nachfrage-seitigen Maßnahmen in Kombination mit raschem weltweitem Ausbau von Erneuerbaren Energien.

3. Und worüber ist bereits VIEL ZU VIEL geredet worden?

Bioenergie

4. Welche verbreiteten Fehleinschätzungen zu Klimapolitik oder -forschung sehen Sie, die uns davon abhalten, das Richtige fürs Klima zu tun?

… dass Klimaschutz kostet.

5. Wenn Sie sich etwas wünschen dürften vom IPCC, was wäre das?

Mehr Fokus auf 2020 bis 2050 (anstatt auf 2050 bis 2100).

6. Wie bewerten Sie die Erreichbarkeit des 1,5-Grad-Limits?

Unrealistisch, aber theoretisch machbar.

 

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