Debatte um Objektivität im Klima-Journalismus: "Neutralität mit Nebenwirkungen"

Riffreporter.de

Die sogenannte "false balance" (zu deutsch etwa: "falsche Ausgewogenheit") ist unter Wissenschaftlern und Wissenschaftsjournalisten seit Jahren ein großes Thema. Unter dem Begriff versteht man das Phänomen, dass Medien einen wichtigen Qualitätsstandard aus der Politikberichterstattung häufig und fälschlich auf Wissenschaftsthemen übertragen: Bei Berichten etwa über politische Debatten ist es bekanntlich wichtig, alle Seiten zu Wort kommen zu lassen - da geht es um Meinungen und Meinungsstreit, und dort ist gegen dieses Prinzip auch nichts zu sagen.

Doch wenn Medien über Wissenschaftsthemen berichten, bei denen es um Fakten geht, zu denen sich klar sagen lässt, ob sie wahr sind oder unwahr (oder ob man es noch nicht sicher weiß) - wenn es also bei solchen Themen jemanden gibt, dessen Äußerungen klar im Widerspruch zum Stand der Wissenschaft stehen, dann wäre es eine Irreführung des Publikums, ihm genauso viel Raum zu geben wie der wohlbegründeten Wissenschaft.

Ein typisches Thema, das unter "false balance" leidet, war häufig die Berichterstattung über die Klimaforschung, wo Leugner der Erderhitzung oft gleichberechtigt neben Vertretern des wissenschaftlichen Konsens' in Medien auftraten. Aber beispielsweise auch bei Berichten über angebliche Risiken von Impfungen ist Journalisten häufig eine falsche Ausgewogenheit vorgeworfen worden. Ausdrücklich hat etwa die britische Rundfunkanstalt BBC vor einigen Monaten in einer internen Handreichung für ihre Redakteure vor falscher Ausgewogenheit gewarnt.

Was weiß die Forschung wie genau über den Thermostat der Erde?

Spätestens im Dürresommer 2018 und der damit verbundenen Medienkonjunktur in Sachen Klimawandel ist die Debatte in Deutschland angekommen. Auch bei der Fachkonferenz "Wissenswerte" vergangene Woche in Bremen war sie Gegenstand einer kontroversen Diskussionsrunde. Der Wissenschaftsjournalist Christopher Schrader (der auch schon für klimafakten.de geschrieben hat), hat nun auf dem Online-Portal Riffreporter.de das Problem (und seine Position dazu) ausführlich dargelegt.

Schrader betont, dass guter Wissenschaftsjournalismus natürlich die Unsicherheiten der (Klima-)Forschung darzustellen habe - aber er dürfe nicht in die Falle tappen, durch das Schildern  bestimmter Ungewissheiten in Detailfragen des Klimawandels beim breiten (Laien-)Publikum den Eindruck zu erwecken, als wisse die Forschung noch fast gar nichts - und als müsse man vor politischen Entscheidungen für mehr Klimaschutz lieber erst noch abwarten: "In ein banales Beispiel übersetzt könnte man sagen, die Wissenschaft weiß nicht genau, ob der Thermostat der Erde um zwei oder vier Striche nach oben gedreht worden ist", schreibt Schrader. "Am Heizkörper selbst kann man es auch noch nicht ablesen, weil dieser noch dabei ist, sich zu erwärmen. Man kann das als erhebliche Unsicherheit bezeichnen, ohne es genauer zu erklären. Tut man das aber, dann lenkt man schnell davon ab, was die Wissenschaft genau weiß: Der Thermostat ist auf 'wärmer' gestellt worden, und zwar um mindestens zwei Striche. Und die Menschheit ist dafür nach den Worten des Weltklimarats IPCC die 'dominante Ursache'."

"Jeder Segler lernt irgendwann, dass er manchmal übersteuern muss"

Eine "falsche Ausgewogenheit" drohe aber nicht nur zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftsleugnern, so Schrader, sondern auch zwischen Leuten, die Ungewissheiten der Klimaforschung verschweigen und solchen, die Risiken des Klimawandels herunterspielen. Manche Journalisten wollten zwischen diesen Polen unparteiisch bleiben und kritisieren Verharmloser wie Alarmisten gleichermaßen - doch auch dies sei ein Fall von "false balance", schreibt Schrader. Denn die eine Haltung (das Herunterspielen der Risiken) könne verheerende Folgen für die Erde haben, während bei der anderen (dem Herunterspielen von Ungewissheiten) höchstens zu hohe und vielleicht unnötige Ausgaben für Klimaschutz drohen.

Im Zweifel sei es deshalb besser, bestehende Unsicherheiten nicht in den Vordergrund zu schieben, lautet Schraders Fazit: "Man mag beklagen, dass die Klimaforschung dermaßen politisiert worden ist. Aber es ist leider so, dass sich in dieser verfahrenen und aufgeheizten Situation auf eine Seite stellt, wer mit großem Tamtam und Heldenpathos verkündet, keiner Seite anzugehören. Jeder Segler lernt irgendwann: Wer bei einer Strömung schräg von vorn auf seinem gesteckten Kurs über Grund bleiben will, der darf seinen Bug nicht auf das eigentliche Ziel zeigen lassen."

tst

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