Im ersten Moment war es peinlich. Da steht man mitten im Vortrag vor fünfzehn Leuten, will gerade die typische Argumentationsstruktur von Desinformation an einem Beispiel demonstrieren – und dann gibt es die gesuchte Webseite plötzlich nicht mehr. Dabei ist sie doch einer der bekanntesten Blogs der sogenannten Klimawandel"skeptiker" in Deutschland. Ist sie weg? Nein, ist sie nicht. Aber sie hat sich einen neuen, neutraleren Anstrich gegeben. Und damit ist sie nicht allein.

Das Onlineportal kaltesonne.de firmiert seit einigen Monaten unter dem Namen klimanachrichten.de, der Untertitel lautet: „Täglicher Newsletter zu Klima- und Energiethemen“. Auf der Plattform ist in immer neuen Variationen zu lesen, dass der Klimawandel irgendetwas zwischen nicht so schlimm oder zumindest nicht menschengemacht sei. Dahinter stehen unter anderem Sebastian Lüning und Fritz Vahrenholt.

Lüning ist Geowissenschaftler und war als Afrika-Experte beim Öl- und Gasunternehmen RWE Dea tätig. Er tritt auf Konferenzen von Think Tanks wie dem US-amerikanischen Heartland Institute auf, das die Auswirkungen der Erderhitzung verharmlost und Klimaschutzmaßnahmen diskreditiert. Vahrenholt ist Chemiker und Honorarprofessor an der Universität Hamburg, war in den 1990er Jahren SPD-Umweltsenator der Hansestadt und wechselte dann in die Energiebranche. Nach hohen Management-Positionen beim Ölriesen Shell, beim Windkraftpionier REpower und der RWE-Tochter RWE Innogy wurde er Vorstand der „Deutschen Wildtier-Stiftung“. Seit Jahren polemisiert der einstige Windkraft-Befürworter gegen die deutsche Energiewende und äußert sich skeptisch über die Schwere des menschengemachten Klimawandels.

Ihr gemeinsames Buch Die kalte Sonne. Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet erregte 2012 einige Aufmerksamkeit, fiel aber bei vielen publizierten Faktenchecks durch (auch hier auf Klimafakten). Durch die Namensgleichheit war der Blog „Kalte Sonne“ schnell als wissenschaftlich wenig seriös identifizierbar – und anschauliches Übungsmaterial für Anti-Desinformations-Aufklärung.

Heute machen es die Betreiber für Laien deutlich schwerer, das Portal einzuordnen. Seit rund einem Jahr heißt die Webseite „KlimaNachrichten“. Aus der Kontakt-Mailadresse und der Spendenadresse verschwand die „Kalte Sonne“ Mitte August. Nur in der Datenschutzerklärung findet sich, Stand Ende November 2023, noch der Buchtitel. Es wirkt ein bisschen, als hätten die Betreiber sie selbst länger nicht gelesen. Nicht einmal in der Rubrik, auf der die Webseite eigene Bücher vorstellt, ist die „Kalte Sonne“ noch vertreten. Lediglich die monatliche Kolumne „Vahrenholts Newsletter“ lässt über den Namen Fritz Vahrenholt noch einen sofortigen Rückschluss zum Vorgängerportal und somit zum Hintergrund der Plattform zu.

Im Impressum steht statt Sebastian Lüning mittlerweile Prof. Dr. Klaus Lüning. Wer den Namen per Google recherchiert, landet bei der Hochschule Flensburg und beim Alfred-Wegener-Institut (AWI) Bremerhaven, einer renommierten Klimaforschungseinrichtung. Also ist die Website doch eine wissenschaftlich solide Quelle zum Klimawandel?

Recherchiert man genauer, dann zeigt sich, dass Klaus Lüning zwar tatsächlich bis 2005 am AWI geforscht hat, genauer an der Sylter Außenstelle des Instituts, aber nicht im Bereich Klimawandel, sondern unter anderem zu essbaren Algen. Ausweislich der Publikations-Website Researchgate erschien seine letzte Fachveröffentlichung im Jahr  2015. Doch speziell zum Klimawandel finden sich weder dort noch in anderen wissenschaftlichen Datenbanken Arbeiten – dabei gilt es in der Forschung als Ausweis von Kompetenz in einem bestimmten Fachgebiet, dass man dazu aktiv und aktuell publiziert. Auf den ersten Blick jedoch wirkt der ausgewiesene Portalbetreiber seriös. Der Nachname wird nur dann zur hilfreichen Spur zum Website-Gründer und zur Kalten Sonne, wenn man den Namen Sebastian Lüning bereits kennt; es handelte sich um Vater und Sohn. Im November 2023 ist Klaus Lüning verstorben.

Statt die Realität des Klimawandels direkt zu leugnen, wird inzwischen eher versucht, Klimapolitik zu verzögern und abzuschwächen

Welche Motive hinter den Veränderungen stehen, ist unklar. Auf mehrfache Bitten um Stellungnahme hat Sebastian Lüning nicht geantwortet. Dieter Plehwe vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hält ein gezieltes Rebranding grundsätzlich für nicht unwahrscheinlich. Er untersucht seit Jahren Organisationsstrukturen und Argumentationsstrategien von Wissenschaftsleugnern und stellt in einer aktuellen Studie Veränderungen fest. Der Trend scheine dahin zu gehen, so Plehwe, dass der Klimawandel kaum mehr grundsätzlich bestritten werde. Stattdessen stünden die Diskreditierung von Personen und von Klimaschutz-Maßnahmen und das Säen von Zweifeln im Vordergrund. Das Hauptziel sei offenbar, fasst Plehwe den Stand der Forschung zusammen, "dass man die Klimapolitik weiter verzögert und abschwächt“.

Sebastian Lüning (oder seine Mitarbeiter) sind sehr aktiv, auf klimanachrichten.de erscheint praktisch täglich ein neuer Text. Sein YouTube-Kanal „Energiejournal“ wurde ebenfalls umbenannt in „Klimanachrichten“, die alten Videos wurden gelöscht. Das Format „Klimaschau“ mit einer jungen Frau als Moderatoroin, das hier früher publiziert wurde, läuft weiterhin auf dem YouTube-Kanal von EIKE. Dieses sogenannte „Europäische Institut für Klima und Energie“ ist seit vielen Jahren der wohl bekannteste Akteur der Klimaforschungsleugner-Szene in Deutschland. Sebastian Lüning publiziert auch dort und tritt auf Konferenzen auf.

Durch viele Einzelbeiträge werde ein Narrativ geformt: "das ist alles nicht so wild, mach dir keinen Stress, du musst nichts machen"

Das sei durchaus Teil der Strategie von Wissenschaftsleugnern aus dem Klima-Bereich, sagt Lea Frühwirth vom Berliner Think Tank CeMAS, der sich intensiv mit Desinformation vor allem auf digitalen Medien befasst: Es würden "ganz viele Einzelbeiträge" auf verschiedenen Kanälen verbreitet, die sich irgendwann "zu einer Kernaussage verdichten lassen". Frühwirth: "Also wenn ich zum Beispiel ein Narrativ habe, das Aktivist:innen diskreditiert, ein anderes Narrativ diskreditiert klimafreundliche Technik, das nächste diskreditiert die Grünen oder andere Politiker:innen, die sich für Klimaschutz einsetzten, das nächste behauptet, das ist eh alles nicht so wild und das nächste sagt, na ja, wir können eigentlich nix mehr machen: Dann sendet das ja alles ein gemeinsames Signal ans Publikum. Nämlich: Setzt dich wieder hin, mach dir keinen Stress, du musst eigentlich in Sachen Klima eh' nichts machen.“

Der Versuch, sich einen seriösen Anschein zu geben, ist offenbar eine verbreitete Strategie unter Wissenschaftsleugnern und Verbreitern von Desinformation. Die Plattform EU Disinfo Lab warnte im vergangenen Jahr davor, dass für pro-russische Propaganda zum Ukraine-Krieg offenbar systematisch „Doppelgänger“ von bekannten Nachrichtenseiten aufgebaut würden. Eine Recherche von t-online.de förderte Dutzende von Fällen zutage, wo etwa die Websites von Spiegel oder FAZ nachgebaut wurden. Der britische Guardian berichtete schon vor ein paar Jahren, wie Leugner des Klimawandels mit Aufsätzen in vermeintlich peer-reviewten Fachjournalen ihr Renommee zu steigern suchen.

Die „KlimaNachrichten“ wiederum sind nicht die einzige Lüning-Seite, die mit neutralem Titel auftritt. Offenbar im Jahr 2018 hat Sebastian Lüning ein Portal namens klimawandel-in-deutschland.de gestartet (und steht dort bis heute im Impressum), der Untertitel lautet: „Die Fakten“. Sie versammelt eine ganze Reihe vollkommen korrekter Informationen und Grafiken zum Thema – betont aber in ihren Texten auffallend häufig tatsächliche oder vermeintliche Ungewissheiten der Klimaforschung.

Und den Weg der visuellen Neugestaltung ist nicht nur die „Kalte Sonne“ gegangen. Die Linkliste von Klimanachrichten.de verweist unter anderem auf eine englischsprachige Webseite climatechangepredictions.org, die sich kürzlich ebenfalls komplett neu aufgestellt hat. Aus einem Portal mit aktivistisch klingenden  Rubriken wie „Worse than we thought!“ und „Last chance!“ ist ein Blog in neutralem Grau-Schwarz geworden. Er ist noch fast leer, Copyright 2023. Die drei Blogbeiträge sind weniger als einen Monat alt und beschäftigen sich mit der Vita von Greta  Thunbergs Vater, Papageien und dem Pariser Klimaschutzabkommen. Ein Impressum gibt es nicht, aber als Kontakt wird eine Mailadresse der Marketing-Firma Shantel LLC angegeben. Folgt man dieser Spur, findet man eine weitere Webseite mit ähnlichem Muster: climatetechwiki.org, ebenfalls früher voller Klima-Inhalte, nun neu designt und fast leer. An anderen Stellen ist Shantel LLC bereits damit aufgefallen, Webseiten von eingestellten Zeitungen aufzukaufen und dort selbst weiter zu publizieren.

Entstehen hier gerade weitere „Quellen“ für klimawandel-leugnende Inhalte? Solche Plattformen könnten, meint Lea Frühwirth, wichtige Bausteine von Desinformationskampagnen sein – erst recht in Zeiten, in denen das Vertrauen in zahlreiche Institutionen zurückgeht oder bewusst beschädigt wird. „Es wird oft gesagt: Die Medien stecken eh' mit drin, und die Wissenschaftler sind auch alle gekauft und politisch motiviert. Da fallen dann Erkenntnisquellen weg für eine Gesellschaft und auch für Einzelpersonen, die versuchen, sich irgendwie eine politische Meinung und Willen zu bilden. Und es entsteht ein Vakuum, das natürlich idealerweise wieder mit diesen komischen Blogs gefüllt wird oder sogenannten Alternativmedien.“

Die sich offenbar aktuell zum Teil neu aufstellen – sowohl mit ihren Inhalten, als auch mit ihrem Design. Auf den ersten Blick sind sie jetzt weniger als wissenschaftsleugnend erkennbar. Es braucht daher immer öfter einen gründlichen zweiten.

Carolin Riethmüller