Klimaschutz bleibt in den Augen der Menschen in Deutschland eine wichtige Aufgabe – trotz aller wirtschaftlicher Sorgen und internationaler Krisen. Aber um die Klimakrise zu bewältigen, und sich an Klimaschutz zu beteiligen, erwartet die Bevölkerung einer repräsentativen Umfrage zufolge von Regierung und Politiker:innen eine Vorleistung: zukunftsgerichtete, sozial ausgewogene und wirksame Lösungsansätze.
„Es gibt weiterhin eine breite Mehrheit für mehr Klimaanstrengung“, sagt Jeremie Gagné, Forschungsleiter von More in Common Deutschland (MiC), gestützt auf die jüngste Umfragewelle seiner Organisation, das Klima-Update 2026. „Aber die Menschen haben bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam, dass sie ihre Gestaltungserwartung zunächst auf das Gemeinwesen richten.“ Solange jedoch die Politik Angst davor habe, der Bevölkerung auch etwas zuzutrauen, wachse bei Bürgerinnen und Bürgern der Zweifel an der Zukunftsfähigkeit Deutschlands. „Wenn wir wollen, dass die Menschen mitziehen, braucht es zunächst einen starken Beitrag der Gemeinschaft.“
Die Umfragedaten, auf die Gagné sich bezieht, wurden im September 2025 bei etwas mehr als 2000 Befragten im Alter ab 18 Jahren erhoben. Von ihnen erkennen 72 Prozent den Klimawandel als real und menschengemacht an, und 65 Prozent machen sich deswegen große oder eher große Sorgen. Dieser Prozentsatz ist in den vergangenen Jahren zwar gesunken, insgesamt um 15 Prozentpunkte seit 2021, stellt aber immer noch eine relativ breite Mehrheit dar. Gleichzeitig wurde die Klimakrise von anderen Entwicklungen aus den Top-Drei der Sorgen verdrängt: Anfang 2024 lag sie schon nur noch auf Platz vier, im Herbst 2025 war es Platz neun. Dominiert werde die Problemliste der Deutschen von Themen der Absicherung, fasst Gagné zusammen: dem Umgang mit Migration und Geflüchteten, der Wirtschaftskrise, der Wohnungsnot, dem Preisanstieg.
Obwohl zudem sehr viele Menschen von Ängsten um ihren Lebensstandard und ihre gesellschaftliche Stellung berichten, stimmen immer noch etwa zwei Drittel Aussagen zu wie: „Es ist wichtig, dass wir für den Klimaschutz Dinge in unserem Land verändern.“ (64 Prozent) und: „Für den Klimaschutz brauchen wir in Deutschland Regeln, an die sich alle halten.“ (68 Prozent). Aber 40 Prozent billigen auch den Satz: „In unserer aktuellen wirtschaftlichen Lage sollten wir uns nicht so sehr um das Klimathema kümmern.“ Doch dieser Wert ist seit 2024 sogar leicht gesunken, und Jeremie Gagné sagt, es seien „nur 40 Prozent“ – angesichts der Sorgen der Menschen könnte diese Zahl gut auch deutlich höher liegen könnte. Ein Teil der Befragten hat allerdings auch schon resigniert: 16 Prozent stimmen der Aussage zu, es sei ohnehin zu spät für wirksamen Klimaschutz.
Nur rund ein Fünftel der Befragten möchte, dass in Sachen Klimaschutz weniger getan wird
Insgesamt gebe es also weiterhin ein klares Mandat für Klimaschutz-Politik, bewertet MiC die Zahlen: Und tatsächlich sagen 55 Prozent der Befragten, die Politik in Deutschland solle die Klimaanstrengungen steigern, weitere 18 Prozent plädieren dafür, sie auf dem bisherigen Niveau zu halten. Nur 22 Prozent der Befragten wollen, dass beim Klimaschutz ein Gang zurückgeschaltet wird.
Dabei zeigen sich aber – wie bei vielen Detailfragen – deutliche Unterschiede unter den Befragten. Seit 2019 nutzt More in Common für seine regelmäßigen Erhebungen eine Typologie, die die Bevölkerung in sechs etwa gleich große Gruppen unterteilt hat. Sie sind jeweils von ähnlichen Werten, Normen und Blickwinkeln auf gesellschaftlichen Fragen geprägt (siehe untenstehenden Kasten). Von den „Offenen“ wünschen sich 70 Prozent gesteigerte Klimaanstrengung, von den „Wütenden“ hingegen nur 34 Prozent. Diese beiden Typen bilden häufig die entgegengesetzten Endpunkte auf dem Spektrum der Antworten.
Die deutsche NGO More in Common nennt als ihr zentrales Ziel, in der als polarisiert wahrgenommenen Gesellschaft das Verbindende zu identifizieren und zu stärken. So soll die „Sprech- und Gestaltungsfähigkeit“ innerhalb des Landes gewahrt bleiben, sagt Forschungsleiter Jeremie Gagné. Dazu gehört es, die Nuancen in den Ansichten verschiedener Gruppen genau zu erkennen. Gagnés Team gehört zu einem internationalen Verbund, der inzwischen in sieben Ländern mit ähnlicher Zielsetzung und Methodik arbeitet; neben Deutschland sind das Großbritannien, Frankreich, Polen und seit kurzem Spanien sowie die USA und Brasilien. Die NGO finanziert sich über Zuwendungen von Stiftungen und aus Spenden. Sie hat in der Vergangenheit mit Klimafakten an Projekten zusammengearbeitet.
Die Organisation lässt dazu regelmäßige repräsentative Umfragen durchführen; anhand der Ergebnisse und gestützt auf sozialpsychologische Erkenntnisse hat sie die deutsche Bevölkerung seit der ersten Befragung 2019 in mehrere Typen eingeteilt. Dabei spielen nicht etwa demografische Kriterien die wichtigste Rolle (wie in vielen anderen Studien und Meinungsumfragen), sondern jeweils ähnliche Werte, Normen, Einstellungen und Perspektiven – diese bringen die Mitglieder eines Typus dazu, in gesellschaftlichen Debatten ähnlich zu agieren und reagieren.
In Deutschland hat die Organisation so sechs Typen identifiziert, die alle jeweils ungefähr ein Sechstel der Bevölkerung umfassen. Sie lassen sich auf einem Koordinatensystem nach ihrer Einbindung ins und dem Einfluss auf das Gemeinwesen einordnen (von unten nach oben) sowie nach ihrer Reaktion auf oder dem Wunsch nach Veränderung (links-rechts). So entstehen drei funktionale Gruppen, wie More in Common-Expert:innen es nennen. Die entsprechende Grafik hat sozusagen drei Etagen:
- Ganz oben stehen die gesellschaftlichen „Stützen“, die „Etablierten“ und die etwas progressiver eingestellten „Involvierten“. Bei beiden sind gesellschaftlicher Frieden bzw. Bürgersinn zentrale Werte.
- In der Mitte finden sich die gesellschaftlichen Pole, die sich am meisten von allen Typen im Umgang mit Veränderung unterscheiden. Die „Offenen“ einerseits und die „Wütenden“ andererseits dominieren oft mit lautstarken Äußerungen die Debatte und stärken den Eindruck einer Polarisierung der gesamten Gesellschaft.
- Am wenigsten Einfluss im Gemeinwesen haben die beiden Typen des sogenannten unsichtbaren Drittels, die – auch zu ihrem eigenen Ärger – kaum eingebunden sind und nicht gehört werden. Diese Typen nennt MiC „Pragmatische“ und „Enttäuschte“.
Klimapolitik ist nur eines der Themen der Organisation. Sie hat auch Studien veröffentlicht zur Ernährung, zur Einwanderung oder zu deutschen Identitäten sowie internationale Vergleiche etwa über Einstellungen zum Friedensprozess in der Ukraine. Wer sich für die eigene Einordnung in das Schema interessiert, kann dieses kurze Quiz machen. Die Aufteilung in sechs Typen wird zurzeit aktualisiert; im Sommer 2026 sollen die neuen Daten vorliegen.
Was die Bürgerinnen und Bürger abstößt oder von Engagement abhält, das nennen die More in Common-Forscher:innen zusammenfassend ein „Kooperationsdilemma“. Niemand möchte erleben, dass die eigenen Bemühungen verpuffen, weil Nachbarn oder große Akteure etwa aus der Wirtschaft nicht am gleichen Strang ziehen.
Auch wenn die Menschen dabei die jeweils anderen unterschätzen, zeigen die Zahlen: Die überwiegende Mehrheit der Befragten hat das Gefühl, es gehe bei Vorschlägen zu Klimaschutzmaßnahmen oft nur darum, dass sie selbst Verzicht leisten oder etwas verlieren (70 Prozent Zustimmung). Die Politik sei planlos (Zustimmung: 62 Prozent), wirkungslos (56 Prozent) und ungerecht (55 Prozent), die ganze Debatte spaltend (69 Prozent) und unsachlich (54 Prozent). Dass die Politik gut durchdachte Maßnahmen vorschlage, äußerten nur 20 Prozent; und ein klares Bild, warum sich Klimaschutz für das Land lohnen sollte, sehen nur 18 Prozent.
Hilflosigkeit, Enttäuschung und Angst sind die häufigsten Gefühle, wenn Menschen an den Klimawandel denken
Damit einher geht ein Gefühl von Ohnmacht, zeigen die Antworten der Befragten. Wird der Klimawandel erwähnt, verspüren etwa 45 Prozent Hilflosigkeit und 30 Prozent Enttäuschung, knapp dahinter rangiert Angst. Am stärksten ausgeprägt ist das jeweils bei der Gruppe der Involvierten, die MiC zu den gesellschaftlichen Stabilisatoren rechnet – und die darum viel bewegen könnten, wenn sie Motivation und Richtung gewinnen. Positive Emotionen wie Zuversicht oder Tatendrang empfinden hingegen im Durchschnitt nur jeweils etwa zehn Prozent der Befragten. „Viele Menschen wünschen sich gemeinsames Handeln, glauben aber (noch) nicht richtig daran“, fasst More in Common die Datenlage zusammen.
Vertrauen haben die Menschen in Deutschland, so zeigt die repräsentative Umfrage, längst nicht zu allen, die über Klimawandel und Klimaschutz kommunizieren. Auf Journalist:innen und die Bundesregierung möchten sich nicht einmal ein Drittel der Befragten verlassen. Die Klima- und Umweltbewegung unterstützt etwa die Hälfte, auch wenn die Aussage mit der größten Zustimmung weiterhin ist, Protestaktionen gingen häufig zu weit (2023 während der Aktionen der 'Letzten Generation' war die Ablehnung stark gestiegen). Am meisten Vertrauen haben die Befragten ohnehin zu Klimaforschenden, Feuerwehrleuten sowie Landwirtinnen und Landwirten: Sie alle erreichen 60 bis 70 Prozent.
Es lohne sich in der Klimakommunikation daher oft, stellt Jeremie Gagné fest, Allianzen zu bilden und vertrauenswürdige Stimmen zu gewinnen. Und gesellschaftliche Gruppen sollten dringend den Wunsch vieler Menschen aufgreifen und damit Druck auf Parteien und Regierungen ausüben: Klimaschutz und Zukunftsfähigkeit müssen auf der Ebene der Rahmenbedingungen und der funktionierenden Infrastruktur beginnen, damit die Bürgerinnen und Bürger mitziehen können.
Transparenz-Hinweis: Klimafakten hat in der Vergangenheit mit More in Common kooperiert. Darüber hinaus arbeiten etliche der Trainerinnen und Trainer der Klimafakten-Akademie in Seminaren, Workshops und Keynotes mit den Materialien der NGO; dazu gehört auch der Autor dieses Textes.
Dieser Text ist Teil unseres Projekts #DebattenKLIMA. Es will – möglichst praxisnah – der Frage nachgehen, wie gesellschaftliche und politische Debatten über Klimaschutz und Klimaanpassung so geführt werden können, dass sie möglichst viel dazu beitragen, die Emissionen auf Null herunterzubringen. Eine der besonders spannenden Fragen hierbei ist, wie dies auch dann gelingen kann, wenn sich wichtige gesellschaftliche Akteure (seien es politische Parteien, seien es reichweitenstarke Medien, seien es einzelne Interessengruppen) einem solchen Diskurs entziehen oder verweigern oder ihn gar aktiv torpedieren – aus welchen Motiven auch immer.
Im Rahmen des Projekts erscheint unter anderem die Rubrik „Studie des Monats“, in der wir monatlich besonders wegweisende Ergebnisse der Sozialforschung zur Klimakommunikation vor – und beschreiben, was sich daraus ganz praktisch ableiten lässt für die tagtägliche Kommunikationsarbeit rund ums Klima. Hierbei arbeiten wir zusammen mit einem Forschungsteam um Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft, Klima- und Wissenschaftskommunikation an der Universität Hamburg und langjähriger wissenschaftlicher Berater von Klimafakten. Eine weitere Rubrik ist das ebenfalls monatliche Manometer! – dort beobachten und analysieren wir die klimapolitischen Debatten im deutschsprachigen Raum und gehen der Frage nach, wie man Druck aus der klimapolitischen Debatte nehmen kann, um Lösungen zu erleichtern.
Gefördert wird das Projekt #DebattenKLIMA von der Marga und Kurt-Möllgaard-Stiftung sowie der Naturstromstiftung.
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