Kann man sich auf die Klimaforschung verlassen?

Behauptung: „Kritiker der Klimaforschung sind wie Galileo“

„Galileo Galilei wurde dafür verurteilt, dass er den damaligen Konsens der Kirche bestritten hat, dem zufolge sich die Sonne um die Erde dreht. Die Wissenschaft hat Galilei Recht gegeben und der Kirche Unrecht! Den IPCC-Konsens zur anthropogenen globalen Erwärmung wird unweigerlich das gleiche Schicksal ereilen.“ Europäisches Institut für Klima und Energie e.V. (EIKE)

Fakt ist: Die oft lauten Kritiker der Klimawissenschaft haben nichts mit Galileo Galilei gemein – im Gegenteil

Antwort: 

Die heutige Klimaforschung folgt der fakten-basierten Wissenschaftsmethodik, für die der mittelalterliche Astronom und Mathematiker Galileo Galilei ein Vorreiter war. Die sogenannten „Klimaskeptiker“ stehen nicht in seiner Tradition, sondern in der von Galileos Anklägern. Wie damals die katholische Kirche lehnen heute sie wissenschaftliche Erkenntnisse ab, weil diese (oder einige Schlussfolgerungen daraus) nicht in ihr Weltbild passen.

Der italienische Astronom und Mathematiker Galileo Galilei stellte im frühen 17. Jahrhundert das Weltbild der Katholischen Kirche infrage. Deren Dogma zufolge war die Erde der unbewegliche Mittelpunkt des Universums; Galilei hingegen sprach aus, dass sich die Erde, wie auch die anderen Planeten, um die Sonne dreht. Weil er davon nicht ablassen wollte, machte ihm der Klerus 1632 den Prozess, verbot sein Buch und belegte ihn mit lebenslangem Hausarrest.

Unter den radikalen Kritikern der heutigen Klimawissenschaft, die sich selbst meist als „Klimaskeptiker“ bezeichnen, ist es eine beliebte rhetorische Konstruktion, sich mit Galileo Galilei zu vergleichen. Eine australische Gruppe nennt sich gar „Galileo Movement“ (zu deutsch: „Galileo Bewegung“). Taugt dieser Vergleich?

1. Galileo griff nicht andere Wissenschaftler an, sondern die religiös und politisch Mächtigen seiner Zeit, die darauf mit einem autoritären Gerichtsverfahren antworteten

Die sogenannten „Klimaskeptiker“ werfen der etablierten Klimaforschung häufig vor, sie würden ungerechterweise angefeindet und ausgegrenzt. Selbst wenn dies zuträfe, hätte es nichts mit dem zu tun, was einst Galileo Galilei widerfuhr: Er war nicht im Konflikt mit anderen Forschern und diese nicht mit ihm. Im Gegenteil, Galileos Erkenntnisse bauten auf den Arbeiten führender Forscher wie Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler auf, und viele der damals führenden Wissenschaftler Europas standen auf seiner Seite und lehnten den Prozess gegen ihn ab.

Galileo wurde nicht von wissenschaftlichen Autoritäten angefeindet und angeklagt, sondern vom damaligen religiös-politischen Establishment, der Katholischen Kirche. Weil die durch präzise astronomische Beobachtungen gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnise dem Kirchendogma widersprachen, wollte der Klerus ihm 1616 verbieten, seine Ansichten zum Sonnensystem weiterhin als Tatsachen zu bezeichnen. Nachdem Galileo dann seinen berühmten Dialog veröffentlichte, machte ihm die Römische Inquisition 1633 einen Prozess wegen Missachtung der kirchlichen Autorität, sprach ihn der Götteslästerung schuldig, zwang ihn zu widerrufen, verbot seine Bücher und verurteilte ihn zu Hausarrest. Galileo starb acht Jahre später.

2. Die Klimaforschung ist faktenbasiert und steht so in der Tradition Galileos, dagegen sind ihre lautesten Kritiker glaubensgetrieben – wie einst Galileos Ankläger

Der Kernpunkt des Streits zwischen Katholischer Kirche und Galileo Galilei war dessen Erkenntnistheorie, also die Frage, wie Wissen legitimerweise gewonnen wird. Die traditionelle Wissenschaft des Mittelalters und die katholische Glaubenslehre beriefen sich auf die Autorität des Aristoteles und eine wörtliche Interpretation der Bibelaussage, derzufolge die Erde den Mittelpunkt des Universums darstelle. Im Gegensatz hierzu fußten Galileos Ansichten nicht auf höheren Autoritäten – sondern sie folgten Beobachtungen (vor allem mit dem neu erfundenen Teleskop) und den Gesetzen der Logik. Sein Vorgehen war bahnbrechend und wurde später der Standard der modernen wissenschaftlichen Methodik.

Die heutige Klimawissenschaft wendet genau jene Forschungsmethoden an, für die Galileo sich sein Leben lang einsetzte: Forscher machen Beobachtungen, formulieren logische Hypothesen, testen diese dann durch Experimente und weitere Beobachtungen und so weiter. Ein (Klima-)Wissenschaftler folgt den Beweisen, wohin auch immer sie ihn leiten.

Unter den sogenannten „Klimaskeptikern“ hingegen gibt es nur wenige, die tatsächlich Klimaforschung betreiben. Das verbindende Element der allermeisten Kritiker der modernen Klimawissenschaft ist ein ideologisches Glaubenssystem: Staatliche Regeln seien grundsätzlich schlecht – weshalb Probleme geleugnet werden, deren Lösung Gesetze oder Vorschriften erfordern. Von dieser Grundüberzeugung ausgehend suchen sie Argumente, um wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt zu unterminieren. Anders als einst Galileo und heutige seriöse Wissenschaftler ändern diese „Skeptiker“ ihre Ansichten nicht, wenn ihnen neue Beweise vorgelegt werden – weil ihre Position nicht aus einer offenen wissenschaftlichen Wahrheitssuche entspringt, sondern aus feststehenden ideologischen Überzeugungen.

3. Die sogenannten „Klimaskeptiker“ kämpfen nicht für eine neue Idee, sondern für einen uralten Glauben

Mit seiner Erkenntnis, dass die Planeten die Sonne umkreisen, griff Galileo Galilei (wie auch Nikolaus Kopernikus oder Johannes Kepler) eine Lehre an, die das westliche Denken bis dahin für rund anderthalb Jahrtausende dominiert hatte. Seit der griechische Mathematiker und Astronom Claudius Ptolemäus (geb. um das Jahr 100 n. Chr.) den aristotelischen Geozentrismus festschrieb, hatten die meisten Philosphen und Wissenschaftler akzeptiert, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei und die Sonne und die anderen Planeten sie umkreisten.

So ähnlich verhielt es sich lange Zeit mit der Ansicht, der Mensch sei zu winzig, um das Klima in globalem Maßstab zu beeinflussen. Sogar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler davon überzeugt, die Erdatmosphäre sei ein stabiles, sich automatisch selbst regulierendes System. Die Idee, die Menschheit könne dauerhaft das Weltklima ändern, war für sie zutiefst unplausibel und kaum einen Gedanken wert (vgl. hierzu und für den folgenden geschichtlichen Abriss Weart 2008).

Ihren ersten – wenn man so will – galileischen Moment hatte die Klimaforschung 1896, als der schwedische Chemiker Svante Arrhenius nach jahrelangen Berechnungen vorhersagte, große Kohlendioxid-Emissionen würden die Temperaturen auf der Erde ansteigen lassen. Ein weiterer ereignete sich 1938, als der britische Ingenieur Guy Stewart Callendar, nachdem er lange über historischen CO2- und Temperaturdaten gebrütet hatte, allein gegen die Königliche Meteorologische Gesellschaft in London stand und argumentierte, eine Erderwärmung finde bereits statt. Arrhenius und Callendar waren ihrer Zeit voraus und konnten ihre Zeitgenossen nicht überzeugen. In beiden Fällen hielten die wissenschaftlichen Autoritäten ihre Berechnung für allzu vereinfacht und ihre Belege für unvollständig – jedenfalls nicht für überzeugend genug, um die alte Weisheit zu überwinden, das Weltklima könne nicht durch menschliche Handlungen aus der Bahn geworfen werden.

Diese herrschende Meinung erwies sich als zählebig. Sie geriet erst ins Wanken, als es nach dem Zweiten Weltkrieg durch die ersten Großrechner und andere wissenschaftliche Fortschritte möglich wurde, die Thesen von Arrhenius und Callendar sowie die Einwände dagegen im Detail zu überprüfen. Beispielsweise fand der Physiker Gilbert Plass durch Computerberechnungen heraus, dass ein Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration tatsächlich dazu führt, dass die Erdatmosphäre mehr Wärme zurückhalten kann. Durch die Analyse radioaktiver Isotope wies Hans E. Suess 1955 prähistorischen Kohlenstoff in der Atmosphäre nach, der sich kaum anders erklären ließ als durch die Abgase aus der Verbrennung fossiler Energieträger. Roger Revelle and Suess entdeckten, dass die Ozeane zusätzliches Kohlendioxid nur langsam absorbieren. Ebenfalls in den fünfziger Jahren baute David Keeling das erste Messgerät, das den CO2-Gehalt der Atmosphäre mit großer Genauigkeit ermitteln konnte (genau wie Galileo ein besseres Teleskop entwickelt hatte) und fand damit heraus, dass die Kohlendioxid-Konzentration tatsächlich am Steigen war.

Zwischen 1960 und 1990 wuchs der Berg der Beweise zugunsten von Arrhenius und Callendar immer weiter, und die Beweise kamen aus voneinander unabhängig arbeitenden Disziplinen wie Geologie, Astronomie und Biologie. Als sich die Wissenslücken mehr und mehr schlossen, änderten die Wissenschaftler einer nach dem anderen ihre Ansichten – und schrittweise formte sich ein neuer Konsens: Es gibt wahrscheinlich eine signifikante menschengemachte Erderwärmung.

Bis zum Jahr 2000 war die Beweislage schließlich geradezu erdrückend geworden. Der Wissenschaftshistoriker Spencer R. Weart fasst die Entwicklung mit den Worten zusammen:

„Die von Arrhenius 1896 formulierte Hypothese – die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von nahezu allen Experten bestritten wurde, in der zweiten Hälfte aber stetig Anhänger gewann – war nun so breit akzeptiert, wie irgendeine wissenschaftliche These dieser Art es nur sein konnte.“ (Weart 2008, S. 191)

Eine Meta-Analyse von rund 12.000 Publikationen zur Klimaforschung in der wissenschaftlichen Fachliteratur aus dem Zeitraum 1991-2011 zeigte denn auch, dass es einen äußerst breiten Konsens in der Fachwelt gibt: 97 Prozent stimmen der These der anthropogenen Erwärmung zu (Cook et al. 2013). Andere Untersuchungen kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Als sich ab Ende der 1980er Jahre die Indizien für die Erderwärmung häuften, wurden auch Forderungen lauter, die Menschheit müsse reagieren und die Kohlendioxid-Emissionen mindern. Just zu jener Zeit traten, unterstützt durch eine aufgeschreckte Mineralöl- und Kohleindustrie, Kritiker der Klimawissenschaft auf den Plan. Sie argumentierten nicht, wie einst Galileo, zugunsten einer revolutionären Hypothese, die auf neuen Beweisen basierte. Sie selbst forschten auch nur in seltenen Fällen. Stattdessen suchten die Kritiker vor allem nach Fehlern in der Forschung anderer und starteten Kampagnen, um in der breiten Öffentlichkeit Zweifel an den Ergebnissen der Fachwissenschaft zu streuen.

Anders als Galileo versuchen die sogenannten „Klimaskeptiker“ also nicht, eine uralte Lehre zu überwinden. Ihr Ziel ist meist das Gegenteil: die traditionelle Ansicht wiederherzustellen, dass menschliche Aktivitäten viel zu klein seien, um das globale Klimasystem zu beeinflussen. Indem sie diesem überkommenen Glauben anhängen, gleicht ihr Standpunkt eher jenen fundamentalistischen Christen, die Galileos Ansichten noch Jahrhunderte nach seinem Tod bekämpften (und es vereinzelt bis heute tun).

4. Klimawissenschaftler werden heute angefeindet und vor Gericht gezerrt, nicht ihre Kritiker

Die Kritiker der Klimaforschung begnügen sich längst nicht mehr damit, Zweifel an deren Ergebnissen zu streuen – seit einigen Jahren werden zunehmend Wissenschaftler persönlich angegriffen. Ihnen wird vorgeworfen, unredlich zu arbeiten und die Öffentlichkeit zu täuschen. In ihrem Buch „Merchants of Doubt“ (Titel der deutschen Ausgabe: "Die Machiavellis der Wissenschaft") haben die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik M. Conway beschrieben, wie sich etwa der Klimaforscher Ben Santer jahrelang gegen letztlich haltlose Beschuldigungen wehren musste. Derartige Angriffe „haben einen abschreckenden Effekt“, resümieren sie, „Einschüchterung funktioniert“ (Oreskes/Conway 2010, S. 264f.). Prominente Klimaforscher erhalten Drohbriefe und Todesdrohungen.

Besonders in den USA klagen Klimawissenschaftler darüber, sie würden von politischen Autoritäten unter Druck gesetzt und verfolgt. Während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten George W. Bush kritisierte die Wissenschaftsorganisation UCS in einem Report, Klimaforscher würden behindert und unter Druck gesetzt, ihre Veröffentlichungen nach ideologischen Vorgaben zensiert.

Im Frühjahr 2010 erreichten die Angriffe eine neue Qualität, als der Generalstaatsanwalt des US-Bundesstaates Virginia, Ken Cuccinelli, ein Ermittlungsverfahren wegen Betruges gegen den bekannten Klimawissenschaftler Michael Mann eröffnete. Obwohl unabhängige Untersuchungen den Forscher bereits von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens entlastet hatten, focht Cuccinelli – letztlich erfolglos – durch mehrere Instanzen gegen Mann und seine ehemalige Hochschule, die University of Virginia. Zahlreiche Forscher und Wissenschaftsorganisationen protestierten gegen das Vorgehen des Generalstaatsanwalts, die American Association for the Advancement of Science (AAAS) warnte vor einer Bedrohung der wissenschaftlichen Freiheit durch Verfahren wie das gegen Michael Mann.

Würde Galileo heute leben, auf wessen Seite stünde er wohl?

klimafakten.de/John Cook, Mai 2013;
zuletzt aktualisiert: Dezember 2014