FRAGE (vom 20. Mai 2020)

"Guten Tag, liebes Team von Klimafakten,

ich bin heute über Aussagen gestolpert, dich mich - nunja, haben stolpern lassen.

In einer Veranstaltung wurde unter anderem über Pollenflugszenarien in Hitzeextrem-Events durch Klimawandel und deren gesundheitliche Auswirkungen gesprochen. Dort wurde von Teilnehmenden nach dem genaueren Zusammenhang gefragt und als Kurzantwort blieb stehen, dass CO2 die Pflanzen ja anrege und es hierdurch zu vermehrtem Pollenflug, insbesondere in Hitzewetterlagen komme. Da mich (wie auch Euch) Aussagen wie "CO2 ist Pflanzendünger" stutzig machen, habe ich kurz versucht zu recherchieren, bin auch anderswo auf sehr verkürzte Aussagen gestoßen und nun etwas ratlos.

Wie kann ein wegen erwartbarer Inhibitoren [= wachstumshemmende Faktoren wie Temperatur oder Nährstoffbegrenzung; Anm. der Redaktion] höchstens kurzfristiger Effekt auf Durchsatz von bestimmten Pflanzenmetabolismen, die Schlussfolgerung sein, dass es mehr Pollen insgesamt geben wird, sich Pflanzen und deren Biomasseproduktion aber im Groben und Ganzen nicht verändern. Ich weiß, dass Konsens nicht zu den wünschenswertesten Prinzipien der Wissenschaftscommunity zählen sollte - aber es hat mich überrascht, so für mich erstmal widersprüchliche Aussagen vorzufinden.

Habt ihr vielleicht eine Antwort, oder weitere Infos oder eine Auswahl an grundständigen Papern für mich bzgl. der "CO2-Düngung" (und Pollen)? Das würde mich sehr freuen!"

 

"Entweder Sie recherchieren direkt in wissenschaftlichen Literaturdatenbanken - aber das erfordert etwas Fachwissen und Geduld. Oder sie suchen sich seriöse Überblicks-Publikationen und recherchieren von diesen ausgehend. Da haben Ihnen die Autoren die Recherche sozusagen abgenommen - und die gefundenen Studien auch noch mit ihrem Fachwissen bewertet"

 

ANTWORT (vom 25. Mai 2020):

"Vielen Dank für Ihre Mail und die Frage. Der von Ihnen angesprochene Effekt vermehrter Pollenbildung bei höheren CO2-Konzentrationen in der Umgebungsluft und/oder höheren Temperaturen gilt in der Forschung schon seit längerem als gut belegter Befund. Aus dem Gedächtnis kann ich Ihnen allerdings keine Originalquellen nennen, ich müsste danach suchen.

Aber vielleicht ist es ja sinnvoller, wenn ich erkläre, wie man sucht - denn dann können Sie sich gegebenenfalls auch andere Fragen zum Themenfeld Klimawandel & Gesundheit selbst beantworten.

1.)
Entweder Sie recherchieren direkt in wissenschaftlichen Literaturdatenbanken wie "Web of Knowledge" oder "Scopus" - also suchen dort nach einschlägigen (englischen) Schlagworten zu dem Themengebiet, das Sie interessiert. Ich würde dann neben dem Erscheinungsdatum der jeweiligen Studie und dem Publikationsort (ist das ein seriöses, wissenschaftliches Fachjournal mit verlässlichem Peer-Review?) vor allem darauf schauen, wie oft eine Studie (oder deren Autor/innen) von anderen Arbeiten zitiert worden ist. Das ist in der Regel ein ganz guter Indikator dafür, wie relevant eine Arbeit ist.

Links zu beiden Datenbanken und ein paar erklärende Worte finden Sie zum Beispiel hier auf der Website der Uni-Bibliothek der RWTH Aachen. Allerdings brauchen Sie für diese Vorgehensweise einen Zugang zu den Datenbanken - sowie ein gewisses Maß an Fachwissen und Geduld.

2.)
Eine andere Möglichkeit ist, sich seriöse Überblicks-Publikationen (von anerkannten wissenschaftlichen Institutionen) zu suchen und von diesen ausgehend zu recherchieren. Für solche Meta-Studien oder Sachstandsberichte haben sich die Autoren die unter 1.) skizzierte Arbeit bereits gemacht und dann mit ihrem Fachwissen die gefundenen Studien betrachtet und bewertet. Sie bekommen dort also einerseits einen Überblick über den Forschungsstand, andererseits in der Regel auch zahlreiche Literaturangaben zu den darunterliegenden Original-Publikationen.

Für die gesamte Breite der Klimaforschung gibt der IPCC alle paar Jahre sogenannte Sachstandsberichte heraus ("Assessment Reports") - nähere Informationen dazu finden Sie hier. Allerdings sind diese Berichte sehr umfangreich und in englischer Fachsprache gehalten und daher keine ganz leichte Kost. Wie man dort vorgehen kann, haben wir vor einiger Zeit in der Antwort für einen anderen Leser beschrieben.

Speziell zu Ihrer Frage würde ich zwei (deutschsprachige) Übersichtspublikationen empfehlen:

Ich bin mir sicher, dass Sie auf dem einen oder anderen Weg verlässliche wissenschaftliche Antworten auf Ihre Frage finden - entweder bereits in den Bewertungen/Erklärungen in den Übersichtspublikationen selbst oder eben in den Originalquellen, auf die dort verwiesen wird - oder die Sie, wie unter 1.) erklärt - selbst recherchieren.

Mit freundlichen Grüßen
Toralf Staud

P.S.: Generell hilfreich für das Erkennen verlässlicher wissenschaftlicher Informationen ist evtl. auch ein Interview mit Prof. Matthias Beller von der Leibniz-Gemeinschaft"