Wie Klimaschützer sich gegenseitig zu Untätigkeit anstiften

Dominic Hofstetter, 34, hat Betriebswirtschaft in Zürich und Chicago und Umweltwissenschaften in Oxford studiert. Danach arbeitete er neun Jahre bei der Großbank Credit Cuisse. Seit 2011 arbeitet er im Bereich Klimaschutz, zuerst als Investor, dann als Start-Up-Unternehmer; seit 2015 bei EIT Climate-KIC, der größten europäischen Initiative für Klimainnovationen, inzwischen als Mitglied der Geschäftsleitung.

 

Der Klimawandel macht Schlagzeilen. Regelmäßig berichten Medien aus aller Welt über die neuesten Erkenntnisse zum Klimasystem und die aktuellen Reaktionen von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zur drohenden Klimakatastrophe. Häufig geschieht dies in Verbindung mit dramatischen Aufrufen, aktiv zu werden. "Wir müssen jetzt handeln!" und "Die Welt muss mehr tun!" sind Appelle, die man oft liest. Doch so wohlgemeint diese Aufrufe auch sein mögen, so wenig gelingt es ihnen, tatsächlich jemanden zum Handeln zu bewegen. Der Grund hierfür ist einfach, wenn auch nicht offensichtlich: Die Mehrheit dieser Appelle sind schlicht nicht konkret genug, um direkt umgesetzt zu werden.

Häufige Berichterstattung über den Klimawandel ist wichtig, um in der Öffentlichkeit das Problembewusstsein zu schärfen. Außerdem lenkt sie die Aufmerksamkeit von Politikern und Wirtschaftsführerinnen auf mögliche Lösungswege. Allerdings richten viele Journalistinnen und Klimaschützer ihre Aufrufe nicht an konkrete Personen. Stattdessen beziehen sie sich auf abstrakte Indikatoren, auf die nur wenige Leute direkten Einfluss haben. Und sie bieten auch keine konkreten Informationen darüber an, wie eine Wende tatsächlich zu erreichen wäre.

Wer genau sind eigentlich die Adressaten der üblichen Klima-Appelle?

Nur zwei Beispiele. In einem Gastkommentar für die New York Times schrieb der frühere US-Außenminister John Kerry: "Wir müssen politische Strategien entwickeln, die den globalen Klimawandel bekämpfen." In einem Kommentar im Forschungsjournal Nature beschwören einige der weltweit führenden Klimaexperten "die Machthabenden" sich "für die Wissenschaft einzusetzen" und "Zuversicht zu fördern". Sie bezeichnen diese Aufrufe als "praktische Schritte".

Derartige Beiträge sind lobenswerte Bemühungen, die generell kurzlebige Aufmerksamkeit der Welt beim Klimawandel zu halten. Gleichzeitig werfen sie die Frage auf, wer eigentlich die Adressaten dieser Appelle sind. Von wem genau erwarten die Autorinnen und Autoren denn, tätig zu werden? Was genau sollen diese Personen tun, und wie? Es ist kaum vorstellbar, dass sich jemand Dinge wie "Zuversicht fördern" auf seine Aufgabenliste schreibt.

Mancher mag nun entgegnen, dass wir doch genau wüssten, was getan werden müsse, um den bedrohlichen Klimawandel abzuwenden: alle Bereiche unserer Volkswirtschaft schnell und umfassend umbauen, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 auf Null reduzieren und Technologien fördern, die Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen.

Allzuoft werden Handlungen mit Ergebnissen verwechselt

Ich stimme zu, dass diese politischen Ziele im Prinzip die richtigen sind. Viel wichtiger ist es aber, sich im Klaren darüber zu sein, dass hier Ergebnisse mit Handlungen verwechselt werden. Ergebnisse sind das, was wir mit einer Reihe von Interventionen erreichen wollen, die Resultate, die wir mit unseren Handlungen zu erzwingen versuchen. Ergebnisse kommen am Ende einer langen Kausalkette heraus, an deren Anfang der Aufwand und am Ende der Ertrag stehen. Man kann Menschen nicht dazu bringen, "Ergebnisse" zu produzieren - man kann sie höchstens dazu motivieren, Maßnahmen zu ergreifen, die vielleicht zu diesen Ergebnissen führen. Und genau deshalb erzeugen wir eher Untätigkeit statt Aufbruch, wenn wir Ergebnisse und Handlungen in der Medienberichterstattung vermischen.

Dieses Phänomen lässt sich auf zwei Ursachen zurückführen. Erstens verweisen Journalistinnen und Klimaschützer oft auf die falschen Indikatoren, wenn sie Klimaziele beschreiben oder Fortschritte im Klimaschutz kommentieren. Indikatoren sind statistische Kennzahlen, die den Zustand oder die Veränderung eines Systems messen. Sie lassen sich in drei Kategorien einordnen, abhängig davon, wann sie sich im Verhältnis zum System verändern. Frühindikatoren geben Hinweise auf die künftige Entwicklung eines Systems. Spätindikatoren zeigen an, wie sich ein System in der Vergangenheit entwickelt hat. Und Präsenzindikatoren zeigen aktuelle Entwicklungen des Systems in Echtzeit. In der Wirtschaft beispielsweise gilt die Anzahl neuer Baugenehmigungen als ein Frühindikator für die Aktivität auf dem Wohnungsmarkt, der Verbraucherpreisindex wird oft als Spätindikator für die Inflation in einer Volkswirtschaft herangezogen, und die Beschäftigungsrate ist ein Präsenzindikator der gesamtwirtschaftlichen Leistung.

Ein Tacho ist ein Beispiel für einen beeinflussbaren Präsenzindikator. Er liefert Echtzeit-Information über die Änderungsrate (Geschwindigkeit) eines Systems (Auto). Der/die Fahrer/in kann den Wert des Indikators unmittelbar beeinflussen (Handlungsmacht), indem er/sie zum Beispiel die Fußpedale betätigt (Wirkungspfad); Foto: pexels/pixabay

Beim Klimaschutz verwenden wir sowohl politische wie auch wissenschaftliche Indikatoren, um Ziele zu definieren und Fortschritt zu messen. Die wichtigsten politischen Indikatoren sind im Pariser Klimaschutzabkommen festgeschrieben, darunter das Ziel, die Erderwärmung auf "deutlich unter zwei Grad Celsius" zu begrenzen, und das Mittel, hierfür auf nationalstaatlicher Ebene die eigenen Emissionen zu senken. Die wichtigsten wissenschaftlichen Variablen für das Verständnis des Weltklimas werden durch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) definiert, so zum Beispiel die Lufttemperatur, die Salzkonzentration in den Weltmeeren und die Geschwindigkeit der Gletscherschmelze. Die überwältigende Mehrheit dieser Messgrößen sind Spätindikatoren. Sie bewegen sich in der Domäne der Ergebnisse, messen also quantitative Veränderungen am Ende einer Kausalkette. Sie befinden sich so weit weg vom Handlungsspielraum politischer und wirtschaftlicher Akteure, dass sie lediglich die Funktion abstrakter Zielsetzungen einnehmen können.

Klimaschutz braucht bessere, praktischere Indikatoren

Das zweite Problem besteht darin, dass viele Indikatoren aus handlungspsychologischer Sicht schlecht konzipiert sind. Ein Indikator animiert Menschen dann zu Verhaltensänderungen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Zum Ersten muss sich der Indikator auf der richtigen Aggregationsebene befinden. Ein stark aggregierter Indikator, wie beispielsweise die weltweiten Emissionen aus der Waldrodung, verspricht zwar eine große Hebelwirkung, aber nur eine Handvoll Menschen können ihn direkt beeinflussen. Ein stark disaggregierter Indikator – etwa der persönliche Fleischverbrauch – hat normalerweise eine geringere Hebelwirkung, kann aber mehr Menschen zum Mitmachen bewegen. Die Schwierigkeit liegt darin, das Gleichgewicht zwischen Wirkungspotenzial einerseits und Beteiligungsmöglichkeit andererseits zu finden.

Zweitens müssen für einen Indikator die Verantwortlichkeiten klar zuweisbar sein. Es muss möglich sein, diejenigen Individuen zu benennen, deren Handeln sich direkt auf den Indikator auswirkt, und diese Personen müssen sich dieser Handlungsmacht auch bewusst sein. Drittens muss es für jeden Indikator einen klaren Wirkungspfad geben. Für die Menschen, die Handlungsmacht besitzen, muss also ersichtlich sein, wie sich ihre Entscheidungen auf den Indikator auswirken.

Was oft diffus und vage klingt, wird auf einmal greifbar und spezifisch

Indikatoren sind deshalb so wichtig, weil sie sich im Zentrum von Entscheidungsprozessen befinden und deshalb eine große Hebelwirkung in einem System haben können. Die US-Umweltwissenschaftlerin Donella Meadows, eine Pionierin auf dem Gebiet des Systemdenkens, zählt Indikatoren zu den einflussreichsten Treibern von Systemveränderungen. In ihrer beachtenswerten Publikation Indikatoren und Informationssystem für nachhaltige Entwicklung schrieb sie schon vor gut 20 Jahren: "Die Wahl von Indikatoren wirkt sich maßgeblich auf das Verhalten eines Systems aus. Schlecht gewählte Indikatoren können das System fehlleiten und ernsthafte Konsequenzen haben."

Wenn wir in unserer Kommunikation vermehrt auf Indikatoren eingehen, die sich direkt beinflussen lassen, verändern wir die Qualität der Klimadebatte. Was oft diffus und vage klingt, wird auf einmal greifbar und spezifisch. Durch das Aufbrechen einer gewaltigen kollektiven Herausforderung in einzelne Handlungsschritte können wir einzelne Personen in Politik und Wirtschaft gezielt ansprechen. Damit erhalten Nichtregierungsorganisationen, Medienschaffende und zivilgesellschaftliche Akteure die Möglichkeit, diese Personen für ihr Handeln zur Rechenschaft zu ziehen. Menschen in Machtpositionen können ihre Gleichgültigkeit und Versäumnisse dann nicht mehr mit der Untätigkeit anderer entschuldigen.

Das Gesamtproblem in seine Einzelteile zu zerlegen, verändert den Blick

Der Fokus auf beeinflussbare Indikatoren wirkt sich auch auf unsere Wahrnehmung der politischen Handlungsoptionen aus. Zurzeit führt ein wachsendes Gefühl der Ohnmacht über unser kollektives Scheitern dazu, dass wir geradezu manisch die gleichen zwar kühnen aber nicht direkt umsetzbaren Ziele wiederholen. Solch übertriebener Ehrgeiz kann langfristig zu Lähmung führen. Wie beschleunigen wir die Elektrifizierung des Transportsektors? Diese Frage kann niemand schlüssig beantworten. Wie animieren und motivieren wir junge Menschen, keinen Führerschein zu machen? Das klingt schon eher nach einer lösbaren Aufgabe.

Wir können unsere Ohnmacht überwinden, indem wir konkrete Verantwortlichkeiten spezifischen Personen zuordnen, die Handlungsfähigkeit stärken und einen klaren Weg zur Zielerreichung aufzeigen. Das Zerlegen das Gesamtproblems in seine Einzelteile lässt uns auch andere Perspektiven einehmen und Maßnahmen in Erwägung ziehen, die wir vorher nicht betrachtet haben. Das kann zur Entwicklung neuer politischer Ansätze führen und der steigenden Debattenmüdigkeit entgegenwirken.

Fassen wir zusammen: Um die Wirkung von Klimakommunikation zu erhöhen müssen wir neue Indikatoren entwickeln. Diese sollten zwingend alle Standardkriterien wirksamer Indikatoren erfüllen (unter anderem Messbarkeit, Klarheit und Relevanz). Zusätzlich muss es sich um Frühindikatoren handeln, die in der Kausalkette möglichst weit vorn sitzen. Sie müssen konkret umsetzbar und auf der richtigen Aggregationsebene definiert sein sowie klar zuweisbare Verantwortlichkeiten und Wirkungspfade aufzeigen.

Hinweisschild Tramhaltestelle; Foto: Carel Mohn

Schauen wir uns zum Schluss einige Ideen für solche Frühindikatoren an. Im Bereich Verkehr sollten wir uns nicht weiter auf den Anteil der Elektrofahrzeuge an der Gesamtzahl der verkauften Fahrzeuge fixieren – und stattdessen beispielsweise das Sicherheitsgefühl von Passagieren in Bus und Bahn. Im Energiesektor sollten wir weniger den Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromproduktion betrachten – und uns dafür auf den Prozentsatz der Verbraucher konzentrieren, die zu einem echten Ökostromanbieter gewechselt sind. Und bei den Finanzen sollten wir den Investitionen in erneuerbare Energien weniger Aufmerksamkeit schenken - es wäre beispielsweise sinnvoller, den Prozentsatz der Banken zu erheben, deren Unternehmensstrategie sich gegen die Kreditvergabe an Mineralölunternehmen richtet.

Manager wissen schon lange: "We manage what we measure"

Donella Meadows rät, beim Entwickeln von Indikatoren stets von der Annahme auszugehen, dass Indikatoren Teil eines größeren Informationssystems sind, das durch seine eigenen Hierarchien, Zugangsregeln und Quellen charakterisiert wird. Es braucht also ein Bewusstsein für die Stellschrauben, Beziehungen und Rückkoppelungsmechanismen, die in einem System bestehen, und für die unbeabsichtigten Konsequenzen, die eine Systemintervention nach sich ziehen kann. Ein solcher Prozess sollte zwingend Experten, Praktikerinnen und Endanwender aus verschiedenen Disziplinen zusammenbringen.

Es gibt einen berühmten Spruch aus der Welt des Managements: "We manage what we measure" - zu Deutsch etwa: "Wir schaffen was wir messen". Wenn wir wirkliche Veränderung erreichen wollen, müssen wir hinterfragen, was denn eigentlich gemessen werden sollte.

P.S.: Nachfolgend ein Vorschlag, der den Rat dieses Artikels auf ihn selbst anwendet - also konkrete Handlungsmöglichkeiten formuliert statt allgemeine Ergebnisse:

1. Eine multilaterale Initiative oder eine apolitische Organisation mit institutioneller Glaubwürdigkeit und Einfluss, wie beispielsweise das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) oder die Union of Concerned Scientists, sollte eine Initiative für umsetzbare Klimaindikatoren starten.

2. Eine Organisation mit Erfahrung in der Zusammenarbeit multidisziplinärer Experten und der Steuerung von Innovationsprozessen, wie zum Beispiel die EIT Climate-KIC (bei der ich beschäftigt bin), sollte die Gesamtinitiative lenken. Die Entwicklung technischer Indikatoren sollte von einer oder mehreren Organisationen mit fundierten Kenntnissen in den Bereichen Systemdenken und nachhaltige Entwicklung geführt werden, etwa dem International Institute for Environment and Development oder dem International Institute for Applied System Analysis. Eine dieser Organisationen sollte das Mandat erhalten, die neuen Indikatoren zu beobachten und zu evaluieren, um daraus Lehren für die mögliche weitere Anwendung zu ziehen.

3. Wissenschaftseinrichtungen sollten beauftragt werden, die Nutzung und Wirksamkeit der neuen Indikatoren in den Medien zu verfolgen und zu bewerten, etwa das Yale Programme on Climate Change Communications oder das Center for Climate Change Communication der George Mason University, zusammen mit Medienplattformen wie Climate Tracker und CarbonBrief.

4. Ein Ausbau dieser Maßnahmen sollte durch gemeinnützige Organisation mit entsprechender Reichweite unterstützt werden, man denke an das Climate Action Network, das Climate Reality Project,  oder das Solutions Journalism Network.

Eine englische Version des Artikels
ist auf der Website von EIT Climate-KIC erschienen

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