Tote Korallenriffe, verbrannte Wälder: der Klimawandel erfordert Trauerarbeit. Doch lässt sich Apathie vermeiden?

Da ist dieses dumpfe Gefühl: Die Bilder toter Korallenriffe, abgeholzter Amazonaswälder oder verhungernder Eisbären in der Arktis berühren. "Schrecklich", "furchtbar", "traurig" sind die hilflosen Reaktionen angesichts unwiederbringlicher Verluste durch Umweltzerstörung und Klimawandel. Doch was machen diese Bilder wirklich mit uns?

Die US-Amerikanerin Kriss Kevorkian war eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die bereits vor rund zwanzig Jahren den Begriff der Umwelttrauer ("environmental grief") prägte – und damit die Thanatologie, also die Trauerforschung, um eine neue Dimension bereicherte. Die heute 54-Jährige arbeitet hauptberuflich als Sterbehelferin in Hospizhäusern und gibt in Kalifornien Vorlesungen zur Trauerarbeit bei Verlusten von Angehörigen. Doch Kevorkian beschäftigt nicht nur der Tod. Sie hat auch eine tiefe Zuneigung zur Natur.

Um die Natur trauern? "Viele Leute hielten mich damals für durchgeknallt"

"Alles begann damit, dass ich als Studentin im kalifornischen Arcata die uralten Bäume des Redwood-Waldes bewunderte", erzählt Kevorkian. "Ich musste aber mitansehen, wie der Wald mit den jahrhundertealten Bäumen immer kleiner wurde, weil man dort Bauland brauchte." Als ein Professor der US-Humboldt State University der damaligen Psychologiestudentin nahelegte, ein neues Gebiet der Sterbeforschung zu eröffnen, zögerte Kevorkian nicht lange. "Viele Leute hielten mich damals für durchgeknallt", sagt sie rückblickend. "Doch heute, nach unzähligen Reisen und hunderten Gesprächen, fragen mich die Leute für Buchbeiträge und Diskussionen an – das Thema ist mittlerweile gesetzt."

Die Erderhitzung führt zu immer häufigeren und größeren Korallenbleichen (hier im Virgin Island National Park) - Wissenschaftler fürchten den unwiderbringlichen Verlust ganzer Riffe; Foto: NPS Climate Change Response/Wikimedia Commons

Das liegt auch daran, dass die ökologischen Verluste durch den Klimawandel in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich sichtbarer geworden sind: Schwindende Gletscher, absterbende Korallenriffe und verhungernde Eisbären sind omnipräsent. "Es geht nicht nur um den Verlust von Dingen, sondern auch um den Verlust des Rhythmus', den wir mit der Natur hatten", so Kevorkian. "Unsere Pflanzen blühen plötzlich zu anderen Zeiten im Jahr, und es gibt weniger Vögel, die in unseren Gärten nisten." Auch auf die Bilder verschmutzter Meere, smogverseuchter Luft und der Ausrottung von Tieren würden viele Menschen mit Trauer reagieren. "In den USA war die Ölkatastrophe in Alaska im Jahr 1989 so ein Auslöser für einen tiefen Kummer, der viele Menschen geprägt hat."

Sieht man andere leiden, führt das oft zu Passivität und negativen Gefühlen

In Deutschland gibt es nur wenige Experten, die sich mit Umwelttrauer ernsthaft beschäftigen. Von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie heißt es sogar, man "höre den Begriff zum ersten Mal". Die Umweltpsychologin Ellen Matthies von der Universität Magdeburg meint sogar, es sei eine Sackgasse, sich mit Umweltschmerz zu befassen: "Deutsche Umweltpsychologen sind auf Problemlösung orientiert", so Matthies. "Wir wissen jedoch, dass Konfrontation mit leidenden anderen Menschen oder Lebewesen uns nicht unbedingt handlungsfähiger macht, sondern uns auch das Leid anderer leugnen lässt."

Matthies verweist auf die Untersuchungen der Psychologin Tania Singer. Sie ist Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und hat anhand von Versuchen nachgewiesen, dass viele Menschen eher ein negatives Mitgefühl empfinden: So kann das Hineinfühlen in schmerzvolle Erfahrungen zu Erschöpfungssymptomen und Hilflosigkeit führen und zu sogenanntem empathischen Stress werden. Diese Erfahrung führt zu Passivität und vorrangig negativen Gefühlen.

Doch vereinzelt wird auch in Deutschland Umwelttrauer zum Thema gemacht. In einigen Publikationen und Artikeln ist diese – wenn auch nicht benannt – stark präsent. So beschrieb der Wissenschaftsautor Stefan Klein unter dem Titel „Tödliche Stille“ im vergangenen November in einem mehrseitigen Text in der Süddeutschen Zeitung die schrittweise Auslöschung der biologischen Vielfalt rund um sein Wochenendhaus in der Uckermark durch die industrielle Landwirtschaft. Wie ein Öko-Drama beschreibt Klein den Niedergang eines relativ intakten Fleckchens Erde weit vor den Toren der Hauptstadt. Den schmerzhaften Verlust der Artenvielfalt erzählt Klein als intime Erfahrung, die ihn und seine Familie verstört und verändert hat.  

Von Leugnung bis Akzeptanz – (Umwelt-)Trauer als fünfstufiger Prozess

Andere versuchen die Gefühle der Umwelttrauer und die Angst vor dem Klimawandel analog zum Umgang mit dem Prozess des Sterbens zu erklären: So beschrieb der Guardian-Journalist Richard Schiffmann die Reaktion der Menschen auf den Klimawandel und dessen Folgen mit den von der Schweizer Psychologin Elisabeth Kübler-Ross beschriebenen fünf Phasen des Umgangs mit dem Sterben: Leugnung, Zorn, Feilschen, Depression und schließlich Akzeptanz.

Am Anfang wolle der Patient – oder in diesem Fall die Öffentlichkeit – die (wissenschaftlichen) Fakten nicht wahrhaben, der Klimawandel wird geleugnet und die Wissenschaft infrage gestellt. In der  zweiten Phase beginnt sich der Zorn auf die Verursacher zu richten: Im Falle des Klimawandels auf große Unternehmen, die mit der Verbrennung fossiler Ressourcen große Gewinne gemacht  haben. Doch Wut allein – so Schiffmann – heilt weder eine Krankheit noch animiere es Menschen zu mehr Klimaschutz. Es werde ein Schuldiger gesucht, aber keine eigene Verantwortung übernommen. Drittens folge darauf das Stadium des Verhandelns: Der Mensch sehe ein, dass etwas getan werden müsse und übe sich in mehr oder weniger wirkungsvollen Klimaschutzvorhaben – in der Hoffnung die Katastrophe zumindest  zu verzögern oder mildern zu können.

Phase fünf der Verarbeitung eines Todesfalls: "Das Spiel ist aus – wir kämpfen nicht länger gegen die Wahrheit"; Foto: Carel Mohn

In der vierten Phase verfalle der Mensch in eine Depression über die unwiederbringliche Zerstörung des Planeten: "Wir verstehen, dass der Schmerz der Erde unserer eigener Schmerz ist", so Schiffmann. "Wir sehen ein, dass die Welt nicht kuriert werden kann, aber dass wir sie teilweise heilen können." Darauf folge – fünftens – die Akzeptanz und Einsicht, so Schiffmann. "Dieses letzte Stadium meint: Das Spiel ist aus – wir kämpfen nicht länger gegen die Wahrheit, wir verschwenden unsere Energie nicht in Schuldgefühlen oder Ärger, wir versuchen nicht mehr, Probleme oberflächlich zu lösen, und wir sind über die Phase von Hoffnung und Verzweiflung hinaus und haben eine klare Vorstellung der Realität." Dann folge endlich die Tat: Ein Stopp der Verbrennung fossiler Rohstoffe, der Abholzung von Wäldern, kurz: konkrete Schritte zum Schutz des Klimas. Allerdings ist laut Schiffmann auch hier der Ausgang offen: Das Klammern an technologische Lösungen der Klimafrage werde die Menschheit nicht retten. Nur wenn sich der Mensch auch innerlich verändere und ein Bewusstsein entwickle, gebe es trotz aller Rettungsversuche wirkliche Hoffnung auf ein Überleben.

"In vielen Fällen motiviert Trauer auch zum Handeln"

Folgt man dem von Schiffmann beschriebenen Ansatz, können negative Emotionen wie Trauer und Verzweiflung die Menschen nicht nur in Depressionen stürzen, sondern am Ende zu Engagement und Motivation für Klima- und Umweltschutz führen. Die Trauer ist hier eine Art Prozess – allerdings nur, wenn sie sich wirklich entwickelt. "Jeder reagiert anders auf Trauer", glaubt Thanatologin Kevorkian. "In vielen Fällen motiviert Trauer Menschen auch zum Handeln." Schon durch kleine Dinge wie Recycling oder eine Änderung der Essgewohnheiten würden sich viele Menschen besser fühlen. Sicherlich könne die Trauer auch überwältigend sein, räumt Kevorkian ein. Schließen sich Menschen jedoch zusammen, um gemeinsam etwas unternehmen, gebe ihnen dieser Schritt das Gefühl, die Kontrolle wiederzugewinnen und etwas verändern zu können.

Dass Trauer in aktives Handeln umschlagen kann statt in Depression zu enden, schließt auch die Leipziger Neurowissenschaftlerin Tania Singer nicht aus. Allerdings müsse die Empathie erst in Mitgefühl umgewandelt werden – denn nur dadurch würde die passive Erfahrung der Trauer in ein Gefühl münden, dass die innere Kraft stärke und die Menschen animiere zu helfen. Dafür brauche es aber oft einen äußeren Anstoß oder ein gezieltes "Mitgefühl"-Training. Denn die negativen Gefühle bei empathischen Stress sind selbstbezogen und daher besonders schwer zu ertragen. Singer setzt hierbei unter anderem auf Meditation, damit die Person lernt, den Schmerz zu teilen und diesen durch ein aktives Geben (von Mitgefühl) zu lindern.  

Und übrigens zeigte ja auch das Beispiel des SZ-Autoren Stefan Klein einen Ausweg aus der Resignation – trotz überwältigendem Untergangsszenario: Statt sich woanders ein Haus zu kaufen, mündete seine Verzweiflung über den Verlust von Natur in eine kreative Handlung: das Schreiben einer bewegenden Reportage, eines Appells an Öffentlichkeit und Politik.

Susanne Götze

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