Franz Klammer: "Das Schwinden der Gletscherzungen ist überall zu sehen"

Der 1953 in Kärnten geborene Franz Klammer zählt zu den bekanntesten Skirennläufern. Er wurde 1976 in Innsbruck Olympiasieger in der Abfahrt. Mit 25 Siegen in der Abfahrt gilt er als der erfolgreichste Sportler dieser Disziplin in der Geschichte des Skiweltcups. Nach einem Ausflug in den Motorsport fuhr er noch bis 1998 Profiskirennen in den USA, gewann unter anderem sieben Titel in der Abfahrt und im Parallelslalom. Klammer hat 1998 eine Stiftung gegründet, die vor allem jungen verletzten Sportlern hilft. Anlass war die Querschnittlähmung seines Bruders als Folge eines schweren Unfalls bei einer FIS-Abfahrt 1977.

 

Herr Klammer, Sie stehen seit frühester Kindheit auf Skiern, also seit rund sechs Jahrzehnten. Bemerken Sie persönlich Folgen des Klimawandels?

In den klassischen Skigebieten Kärntens, Österreichs, Europas und den USA bemerke ich, dass Kunstschnee ein Überlebensfaktor geworden ist. Kein relevantes Skigebiet kommt ohne Schneekanonen aus. Gleichzeitig werden in höher gelegenen Skiregionen Wetterextreme häufiger, und die Lawinengefahr steigt weiter an. Am stärksten betroffen vom Klimawandel sind die Gletscher: Egal ob am Dachstein oder Mölltaler Gletscher in Österreich, am Mont Blanc zwischen Frankreich und Italien – überall ist mit freiem Auge das Schwinden der Gletscherzungen zu sehen. Das stimmt traurig und es ist hässlich anzusehen, weil das Geröll sichtbar wird.

Haben Sie wegen des Klimawandels und Schneemangels Sorge um den Wintersport?

Ich habe erst in zweiter Linie Sorge um den Wintersport – in erster Linie sorge ich mich um den Lebensraum Erde: Zu wirtschaften, zu säen und zu ernten, zu leben und zu überleben wird in gewissen Regionen ständig komplexer, teurer - oder in manchen Gebieten überhaupt nicht mehr möglich sein. Unsere Kinder und unsere Enkelkinder werden uns eines Tages fragen: Warum habt Ihr nichts unternommen?

Wird in Österreich und in Europa genug getan, um die Folgen des Klimawandels zu mildern?

Was ist genug? Ich denke es wird einerseits viel getan, andererseits zu wenig. Ich bin in vielen Ländern unterwegs und beobachte Folgendes: Die Trennung des Abfalls, eine umweltschonende Industrie (soweit das möglich ist), erneuerbare Energien, hohe Umweltstandards – das alles sehe ich als Ganzes nur in Europa. Zugleich droht Europa aber im wirtschaftlichen Wettlauf wegen der Standortkosten hinter USA, China und Indien zurückzufallen.

Franz Klammer (1976)

Daher meine ich: Europa soll vorangehen - aber nicht ohne die anderen Staaten. Und es sollte den Klimaschutz, den Umweltschutz sowie Nachhaltigkeitsstandards – etwa hinsichtlich des Verbrauches an Rohstoffen, der Bildung und des Sozialen – in die Regelwerke für den internationalen Welthandel einbauen. Letztlich kommen wir in der Bekämpfung der Ursachen und Milderung der Folgen des Klimawandels nur mit globalen Lösungen voran.

Wenn Sie an die Öffentlichkeit einen Appell wegen des Klimawandels richten: Was sollten wir und die Politik unternehmen, um Ursachen und Folgen des Klimawandels zu mildern?

Ich bin der festen Meinung, dass die Folgen des Klimawandels – etwa Dürre und Waldbrände in Kalifornien oder schwerste Unwetter und Hochwasser in Kärnten - mittels regionaler, nationaler und internationaler Katastrophenfonds abzumildern sind. Und wir müssen solidarisch helfen, denn ein Forstwirt ist nicht verantwortlich dafür, dass die Industrie und Verkehr seit Jahrzehnten die Luft verschmutzt haben.

Aber der wesentliche Fokus muss auf die Bekämpfung der Ursachen gerichtet werden. Dazu gehört es, innovative, umweltschonende Produktionen und Prozesse zu fördern, globale Standards  und Grenzwerte einzuführen sowie jene Produkte und Prozesse zu besteuern, die Ressourcen verbrauchen und das Ökosystem belasten. Letztlich muss es eine länder- und parteiübergreifende grundsätzliche Verpflichtung dazu geben, denn sonst wird das nix! Aber nicht vergessen: Jeder einzelne Mensch kann Vorbild, Motivation in diesem Bereich sein! 

Sollte Österreich die IOC-Initiative "Sports for Climate Action" unterstützen?

Wir sollten gemeinsam die eingeleiteten Initiativen der UN und anderer Organisationen gegen den Klimawandel unterstützen – also auch die vom IOC!

Das Interview führte Claus Reitan
Fotos: Manfred Werner/Tsui/Wikimedia Commons (Porträt); Fischersports/Wikimedia Commons

Das Interview führte Claus Reitan

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