"Before the flood": Was Leonardo DiCaprio nicht wusste

New York am 23. September 2014, Sondergipfel der Vereinten Nationen: Seit Stunden tragen die Vertreter von 195 UN-Staaten ihre Statements zum Klimaschutz vor. Floskeln wie "Die Welt schaut auf uns" wechseln sich ab mit Floskeln wie "es ist keine Zeit zu verlieren". Ein ermüdendes Schauspiel. Dann tritt ein bärtiger Zausel ans Mikrofon, der ein bisschen wie jene Menschen aussieht, die seit Jahren unter einer Brücke schlafen – nur in einen Anzug gesteckt.

"Ich spreche zu Ihnen nicht als Experte", sagt Leonardo DiCaprio. "Ich spreche zu ihnen als ein Schauspieler, der fiktive Charaktere spielt, die ein fiktives Problem zu lösen haben." Er glaube, dass es den meisten Menschen auf der Welt genau so mit dem Klimawandel geht: Es ist ein fiktives Problem irgendwo in der Zukunft. Und er glaube, dass die anwesenden Regierungsvertreter genau dieselbe Aufgabe haben, die er als Schauspieler hat: Dieses Problem zu lösen.

In seinem Dokumentarfilm "Before the Flood" besucht Leonardo DiCaprio Brennpunkte des Klimawandels ebenso wie prominente Politiker, etwa US-Präsident Barack Obama; Quelle: National Geographic/Screenshot

Zwei Jahre später ist klar, warum DiCaprio aussah, wie er aussah. 2014 arbeitete er an seinem Historien-Thriller "The Revenant", der mittlerweile oskarprämierten Überlebens-Geschichte eines Trappers in den 1820er Jahren in Dakota - daher der Bart und die langen Haare. Gleichzeitig begann  DiCaprio aber auch mit der Arbeit an seinem Dokumentarfilm "Before the Flood" ("Vor der Flut"). Just jene Rede vor der UN ist Ausgangspunkt des neuesten DiCaprio-Films, der Ende Oktober in die US-amerikanischen Kinos kam.

Zwei Wochen vor seiner dreieinhalb minütigen UN-Rede hatte Generalsekretär Ban Ki Moon DiCaprio zum Friedensbotschafter für Klimaschutz der Vereinten Nationen ernannt. "Ich habe einen unglaublichen Stolz empfunden", sagt der heute 41-Jährige in seinem Dokumentarfilm. Aber in diesen Stolz mischte sich gehöriger Zweifel: "Ich selbst weiß doch gar nicht, was los ist. Und was getan werden muss." Damit dürfte es DiCaprio wie den meisten Menschen gehen. Geschickt nimmt er im Film so eine Stellvertreterposition für seine Zuschauer ein - und macht sich auf den Weg, es herauszufinden.

DiCaprio lässt Spitzenpolitiker und -wissenschaftler auftreten

DiCaprio reist zur großen Eisschmelze an den Nordpol, zu den zusammenbrechenden Gletschern nach Grönland, in die Smogmetropolen Chinas, zum drittgrößten Kohlenutzer der Welt, nach Indien. Er reist zur Brandrodung Sumatras und nach Miami Beach, wo ein millionenschweres Programm zur Höherlegung von Straßen den Wettlauf gegen den steigenden Meeresspiegel gewinnen soll. Vor Ort sind es Experten, die DiCaprio – und damit dem Zuschauer – die Problemlage erläutern: Der Nasa-Astronaut und Meteorologe Piers Sellers beschreibt die Funktion des Golfstroms und dass er bedroht ist, der Schwede Johan Rockström erklärt das Kippsystem Grönland, das – einmal in den Strudel der Erderwärmung geraten – unaufhaltsam abtauen wird. Anote Tong, der Präsident des pazifischen Inselstaates Kiribati, zeigt, was ein steigender Meeresspiegel bedeutet.

Natürlich erzählt "Before the Flood" das globale Problem global. Der Klimabotschafter DiCaprio legt aber Wert auf die Gerechtigkeitsdebatte, die in den letzten Jahren stärker in den Fokus des internationalen Klimadiskurses gerückt ist. Etwa, wenn er die Inderin Sunita Narain fragt, ob es nicht besser wäre, die indische Kohle im Boden zu lassen. Narain, Leiterin des indischen Centre for Science and Environment, hält entgegen, dass ein Amerikaner 1,5 mal so viel Energie verbraucht wie ein Franzose, doppelt so viel wie ein Japaner und zehnmal mehr als ein Chinese - und 34 mal so viel wie ein Inder. Wo also müsste begonnen werden, fossile Rohstoffe in der Erde zu lassen?

Der Film richtet sich in erster Linie an ein Publikum in den USA: Ihm wird etwa erklärt, wie sein Fleischhunger die Regenwälder zerstört. Ein kalifornischer Professor sagt schlicht: "Was wir der Welt angetan haben, ist ein Verbrechen." Das alles stimmt natürlich - aber damit richtet sich der Film vor allem an Menschen, die dem Klimathema gegenüber aufgeschlossen sind. Den konservativen Teil der US-Gesellschaft, der sich teils vehement gegen die unbequemen Wahrheiten des Klimawandels wehrt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema leugnet, wird dieser Film kaum erreichen.

Der Film kommt nicht professoral daher, sondern mit jungenhafter Leichtigkeit

Andererseits hat der Film Längen für Zuschauer, die sich bereits mit der Materie befasst haben. Wenn DiCaprio dann aber im Hubschrauber über einen Teersand-Tagebau in der kanadischen Provinz Alberta kreist, gibt es jene spektakulären Bilder, die das ganze Ausmaß des menschlichen Fossilwahns beschreiben. Und - besonders wichtig - DiCaprio zeigt auch die Lösungen, etwa wenn er Elon Musk interviewt, den Gründer der E-Auto-Firma Tesla und Visionär einer klimaschonenden Mobilität.

Zusammenbrechende Eisberge, brennende Wälder, rauchende Schlote – natürlich gibt es in "Before the Flood" ähnliche Bilder wie in Al Gores Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" aus dem Jahr 2006. DiCaprios-Film ist trotzdem anders: Während der unterlegene US-Präsidentschaftskandidat (2000 gegen George W. Bush) eher den Stil der professoralen Vorlesung pflegte, geht DiCaprio auf Recherche. Regisseur Fisher Stevens gelingt es, den Zuschauer zum Komplizen zu machen, zu jemandem, der es nun endlich wissen will. DiCaprios Nichtwissen entpuppt sich als ganz wirkungsvolles Mittel, um die Laien an die Hand zu nehmen. Angesichts seiner Prominenz ist ein großes Publikumsinteresse sicher. Und Regisseur Fisher Stevens verzichtet nicht auf das, was DiCaprio einst zum Teenie-Schwarm machte: Er lässt ihn Elefanten streicheln, Mädchen am Palmenstrand schaukeln oder den smarten Jungen mimen. Vielleicht ist es genau das, was dem schweren Thema zu einer filmischen Leichtigkeit verhilft.

Erschienen ist der Film auch auf Facebook und YouTube, mehr als sieben Millionen Menschen haben ihn dort innerhalb weniger Tage gesehen. Der Schluss spielt wieder am Sitz der UN in New York. Am 22. April 2016 wurde dort eine Zeremonie für das Pariser Klima-Abkommen abgehalten, letzter Redner ist wieder Botschafter Leonardo DiCaprio. Diesmal ist er rasiert. "The Revenant" ist längst Kassenschlager. Sein Dokumentarfilm zeigt ihn aufgeregt, noch einmal geht er sein Manuskript durch. "Paris ist nicht genug", sagt der Schauspieler zu den UN-Delegierten. Und dann: "Ihr seid die letzte Hoffnung, unsere schöne Welt zu erhalten."

Aber mindestens so sehr wie an die Diplomaten richtet sich DiCaprio damit an die Film-Zuschauer.

Auf dem YouTube-Kanal von National Geographic ist "Before the Flood" kostenlos zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=90CkXVF-Q8M

Nick Reimer

Meldungen zum Thema