"Es wäre eine Verletzung des ärztlichen Berufsethos, sich nicht mit der Klimakrise auseinanderzusetzen"

Rotes Kreuz, blaues Licht, weißer Kittel, grüne OP-Kleidung. Fieberthermometer, Stethoskop, Rezeptblock, Infusionsständer – die oft klischeehaft zitierten Hilfsmittel und Symbole der Gesundheitsberufe wirken wie geschaffen, in der Kommunikation der Klimakrise als Metaphern zu dienen.

Die Erde hat Fieber; ihr Puls rast; ihr Herz stolpert; sie ist so schwach, dass sie im Rollstuhl sitzt; der Erde wird eine Kur verschrieben; sie wird von Rettungsassistenten und einer Notärztin ins Krankenhaus eingeliefert. Jeder weiß sofort, was gemeint ist. All das hat man schon in der Zeitung gelesen, in den TV-Nachrichten gesehen, als Social-Media-Post geliked oder auf einer Demonstration erlebt.

Zum Beispiel bei der Mahnwache vor dem Deutschen Ärztetag 2019 in Münster. Dort hatten Mitglieder der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), die teilweise zugleich Delegierte des Ärztetages waren, einen aufblasbaren Wasserball mit aufgedruckten Kontinenten auf eine Liege platziert und angemessene medizinische Hilfsmittel darum drapiert. Wer das Kongresszentrum in der Halle Münsterland betrat, darunter Gesundheitsminister Jens Spahn, kam an dem Schauspiel vorbei.

"Kohleausstieg ist die beste Medizin", stand auf einem Banner. Dazu betteten die "Doctors for Future" die sinnbildliche Erde auf eine Liege und hörten sie dann mit dem Stethoskop abt: KLUG-Aktion am Rande des Ärztetages 2019 in Münster; Foto: Th. Maybaum/Deutsches Ärzteblatt

Es sollte vor allem symbolisch wirken; weitere Informationen, Statistiken oder Fakten gab es dort nur auf explizite Nachfrage, erzählt der pensionierte Berliner Internist Ludwig Brügmann, der zu den Mitgründern von KLUG und Health4Future (H4F) gehört: „Die Erde hat sehr hohes Fieber, es handelt sich um einen ernsten Notfall und wir müssen sofort handeln: Das verstanden die Besucher angesichts der Inszenierung sofort, und viele haben beim Vorbeigehen den Daumen hochgehalten.“

Aber war das mehr als eine Showeinlage? Zu den Möglichkeiten, als Angehörige der Gesundheitsberufe auch die planetare Gesundheit zum Thema zu machen, sind mehrere Fragen zu diskutieren:

1. Sollen Ärztinnen und Pfleger, Hebammen und Apotheker über die Klimakrise reden?

Ja. Längst ist in der Ärzteschaft sowie in den anderen Gesundheitsberufen angekommen, dass sie beim Thema Klimakrise mitreden müssen – und mitreden können. „Wir sind Influencer im analogen Sinne“, sagt die Ärztin Sylvia Hartmann, stellvertretende Vorsitzende der Initiative KLUG, „wir können die Menschen sensibilisieren für die Zusammenhänge.“

Das ist eine globale Einsicht: Die World Medical Association wie die World Health Organisation haben sich dazu geäußert. Die Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht seit 2015 jedes Jahr einen dicken Report anerkannter Fachleute. In einer internationalen Umfrage äußerten sich im Herbst 2020 health professionals aus mindestens elf Staaten, darunter Uruguay, Südafrika, Kuwait, Indien und Neuseeland. Tenor ist stets: Die Klimakrise selbst ist eine ernste Gefahr für die Gesundheit, und mit den Maßnahmen gegen die weitere Erderhitzung gehen zusätzliche Vorteile für die Gesundheit, sogenannte Co-Benefits, einher.

 

„Angesichts der wohl größten Krise der Menschheit können wir nicht schweigen, wenn Regierungen nicht das Notwendige tun, um die Gesundheit ihrer Bürger:innen zu schützen.“

 

Auch nationale Fach- und Standesgesellschaften warnen und bekräftigen zugleich, dass das Sprechen über die Klimakrise Teil des ärztlichen Handelns ist. Neben den USA (AMA 2019), Großbritannien (BMA 2020) oder Frankreich (CNOM 2016) äußern sich auch Organisationen in deutschsprachigen Ländern: zaghaft und stockend in der Schweiz (VSAO 2020) klar und kräftig in Österreich (ÖÄK 2019) und Deutschland (BÄK 2019). Dort erklärte zum Beispiel der Ärztetag 2019, womöglich unter dem Eindruck der Mahnwache: „Angesichts der wohl größten Krise der Menschheit können wir nicht schweigen, wenn Regierungen nicht das Notwendige tun, um die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger vor den Gefahren der Klimakrise und der Umweltzerstörung zu schützen.“

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, sagte im April 2021 bei der Pressekonferenz zum Internistenkongress: „Wir sollten denjenigen im politischen Umfeld, die an eine Transformation in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft denken, unsere Stimmen geben.“ Auch wenn er das nicht als Aufruf für einzelne Parteien verstanden wissen wollte – es war für den Chef einer nachgeordneten Bundesbehörde ein bemerkenswertes politisches Statement, Transformation zu fordern, nicht nur zum Beispiel ein Einhalten der Temperaturgrenzen nach dem Pariser Abkommen.

„Der Klimawandel hat nun einmal starke Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen“, bekräftigte die Augsburger Medizin-Ethikerin Verina Wild bei gleicher Gelegenheit, „und wir haben es doch längst hinter uns gelassen, dass der Arzt erst aktiv wird, wenn die Krankheit akut ausbricht.“ Es gehe ja auch keinesfalls um die politische Meinung von Ärztinnen und Ärzten als Privatpersonen, wenn diese über die Klimakrise sprechen. „Es ist ethisch geboten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und vielmehr eine Verletzung ethischer Prinzipien, wenn man es nicht tut.“

2. Können Menschen aus den Gesundheitsberufen über die Klimakrise reden?

Ärzt:innen und andere Menschen in Gesundheitsberufen gelten als besonders wichtige Stimmen in der Klimadebatte. Sie könnten mit dem Fokus Gesundheit eine breitere Gruppe von Menschen erreichen, als wenn die Erderhitzung ein Umweltthema bliebe.

Zugleich sind Menschen aus den Gesundheitsberufen auch besonders befähigt, wenn es um die Kommunikation zur Klimakrise geht. Dabei spielen etliche der in der wissenschaftlichen Grundlagen diskutierten Konzepte eine wichtige Rolle: vertrauenswürdige Themenbotschafter:innen, Framing, das Wechselspiel von Gewinn und Verlust, der begrenzte Vorrat an Sorgen sowie Co-Benefits.

Die augenfälligste Rolle ist dabei sicherlich die der trusted messenger, der vertrauenswürdigen Vermittler. Vermutlich gibt es wenige Berufsgruppen, denen allgemein mehr Vertrauen entgegengebracht wird als Menschen aus dem Gesundheitssektor. Darauf könne man bauen, ist der Kabarettist, Fernsehmoderator – und Arzt – Eckart von Hirschhausen überzeugt, der die Initiative KLUG unterstützt. „Aus dem Mund einer Pflegefachkraft, der in den Hitzewellen die Bewohner wegsterben, ist ‚Klima‘ nichts Abstraktes mehr, sondern bekommt ein Gesicht, eine Geschichte, eine konkrete Betroffenheit.“

Damit werden gleich mehrere gängige Hindernisse in der Klimakommunikation übersprungen:

  • Das Problem wird aus der üblichen psychologischen Distanz („Das betrifft Eisbären und Südseebewohner“) in die Gegenwart und Nähe geholt.
  • Zweifel an Relevanz und Zuverlässigkeit der wissenschaftlichen Belege zum Klimawandel verflüchtigen sich, wie schon der Soziologe Niklas Luhmann schrieb, wenn eine Person von Vertrauen und Autorität sagt: Ich habe mir das angeschaut, und es ist wirklich ernst.
  • In der Hierarchie der Probleme liegt das Klima meist unter „ferner liefen“. Es gehört nicht zu jenem begrenzten Vorrat an Sorgen, denen man wirkliche Aufmerksamkeit schenkt. Die Klimakrise rückt aber viele Stellen auf der Aufmerksamkeitsskala nach oben, sobald sie mit der eigenen Gesundheit und dem Wohlergehen der Liebsten verknüpft ist.
  • Menschen fassen Hinweise zur Gesundheit wirklich als Stärkung des Arguments für Klimaschutz auf. Das ist zum Beispiel anders, wenn man für eine Maßnahme damit wirbt, dass sie die Umwelt schützt und dem Einzelnen Geld spart. Diese Kombination kann den motivierenden Effekt sogar verdünnen, weil sich die Angesprochenen zwar gern als „grün“ wahrnehmen, aber nicht auch noch als „gierig“ sehen wollen. Tritt jedoch „gesund“ neben „grün“, entfällt die negative Wechselwirkung.
  • In der Medizin sind die Menschen als Patient:innen daran gewöhnt, mit unvollständigem Wissen und „Unsicherheit“ umzugehen und trotzdem Entscheidungen zu treffen. Das zeigte sich zum Beispiel auch in der Corona-Pandemie 2020/21. Das nötige Vertrauen müssen Mediziner:innen vorher aufbauen und halten. Die Kommunikation zum Klima sollte darum genauso transparent sein, kann aber auch auf bewährte Begriffe und Konzepte wie Vorsorge, Diagnose oder Therapie setzen.

Dieser Hinweis auf das Vokabular belegt schon, dass die sprachliche Darstellung der Probleme und Lösungsansätze in der Klimakrise sehr wichtig ist. Neudeutsch nennt man das Framing und meint damit die Bedeutungsrahmen, die Begriffe mitbringen. Sie wecken im Geist des Publikums unweigerlich Assoziationen. Diese können die gewünschte Botschaft unterstützen oder konterkarieren, schreibt die Kommunikationsforscherin Elisabeth Wehling 2016 in ihrem Buch Politisches Framing. Von einer „Flüchtlingswelle“ zu sprechen, stellt zum Beispiel die Ankunft vieler schutzbedürftiger Menschen als bedrohliche Naturgewalt dar, vor der man sich selbst schützen muss. Und „Klimakrise“ statt „Klimawandel“ zu sagen macht klar, dass es sich nicht um eine neutral zu bewertende Veränderung handelt, sondern sie Gefahren birgt und Entscheidungen verlangt.

Ein wichtiger Bereich des Framing betrifft das Wechselspiel von Verlust und Gewinn. Generell gilt in der Psychologie durch die Experimente zur Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky, dass Menschen Verluste stärker vermeiden wollen als sie Gewinne erstreben. 100 Euro zu gewinnen und dann 50 Euro zu verlieren, kann die emotionale Bilanz von Freude und Ärger ausgleichen, obwohl man noch 50 Euro im Plus ist. Auch erscheint Versuchspersonen eine medizinische Operation eher akzeptabel, wenn die Überlebenschance 90 Prozent beträgt, als wenn als Risiko des Todes zehn Prozent angegeben werden.

 

Studien zeigen, dass eher das Betonen von Vorteilen zu mehr Unterstützung für Klimaschutz führt als das Warnen vor Gefahren

 

Doch in der Gesundheitspsychologie haben Studien wichtige Differenzierungen vorgenommen. Demnach lässt sich Verhalten, das als riskant gilt, leichter ändern, wenn man über die möglichen Verluste spricht, die damit einhergehen. Aber Verhalten, das Menschen als normal und damit als sicher ansehen, braucht ein Gewinn-Framing: Was kann man zusätzlich erreichen, wenn man es ändert? Das dürfte vielen Ärzt:innen mindestens intuitiv bewusst sein, die mit ihren Patient:innen über deren Lebensstil sprechen: Selbst großes Übergewicht und Rauchen betrachten viele ja nicht als wirkliche Probleme. Das gilt in ähnlicher Weise für Autofahren und übermäßiges Fleischessen und deren Beitrag zur Klimakrise.

Studien zeigen auf dieser Basis, dass das Betonen der Vorteile von Klimaschutzmaßnahmen eher als das Warnen vor Gefahren dazu beiträgt, dass Versuchspersonen Maßnahmen zur Emissionsreduktion unterstützen. Für die Gesundheitsberufe bedeutet das, nicht nur vor den Gesundheitsgefahren der Klimakrise zu warnen, sondern besonders die möglichen Gesundheitsvorteile von Klimapolitik und einer neuen Lebensweise zu unterstreichen, also die sogenannten Co-Benefits.

Generell empfehlen Fachleute drei zentrale Punkte der Kommunikation: einfache Botschaften über die Klimarisiken und die Möglichkeiten, sie einzudämmen, die von einer Reihe vertrauensvoller Botschafter:innen häufig wiederholt.

3. An wen sollen sich die Klimabotschaften mit Gesundheitsinhalten richten?

Generell kommen drei mögliche Adressaten in Frage: die Öffentlichkeit, der Gesundheitssektor und die eigene Patientenschaft.

Der Öffentlichkeit gegenüber macht besonders die Tatsache Eindruck, dass Menschen aus den Gesundheitsberufen sich neben dem arbeitsreichen Alltag Zeit nehmen, für eine ehrgeizige Klimapolitik zu werben. Darum sind hier die – klischeereichen, aber auffälligen – Symbole der medizinischen Berufe wie Weißkittel besonders hilfreich. Dann zu erklären, das Engagement diene dazu, Patient:innen Leid zu ersparen, steigert diesen Effekt noch einmal deutlich.

Im eigenen Sektor können Ärztinnen und Pfleger, Hebammen und Apotheker zunächst Mitstreiter gewinnen. Außerdem sind auch Krankenhäuser, Praxen oder pharmazeutische Betriebe Quellen  vermeidbarer Treibhausgase. Nach Schätzungen gehen in Deutschland fünf Prozent der Emissionen auf den Gesundheitssektor zurück. Nachdem im Herbst 2020 der britische National Health Service angekündigt hatte, bei den eigenen Emissionen bis 2040 klimaneutral zu werden, mahnte die Initiative KLUG, ein solches Programm auch in Deutschland voranzutreiben.

Ein weiterer Schwerpunkt ist es, Klimakrise und Klimaschutz in der medizinischen Aus- und Weiterbildung zu verankern. Spätestens 2025 werde das Thema in allen Hochschulen zum Curriculum und in die Prüfungen gehören, erwartet zum Beispiel Sylvia Hartmann. Schon jetzt sei die Zahl der Universitäten, die Gesundheit und Klimawandel auf dem Lehrplan haben, von zwei auf acht gewachsen. Daneben gibt es freiwillige Angebote wie die von KLUG initiierte Planetary Health Academy.

 

Schätzungen zufolge gehen in Deutschland rund fünf Prozent aller Treibhausgasemissionen auf den Gesundheitssektor zurück

 

Die Klimakrise gegenüber Patient:innen zu erwähnen, sehen viele hingegen zurückhaltend. So erklärte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Sebastian Schellong, Ärzte sollten zu gesellschaftlichen Fragen rund um den Klimawandel Stellung nehmen, „wenn wir das ärztliche Gespräch verlassen haben“. Anderen genügt das nicht. So hat der niedergelassene Allgemein-Mediziner Ralph Krolewski aus Gummersbach das Konzept der „Klima-Sprechstunde“ entwickelt und gibt es in vielen ärztlichen Fortbildungen weiter, zuletzt beim deutschen Internistenkongress. Dabei handelt es sich nicht um eigens vereinbarte Termine, sondern um „eine Grundhaltung in meiner Arbeitsroutine“, erklärte Krolewski in der taz.

„Wenn sich herausstellt, dass der von Rückenschmerzen geplagte Patient auch für kurze Strecken ins Auto steigt, empfehle ich, stattdessen zu laufen oder mit dem Rad zu fahren“, so der Hausarzt. „Ich spreche an, dass das die Gesundheit verbessern und gleichzeitig den Planeten schonen würde.“ Das funktioniere allerdings nur, wenn Patient:innen selbst etwas an ihrem Leben ändern wollen und dann mit dem Arzt zusammen nach Möglichkeiten dafür suchen. Evidenzbasierte Informationen, wie das auch klimaschonend gelingt, gibt es wegen der viele Daten über Co-Benefits genug.

Christopher Schrader

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