Anpfiff in der Klima-Arena: 1.400 Quadratmeter voller Optimismus

Es ist heiß an diesem Augustmittag, die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel. Das Pflaster vor dem Eingang der Klima-Arena ist zwar hell, um sich nicht zu stark aufzuheizen, es hebt sich deutlich ab von der dunklen Fotovoltaik-Fassade des Ausstellungsgebäudes. Doch weil noch kein Baum Schatten spendet, will man hier trotzdem nicht verweilen. Später einmal sollen Besucher als Kontrast nur wenige Schritte entfernt erleben, dass schon ein wenig Grün die Lokaltemperatur deutlich senkt - ein Wink mit dem Zaunpfahl an alle Stadtplaner. Noch aber ist der kleine Park nebenan eine Baustelle, sodass der Effekt heute noch nicht zu testen ist.

Kommende Woche wird die Klima-Arena in Sinsheim im Norden Baden-Württembergs eröffnet: Am Montag mit einem Festakt, zu dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Winfried Kretschmann anreisen. Am Samstag folgt ein "Tag der Offenen Tür", am folgenden Montag beginnt der reguläre Betrieb. Es wird dann die zweite "Arena" in dem 35.000-Einwohner-Ort sein, nach dem vor zehn Jahren eröffneten Stadion des Fußball-Bundesligisten Hoffenheim. Die Klima-Arena bietet eine Mitmach-Ausstellung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. "Nachhaltigkeit erleben – Klimawandel verstehen", steht auf den Werbeblättern. Den Anspruch will die 1400 Quadratmeter große Ausstellungshalle auch ganz praktisch einlösen, das Gebäude wird beispielsweise über einen unterirdischen Speicher energieeffizient gekühlt. Rund 40 Millionen Euro hat die Arena gekostet, der größte Teil kam von der Stiftung des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp.

Rund 40 Millionen Euro hat die neue Klima-Arena gekostet - hier eine Computer-Visualisierung, die Bäume waren bei unserem Besuch noch nicht gepflanzt; Foto: Carsten Costard/Klima-Arena

Die Ausstellung im Innern ist bereits fertig. Ein erster Test mit 450 Besuchern sei gut verlaufen, berichtet der Betreiber, die Klimastiftung für Bürger. Heute sind zwei Grundschulklassen zu Gast. Die Schüler stehen um einen Tisch herum, an dem acht von ihnen auf einem Touchscreen die Stadt der Zukunft in 3-D-Ansicht bauen können. Für jüngere Kinder gibt es zum selben Zweck eine Spielecke und Bauklötze, die mit Solarzellen oder Bäumen bemalt sind. Ältere Besucherinnen und Besucher können auf einer interaktiven Bildschirmwand Texte und Videos zu Themen wie Lüftung, Heizung oder Dachbegrünung aufrufen. Mit acht Millionen Quadratmetern begrünten Dächern ist Deutschland übrigens weltweit führend. Die Wand ist elf Meter lang und lässt sich von mehreren Gästen gleichzeitig bedienen.

Ein geplanter echter Gletscher wurde aus Energiespargründen gestrichen

"Wir legen Wert darauf, inspirierend zu sein", sagt Alfred Ehrhard, der als Vorstandsvorsitzender der Klimastiftung für Bürger den Bau der Arena verantwortete. Jeder Besucher solle mindestens eine Anregung mit nach Hause nehmen. "Viele kleine Beiträge ergeben dann einen großen Beitrag", hofft er. Auch wenn es in der Ausstellung einen Bereich zu wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels gibt, liegt der Schwerpunkt doch auf praktischen Lösungen: Die Schau ist unterteilt in die Themenbereiche Wohnen & Energie, Mobilität sowie Lebensstil & Konsum.

Das größte Exponat gehört zu den Grundlagen, und es empfängt die Besucher gleich am Eingang: Ein mit blauem Stoff bespannter Kubus, der ein kleines Kino beherbergt. Er wird "Gletscher" genannt, weil die ursprüngliche Idee einmal war, tatsächlich Eis zu erzeugen, das im Laufe des Tages abschmilzt und in einen See geleitet wird. Doch das hätte zu viel Energie verbraucht, erklärt Ehrhard. "Wir zeigen hier, dass wir es ernst meinen." Aus diesem Grund hätte er das Gebäude auch gern aus Holz gebaut, berichtet Ehrhard weiter, doch dafür habe sich keine Firma gefunden. Nun ist der Betonbau immerhin energieautark, und die Klimastiftung hofft auf eine Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen in der höchsten Bewertungsstufe.

Blick von oben in die Ausstellungshalle, links der sogenannte "Gletscher"; Foto: Simon Hofmann/Klima-Arena

Das Kino im Gletscher besteht aus mehr als hundert Bildschirmen an der linken und rechten Wand. Sie zeigen beim Eintreten einen fiktiven Flughafen des Jahres 2100. Eine Firma namens Hyperbus bietet den Besuchern von der eurasischen Megacity 39 aus Flüge zu historisch interessanten Klimazielen: etwa zum letzten Eisberg der Welt oder zu den Überresten des Amazonas-Regenwalds, die unter Glaskuppeln konserviert wurden. "Erfreuen Sie sich daran, solange Sie es noch können", sagt die Stimme aus dem Lautsprecher. Und bevor man das Kino wieder verlässt, wird man daran erinnert, die Atemschutzmasken aufzusetzen. Die Luft der Zukunft ist gesundheitsschädlich.

Eine mögliche Klima-Zukunft: "Arbeiten im Freien vielerorts unmöglich"

Gleich um die Ecke können die Besucher einen Raumgleiter steuern. An einer Konsole wählen sie ihr Ziel, indem sie einige Annahmen zum Klimawandel treffen, dann fliegt das Raumschiff in diese mögliche Zukunft. Entscheidet man sich zum Beispiel dafür, dass die Treibhausgasemissionen im Laufe des 21. Jahrhunderts weiterhin deutlich steigen, heißt es nach einem kurzen Flug: "Willkommen im Klima-Szenario RCP 8.5" - das ist das schlimmste der vier Szenarien, die der Weltklimarat IPCC in seinen Berichten betrachtet. (Die Buchstabenkombination steht im Englischen für "Repräsentative Konzentrations-Pfade" der Treibhausgase in der Atmosphäre, die Zahl für das Ausmaß der zusätzlich von der Lufthülle zurückgehaltenen Sonneneinstrahlung und damit Erderwärmung.)

Der Monitor des Raumgleiters zeigt eine hässliche Großstadt mit verstopften Straßen. Im Hintergrund ist ein rauchendes Kohlekraftwerk zu sehen. Man hört ständiges Hupen, die Luft flimmert über dem heißen Asphalt. Der Zukunftsreisende erfährt, dass die Folgen eines so dramatischen Klimawandels fatal seien. Von den Gletschern seien am Ende des 21. Jahrhunderts nur noch Reste übrig, "Arbeiten im Freien sind vielerorts unmöglich".

Mit einem stilisierten Raumgleiter können sich die Besucher in verschiedene Szenarien der Zukunft entführen lassen; Foto: Simon Hofmann/Klima-Arena

Das einzige Szenario, das die Chance wahrt, den Temperaturanstieg deutlich unter zwei Grad zu halten, wie es das Pariser Klimaabkommen eigentlich als Ziel nennt, heißt RCP 2.6. In diese Zukunft gelangt man, wenn man zu Beginn die Schalfläche "aktive Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre" anklickt – denn selbst eine schnelle und drastische Reduktion unserer Emissionen reicht dafür nicht mehr aus. In dieser Zukunft sind die Bilder freundlich, man sieht süße Tiere und hört Vögel zwitschern. Nach den wissenschaftlichen Erläuterungen zu diesem Szenario liest man auf dem Monitor: "Wir schaffen das, wenn wir gemeinsam alles dafür tun."

Diesen Optimismus will Alfred Ehrhard verbreiten. Von Panik, die Greta Thunberg in ihren Reden erwähnt, spricht er nicht. Verzicht möchte er auch nicht predigen. "Lieber kleine Ziele, die umgesetzt werden - als große, die plakativ bleiben", sagt er. "Wir dürfen uns nicht nur auf die Entscheidungen wie die zum Weltklimavertrag verlassen. Jeder sollte einen Beitrag leisten."

Wasserspiele, Vorträge, eine elektrische Go-Kart-Bahn

Vom Besprechungsraum im ersten Stock der Arena überblickt man den 12.000 Quadratmeter großen Außenbereich, in dem noch gearbeitet wird. Bis zur Eröffnung soll auch dieser Teil der Ausstellung fertig werden. Dort bietet die Klima-Arena Wasserspiele und eine elektrische Go-Kart-Bahn, es gibt auch einen Spielplatz. Außerdem kann man durch verschiedene Ökosysteme wandern, etwa durch drei unterschiedliche Moore. "Wir pflanzen, was es heute gibt", sagt Ehrhard am Fenster stehend, "und erklären, wie sich der Lebensraum verändern könnte." In der Ferne ist eine Concorde auf einem Stützpfeiler zu sehen, das Aushängeschild des Technikmuseums von Sinsheim - und ein Gruß aus dem fossilen Zeitalter.

Die Klima-Arena betont die Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen, zum Beispiel beim Einkaufen. Die Spieler erhalten einen Einkaufszettel und dürfen sich Produkte aussuchen und sie auf der beweglichen Konsole digital bestellen. Klickt man anschließend auf "Zur Kasse gehen", wird nicht der Preis angezeigt, sondern die mit den Produkten verbundenen CO2-Emissionen; Foto: Carsten Costard/Klima-Arena

Alfred Ehrhard möchte die Klima-Arena auch als Plattform verstanden wissen, auf der verschiedene Akteure zusammenkommen. Lehrer bilden sie hier schon seit zwei Jahren in Sachen Bildung für nachhaltige Entwicklung weiter, eine Sonderausstellung mit dem Naturschutzbund wird gerade entwickelt. Es soll Workshops und Vorträge geben mit Themen, die vom ökologischen Frühstück bis zu den Erkenntnissen des Weltklimarats reichen. Mehrere große Bildschirme sind in der Ausstellung für aktuelle Ereignisse reserviert. Darauf könnte man zum Beispiel über die riesigen Waldbrände in Amazonien informieren, sagt Ehrhard.

Nur der Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr ist noch mau. Im Gewerbegebiet Süd, dem Standort der Klima-Arena, fährt nur einmal in der Stunde der Bus vorbei. Vom hellen Pflaster vor dem Eingang der Klima-Arena führt ein Fußweg in die Stadt, der aber auf der ganzen Strecke keinen Schatten bietet. Die 20 Minuten zum Bahnhof Sinsheim fühlen sich daher so an wie ein Spaziergang durch das Klima-Szenario RCP 8.5.

Informationen zu Öffnungszeiten, Preisen und Anreise: www.klima-arena.de

Alexander Mäder

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