Zusammenfassung:

Biodiversität meint die Vielfalt von Genen, Arten und Ökosystemen. Eine reiche Biodiversität ist ein Wert an sich, aber auch essenziell für die Versorgung von Menschen zum Beispiel mit sauberer Luft, sauberem Wasser und anderen lebenswichtigen Ressourcen. Zudem kann eine hohe Biodiversität zum Klimaschutz beitragen.

Artenreiche Ökosysteme sind widerstandsfähiger gegenüber Extremwettern und können sich besser an ein sich veränderndes Klima anpassen. Je ärmer ein Ökosystem ist, desto stärker leidet es unter Klimafolgen, und desto gefährdeter ist sein Bestand. Durch die zunehmende Erderhitzung geraten Ökosysteme mehr und mehr unter Druck. Nur eine konsequente Begrenzung des Temperaturanstiegs auf deutlich unter zwei Grad kann viele Arten und Ökosysteme langfristig sichern.

Biodiversität und Klimawandel stehen in einer wechselseitigen Beziehung. Verschärft sich der Klimawandel, leidet die Artenvielfalt. Und sinkt die Biodiversität, trägt das zusätzlich zum Klimawandel bei. Umgekehrt nützt eine hohe Biodiversität dem Klima – etwa, indem gesunde Ökosysteme große Mengen an Kohlendioxid binden. Manche Klimaschutzmaßnahmen können aber auch eine Gefahr für lokale Biodiversität und einzelne Ökosysteme sein. Die Forschung empfiehlt, Klima- und Artenschutz gemeinsam zu denken, sodass beide Bereiche profitieren.

 

Artenvielfalt ist für das Überleben von Menschen, Tieren und Pflanzen entscheidend. Sie kann auch zum Klimaschutz beitragen – ist umgekehrt aber durch mangelnden Klimaschutz in Gefahr. Wie genau beeinflussen sich Biodiversität und Klimawandel gegenseitig? Wie sehr schadet der Klimawandel bereits der Artenvielfalt? Und wie könnten sich beide gegenseitig unterstützen? Antworten dazu aus der Wissenschaft.

 

Unter Biodiversität versteht man biologische Vielfalt. Dabei geht es sowohl um eine Vielfalt von Lebewesen, Arten und Ökosystemen (also dass es viele und viele verschiedene davon gibt), als auch um deren Variabilität (also dass es ebenfalls innerhalb einer einzelnen Art eine große Vielfalt gibt). Denn auch Lebewesen derselben Art unterscheiden sich bekanntlich in Aussehen und Genen. Ist die Biodiversität hoch, gibt es also auch eine große Vielfalt an Lebensräumen, die Platz bieten für viele unterschiedliche Individuen vieler unterschiedlicher Arten (IPBES 2019).

Die Bedeutung der Biodiversität für den Menschen wird oft unterschätzt.

„Biodiversität ist für unser Dasein von entscheidender Bedeutung und unterstützt unsere Versorgung mit Wasser- und Nahrung, unsere Gesundheit und die Stabilität des Klimas“,­

schreibt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES 2024, SPM, KM-A1; deutsche Version des Reports hier). Er ist ein Gremium, das – ähnlich dem Weltklimarat IPCC für die Klimaforschung – regelmäßig den weltweiten Stand der Wissenschaft zu biologischer Vielfalt in großen Berichten zusammenfasst und bewertet.

Eine intakte Natur mit großer Artenvielfalt ist zum Beispiel für die Medizin, die Landwirtschaft oder die Herstellung vieler Materialien wichtig. Beispielsweise stammen etwa 70 Prozent aller Krebsmedikamente entweder direkt aus der Natur oder sind von der Natur inspiriert. Viele Nahrungspflanzen benötigen die Bestäubung durch Tiere, etwa Insekten, Ernteerträge hängen also oft an ausreichender Artenvielfalt (IPBES 2019, IPBES 2024). Artenreiche Landschaften speichern Wasser und schützen vor Küstenerosion. Nicht zuletzt für Tourismus, Erholung und Heimatverbundenheit ist eine vielfältige Natur relevant (Wirth et al. 2024).

Vielfältige Ökosysteme sind auch resilienter (also widerstandsfähiger) gegen den Klimawandel und halten Extremwetter besser aus. Der Verlust von Biodiversität macht Ökosysteme somit anfälliger für Klimaschäden (IPBES 2024; Wirth et al. 2024).

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat bereits 2019 in einem umfassenden Bericht gewarnt:

„Durch menschliche Handlungen sind heute mehr Arten als je zuvor weltweit vom Aussterben bedroht. Der Anteil gefährdeter Arten beträgt in den bisher bewerteten Tier- und Pflanzengruppen durchschnittlich etwa 25 Prozent. Das deutet darauf hin, dass etwa eine Million Arten bereits dem Aussterben entgegengehen, viele davon schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Das kann nur verhindert werden, wenn Maßnahmen ergriffen werden, um die Triebkräfte des Biodiversitätsverlusts einzudämmen. Ohne solche Maßnahmen wird sich das globale Artensterben weiter beschleunigen, das bereits jetzt mindestens zehn- bis hundertmal so schnell voranschreitet wie im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.“ (IPBES 2019, SPM, A5)

In dem Bericht (deutsche Version hier verfügbar) hat der IPBES die fünf wichtigsten Treiber zusammengestellt, die der Artenvielfalt schaden. Begonnen mit dem aktuell schädlichsten Faktor sind das:

Diese Reihenfolge wird sich in den kommenden Jahrzehnten ändern. Wie IPBES und IPCC betonen in einem gemeinsamen Report betonen, werden

„die Folgen des Klimawandels voraussichtlich im Laufe des 21. Jahrhunderts andere Bedrohungen überholen“ (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 2.1.1).

infografik klimawandel+artenvielfalt

Diese fünf Treiber sind das Ergebnis tieferliegender Prozesse – von Folgen meist menschlicher Aktivitäten, etwa bei Produktion und Konsum von Gütern oder bei technologischen Innovationen. Auch die menschliche Bevölkerungsdynamik spielt eine Rolle, also Bevölkerungszuwachs, Wanderungsbewegungen oder das Wachstum von Städten (IPBES 2019). Durch eine intensivere Landwirtschaft, Flächenversiegelung und Maßnahmen wie Flussbegradigungen und die Entwässerung von Auen und Mooren sind viele natürliche Lebensräume und viel biologische Vielfalt verlorengegangen. IPCC und IPBES fassen es in einer gemeinsamen Veröffentlichung (deutsche Version hier verfügbar) zusammen:

„Steigender Energieverbrauch, Raubbau an natürlichen Ressourcen und eine noch nie dagewesene Umwandlung von Landschaften (inkl. Süßwasser- und Meeresgebieten) sind im Laufe der zurückliegenden 150 Jahre mit einem beispiellosen technologischen Fortschritt einhergegangen und haben vielen Menschen zu einem höheren Lebensstandard verholfen. Gleichzeitig aber haben sie weltweit zu Veränderungen des Klimas sowie zu einem beschleunigten Rückgang der biologischen Vielfalt geführt, was sich beides negativ auf die Lebensqualität der Menschen auswirkt.“ (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 1)

Eine nachhaltige Gesellschaft erfordere sowohl ein stabiles Klima als auch gesunde Ökosysteme, heißt es dort weiter. Doch 77 Prozent der globalen Landfläche (die Antarktis nicht mitgerechnet) und 87 Prozent der Ozeane seien in der Vergangenheit durch menschliche Aktivitäten verändert worden; dies habe bereits zum Verlust von 83 Prozent der wilden Säugetier-Biomasse geführt sowie die wilde Pflanzen-Biomasse halbiert. Menschen und ihre Nutztiere machen heute fast 96 Prozent der gesamten Säugetier-Biomasse auf der Erde (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 1).

Infografik zur Menge der Biomasse von Säugetieren auf der Erde

Menge von Säugetieren auf der Erde; Grafik: Our World in Data/WikimediaCommons (zum Vergrößern anklicken)

Laut IPBES sinkt die Artenvielfalt in Süßwasser-Ökosystemen schneller als an Land. Die weltweit am stärksten bedrohten Ökosysteme sind tropische Korallenriffe, die vor allem infolge der Erwärmung der Ozeane im Zuge des Klimawandels bereits in den nächsten zehn bis fünfzig Jahren komplett verschwinden könnten. Davon wären fast eine Milliarde Menschen betroffen, die im Umkreis von bis zu hundert Kilometer um Korallenriffe leben und die von ihnen profitieren – etwa bei ihrer Ernährung (Proteinversorgung durch Fischerei), beim Küstenschutz oder durch Tourismus (IPBES 2022, A2).

Die moderne, intensive Landwirtschaft hat zwar viele positive Aspekte für die globale Ernährung, schadet aber oft der Biodiversität. Das liegt an einem hohen Flächen- und Wasserverbrauch und einer geringen Vielfalt an angebauten Pflanzen, aber auch am starken Eintrag von Produkten der chemischen Industrie in die Umwelt, etwa Kunstdüngern und Pestiziden (IPBES 2024, A3).

In Deutschland befinden sich heute etwa 60 Prozent der 93 Lebensraumtypen (wie Auen, Küsten, Wälder) in einem schlechten Zustand. Besonders schlecht ist die Situation von Grünland, Mooren, Sümpfen und ehemals vielfältigen Ackerlandschaften. Auch in Städten geht Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten durch immer stärkere Verdichtung und Versiegelung verloren. Zudem schaden invasive Arten der lokalen Biodiversität. So gelten in Deutschland beispielsweise mehr als hundert der mindestens 1015 gebietsfremden Arten als invasiv. Konkret bedeutet das, dass sie immer häufiger vorkommen und sich expansiv ausbreiten, also andere Lebewesen in ihrer Umgebung verdrängen und dadurch teils Menschen schaden. Teilweise schleppen sie Pilzkrankheiten ein, die dann auch heimische Arten bedrohen (Wirth et al. 2024).

Der Klimawandel wird eine immer stärkere Bedrohung für die Biodiversität. Welche Prozesse dabei wichtig sind, erklärt Abschnitt 3.

Der Klimawandel verändert schon jetzt weltweit Ökosysteme an Land und im Wasser (IPCC 2022, AR6, WG2, CCP1). Das führt dazu, dass Lebensräume für einzelne Arten schwieriger zu bewohnen sind oder ganz unbewohnbar werden – dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein See zu warm wird für eine Fischart oder wenn wegen steigender Temperaturen in einer Region bestimmte Pflanzen nicht mehr gedeihen, die dann für Insekten oder andere Tiere als Nahrungsquelle fehlen.

Das größte Problem ist dabei, dass der menschengemachte Klimawandel viel schneller abläuft als es natürliche Klimaveränderungen in den allermeisten Phasen der Erdgeschichte taten. Vor allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger hat die Menschheit den CO2-Gehalt der Luft laut US-Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) in den vergangenen 60 Jahren etwa hundert- bis zweihundertmal so schnell in die Höhe getrieben, wie es aus natürlichen Gründen zum Ende der letzten Eiszeit vor mehr als 10.000 Jahren passierte. Das Tempo der Anpassung, das Tier- und Pflanzenarten an den Tag legen müssten, um Schritt zu halten, überfordert die meisten von ihnen – schon heute sterben Arten in einem Tempo aus, das mindestens zehn- bis hundertmal so hoch liegt wie im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre (IPBES 2019, SPM, A5). Die Lage wird dadurch noch verschlimmert, dass sich Folgen des Klimawandels und andere Bedrohungen der Artenvielfalt (etwa die allgemeine Umweltverschmutzung) in der Wirkung gegenseitig verstärken (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 2.1).

Für einzelne Arten konnte bereits nachgewiesen werden, dass sie durch den Klimawandel verschwunden sind. So wurde 2016 die australische Bramble-Cay-Mosaikschwanzratte (Melomys rubicola) als erste Säugetierart für ausgestorben durch den Klimawandel erklärt; ihr Verlust ist sehr wahrscheinlich auf den Meeresspiegelanstieg und häufigere Sturmfluten zurückzuführen (IPCC 2022, AR6, WG2, Fact Sheet Biodiversity). Viele Arten sind an Extremwetter nicht angepasst und leiden darunter, insbesondere ohnehin empfindliche Tiere und Pflanzen. Besonders endemische Spezies (darunter versteht man Arten, die weltweit nur an wenigen Orten bzw. in begrenzten Gebieten vorkommen – oft auf Inseln) können sich kaum gegen den rapiden Klimawandel wehren (IPCC 2022, AR6, WG2, Fact Sheet Biodiversity; IPCC 2022, AR6, WG2, CCP1).

Der Weltklimarat IPCC schreibt:

„Bedrohungen für Arten und Ökosysteme in den Ozeanen, Küstenregionen und an Land, insbesondere in Biodiversitäts-Hotspots, stellen ein globales Risiko dar, das mit jedem weiteren Zehntel Grad Erwärmung zunehmen wird.“ (IPCC 2022, AR6, WG2, Fact Sheet Biodiversity)

Er geht davon aus, dass das Aussterbe-Risiko für endemische Arten in einer um 3 °C wärmeren Welt zehn Mal höher ist als in einer, die 1,5 °C wärmer ist als zu vorindustriellen Zeiten.

Auch sogenannte Biodiversitäts-Hotspots wie Berge oder Inseln, an denen besonders viele Arten in großer Vielfalt zusammenleben und wo ein Weiterwandern in die Höhe oder in benachbarte Gegenden schwer möglich ist, sind vom Klimawandel stark bedroht. Ausgerechnet viele solcher Hotspots auf der Nordhalbkugel werden Klimaszenarien zufolge global die höchste Temperatursteigerung erleben, etwa Tundra-Regionen im hohen Norden (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 4).

Grafik des IPCC zu Biodiversitätsverlusten bei verschiedenen Niveaus der Erderhitzung

Projektionen zu Verlusten klimatisch geeigneter Flächen in Biodiversitäts-Hotspots an Land – oberste Reihe bei einer durchschnittlichen Erderhitzung um 1,5 °C, mittlere Reihe bei 2 °C und untere Reihe bei 3 °C, jeweils dargestellt an zwei verschiedenen Indikatoren (linke und rechte Reihe). Je dunkler und ausgedehnter die Rot- bzw. Lila-Töne, desto stärker die Verluste; Grafik: IPCC 2022, AR6, WG2, Figure CCP1.4 (zum Vergrößern anklicken)

Besonders Lebewesen, die in den Polarregionen oder in bereits jetzt warmen Gebieten leben, werden in den nächsten Jahrzehnten mit Temperaturen konfrontiert sein, die sie im Laufe ihrer Evolution bisher nicht kannten. Schon die heutige, rund 1,2 °C wärmere Welt bedroht ganze Ökosysteme, etwa durch massenhaftes Baumsterben oder Korallenbleichen. Ab einer Erwärmung von 2 °C nimmt das Risiko für Ökosystem-Kollapse stark zu, insbesondere auch in den Ozeanen und Küstenregionen, etwa durch den Meeresspiegelanstieg (IPCC 2022, AR6, WG2, Fact Sheet Biodiversity).

Tropische Korallenriffe sind außergewöhnlich stark vom Klimawandel betroffen. Sie leiden nicht nur unter Überfischung und Umweltverschmutzung, sondern auch unter Hitzewellen in den Ozeanen. Das macht sie zu den am stärksten bedrohten Ökosystemen der Welt. Bereits in zehn bis 50 Jahren könnten tropische Korallenriffe global verschwunden sein. Die Vegetation in Savannen verändert sich durch einen höheren CO2-Gehalt in der Atmosphäre, und tropische Regenwälder leiden unter der zunehmenden Trockenheit. Wie erwähnt passieren all diese Veränderungen zu schnell, als dass sich die Ökosysteme daran anpassen könnten (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 5).

[Wieso der Klimawandel für die meisten Arten viel zu schnell verläuft,
ist ausführlich in einem Text in unserer Rubrik „Fakt ist …“ beschrieben.]

In Deutschland sorgen die steigenden Temperaturen dafür, dass kälteliebende Arten in höhere Lagen abwandern, während sich wärmeliebende Arten immer weiter ausbreiten. Wenn Pflanzen wegen der Erwärmung früher zu blühen beginnen, hat das Einfluss auf alle anderen Arten, die von ihnen abhängig sind – wie Bestäuber und deren Jäger. Verschieben sich deren aktive Zeiten zu sehr, kann das bis zum Aussterben führen. Dürren gefährden nasse Lebensräume wie Moore, Auen oder Feuchtwiesen. Auch die Wälder leiden zunehmend unter Trockenstress (Wirth et al. 2024).

In Österreich und der Schweiz ist zum Beispiel der Alpenraum stark bedroht. Auch dort verlieren viele Arten durch den Temperaturanstieg Lebensraum, wodurch das Aussterberisiko stark zunimmt (IPCC 2022, AR6, WG2, CCP1). Durch das Schmelzen der Gletscher geht ebenfalls Artenvielfalt verloren (Wilkes et al. 2023).

Der Mittelmeerraum leidet besonders unter Bränden und Trockenperioden, die durch den Klimawandel häufiger und heftiger werden. Endemische – also ausschließlich dort heimische – Pflanzen, Reptilien, Amphibien, Vögel und Insekten verlieren mehr und mehr Lebensraum; hingegen fühlen sich viele invasive Arten im warmen Meer wohl und werden sich weiter ausbreiten (IPCC 2022, AR6, WG2, CCP1). Ein Beispiel für letztere Entwicklung ist der giftige Rotfeuerfisch, der ursprünglich aus dem Pazifik stammt und mittlerweile auch in Griechenland oder Kroatien gesichtet wird (Bottacini et al. 2024).

Auch Tier- und Pflanzenarten im Atlantik leiden unter der Erhitzung. Ein konkretes Beispiel ist der Engelhai. Rund um die Kanarischen Inseln haben Forschende beobachtet, dass die Weibchen in den letzten Jahren den hohen Meerestemperaturen ausgewichen sind und kühlere Orte aufgesucht haben. Die Männchen jedoch haben in den üblichen, warmen Gebieten auf sie gewartet – so kam es deutlich seltener zur Fortpflanzung (Mead et al. 2025).

Klimawandel und Biodiversitätsverlust verstärken sich gegenseitig. Nicht nur treiben die menschengemachten Klimaveränderungen die Zerstörung von Lebensräumen und das Aussterben von Arten weiter an [siehe Abschnitt 3], zugleich befeuert die abnehmende Artenvielfalt den Klimawandel (IPBES & IPCC 2021; IPBES & IPCC 2021, Kapitel 1.1).

Intakte Wälder, Moore, Küstengebiete und andere Ökosysteme nehmen große Mengen CO2 aus der Luft auf und binden es in Biomasse – in der Vergangenheit haben sie so auch einen erheblichen Teil des menschengemachten Kohlendioxids aus der Atmosphäre gezogen und dadurch den Klimawandel ein Stück weit verlangsamt. So haben allein die Weltmeere im Zeitraum von 1994 bis 2007 etwa 30 Prozent der anthropogenen CO2-Emissionen aufgenommen (Gruber et al. 2019). Wenn Ökosysteme unter Stress stehen oder gar absterben, geht meist auch ihre Aufnahme- und Speicherfähigkeit zurück oder ganz verloren. Im Ergebnis verbleiben mehr menschengemachte Treibhausgase in der Atmosphäre, und der Klimawandel geht noch schneller voran (IPBES 2024).

Ein weiteres Beispiel sind Mangrovenwälder, die komplexe Ökosysteme an tropischen Küsten bilden. Sie speichern Kohlendioxid, sorgen zudem für besseren Küstenschutz und erhöhen die Wasserqualität (IPBES 2024). Forschende schätzen, dass in den Sedimenten von Mangrovenwäldern etwa vier Mal so viel Kohlenstoff gespeichert ist wie in den Böden tropischer Regenwälder. Durch Übernutzung und Abholzung werden viele Mangrovenwälder zerstört – und dadurch auch das Kohlendioxid wieder freigesetzt, das in ihnen und vor allem unter ihnen gespeichert war (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.2.1.2).

Wälder mit einer geringeren Artenvielfalt binden im allgemeinen weniger Kohlenstoff (Huang et al. 2018). Schwindet die Biodiversität, verliert der Wald also einen Teil seiner puffernden Funktion fürs Klima. Das gilt auch für andere Lebensräume. Insgesamt steigert eine hohe Biodiversität die CO2-Speicherfunktion von Ökosystemen – und weniger Artenvielfalt schadet ihr (Wirth et al. 2024).

Der Verlust von Kohlenstoff-Speicherkapazität ist aber nicht das einzige Problem schwindender Biodiversität in der Klimakrise. Artenreiche Lebensräume wie Korallenriffe schützen vor Folgen des Klimawandels: etwa vor Sturmfluten und dem Meeresspiegelanstieg. Feuchtgebiete wie Auen fangen Überflutungen ab, die infolge zunehmender Starkregen in vielen Regionen häufiger werden. Werden diese Ökosysteme zerstört, geht mit ihnen auch ihre Schutzfunktion verloren (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 4.4.3.3).

Die Speicherfunktion von CO2 in Ökosystemen wie Wäldern, Böden, Feuchtgebieten, Mangroven und Ozeanen ist für ein stabiles Klima essenziell (IPBES 2024; IPBES & IPCC 2021). Werden Wälder abgeholzt, Feuchtgebiete trockengelegt, oder schmilzt der arktische Permafrost, dann setzen diese Ökosysteme den Kohlenstoff frei, der zuvor in ihnen gebunden war (IPCC 2022, AR6, WG3, Fact Sheet Biodiversity). Solche Ökosysteme zu schützen und zu renaturieren, etwa durch Aufforstung von Wäldern, Erhalt von Grünland (Wiesen und Weiden) oder Wiedervernässung von Mooren, fördert nicht nur die Artenvielfalt. Es trägt auch dazu bei, dass diese Gebiete weiter große Mengen Kohlendioxid CO2 binden und nicht freisetzen (IPBES 2024).

[Wie Moore zum Klimaschutz beitragen,
haben wir ausführlich in einem separaten Text beschrieben.]

[Ein weiterer Text befasst sich mit der Klimawirkung von Böden.]

Gesunde, artenreiche Ökosysteme binden mehr Kohlenstoff als gefährdete. Besonders Mangroven und Regenwälder binden viel Kohlenstoff, während sie gleichzeitig eine hohe Biodiversität aufweisen (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 5.2.3). Pflanzenvielfalt erhöht zudem die mikrobiotische Aktivität in den Böden, wodurch wiederum mehr Kohlenstoff in diesen Böden gespeichert wird (Lange et al. 2015).

Selbst einzelne Tiere sind als Kohlenstoffspeicher relevant, das gilt insbesondere für große Säugetierarten. So haben Studien zum Beispiel untersucht, wieviel Kohlendioxid in den Körpern von Walen gebunden ist und welche Rolle sie indirekt für die Speicherfähigkeit von Ozeanen haben (etwa durch die Wirkung ihrer Exkremente als Dünger für das Phytoplankton, das bei vermehrtem Wachstum ebenfalls mehr CO2 aufnimmt). Wale zu schützen, könnte sowohl zur Artenvielfalt beitragen und hätte viele andere Effekte, aber würde auch die Kohlenstoffbindung erhöhen (Pearson et al. 2023).

Auch der Schutz anderer Tiere könnte die CO2-Speicherkapazität von Ökosystemen verbessern. Eine Untersuchung aus Schottland zeigt zum Beispiel, dass die Wiederansiedlung von Wölfen dafür sorgen kann, dass die Wälder dort deutlich mehr Kohlenstoff binden (Spracklen et al. 2025). Die Wirkungskette dabei ist: Wölfe jagen Rotwild, das in zu großer Zahl dem Aufwuchs von Wäldern schadet, weil es Jungbäume verbeißt, weshalb diese dann weniger CO2 aus der Atmosphäre ziehen.

Wildtiere erhöhen also auf vielfältige Weise die Speicherfunktion der Ökosysteme, in denen sie leben. Sie haben Einfluss auf die Pflanzen, von denen sie sich ernähren, und auf die Böden, auf denen sie sich bewegen. Beispielsweise ändert schon das Trampeln von Großwild die Zusammensetzung dieser Böden. Viele dieser Prozesse sind noch wenig verstanden – es ist aber deutlich, dass gesunde, vielfältige Ökosysteme und Klimaschutz häufig zusammengehen (Schmitz et al. 2018; Shin et al. 2022).

Darüber hinaus bieten intakte Ökosysteme mehr Schutz gegen Extremwetter. Vielfältige Küstengebiete zum Beispiel schützen besser vor Sturmfluten (IPBES 2024, A5). Auch Feuchtgebiete wie Auen können vor Überflutungen schützen, wenn sie intakt sind (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 4.4.2). Insgesamt sind Ökosysteme mit einer höheren genetischen und Arten-Vielfalt resilienter gegen Klimaschäden und können sich auch besser an ein sich veränderndes Klima anpassen (IPBES & IPCC 2021).

Artenreiche Wälder binden nicht nur mehr Kohlenstoff in lebenden Bäumen und Totholz als artenärmere (Wirth et al. 2024). Sie kühlen im Sommer auch stärker ihre Umgebung und schützen besser vor Temperaturextremen. Das liegt unter anderem daran, dass die Baumkronen in vielfältigen Wäldern insgesamt meist dichter sind (Schnabel et al. 2025).

Konsequenter Klimaschutz hilft der Biodiversität schon allein dadurch, dass Ökosysteme weniger unter der Erderwärmung leiden (IPBES 2024). Weniger tropische Korallenriffe werden dann durch die Erhitzung der Meere zerstört, kälteliebende Arten müssen nicht in höhere Lagen abwandern, um zu überleben. Das Risiko für Waldbrände, durch die auch Lebensraum verlorengeht, steigt weniger stark. Wie erwähnt verläuft der menschengemachte Klimawandel viel zu schnell, als dass sich Ökosysteme rechtzeitig daran anpassen könnten. Die Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, würde zumindest manche von ihnen vor der Zerstörung bewahren (IPBES & IPCC 2021).

Arten- und Klimaschutz sollten immer zusammengedacht werden, schreiben IPCC und IPBES:

„Die gegenseitige Verstärkung von Klimawandel und Biodiversitätsverlust bedeutet, dass eine zufriedenstellende Lösung eines der Probleme die Berücksichtigung des anderen erfordert. Klimawandel und Biodiversitätsverlust sind eng miteinander verbunden und haben gemeinsame Ursachen, die auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sind. Beide haben überwiegend negative Auswirkungen auf das Wohlergehen und die Lebensqualität der Menschen.“ (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 2)

Der Report nennt zahlreiche Beispiele für Maßnahmen, die zugleich den Klimawandel bremsen und der Biodiversität nützen (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.2). Würde hingegen ausschließlich auf Klimaschutz geachtet, ohne andere Faktoren in den Blick zu nehmen, könne dies Biodiversität, Ernährung und Umwelt schaden (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.1). So gibt es beispielsweise die Idee, CO2 aus der Luft zu ziehen und in der Tiefsee zu speichern; doch mögliche Folgen für die Artenvielfalt sind bisher unklar (IPBES 2024).

Auch die Einführung klimaschonender Technologien kann die Biodiversität bedrohen. Einige von ihnen benötigen Rohstoffe wie sogenannte Seltene Erden, deren Abbau häufig Ökosystemen an Land und im Wasser schädigt (was allerdings oft ebenso oder in noch größerem Maßstab für die Förderung fossiler Rohstoffe gilt). Monokulturen für Energiepflanzen für klimafreundlichere Treibstoffe schaden der Artenvielfalt, weshalb ein zu großskaliger Einsatz in der Forschung kritisch gesehen wird (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.1.1.2). Windanlagen und Dämme, die für eine klimafreundliche Energieversorgung benötigt werden, können die Artenvielfalt beeinträchtigen, insbesondere wenn diese Arten bei der Planung nicht bedacht werden (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.1.3.2 und 3.1.3.4).

Solaranlagen, die auf großen Flächen errichtet werden, sind ein eindrückliches Beispiel, dass vielfältige Wirkungen auf die Biodiversität möglich sind und es stark darauf ankommt, wie umsichtig geplant wird. Einerseits können Freiflächen-Solaranlagen wichtige Lebensräume zerstören, bei sorgfältiger Planung aber auch positive Folgen für die Biodiversität haben (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.1.3.3). So gibt es Beispiele, wo nach der Installation großer Photovoltaik-Felder die Artenvielfalt sogar zugenommen hat – insbesondere wenn die Flächen zuvor ökologisch wenig wertvoll waren. Unter bestimmten Voraussetzungen könnten Solarparks durchaus Chancen für die Biodiversität bieten, schreibt auch das Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Der Weltbiodiversitätsrat IPBES rät, Biodiversität und Klimaschutz zusammenzudenken – und auch andere Herausforderungen wie Ernährung und Umweltverschmutzung über der Notwendigkeit von Klimaschutz nicht zu vergessen.

„Szenarien, die durch ganzheitliche Klimaschutzmaßnahmen wie die Erhaltung und Wiederherstellung von Ökosystemen zur Kohlenstoff-Bindung gekennzeichnet sind, haben Vorteile für alle Bereiche.“ (IPBES 2024, B4)

Doch es sei durchaus „eine Herausforderung“, räumt der IPBES ein, in allen Bereichen „ein Höchstmaß an positiven Ergebnissen zu erzielen“ (IPBES 2024, KM-B2).

Photovoltaik-Anlagen sind, wie erwähnt, ein Beispiel für Klimaschutz, der Artenvielfalt mitdenken kann. Werden Solarfelder über Grünland gebaut, können sie neben der Lieferung  klimafreundlicher Elektrizität auch die Nutzbarkeit der Weiden verbessern (indem sie zum Beispiel Schatten für Nutztiere spenden), die Vielfalt in den Böden erhöhen und günstige Bedingungen für Bestäuberinsekten und Vögel bieten. Ein weiteres Beispiel: Werden beim Bau von Offshore-Windkraftanlagen die Routen von Zugvögeln bedacht und so Risiken für sie minimiert, können Windräder sogar zur Vielfalt mariner Lebensräume beitragen: Ihre Verankerungen im Meer können als künstliche Riffe von Wasserpflanzen und -tieren besiedelt werden (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 16).

Klimaschutz und Biodiversität werden insbesondere bei den sogenannten naturbasierten Lösungen im Klimaschutz (nature-based solutions) zusammengedacht (IPCC 2022, AR6, WG2, Fact Sheet Biodiversity). Das bekannteste und eines der wirksamsten Beispiele hierfür ist die Renaturierung von Ökosystemen, etwa die Wiedervernässung von Mooren und Auen. Das hilft nicht nur dem Klima- und Artenschutz, sondern auch den Menschen in diesen Regionen: Renaturierung trägt zum Hochwasserschutz bei, verbessert die Wasserqualität vor Ort, reduziert die Bodenerosion und unterstützt die Pflanzenbestäubung. Wird bei der Renaturierung darauf geachtet, möglichst unterschiedliche, lokale Arten wiedereinzuführen, macht dies das Ökosystem resilienter gegen Klimaveränderungen (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 5.1.1.1.).

Auch in Städten können naturbasierte Lösungen zugleich Artenvielfalt und Klima helfen. Grüne Infrastruktur wie Parks, begrünte Dächer und städtische Gärten reduzieren die Hitze, die sich in Städten staut und dämpfen die Notwendigkeit einer künstlichen Kühlung durch oft energieintensive Klimaanlagen. Zugleich erhöhen sie die Biodiversität und tragen zum Wohlbefinden der Menschen in der Stadt bei (IPBES & IPCC 2021, Kapitel 3.2.4.1).

Eine Analyse kam vor einigen Jahren zu dem Ergebnis, dass naturbasierte Lösungen rund ein Drittel der CO2-Reduzierung erbringen könnten, die bis 2030 nötig seien, um die Erderhitzung unter zwei Grad Celsius zu begrenzen (Griscom et al. 2017), siehe auch Lavigne de Lemos et al. 2024). Naturbasierte Lösungen sind also wichtig für Klimaschutzstrategien, haben aber auch ihre Grenzen – insbesondere dürfen sie nicht als Ersatz verstanden werden für schnelle und weitreichende Minderungen von Treibhausgas-Emissionen, betonen IPBES und IPCC:

„Ökosysteme können langfristig zur Eindämmung des Klimawandels beitragen, jedoch nur, wenn sie mit einer raschen Reduzierung der Emissionen in Energieerzeugung, Verkehr, Landwirtschaft, Bauwesen und Industrie einhergehen, um die Verpflichtung des Pariser Abkommens einzuhalten, den Klimawandel deutlich unter 2 °C zu halten.“ (IPBES & IPCC 2021, Synopsis, 10)

Wie wichtig der Schutz von Klima und Artenvielfalt ist, fasste auch der Europäische Zusammenschluss der nationalen Wissenschaftsakademien (EASAC) im Januar 2026 in einer Stellungnahme zur EU-Gesetzgebung zum Thema zusammen; wörtlich sprach er von einem

„starken und sich verbreiterndem Konsens, dass die Doppelkrise der EU – Biodiversitätsverlust und Klimawandel – eng verknüpft sind und gemeinsam angegangen werden müssen“ (EASAC 2026).

Grob zusammengefasst in ganz einfachen Worten

Unter Biodiversität versteht man eine Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten und Lebensräumen. Sie nützt dem Menschen, unter anderem für eine sichere Ernährung, saubere Luft und sauberes Wasser – und sie nützt auch dem Klima. Biodiversität und Klimawandel hängen auf verschiedene Weise zusammen: Die Erderhitzung schadet vielen Arten und Lebensräumen und damit der Biodiversität; und umgekehrt verstärkt die abnehmende Artenvielfalt den Klimawandel. Doch werden Klima und Artenschutz zusammengedacht, können beide Bereiche profitieren.

Lena Bültena/Klimafakten
zuletzt aktualisiert: März 2026

 

Infografik:

infografik klimawandel+artenvielfalt