Wer das Wasser schon im Wohnzimmer hatte, ist eher bereit für ehrgeizige Klimapolitik

Rund drei Jahre ist es her, dass der Süden England von dramatischen Hochwassern heimgesucht wurde. Mehrere Tiefdruckgebiete brachten zum Jahreswechsel 2013/14 schwere Stürme und Regenfälle; Tausende von Häusern wurden überflutet, Bahnlinien waren wochenlang unterbrochen, die Schäden wurden auf rund eine Milliarde Euro geschätzt. Von einer weiteren Folge der Überschwemmungen berichten nun britische Forscher in der Fachzeitschrift Climatic Change: Bei den direkt Betroffenen stieg das Bewusstsein für die Erderwärmung deutlich. "Die direkte Erfahrung einer Überschwemmung führt dazu, dass der Klimawandel insgesamt als dringlicher angesehen wird", so ihr Fazit.

Die These, dass persönliche Erfahrungen mit Wetterphänomenen die weit verbreitete Distanz zum Thema Klimawandel verringern kann, ist bereits von etlichen Wissenschaftlern vertreten worden (McDonald et al. 2015Reser et al. 2014). Frühere Studien hatten zum Beispiel ergeben, dass durch hohe Temperaturen oder das Erleben von Extremwetterereignissen das Bewusstsein für die Erderwärmung und die Bereitschafts zu Klimaschutzmaßnahmen zunehmen können (Broomwell et al. 2015Li et al. 2011, Myers et al. 2013, Spence et al. 2011, Zaval et al. 2014).

Bei Flutbetroffenen steigt die Unterstützung für Klimaschutz-Politik

Für die aktuelle Untersuchung befragte ein Team um die Psychologin Christina Demskin von der Cardiff University mehr als 1.100 Briten. Gut 160 stammten aus den Überschwemmungsgebieten, ihr Haus oder Hof war direkt von den Hochwassern betroffen gewesen. Als Vergleichsgruppe dienten knapp 980 repräsentativ ausgewählte Personen aus dem ganzen Land. Zwischen August und Oktober 2014, also rund ein Dreivierteljahr nach den Fluten, wurden sie ausführlich zu ihren Ansichten zu Klimawandel und Klimaschutz befragt. 

Ergebnis: In einigen, aber nicht allen Punkten unterschieden sich beide Gruppen. Bei der Frage zum Beispiel, welches die drei wichtigsten Probleme Großbritanniens in den kommenden 20 Jahren seien, nannten gut 16 Prozent der landesweit Befragten den Klimawandel - unter den Flutbetroffenen hingegen waren es mehr als 28 Prozent. (Bei der Nennung der heute bereits größten Probleme hingegen gab es keine signifikanten Unterschiede.) Außerdem erklärten die Betroffenen häufiger als die Vergleichsgruppe, dass sie politische Beschlüsse zum Klimaschutz unterstützen würden, zum Beispiel Steuererhöhungen zur Förderung erneuerbarer Energien oder den Beitritt Großbritanniens zu internationalen Klimaschutzverträgen.

"Nicht nur Schäden zeigen, sondern auch wirkungsvolle Gegenmaßnahmen"

"Methodisch macht die Studie einen deutlichen Schritt vorwärts, weil verschiedene Ungenauigkeiten früherer Untersuchungen ausgeräumt wurden", sagt der Psychologe Torsten Grothmann, der an der Universität Oldenburg zu gesellschaftlichen Fragen von Klimawandel und Klimaanpassung forscht. Die Wirkung der persönlichen Schadenserfahrung bei den direkt Betroffenen wurde erneut bestätigt. Jedoch sind laut Grothmann die Möglichkeiten begrenzt, solche Erfahrungen (und die dadurch möglichen Einstellungsänderungen) an Menschen zu vermitteln, die nicht direkt durch das Extremwetterereignis geschädigt wurden. Und man müsse vorsichtig sein bei dem Versuch, individuelle Schadenserfahrungen Einzelner in der Klima- und Risikokommunikation zu nutzen.

"Wenn man Bilder oder persönliche Berichte der Betroffenen verwendet, muss man aufpassen, dass man die Rezipienten nicht zu Abwehrreaktionen veranlasst", so Grothmann. Das Publikum könnte sich beispielsweise vom Gezeigten überfordert fühlen oder an der Wirksamkeit eigener oder staatlicher Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen zweifeln. "Daher sollten in der Klimakommunikation vermittelte Schadenserfahrungen immer mit der Kommunikation wirksamer Klimaschutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen kombiniert werden, um die Gefahr derartiger Abwehrreaktionen zu mindern."

Toralf Staud

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