"Der Kampf gegen den Klimawandel braucht eine Wende in der Kommunikation"

Handelsblatt

Der Medienwissenschaftler Eike Wenzel gilt als renommierter Trend- und Zukunftsforscher, unter anderem hat er an der Fachhochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen 2016 den MBA-Studiengang Trend- und Nachhaltigkeitsmanagement mitgegründet und ist seit 2017 Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat des Landes Baden-Württemberg. Er schreibt unter anderem für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt, und rechnet dort in seiner aktuellen Kolumne mit der bisherigen Klimakommunikation ab.

Sie sei "grandios gescheitert", meint der 53-Jährige und diagnostiziert eine gefährliche Polarisierung. Auf der einen Seite stünden "Fake-News-Lawinen der Klimaleugner" insbesondere in den sozialen Medien, die den Klimawandel bestreiten. In den traditionellen Massenmedien hingegen werde der Klimawandel allzu oft als "unumkehrbarer Selbstauslöschungsmechanismus" dargestellt mit dramatischen Appellen und apokalyptischen Bildern.

Sogar über Seuchen wird optimistischer berichtet als übers Klima

"Medienforscher in den USA haben festgestellt, dass der Klimawandel – anders als die Berichterstattung über Seuchen, Epidemien und Naturkatastrophen – auffällig oft bei der Schilderung auswegloser Situationen stehenbleibt. Im Fernsehen sehen wir Häuser am Rande von Klippen, die abzustürzen drohen, fliegende Dächer, Tiere (Eisbären auf winzigen Eisschollen), die stummes Leid ausdrücken, oder indigene Bewohner, die als stumme Opfer dargestellt werden (während Klimaprofessoren im Off dozieren)." Doch sowohl anti-wissenschaftliche Desinformation wie auch dramatisierende Berichterstattung habe den Effekt, dass das Publikum aus einer konstruktiven Klimadebatte "aussteigt" - entweder aus Realitätsverweigerung oder weil sich "Gefühle von Ohnmacht und Ausweglosigkeit" breitmachen.

Stellenweise liest sich der Text, als wäre Wenzel Ende September auf dem (von klimafakten.de mitorganisierten) K3-Kongress in Karlsruhe gewesen. Und am Ende macht Wenzel einige Vorschläge, wie man aus der "kommunikativen Sackgasse" herauskommen könnte: "Statt nur die Folgen des Klimawandels zu dokumentieren oder in fiktionaler Form zu dramatisieren, sollten [in den Medien] mit Empathie die Reaktionen der betroffenen Menschen vor Ort ins Bild gerückt werden. Damit wird nichts verharmlost und werden keine Fakten geleugnet – dadurch entsteht meines Erachtens erst ein realistisches Gesamtbild. Der Betrachter erkennt: Der Klimawandel ist da, und die Menschen versuchen, sich ihm anzupassen und Auswege zu finden. Das wiederum versetzt uns als Leser und Betrachter in die Lage, eigene Strategien zu entwickeln und sich selbst als Teil der Lösung zu entwerfen."

Durch Aufklärung "die Bevölkerung gegen Fake News immunisieren"

Neben einer solchen "Kommunikationsstrategie, die nicht bei der Beschreibung der bedrohlichen Konsequenzen stehenbleibt, sondern zum Planen und Handeln ermutigt", schlägt Wenzel noch etwas zweites vor: die Strategien von Desinformationskampagnen offenlegen. "Ein Blick nach Finnland auf die dort ergriffenen Sofortmaßnahmen gegen russische Fake-News-Kampagnen geben eine Idee davon, wie sich auch ein kommunikatives Immunsystem gegen Klimaleugner aufbauen lässt", meint der Trendforscher. Das Land habe auf die Bedrohung durch Desinformationskampangen "mit einem nationalen 'Critical-Thinking-Curriculum' reagiert. Der Staatspräsident selbst startete die Initiative, bei der in der Schule die Strategien der 'Trolle' erläutert werden. Mit 'Faktabaari' hat das Land eine eigene Faktencheck-Agentur ins Leben gerufen. Fakten, die Schülern auf Youtube und in den sozialen Netzwerken begegnen, werden im Schulunterricht durchleuchtet, Clickbaiting und Emotionalisierungsstrategien werden durchschaubar gemacht."

Durch vorbeugende Aufklärung werde die breite Öffentlichkeit sozusagen "geimpft" gegen die Strategien von Wissenschaftsleugnern - dass dies erfolgreich sein kann, haben bereits diverse Studien gezeigt. "Finnland macht seiner Bevölkerung klar, dass es sich nur durch aktive Beteiligung der Bevölkerung gegenüber Fake News immunisieren kann", schreibt Eike Wenzel. "Ähnliche Kampagnen brauchen wir auch zum Thema Klimawandel."

ts

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