Globaler Klimaschutz: "Schauen sie sich doch an, was wir in vier Jahren Krieg hingekriegt haben ..."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Franzose Bruno Latour ist einer der prominentesten Wissenschaftssoziologen; bekannt wurde er vor mittlerweile vier Jahrzehnten durch seine These, dass auch die vorgeblich objektiven Naturwissenschaften stark vom gesellschaftlichen Umfeld beeinflusst werden, in dem sie arbeiten. Mehrere seiner Bücher beschäftigten sich kritisch mit dem Verhältnis (und unserem Verständnis) von Mensch und Natur.

Sein neuestes Werk Das terrestrische Manifest ist kürzlich auf Deutsch erschienen. In einem großen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen hat er am Wochenende ein neues Verständnis des Klimawandels gefordert: "Wir müssen aufhören, von einem ökologischen Problem zu sprechen. Die Ökologie ist eine Kategorie für Dinge, die sehr weit weg sind. Nein, es geht um existentielle territoriale Fragen! Um Leben und Tod, um Identität und Boden, ums Überleben."

"Es gibt eine allgemeine Heuchelei"

Dass manche Menschen Ergebnisse der Klimaforschung nicht wahrhaben wollen und direkt bestreiten, ist für Latour zwar "absurd", aber doch "eine verständliche Reaktion auf die ökologische Krise". Er könne das "auf gewisse Weise sogar nachvollziehen: Ich will auch nicht in einer Welt leben, in der die Menschen in der Lage sind, solche Katastrophen zu produzieren. Das ist ja eigentlich auch unbegreifbar: Wir sind so klein, der Kosmos ist so gigantisch." US-Präsident Donald Trump sei sicherlich der Höhepunkt dieser Haltung, aber im gewissen Sinne, so Latour, seien "wir alle" wie er Leugner der Klimarealität, weil wir im Großen und Ganzen weiterleben und -konsumieren, als existiere das Problem nicht. "Es gibt eine allgemeine Heuchelei."

Dennoch hält der Siebzigjährige die Lage nicht für hoffnungslos: Es brauche zwar "eine Revolution", aber die sei eigentlich gar nicht so schwierig. "Es gibt Leute, die sagen, wir könnten innerhalb von zwei Jahren auf eine kohlendioxidfreie Energieversorgung umstellen. Schauen Sie sich doch an, was wir in vier Jahren Krieg hinbekommen haben: In beiden Weltkriegen haben wir es geschafft, eine ganze Industrie auf die Beine zu stellen."

tst