„Oh, mein Gott! Seht euch dieses Bild an!
Hier geht die Erde auf.“
William Anders

Es ist der 24. Dezember 1968. Millionen Menschen haben sich an diesem Heiligabend vor ihren Fernsehbildschirmen versammelt und erleben etwas Außergewöhnliches: Das erste Foto der Erde aus dem Weltraum. Nur drei Tage zuvor waren die Astronauten der US-amerikanischen Apollo-8-Mission – Frank Borman, William Anders und James Lovell – als erste Menschen zum Mond gestartet. Als sie den Erdtrabanten umkreisen, entsteht das ikonische Bild „Earthrise“, das eine ganze Generation inspirieren und den Blick der Menschheit auf ihren Heimatplaneten verändern sollte.

Foto "Earthrise" der Nasa

Earthrise; Foto: Nasa

Ein kleiner, heller Planet in der endlosen Schwärze des Weltraums – das „Spaceship Earth“. Dieser Begriff, ursprünglich vom Architekten Richard Buckminster Fuller geprägt, erhielt durch das Foto eine nachträgliche, eindrückliche Visualisierung und prägte fortan auch die Sprache der ökologischen Bewegung. Carl Sagan, Astronom und Astrophysiker, beschreibt es passend: „Jeder, den du liebst, jeder, den du kennst, jeder, von dem du je gehört hast, jeder Mensch, der je war, hat darauf sein Leben verbracht.” Das Bild machte emotional klar: Wir alle reisen gemeinsam auf diesem Raumschiff. Niemand kann aussteigen. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, diesen Planeten zu schützen.

Wie Earthrise die Umweltbewegung entfachte

In den Jahren nach der Veröffentlichung von „Earthrise“ gewann die Umweltbewegung an Schwung. Die unmittelbare Reaktion auf das Bild war überwältigend. Es brachte Menschen dazu, die Erde nicht mehr nur als physikalischen Raum zu betrachten, sondern als ein einzigartiges, lebendiges System, das geschützt werden muss. Medien weltweit machten „Earthrise“ zu einem Symbol für Umweltbewusstsein. Ein besonders frühes Beispiel ist der Whole Earth Catalog, eine US-Publikation, die nachhaltiges Leben, ökologische Selbstverantwortung und Technikkompetenz förderte. Der Katalog war eine Mischung aus Versandliste, Ideensammlung und philosophischem Manifest – ein „Google in Buchform“, wie Steve Jobs ihn später nannte. Bereits im Frühjahr 1969 zierte das Earthrise-Foto das Cover. Damit wurde es zur optischen Manifestation der Grundidee des Katalogs: Die Erde als verletzliche Einheit, für deren Schutz jede und jeder Einzelne Verantwortung trägt.Die Welt hat sich seit den Tagen der Apollo-Missionen tiefgreifend verändert.

Als „Earthrise“ 1968 veröffentlicht wurde, schienen technologischer Fortschritt und Zukunftsoptimismus fast grenzenlos. 1970, nur zwei Jahre nach der Entstehung eines der einflussreichsten Bilder der Kulturgeschichte, markierte der erste Earth Day einen Wendepunkt. Er war parallel vom US-Senator Gaylard Nelson, der UNESCO und UN-Generalsekretär U Thant initiiert worden. Millionen von Menschen weltweit forderten ein Ende der Umweltverschmutzung und den Schutz der Lebensräume. Es war der Beginn einer globalen Bewegung, die Grenzen für die Ausbeutung der Erde einforderte

Politische Entscheidungen wurden von diesem neuen Bewusstsein für die Endlichkeit natürlicher Ressourcen und die Fragilität des Globus‘ beeinflusst. In den USA wurden Umweltgesetze wie der Clean Air Act und der Clean Water Act verabschiedet, in der Bundesrepublik Deutschland beschloss die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt ein erstes Umweltprogramm. Auch international gewann das Thema an Bedeutung, gipfelnd in der UN-Konferenz über die Umwelt des Menschen in Stockholm 1972.

1972 war dann auch das Jahr der bis heute letzten bemannten Mondmission. Mit Apollo 17 ging nicht nur das Apollo-Programm zu Ende, es entstand ein weiteres einflussreiches Bild, das zum Symbol der Umweltbewegung wurde – die „Blue Marble“ war geboren. Eine leuchtende, blau-weiß-marmorierte, wolkenverhangene Kugel eingebettet in endlose Dunkelheit, fotografiert aus 45.000 Kilometern Entfernung. Auch die „Blue Marble“ zierte unzählige Plakate und Broschüren mit einer klaren Botschaft: Wir haben nur diesen einen Planeten.

Foto "Blue Marble" der Erde im Weltall

Blue Marble; Foto: Nasa

Die symbolische Kraft von „Earthrise“ und „Blue Marble“ liegt darin, dass sie auf emotionale Weise das Globale, das Abstrakte greifbar und anschaulich machen. Dr. Sian Proctor, Geowissenschaftlerin und Astronautin, beschreibt in ihrem gleichnamigen Buch diesen "EarthLight"-Effekt – das Licht der Erde, das unseren Planeten in seiner ganzen Pracht und Zerbrechlichkeit zeigt. “Wenn Du die Erde in der Weite des Alls leuchten siehst, wird Dir klar, wie kostbar, wie vernetzt, wie verletzlich unsere Existenz ist. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir alle Passagiere auf derselben Reise sind schreibt Proctor. Dieser Effekt habe das Potenzial, Menschen zu tiefgreifenden Veränderungen zu bewegen

Können Fotos heutzutage dieselbe, bewegende Wirkung haben?

Mehr als 50 Jahre nach der Entstehung der ikonischen Fotografien , könnte die für 2026 geplante Artemis-2-Mission diesen Effekt vielleicht erneuern und eine neue Welle des Umweltbewusstseins auslösen. Experten wie der britische Historiker Robert Poole betonen, dass dies nur gelingen kann, wenn die Bedeutung der Bilder in einen klaren Kontext gestellt wird. Poole hat mit „Earthrise: How Man First Saw the Earth“ (Yale University Press, 2008) ein Standardwerk zu dem Thema veröffentlicht. Zur neuen Mond-Mission befragt, sagt er: Ein direkter Vergleich zwischen der „Blue Marble“ von 1972 und aktuellen Aufnahmen könnte etwa zeigen, wie stark sich unser Planet bereits verändert hat. Er ist überzeugt, dass Fotografien wie „Earthrise“ und die „Blue Marble“ weiterhin als visuelle Symbole dienen können, um ein Gefühl der globalen Verantwortung zu schaffen.

In einer Zeit, in der sich Klima- und Biodiversitätskrise zuspitzen, wäre dies wichtiger denn je. Doch während die beiden Bilder vor mehr als fünf Jahrzehnten  in einer Zeit begrenzter Medienkanäle die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zogen, steht Artemis 2 vor einer neuen Herausforderung: Wo in den 1960-er und 70-er Jahren ein einziges Bild eine globale Wirkung auslösen konnte, konkurrieren heute unzählige Eindrücke und visuelle Reize, ein wahres Trommelfeuer von Fotos und Videoschnipseln auf Milliarden von (Social Media-)Accountsum Aufmerksamkeit. Bilder haben es deshalb heute ungleich schwerer. Sie müssen nicht nur ästhetisch, sondern sinnstiftend sein – sie brauchen eine erzählerische Einbettung. Robert Poole meint indes, die emotionale Erfahrung, die Erde aus großer Distanz zu sehen, könne auch im Jahr 2026 eine ähnliche Wirkung entfalten wie einst „Earthrise“. Entscheidend aber sei, dass die Öffentlichkeit ausreichend auf die Bilder vorbereitet werde.

Auch Birgit Schneider, Professorin am Institut für Künste und Medien an der Universität Potsdam, betont das Potenzial von Bildern, durch Klarheit und Emotionalität dazu beizutragen, politische Handlungsfähigkeit zu fördern. Artemis 2 könnte diese Kraft nutzen, um eine neue Ära des Umweltbewusstseins einzuläuten.

„Earthrise“ und die „Blue Marble“ waren nicht nur Fotografien, sie waren ein Weckruf. Und  Raumfahrt war nie nur Technik, sie war immer auch Spiegel politischer Stimmungen, Ausdruck von Macht, Hoffnung – und Widerspruch. Artemis 2 ist davon nicht ausgenommen. Zwar wurde das Programm bereits während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump ins Leben gerufen, als ambitioniertes Symbol nationaler Stärke; – mit seiner Rückkehr ins Amt Anfang 2025 hat sich der Kurs erneut verändert, Prioritäten wurden verschoben, Zeitpläne gestreckt, zentrale Positionen in der NASA neu besetzt.

Und dennoch: Gerade in dieser Unsicherheit liegt auch eine Möglichkeit. Historiker wie Robert Poole, Medienwissenschaftlerinnen wie Birgit Schneider oder Astronauten wie Sian Proctor erinnern daran, dass der Blick auf die Erde – still, leuchtend, verletzlich – Menschen bewegen kann. Nicht durch Lautstärke, sondern durch Perspektive.