Der IPCC - Ein Kurzporträt (Teil 1)

Ein solches Projekt ist wohl einzigartig in der Wissenschaftsgeschichte: Tausende Forscher finden sich alle paar Jahre zusammen, um gemeinsam einen Bericht über den Erkenntnisstand in ihrer Disziplin zu schreiben. Sie arbeiten ehrenamtlich. Sie diskutieren Tage, Wochen, Monate über einzelne Formulierungen. Und sie stellen (wenn das Ergebnis schließlich vorliegt) alle ihre Arbeitsdokumente ins Internet, damit jede ihrer Formulierungen nachvollziehbar ist.

Der Name des Projekts: Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), übersetzt „Zwischen­staatlicher Ausschuss für Klimaänderungen“. In den Medien häufig auch als "Weltklimarat" tituliert. Im Abstand von fünf bis sechs Jahren erstellt das Gremium einen umfassenden Forschungsüberblick, zuletzt erschien 2013/14 in mehreren Schritten sein Fünfter Sachstandsbericht zur Klimawissenschaft (engl.: „Fifth Assessment Report“, kurz: AR5).

Was ist der IPCC? Und wer?

Der IPCC ist bereits mehr als ein Vierteljahrhundert alt, seine Geburtsurkunde war die Resolution 43/53 der UN-Generalversammlung vom 6. Dezember 1988. Auf Antrag von Malta beschlossen die UN-Mitglieds­staaten, dass die Welt-Meteorologie-Organisation (WMO) und das UN-Umweltprogramm (UNEP) einen Ausschuss gründen sollten – sein Auftrag: „das Liefern international koordinierter wissenschaftlicher Bewer­tungen zu Ausmaß, zeitlicher Dimension und möglichen ökologischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen des Klima­wandels sowie zu realistischen Reaktions­strategien“. Die bisherigen Sachstands­berichte wurden 1990, 1995, 2001, 2007 und eben 2013/14 vorgelegt, dazwischen entstanden mehrere Reports zu Spezialthemen, etwa 2012 zur Häufigkeit von und zum Umgang mit Extremwetter-Ereignissen.

Der IPCC ist ein (zwischen)staatlicher und wissenschaftlicher Ausschuss zugleich: Mitglied im IPCC kann jeder Staat sein, der entweder Mitglied der UN oder der WMO ist (momentan sind es 195 Länder); in den Gremien aber sitzen ausschließlich Fachexperten (und nicht Regierungs­beamte oder Politiker). Neben den Mitglieds­staaten haben knapp hundert Orga­nisationen einen Beobach­terstatus, ihr Spektrum reicht von UNESCO und EU über WWF und Green­peace bis hin zu Industrie­verbänden etwa der Luftfahrt- oder der Aluminium­branche.

Wie ist der IPCC organisiert?

Quelle: „Perspektive Erde“ 

Die Struktur ist – wie häufig bei internationalen Einrichtungen – etwas kompliziert: Höchstes IPCC-Gremium ist die Plenar­versammlung, die etwa einmal jährlich tagt. Sie wählt einen 34-köpfigen Vorstand, in dem auch die Vorsitzenden der Arbeitsgruppen (die später die IPCC-Reports verantworten) sitzen. Zum Vorsitzenden wurde im Oktober 2015 der Koreanzer Hoesung Lee gewählt, zu Co-Vorsitzenden unter anderem der Zoologe Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven oder die Mathematikerin Thelma Klug vom brasilianischen Raumforschungszentrum in Sao Paulo. Zwölf Vorstands­mitglieder sowie die Chefs der IPCC-Geschäftsstellen bilden das sogenannte Exekutivkomitee, das die praktische Arbeit koordiniert.

Die Wissenschaftler arbeiten ehrenamtlich, ihnen werden – wenn überhaupt – lediglich die Reisekosten zu den Redaktionssitzungen erstattet. Sitz des IPCC ist Genf. Dort existiert ein Sekretariatetwa ein Dutzend Mitarbeiter auf einem halben Flur im Hauptquartier der WMO. Daneben hat jede Arbeitsgruppe eine „Technical Support Unit“, also eine Geschäftsstelle. Deren Kosten tragen die Länder, in denen sie sitzen – während der Erarbeitun des Fünften Sachstandsberichts war beispielsweise die Geschäftsstelle für die AG 3 in Potsdam angesiedelt und wurde vom Bundesforschungsministerium finanziert. Über freiwillige Zahlungen in einen Treuhandfonds unterstützen die Industriestaaten zudem die Beteiligung von Forschern aus Entwicklungsländern sowie die Veröffentlichung und Übersetzung der IPCC-Reports. Dieser Fonds hatte 2015 beispielsweise ein Jahresbudget von 6,2 Millionen Schweizer Franken (ca. fünf Millionen Euro).

Was macht der IPCC?

Der IPCC soll solide und objektive Informationen liefern, was aber alles andere als einfach ist: Zum einen ist das Klimasystem der Erde hochkomplex, zum anderen berühren der Klimawandel und seine Folgen politische und ökonomische Interessen, viele Erkenntnisse sind deshalb für verschiedene Akteure unbequem. Der IPCC betont, seine Berichte seien „relevant für Politik, empfehlen aber keine bestimmte Politik“ – das heißt: Man will Fakten darstellen; welche Handlungen daraus folgen, mögen Regierungen und Gesellschaft entscheiden.

Der IPCC erhebt selbst keine Klimadaten, er betreibt keine eigene Forschung. Er trägt lediglich zusammen, was weltweit publiziert wird, und bewertet es aus wissenschaftlicher Sicht. Er stützt sich dabei vor allem auf Studien, die einen Peer-Review durchlaufen haben, die also vor ihrer Veröffentlichung von Fachkollegen begutachtet und akzeptiert wurden.

Wie entstehen die IPCC-Berichte?

Der Fünfte Sachstands­bericht ist das Ergebnis eines mehr als fünf Jahre dauernden Prozesses. Im April 2008 beschloss das IPCC-Plenum die Erstellung des AR5. Sodann wurden Mitgliedsstaaten und Beobachterorganisationen aufgerufen, wichtige Fragestellungen einzureichen. Auf Basis der Antworten wurde ein Vorschlag für Schwer­punkte und Gliederung des Berichts erstellt, den das Plenum im Oktober 2009 mit einigen Änderungen verabschiedete.

Der Bericht besteht aus drei Teilen mit je 14 bis 30 Kapiteln. Für jeden Teil ist eine eigene Arbeits­gruppe zuständig: Die erste behandelt naturwissenschaftliche Grundlagen des Klimawandels und schätzt künftige Entwicklungen des Klimasystems ab. Die zweite (aus Natur- und Sozial­wissen­schaft­lern) analysiert Auswirkungen des Klimawandels und Möglichkeiten der Anpassung. In AG 3 befassen sich vor allem Wirtschafts- und Politik­wissenschaftler mit politischen Möglichkeiten und Technologien, den Klimawandel zu bremsen, beispielsweise durch die Reduktion von Treibhausgasen.

Die Redaktionsteams für die einzelnen Kapitel wurden im Jahr 2010 zusammengestellt. Alle Mitglieds­staaten und Beobachter­organisationen des IPCC durften Autoren vorschlagen, insgesamt wurden rund 3000 Personen nominiert. Aus ihnen wählten die (vom Plenum gewählten) Vorstände der Arbeitsgruppen 831 Leitautoren und -Redakteure aus; 40 von ihnen kamen übrigens aus Deutschland, von Forschungsinstituten und Universitäten, aber auch aus der Wirtschaft, etwa vom Versicherer Münchner Rück. Die jeweiligen Mitglieder der Autoren­teams müssen Fachexpertise nachweisen, darüber hinaus wird auf Diversität geachtet: Verschiedene Weltregionen und beide Geschlechter sollen in den Teams vertreten sein, ebenso unterschiedliche Sichten aufs jeweilige Thema. Für die Arbeit an den Berichten gibt es strenge Regeln, unter anderem müssen leitende Autoren schriftlich bestätigen, dass bei ihnen keine Interessenkonflikte vorliegen, die ihre Arbeit einseitig beeinflussen könnten.

Entstehung der IPCC-Berichte

Quelle: „Perspektive Erde“ 

Seit November 2010 arbeiteten die Teams an ihren Kapiteln. Sie baten weitere rund 2.000 Experten, als „beitragende Autoren“ Textteile zu ihren jeweiligen Spezialgebieten zuzuliefern. Ihre vertraulichen Kapitelentwürfe diskutierten die Teams erst intern, danach werden sie Regierungsvertretern und Tausenden externer Fachgutachter vorgelegt, die Kommentare abgeben dürfen. Allein bei Arbeitsgruppe 1 gingen bis Dezember 2012 rund 52.000 Anregungen und Einwände ein. Für jedes Kapitel hatten zwei bis drei Begutachtungsredakteure darauf zu achten, dass alle Kommentare angemessen berücksichtigt werden. Der finale Entwurf des Berichtsteils der Arbeitsgruppe 1 war Ende 2014 Seiten dick geworden.

Zuletzt wurde zu jedem der drei Berichtsteile eine etwa 30-seitige Zusammenfassung („Summary for Policymakers“, SPM) erstellt. Erst hierbei hatten die Regierungen direkte Mitsprachemöglichkeiten, sie dürfen aber die wissenschaftlichen Inhalte der zugrundeliegenden Berichte nicht verändern. Satz für Satz wurden die SPM-Entwürfe in mehrtägigen Sitzungen durchgearbeitet (beispielsweise für AG 1 vom 23. bis 26. September 2013 in Stockholm). Regierungen können bei diesen Sitzungen Formulierungen vorschlagen, die aber auf Informationen aus dem zugrundeliegenden Bericht basieren müssen; und das letzte Wort haben stets die Leitautoren der jeweiligen Kapitel (also Wissenschaftler). Die Idee hinter dem aufwändigen Vorgehen: Durch ihre Zustimmung zu den IPCC-Berichten erkennen die Regierungen deren wissenschaftliche Aussagen explizit an. Doch bisweilen wird um die Formulierungen extrem hart gerungen, nach Vorlage des Fünften Sachstandsberichts wurde dieser Prozess von einigen beteiligten Wissenschaftlern teils heftig kritisiert.

 

Und was ist dran an der Kritik am IPCC?

Zwei Jahre nach Vorlage des vorletzten Sachstandsberichts (AR4) im Jahr 2007 hatte sich der IPCC mit schweren Vorwürfen konfrontiert gesehen. Der Report sei an etlichen Stellen unkorrekt, hieß es damals. Manche Kritiker behaupteten, der IPCC übertreibe die Risiken des Klimawandels bewusst. Tatsächlich fanden sich auf den rund 3.000 Seiten des AR4 lediglich zwei wirkliche Fehler: Die Arbeitsgruppe 2 hatte in ihrem Berichtsteil die Schmelzrate der Himalaja-Gletscher viel zu hoch angegeben (Arbeitsgruppe 1 übrigens hatte zum selben Thema korrekt gearbeitet), ebenfalls in Teil 2 des Reports gab es eine falsche Zahl zum Anteil des Staatsgebiets der Niederlande, das unter dem Meeresspiegel liegt (die falsche Angabe war von der niederländischen Regierung zugeliefert worden). Betrugsvorwürfe gegen IPCC-Autoren, die vor allem auf Zitaten aus gehackten, privaten E-Mails basierten, erwiesen sich in mehreren Untersuchungen als haltlos.

Als Reaktion auf die Kritik durchleuchtete der Internationale Rat der Wissenschaftsakademien (IAC) im Jahr 2010 die Prozesse und Verfahren des IPCC. In seinem Schlussbericht attestierte der IAC dem IPCC insgesamt ausdrücklich eine gute Arbeit, empfahl aber einige Reformen. So wurde, damit der IPCC schneller reagieren kann, die Einrichtung des Exekutivkomitees angeregt. Um Fehler künftig noch besser zu vermeiden, sollten in den Autorenteams die Rolle der Begutachtungsredakteure gestärkt, außerdem Transparenz und Pressearbeit verbessert werden. Der IPCC hat die meisten Empfehlungen umgesetzt.

klimafakten.de-Redaktion
Stand: Januar 2016

 

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