Zusammenfassung:

Es gibt kein klares Plädoyer der Klimaforschung für oder gegen Atomkraftwerke. Zwar zählt die Kernkraft grundsätzlich zu den Stromerzeugungstechnologien, die Staaten auf dem Weg zur Klimaneutralität nutzen können, weil die Treibhausgasemissionen vergleichsweise gering sind. Erneuerbare Energiequellen wie Sonne und Wind werden jedoch laut zahlreicher Szenarien die dominierende Rolle in einer klimaschonenden Energieversorgung übernehmen.

Bei der Entscheidung, ob Atomkraft zum Einsatz kommen soll, müssen Politik und Gesellschaften Nutzen und Risiken abwägen: So sind Bau und Instandhaltung neuer Akw mit vergleichsweise hohen und schwer kalkulierbaren Kosten verbunden, wichtige Aspekte sind auch die Gefahr von Störfällen und die bisher ungelöste Entsorgung radioaktiver Abfälle.

Als Vorteil von Atomkraftwerken gilt, dass sie im Normalbetrieb große Strommengen stabil liefern. Doch in Energiesystemen mit hohen Erneuerbaren-Anteil kann dies künftig sogar ein Nachteil sein, und die zuverlässige Versorgung mit Kühlwasser wird in Zeiten des Klimawandels schwerer.

 

Seit den 1960er-Jahren, also über viele Jahrzehnte, haben Atomkraftwerke zur Stromversorgung in Deutschland beigetragen. Ab den 1970ern wurde zunehmend und in der Gesellschaft hoch kontrovers über die Risiken der Technologie diskutiert – der mögliche Nutzen der Kernkraft für den Klimaschutz jedoch wenig thematisiert. Viele Menschen fragen sich nun, ob Kernenergie einen Beitrag leisten könnte, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Und ob Länder wie Deutschland auch künftig auf diese Option setzen sollten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

 

Der Anteil von Atomenergie im Strommix ist insgesamt nicht sehr groß, weltweit betrachtet war es 2019 rund ein Zehntel der produzierten Elektrizität.

In Deutschland erreichte der Kernenergie-Anteil am Strommix seinen Höchststand in den 1990er-Jahren mit rund 30 Prozent, seitdem ging er wegen des erst von der rot-grünen, später auch von der schwarz-gelben Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs stetig zurück. 2022 trugen Atomreaktoren noch 6,5 Prozent, zur deutschen Stromversorgung bei, im Frühjahr 2023 wurden die letzten drei Akw abgeschaltet.

In der Schweiz betrug der Atomanteil am verbrauchten Strom 2021 knapp 19 Prozent, in Österreich sind keine Kernkraftwerke in Betrieb.

In den Berichten des Weltklimarats IPCC, in denen Fachleute regelmäßig die wichtigsten wissenschaftlichen Studien der Klimaforschung auswerten, wird Atomenergie als „Low-Carbon Technology“ aufgeführt (zum Beispiel im Energiekapitel des aktuellen Sachstandsberichts IPCC 2022, AR6, WG3, Kapitel 6). Das bedeutet, dass Atomenergie zu jenen Energieformen gehört, bei denen zwar CO2-Emissionen anfallen – zum Beispiel bei der Herstellung der Brennelemente oder während des Bau eines Kraftwerks. Allerdings sind diese Emissionen verglichen mit jenen der fossilen Energieerzeugung so klein, dass Atomkraft in Szenarien zur Begrenzung der Erderhitzung eine Rolle spielen kann.

Um dieses „Kann“ zu verstehen, muss man wissen, wie der IPCC seine Aufgabe definiert. Es gibt nicht den einen Weg, auf dem ein Land klimaneutral wird – deshalb gibt auch der IPCC praktisch nie ausdrückliche Empfehlungen. Der IPCC denkt immer mit, dass sich politische Strategien zum Erreichen der beschlossenen Klimaziele unterscheiden, je nachdem, welche Voraussetzungen ein Land hat.

So herrschen etwa in Deutschland für die Energieproduktion andere Bedingungen als in einem Alpenstaat wie Österreich mit hohen Potenzialen der Wasserkraft. Und je nachdem, welche Industrien in einer Volkswirtschaft dominieren, wie bestehende Infrastrukturen aussehen oder welche Ansichten in der Gesellschaft zu bestimmten Technologien vorherrschen, können durchaus verschiedene Maßnahmen sinnvoll sein, um klimaneutral zu werden. Deshalb betrachten IPCC-Berichte meist verschiedene Optionen und nennen dazu jeweils Vor- und Nachteile – also zeigen zum Beispiel verschiedene sogenannte Emissionspfade auf, denen man folgen kann, um die Erderwärmung auf die beim Pariser Klimagipfel 2015 beschlossenen 1,5 bzw. 2 Grad Celsius zu begrenzen.

In der wissenschaftlichen Zusammenfassung von Band 3 des Sechsten IPCC-Sachstandsberichtes von 2022 heißt es daher:

„Nahezu die gesamte Elektrizität in den Pfaden, die die Erwärmung auf 2℃ oder 1,5°C beschränken, stammt aus kohlenstoffarmen oder kohlenstofffreien Technologien, wobei die Anteile von Kernenergie, Biomasse, erneuerbaren Energieträgern […] von Pfad zu Pfad unterschiedlich sind.“ (IPCC 2022, AR6, WG3, Technical Summary, TS.4.2)

Kurzgesagt: Wer klimaschonend Strom produzieren will, kann dabei auf Kernenergie setzen – ob man dies tatsächlich tun soll, und wie groß der Atomanteil an einem Strommix zu sein hat, ist eine Frage, die weniger eindeutig zu beantworten ist und schon gar nicht rein wissenschaftlich. Deshalb sagt der IPCC – anders als einzelne Klimaforschende oder wissenschaftliche Institute – auch nichts dazu, ob einzelne Länder auf Atomkraft setzen sollten oder nicht. Denn es gibt Pfade zur Klimaneutralität, in denen Kernenergie lediglich eine untergeordnete oder auch gar keine Rolle spielt (der IPCC behandelt solche „100-Prozent-Erneuerbare“-Szenarien detailliert zum Beispiel in Box 6.8 von Band 3 seines 2022-er Reports).

In der Wissenschaft herrscht Konsens, dass erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft bei der künftigen, klimaschonenden Energieversorgung eine sehr große bzw. dominierende Rolle spielen werden. Es sei aber „unwahrscheinlich, dass alle kohlenstoff-armen Energieversorgungssysteme auf der Welt sich vollständig auf erneuerbare Energiequellen verlassen werden“ (IPCC 2022, AR6, WG3, FAQ 6.2).

Befürworter von Kernenergie argumentieren, diese könne eine Rolle im Energiesystem spielen, die hierzulande aktuell und in Szenarien zur künftigen Entwicklung vor allem Gaskraftwerke ausfüllen: Als Instrument nämlich, mit dem sich wetter- oder tageszeitlich bedingte Schwankungen der Stromerzeugung durch Erneuerbare Energien ausgleichen lassen. Liefern Wind und Sonne gerade besonders viel oder besonders wenig Elektrizität, müssen andere Kraftwerke teils schnell herunter- oder heraufgefahren werden, um das Netz stabil zu halten. Mit zunehmendem Anteil von Erneuerbaren Energien nimmt die Bedeutung solcher flexiblen Kraftwerke im Zusammenspiel mit Energiespeichern im Energienetz zu.

Kernreaktoren können diese Rolle allerdings nicht oder nur begrenzt einnehmen. Atomkraftwerke sind nämlich bauartbedingt eher wenig flexibel, sie können nicht schnell komplett an- und abgeschaltet werden. Und auch das Hoch- und Herunterfahren der Leistung im laufenden Betrieb ist nur begrenzt möglich, also nur relativ langsam oder nur zu einem vergleichsweise kleinen Teil der Gesamtleistung. Wegen ihrer Trägheit können Kernkraftwerke (KKW) deshalb sogar die Stromversorgung in einem flexiblen System mit schwankenden Einspeisungen aus Erneuerbaren Energien (EE) behindern, weil sie sozusagen die Verteilnetze „verstopfen“. Dies kann insbesondere ein Problem sein in Ländern, die bereits einen hohen Anteil an Wind- oder Solarenergie am Strommix haben, wie etwa Deutschland.

Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages hatte dazu 2017 eine Analyse vorgelegt. Darin heißt es:

„Aus den Betriebshandbüchern der KKW ergibt sich, dass diese hinsichtlich der Geschwindigkeit, mit der Leistungsänderungen vorgenommen werden können, eine durchaus beachtliche Flexibilität aufweisen. Allerdings wird diese Flexibilität durch verschiedene andere Kraftwerkseigenschaften eingeschränkt. Unter anderem hängt sie vom Zustand der Brennstäbe und vom Lastbereich ab, in dem das Kraftwerk betrieben wird. Darüber hinaus sind Anfahrzeiten von großer Bedeutung, die benötigt werden, um einen Reaktor vom ausgeschalteten Zustand bzw. dem Betrieb bei sehr niedriger Leistung wieder hochzufahren. Ein weiterer Faktor ist die Anzahl der Zyklen, die mit den Anlagen gefahren werden können. Jeder Lastzyklus belastet das Material und führt bei häufiger Wiederholung zu Materialermüdungserscheinungen.“

In der Untersuchung, so das Fazit, wurde „ein erhebliches Konfliktpotenzial zwischen hoher EE-Durchdringung und einem Weiterbetrieb von KKW deutlich“.

Neuere kleinmodulige Reaktoren (SMRs), die flexibler regelbar sind und damit besser in ein klimaneutrales Energiesystem passen können, werden zwar aktuell entwickelt. Sie sind allerdings noch weit entfernt von einer Marktreife, sodass Politik und Wirtschaft nicht verlässlich damit planen können. Der IPCC spricht von einem möglichen großtechnischen Einsatz in den 2030er Jahren und einer Konkurrenzfähigkeit bei den Kosten (verglichen mit konventionellen Großreaktoren) in den 2040ern (AR6, Band 3, Kapitel 6.4.2.4). Die Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes und der Umbau des Energiesystems jedoch hat schon in den kommenden Jahren zu passieren, wenn die Klimaziele eingehalten werden sollen – neue Reaktortypen kommen dafür eigentlich zu spät. Deutschland zum Beispiel hat das Pariser Klimaabkommen völkerrechtlich verbindlich ratifiziert und muss laut geltenden Gesetzen bereits 2045 klimaneutral sein.

Die Stromproduktion basiert aktuell noch zu einem erheblichen Teil auf fossilen Brennstoffen (vor allem Kohle und Erdgas). Auch andere Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft, der Verkehr etwa oder das Beheizen von Gebäuden, sind bislang großteils auf Erdöl oder -gas angewiesen. In der Fachwelt und auch beim IPCC ist deshalb Konsens, dass in Zukunft alle Sektoren viel stärker auf Strom setzen müssen, wenn eine klimaneutrale Energieversorgung erreicht werden soll (IPCC 2022, AR6, WG3, Kapitel 6, Executive Summary). Elektrizität kann nämlich einfacher und effizienter ohne Ausstoß von Treibhausgasen produziert werden als etwa synthetische Treibstoffe für Verbrennermotoren [einen ausführlichen Klimafakten-Text zu diesen sogenannten E-Fuels finden Sie hier].

Der IPCC schreibt denn auch in seinem aktuellen Sachstandsbericht:

„Strikte Emissionsminderungen, wie sie für das Einhalten des 2-Grad- oder 1,5-Grad-Limits erforderlich sind, werden durch die verstärkte Elektrifizierung des Gebäudebereichs, des Transportsektors und der Industrie erreicht. Folglich bringen alle Reduktionspfade eine Erhöhung der Stromerzeugung mit sich (hohe Gewissheit).“ (IPCC 2022, AR6, Technical Summary, TS.4.2)

Die Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte ist daher groß: Es muss nicht nur der bisherige Einsatz fossiler Energieträger in der Stromproduktion ersetzt werden, sondern es muss – neben allen möglichen Einsparbemühungen – zusätzlich noch weiterer Strom aus klimaschonenden Quellen erzeugt werden. Für Deutschland sieht zum Beispiel eine Studie, die im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) den Weg in die Klimaneutralität ausgearbeitet hat, im Jahr 2045 einen Stromverbrauch von insgesamt 993 Terawattstunden (TWh). Zum Vergleich: 2019 lag der Verbrauch bei 507 TWh.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Klimaschutz gehen grundsätzlich davon aus, dass erneuerbare Energiequellen – insbesondere Photovoltaik- und Windkraftanlagen – einen großen Anteil daran haben werden, den insgesamt steigenden Strombedarf zu decken. Atomkraft spielt in den Analysen eine untergeordnete, in Deutschland keine Rolle. Wie groß ihr Anteil sein soll, wird nicht wissenschaftlich beantwortet, sondern in erster Linie von der Politik.

Damit Regierungen möglichst fundierte Entscheidungen für ihr Land treffen können, liefert der IPCC stets breite Überblicke über den Stand der Wissenschaft. Zu klimaschonenden Energieversorgungssystemen zum Beispiel enthält der jüngste Sachstandsbericht (AR6) von 2021/22 in Band 3 ein gut 130-seitiges Kapitel, ein Abschnitt darin widmet sich speziell der Atomkraft (Kapitel 6.4.2.4). Darin heißt es gleich zu Beginn:

„Kernenergie kann kohlenstoffarme Energie in gewünschten Mengen liefern (hohe Gewissheit). Um dies zu erreichen, sind Verbesserungen nötig beim Management des Baus von Reaktordesigns, die das Versprechen niedriger Kosten und breiterer Nutzung halten (mittlere Gewissheit). Gleichzeitig ist die Kernenergie nach wie vor von Kostenüberschreitungen, hohen Vorabinvestitionen sowie Problemen bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle betroffen und wird in Öffentlichkeit und Politik unterschiedlich stark unterstützt (hohe Gewissheit).“

Zahlreiche Studien verweisen auf die vergleichsweise hohen Investitionen, die für konventionelle Kernkraftwerke notwendig sind (zum Beispiel Wealer et al. 2021) und darauf, dass die Preise nicht wie bei anderen Technologien fallen, sondern eher steigen bzw. gestiegen sind (Meng et al. 2021). Der Bau neuer Reaktoren dauerte in der Vergangenheit oft mehr als 15 Jahre (wobei es in einigen neueren Projekten deutlich schneller ging). Außerdem überstiegen Kosten mehrfach die ursprünglichen Schätzungen, insbesondere bei Neubauten in Europa:

  • Von August 2005 wurde an der Westküste Finnlands das Kraftwerk Olkiluoto 3 gebaut. Im März 2022 ging es mit einer Verzögerung von 13 Jahren zunächst in den Probebetrieb, die reguläre Stromproduktion verzögerte sich bis 2023). Ursprünglich geplante Kosten: rund drei Milliarden Euro; letzte Schätzungen: elf Milliarden Euro.

  • Das Kraftwerk Flamanville in Frankreich sollte bei Baustart 2007 rund 3,3 Milliarden Euro kosten und 2012 ans Netz gehen. Im Dezember 2022 war von einer Inbetriebnahme im ersten Quartal 2024 und Baukosten von 13,2 Milliarden Euro die Rede. Laut einer Recherche der Zeitung Le Monde dürften die tatsächlichen Kosten noch höher liegen, nämlich bei rund 19 Milliarden Euro.

  • Das Projekt Hinkley Point C in Großbritannien sollte ursprünglich 18 Milliarden Pfund (ca. 20 Milliarden Euro) kosten und 2025 ans Netz gehen. In einem Zwischenbericht von Mai 2022 ging Bauherr EDF jedoch von Baukosten von 25 bis 26 Milliarden Pfund (ca. 28 bis 29 Milliarden Euro) aus und rechnete mit einer Inbetriebnahme im Sommer 2027.

Bedenkt man, dass die Baukosten des Kraftwerks rund 80 Prozent der gesamten Kosten bei nuklearer Energieerzeugung ausmachen, dürften solche Kostensteigerungen einen entscheidenden Einfluss darauf haben, ob man Atomenergie für zuverlässig und berechenbar hält und sich ein Land für solche Investitionen entscheiden sollte oder nicht. Eine Reihe von Staaten weltweit setzen auf den Ausbau, etwa China, Indien oder Russland. In anderen Ländern wurden zwischenzeitliche Ankündigungen wieder zurückgenommen, so in Schweden. Etliche Staaten haben sich bewusst gegen die Atomkraft entschieden, so Deutschland oder Österreich.

Aufsehen in Fachkreisen erregte zuletzt Australien, wo der Umweltausschuss des Senats nach Expertenanhörung und breitem Beteiligungsprozess die Atomkraft als Zukunftsoption verwarf und in einem umfangreichen Bericht auf zahlreiche Nachteile und Risiken verwies, etwa hohe Kosten und Unsicherheiten sowie geringe Flexibilität (siehe dazu Punkt 6).

Für die Kosten von Atomenergie im Vergleich zu anderen Energiequellen in Deutschland, gibt es wegen des Atomausstiegs keine aktuellen Zahlen. Laut einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags von Anfang 2022 waren die Kosten für erneuerbaren Strom in der Vergangenheit in der Regel niedriger als jene für Atomstrom – das Papier betont aber, dass man so unterschiedliche Energiearten grundsätzlich nur schwer vergleichen könne, weshalb die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen seien (WD 5 - 3000 - 090/21). Der erwähnte Bericht des australischen Senats nannte Kostenschätzungen, nach denen Atomstrom im Jahr 2030 voraussichtlich etwa dreimal so teuer sein wird wie Strom aus Erneuerbaren Energien.

Zu berücksichtigen ist außerdem, dass sich bei vielen Projekten private Investoren nur unter der Bedingung beteiligten, dass Regierungen den Bau finanziell unterstützen oder spätere Betriebsrisiken übernehmen. Beim britischen Projekt Hinkley Point C zum Beispiel sicherte der Staat eine jahrzehntelang garantierte Stromabnahme mit Festpreisen zu, die deutlich über den Kosten Erneuerbarer Energien liegen.

Mit erheblichen Kosten ist jedoch nicht nur bei neuen bzw. zusätzlichen Kernkraftwerken zu rechnen. Im Jahr 2020 waren zwei Drittel aller Nuklearreaktoren weltweit rund drei Jahrzehnte im Einsatz – sie näherten sich also dem Ende der üblichen Laufzeit von 30 bis 40 Jahren. Diese lässt sich zwar mit technischen Maßnahmen verlängern (häufig jedoch zum Preis zusätzlicher Sicherheitsrisiken). Doch in absehbarer Zeit wäre allein schon für den Erhalt des aktuellen Niveaus der Kernkraft-Kapazitäten erhebliche Investitionen nötig (in Modernisierung oder Neubau), ein Zubau neuer Reaktoren für zusätzliche Atomstrom-Produktion käme dann noch hinzu. Es stünden also sehr hohen Investitionskosten an, pro Reaktor nennt der IPCC die Zahl von zehn Milliarden US-Dollar – unerwartete Kostensteigerungen nicht eingerechnet.

Häufige Argumente gegen die Kernkraft sind das Risiko von Atomunfällen mit potenziell verheerenden Konsequenzen für Mensch und Umwelt sowie die ungelöste Entsorgung des teils hochradioaktiven Abfalls. Der IPCC schreibt dazu:

„Trotz niedriger Eintrittswahrscheinlichkeit besteht das Risiko nuklearer Unfälle, und die daraus folgende Strahlenbelastung könnte groß und lang-andauernd sein. Doch neue Reaktordesigns mit passiven und verbesserten Sicherheitssystemen senken das Risiko erheblich (hohe Gewissheit). Der (Normal)Betrieb von Reaktoren verursacht kleine Mengen von radioaktivem Abfall, bei dem eine streng kontrollierte und regulierte Lagerung notwendig ist.“ (IPCC 2022, AR6, WG3, Kapitel 6.4.2.4)

Konkret lassen sich viele Risiken durch Reaktorkonstruktionen verringern, in denen etwa Materialien verwendet werden, die chemisch und bei Hitze sehr stabil sind, problematischen Rückkopplungsreaktionen vorgebeugt wird und deren Betrieb nicht von Notstromversorgung abhängig ist. In China, Russland und den USA wurden bereits derartige Designs in die Realität umgesetzt (MIT 2018).

Bei bestehenden Reaktoren jedoch steigt erfahrungsgemäß das Risiko von Atomunfällen, je länger sie am Netz bleiben. Auch die Abfallprobleme werden kurz- und mittelfristig nicht gelöst sein, für Deutschland etwa wird momentan nicht vor dem Jahr 2046 mit dem Betriebsstart eines sicheren Endlagers für abgebrannte Brennstäbe gerechnet, womöglich auch erst 2068. Die Notwendigkeit, teils hochradioaktive Abfälle sicher und über extrem lange Zeiträume zu lagern, würde auch bei neuen Reaktortypen bestehen bleiben. Für kleine und modulare Reaktoren („Small Modular Reactors“, SMR), die derzeit entwickelt und in die teils große Hoffnungen gesetzt werden, sehen Studien sogar zusätzliche Herausforderungen bei den Abfällen (Krall et al. 2022).

In Zukunft kommt noch ein weiteres Risiko hinzu, das an einigen Standorten zu bedenken ist: die Folgen der bereits unvermeidbar gewordenen Klimaänderungen. Die Folgen sind je nach Erzeugungstechnologie sehr unterschiedlich (siehe dazu Kapitel 6.5.2 des aktuellen IPCC-Reports). Einer der größten Faktoren ist hier die zunehmende Häufigkeit und Heftigkeit von Extremereignissen wie Dürren oder Hitzewellen – diese können den Betrieb von Atomkraftwerken deutlich beeinträchtigen. Das betrifft allgemein thermische Kraftwerke (etwa Kohlekraftwerke), weil sie große Mengen an Kühlwasser benötigen. Das Risiko, dass solche Kraftwerke vorübergehend gedrosselt oder gar komplett abgeschaltet werden müssen, wird sich künftig erhöhen.

Bereits seit den 1990er Jahren hat weltweit die Verlässlichkeit von Kernkraftwerken infolge des Klimawandels merklich abgenommen, dieser Trend wird sich fortsetzen (Ahmad, 2021). In Europa rechnen Studien für Mitte des Jahrhunderts mit sommerlichen Leistungsminderungen im gesamten Kraftwerkspark (also nicht nur Akw) um bis zu 19 Prozent, weltweit werden Mitte des Jahrhunderts mehr als 80 Prozent der thermischen Kraftwerke wegen Wassermangels von der Drosselung bedroht sein (van Vlieth et al. 2012, van Vlieth et al. 2016). Analysen für Deutschland nennen zum Beispiel die Rhein-Main-Region als Hotspot – in diesem Ballungsraum stehen viele Kraftwerke, zugleich werden die Sommerniederschläge in Südwestdeutschland deutlich zurückgehen und damit auch oft die Wasserstände in den Flüssen (UBA 2015). In einer sich erwärmenden Welt, resümieren zwei US-Wissenschaftler, sei „thermische Stromerzeugung systematisch im Nachteil“ (Coffel/Mankin 2021).

Die Stromversorgung durch Wind- oder Solaranlagen kann prinzipiell zwar ebenfalls durch Wetterextreme beeinträchtigt werden. Doch weil sie weiter übers Land verteilt sind und kein Kühlwasser brauchen, wird davon ausgegangen, dass bei ihnen das Risiko bedeutender Ausfälle deutlich kleiner ist.

Nicht vergessen sollte bei einer Gesamtbetrachtung der Atomkraft auch das sogenannte Proliferationsrisiko. Es resultiert daraus, dass die Technologie prinzipiell auch militärisch genutzt werden kann – also der Betrieb von Kernreaktoren es Staaten erleichtert, Atomwaffen zu bauen. Mit völkerrechtlichen Abkommen (Atomwaffensperrvertrag) und Kontrollen der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) wird versucht, dieses Risiko einzudämmen.

Die Versorgung mit dem Brennstoff Uran macht schätzungsweise rund fünf Prozent der Kosten für die Energieproduktion in Atomkraftwerken aus. Was die benötigten Mengen angeht, wird das künftig wohl zunächst kein Problem darstellen. Laut einer Analyse zweier OECD-Organisationen, die für Atomenergie zuständig sind, dürften die bekannten Ressourcen noch für rund 135 Jahre reichen (NEA/IAEA 2021). Für den Fall einer Knappheit sei als Alternative auch ein Recycling der Brennstäbe möglich.

Das mit Abstand meiste Uran wird derzeit in Kasachstan gefördert. Namibia, Kanada, Australien, Usbekistan und Russland sind ebenfalls große Produzenten. Wie im Fall von Kohle oder Gas sind also die meisten Staaten, die Atomenergie nutzen wollen, auf Bergbau in anderen Ländern angewiesen. Daraus entstehen potenzielle wirtschaftliche Risiken oder geopolitische Abhängigkeiten, die bei Kosten-Nutzen-Abwägungen ebenfalls eine Rolle spielen sollten. Dasselbe gilt für Umweltfragen und Arbeitsbedingungen in Minen. Hier gehen Berichte aber davon aus, dass sich die Situation – auch getrieben durch große öffentliche Aufmerksamkeit – in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert hat; die Uranförderung sei inzwischen eine der am strengsten regulierten Bergbaubranchen (OECD/NEA 2014).

Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist ein wichtiger Faktor. Je nach Land fällt diese sehr unterschiedlich aus und ist in den vergangenen Jahrzehnten insbesondere nach den Unfällen in Tschernobyl und Fukushima tendenziell gesunken, wie etwa eine größere Untersuchung aus Österreich zeigte (Bird et al. 2014). In Deutschland hat das dazu geführt, dass 2011 der Ausstieg aus der Atomenergie endgültig beschlossen wurde. Die öffentliche Unterstützung von Atomkraft liegt Studien zufolge aber offenbar in Zeiten höher, in denen sich die Bevölkerung um Energiesicherheit und steigende Energiepreise Gedanken macht (Groot et al. 2013, Gupta et al. 2019).

Weil Risiken der Atomkraft nicht nur von der Technik, sondern auch von menschlichem Handeln und hohen Investitionen abhängen, merkt der IPCC an:

„Für Länder, die sich für Nuklearenergie in ihrem Portfolio entscheiden, sind stabile politische Rahmenbedingungen und Unterstützung, ein klares regulatorisches Regime und ein angemessener finanzieller Rahmen entscheidend für eine erfolgreiche und effiziente Umsetzung." (IPCC 2022, AR6, WG3, Kapitel 6.4.2.4).

Grob zusammengefasst in ganz einfachen Worten

Atomkraft ist eine mögliche Technologie zur Stromproduktion mit geringem Ausstoß an Treibhausgasen, aber mit erheblichen Nachteilen verbunden. So ist Atomstrom teuer, und der Bau neuer Reaktoren dauert sehr lange – Erneuerbare Energien sind hier im Vorteil. Außerdem sind Kernkraftwerke vergleichsweise unflexibel, also keine ideale Ergänzung für die schwankende Erzeugung aus Solar- und Windkraftanlagen. Ob ein Land auf Atomkraft setzen will, ist keine wissenschaftliche Frage, sondern von Politik und Gesellschaft zu entscheiden.

Linda Fischer/Klimafakten
zuletzt aktualisiert: November 2023